Rede von Ralph Giordano zur Preisverleihung



Ralph Giordano

Dankesrede zur Verleihung des Leo-Baeck-Preises am 17. September 2003 in Berlin durch den Zentralrat der Juden in Deutschland



Die hochgewachsene Gestalt, das edle Haupt, um sich die Aura eines fast Jenseitigen: so, liebe Anwesende, Sie alle, die hier versammelt sind, so habe ich ihn aus meinen Jünglingsjahren zwischen 1946 und 1952 mehrfach erlebt – Dr. Leo Baeck, Nestor der deutschen Judenheit, geboren am 23. Mai 1873 in Lissa, ehemals preußische Provinz Posen, von 1912 bis zu ihrem Untergang 1943 der Kopf der Jüdischen Gemeinde Berlins, seit 1933 „Präsident der Reichsvertretung der Juden in Deutschland“, und Überlebender des KZ Theresienstadt – eine Legende, lange bevor er 1956 starb. Drei unvergeßliche Begegnungen. Die erste am Abend des 29. September 1948 im Jüdischen Altersheim von Hamburg. Da stand er kerzengerade vor uns, der späte Mose mit dem Gelehrtenkopf und der etwas brüchigen Stimme, zwei gute Stunden theologisierend und historisierend über das Alte Testament, den Pentateuch, die Situation der Juden in Nachkriegsdeutschland und die eigene Biographie - ohne jedes Manuskript oder auch nur die kleinste Stichwortnotiz, und ohne daß dem Auditorium auch nur ein Seufzer über die Dauer des Kollegs entfuhr. Seine Eindrücklichkeit reflektiert sich für mich erinnerungsstark in dem bewundernden Ausruf meines Mentors, väterlichen Freundes und Herausgebers der „Allgemeinen jüdischen Wochenzeitung“, Karl Marx: „Unglaublich -dieses Gedächtnis, dieses Gedächtnis!“ Wahrlich -so „unglaublich“ wie die Lebendigkeit des damals doch schon immerhin Dreiundsiebzigjährigen, und wie der unverblichene Schimmer von Jugendlichkeit über der ganzen biblischen Gestalt - eine Erscheinung. Die zweite Begegnung dann in Düsseldorf. Leo Baeck kam zu auf mich, der sich nicht an ihn herangewagt hatte, drückte mir die Hand und sagte: „Das haben Sie mit Feuer geschrieben, mit Feuer - bewahren Sie es sich.“ Ich weiß heute nicht mehr, auf welchen meiner Artikel in der „Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung“ sie sich bezogen, diese Worte, aber ihre Beschwörung habe ich auch nach fünfundfünfzig Jahren nicht vergessen, und werde sie nie vergessen – „Das haben Sie mit Feuer geschrieben, mit Feuer - bewahren Sie es sich!“

Verehrter, lieber Leo Baeck – wo immer Sie auch sein mögen: Ich habe versucht, nach dieser Devise zu leben, zu schreiben, zu sprechen und zu sein, und ich werde es weiter versuchen, so lange ich da bin. Die dritte Begegnung, es muß 1950 gewesen sein, war gekennzeichnet durch eine Frage, die Generalfrage schlechthin, und Leo Baeck richtete sie mit einer Unterteilung an mich. „Werden Sie in Deutschland bleiben?“ Pause. Dann, nach einer forschenden Weile: „Und wenn ja – wie werden Sie das aushalten?“ Leo Baeck lebte damals schon in London. Ich nehme meine Dankesrede für die Verleihung des nach ihm benannten Preises im Jahre 2003 wahr als erhabene Gelegenheit, um auf Leo Baecks Doppelfrage zu antworten – ihm, Ihnen, aber auch mir selbst.

* Vor der Befreiung am 4. Mai 1945 durch die 8. Britische Armee in Hamburg ­gerade rechtzeitig noch, um Eltern, Brüder und mich in unserem illegalen Versteck vor dem Hungertod zu bewahren – war klar: Wenn wir befreit werden würden, dann würden wir Deutschland verlassen, würden seinen blutigen Staub von unseren Füßen schütteln und möglichst weite Distanzen zwischen ihm und uns legen. Spätestens seit 1938 sprachen wir nur noch von den Deutschen -wir gehörten nicht mehr dazu. Später dann fühlten wir uns als Verbündete der Alliierten, als ein Teil der Antihitler-Koalition des Zweiten Weltkrieges. Und als sie schließlich zu Ende gingen, diese zwölf Jahre, die wie hundert zählten – was alles hatte sich da aufgestaut, im Übermaß komprimiert, sich geradezu explosiv angesammelt an Motiven, Deutschland den Rücken zu kehren! Hier zum Verständnis nur ein Ausschnitt davon: Die Isolation hatte sogleich begonnen, schon im April 1933 -durch die Einteilung in arische und nichtarische Schüler gleich bei der Einschulung auf dem Hamburger Johanneum. - Der erste „Besuch“ der Gestapo fand schon einen Monat später statt, wegen angeblich staatsfeindlicher Zusammenkünfte bei uns, denunziert von Nachbarn, mit denen wir uns bis dahin bestens verstanden hatten: die Mutter, für mich unvergeßlich, mit blutleerem Gesicht an der Tür – es war sechs Uhr früh. -Im Sommer 1934 dann aus dem Munde von Spielgefährten seit Kindheit an dieser Satz: „Ralle, mit dir spielen wir nicht mehr, du bist Jude!“ -eine Erfahrung für den Elfjährigen, von der es keine Erholung geben kann, so alt man auch werden mag. – Im September 1935 die Nürnberger Rassengesetze, ein immer angezogeneres Würgeisen um unseren Hals; Berufs- und andere Verbote, es werden schließlich Hunderte sein. - In welche Verzweiflung muß sich ein Fünfzehnjähriger, so alt war ich 1938, gestürzt sehen, um seinem Leben von eigener Hand ein Ende machen zu wollen, weil er gegen die Übermacht eines antisemitischen Lehrers nicht länger anzukommen glaubte? - Dann der 9. auf den 10. November 1938...

Es ist unhistorisch, Auschwitz zu antizipieren, aber auch wahr, daß ich, als ich am Tage nach dem Scherbengewitter der Reichspogromnacht über die Glassplitter in der Hamburger Innenstadt watete, dachte: „Wer das tat, der ist zu allem fähig, zu allem!“ Bald darauf, am 1. September 1939 (dem Tag meiner ersten Verhaftung, darüber später), kommt ein Novum in die Menschheitsgeschichte, etwas, das jedes Fassungsvermögen überschreitet: Das System des Unbedingten, ein staatlich instituierter Kosmos der Mitleidslosigkeit, sie brechen mit Waffengewalt über die Grenzen des Großdeutschen Reiches und werfen sich auf Europa und die Welt. Das bedeutete: Nichts, was Menschen angetan werden konnte, war mehr unmöglich – nichts. Darunter der organisierte Erstickungstod von Millionen Juden, als eine Form des industriell betriebenen Massen-, Serien- und Völkermords nach den Methoden der Ungeziefervertilgung. Ganz wie Hitler es am 22. August 1939 vor den Kommandeuren seiner SS-Todesschwadronen und einer willfährigen Wehrmachtsgeneralität prophezeit hatte: „Dies wird kein Krieg wie andere Kriege zuvor -dies wird ein Krieg gegen Mann, Weib und Kind.“ Um dann anzufügen: „Wer erinnert sich heute noch an die Vernichtung der Armenier?“

Die da Menschen das Recht absprachen, auf der Erde zu sein, denn das war es, und die dazu kontinentale, ja globale Ausrottungs- und Versklavungspläne entwarfen und praktizierten, waren nicht etwa an Teufelshörnern oder blutunterlaufenen Augen zu erkennende Bestien – es waren Techniker, Familienväter, Ärzte, Soldaten, Beamte, ganz gewöhnliche Deutsche, die alle aus dem Schoße einer hochzivilisierten Nation kamen - eine beispiellose Täterschaft. Widerstand dagegen nichts als ein verlorenes Atoll im Meer der braunen Zustimmung, wenn auch umso tapferer. Das System der grenzenlosen Entmenschlichung wird zwar am Kriegsverlauf scheitern, seine singulären Verbrechen aber die These vom „Tausendjährigen Reich“, wenn auch nicht im Sinne ihrer Schöpfer, bis in fernste Zukunft tragen. Im Zentrum dieses apokalyptischen Grauens die Meinen und ich, mitten drin und tödlich bedroht. Nicht, weil wir uns auf die Straße stellten und brüllten: „Nieder mit Hitler!“, sondern weil wir da waren auf der Welt – unser Verbrechen war unsere biologische, unsere physische Existenz, das bloße Sein. Unerträglich die Ungewißheit bei jedem Abschied: „Werden wir uns wiedersehen?“, unerträglicher noch die längst zum zentralen Lebensgefühl gewordene Furcht vor dem jederzeit möglichen Gewalttod... Und ihre schreckliche Berechtigung, dreimal - 1939, 1941, 1944: Verhaftung und Verbringung ins Stadthaus, Ecke Neuer Wall, Sitz der Gestapoleitstelle Hamburg. Am Ende von Verhören der Topos einer übermächtigen, schmerzverwirrten, von gnädigen Ohnmachten unterbrochenen Sehnsucht, die dem Delirierenden, sobald er wieder zu Bewußtsein kam, in einem Dämmerzustand zwischen Leben und Tod, als höchstes Glück vorgaukelte: „Ungeboren bleiben, nie, nie geboren werden“ – ein Entkleidungzustand von allem menschlich Vorstellbaren. Noch heute, nach 60 Jahren, meide ich die Nähe und den Anblick des Stadthauses.

Neben dieser in das Synonym Gestapo geronnenen ersten Gefahr kam eine eine zweite hinzu – im anglo-amerikanischen Luftkrieg von unseren potentiellen Befreiern getötet zu werden. Ein Paradoxon sondergleichen, wie man es sich tragischer nicht denken könnte: Dynamit und Phosphor von oben machten bekanntlich keinen Unterschied zwischen Verfolgern und Verfolgten. Dennoch waren „die da oben“ auch im Bombenhagel immer Teil unserer Befreier. Ab Herbst 1941 dann erste Kenntnisse jüdischer Massentötungen im Osten, dann bald auch derer von Sinti und Roma, noch ohne genaue Örtlichkeiten und ohne zu wissen, daß sie das Werk der mobilen Mordkommandos der vier Einsatzgruppen A, B, C und D hinter der deutschen Ostfront waren, aber schon früh absolut überzeugt davon, daß das Unfaßbare stattfand. Wie später auch bei Gerüchten über die stationären Todesfabriken -auch das für uns wieder ohne Namen und ohne Schauplatz, jedoch ihrer Wirklichkeit völlig gewiß. Dann Zwangsarbeit, Flucht in die Illegalität, in dieses feuchte, rattenverseuchte, stockdunkle Kellerloch da im Norden Hamburgs, wohin wir vor der Deportation der Mutter geflohen waren - ständig bedroht von Entdeckung, von Bomben und, länger abgeschnitten von jeder Außenverbindung, vom Hungertod. Als die 8. Britische Armee dann endlich einmarschierte, an diesem 4. Mai 1945 und für uns buchstäblich im letzten Moment, als ihre Panzerkolonnen auf dem Wege von der Hamburger Innenstadt zum Flughafen Fuhlsbüttel zufällig an unserm Versteck vorbeidröhnten, da konnten wir ihnen nicht aufrecht entgegengehen.

Ich sehe noch meine Mutter – in das Versteck mit schwarzen Haaren gegangen, nun aber vollkommen ergraut, war sie nicht fähig, unseren Befreiern entgegenzugehen. Vielmehr rutschte sie, wie wir, Vater und Brüder auch, auf Knien nach vorn, den Panzern entgegen. Von denen einer stehenblieb, dessen Luk geöffnet wurde und aus dem ein britischer Soldat ungläubig auf die fünf Gestalten blickte, die nur noch sehr entfernte Ähnlichkeit mit Menschen gehabt haben konnten. Wie hatten wir das durchgestanden, überstanden, wie ausgehalten, ohne wahnsinnig geworden zu sein? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur, daß ich mich heute noch, mehr als ein halbes Jahrhundert danach, oft frage: „Hast du das wirklich überlebt?“

Was also hatte sich da alles angesammelt an Selbstverständlichkeiten, Deutschland zu verlassen, sich räumlich von ihm zu trennen, weg aus der Nähe dessen, was man, soviel war schon klar, ohnehin nie vergessen könnte, das ganze Leben nicht? Aber - so kam es nicht, und dafür gab es Gründe, Ich nenne die vier hauptsächlichsten.

* Der erste Grund: Was würde in diesem Hunger- und Kältedeutschland von damals aus denen werden, denen wir unser Überleben zu verdanken hatten? Was aus unserer Retterin, die, als ich sie fragte, ob wir uns bei ihr verstecken könnten, nur ein Wort sagte : „Natürlich!“ – wie nebenbei, obwohl sie doch wußte, daß, würden wir entdeckt werden, ihr Leben genau so verwirkt gewesen wäre wie das unsere. Da konnte ich nicht einfach gehen – wie denn? Das war nicht möglich. Meine Dankbarkeit ihr gegenüber ist, lange über ihren Tod hinaus, bis heute die gleiche geblieben. Der zweite Grund des Bleibens: Sehr bald schon, nach einer kurzen Verstörtheit von nationaler Dimension, zeigte sich, daß Hitler, und was der Name symbolisierte, zwar militärisch, nicht aber geistig, oder besser: ungeistig geschlagen war! Nach höchstens sechs Monaten eines schweren Vergeltungsschocks, in dem die Deutschen nur noch aus Hitlergegnern und Judenfreunden zu bestehen schienen, zeigte sich, quasi als Rückschlag auf die ausgestandenen Ängste des schlechten Gewissens, allenthalben die Überlebenskraft jenes braunen Ungeistes, dessen Ausläufer bis in unsere Tage reichen und von der Hartnäckigkeit bestimmter Denk­und Verhaltensweisen aus der vordemokratischen Epoche deutscher Geschichte künden. Und so gab es denn sehr rasch nach der Befreiung, schon im Herbst 1945, keinen Zweifel: Mit dem Nationalsozialismus war Deutschland noch lange nicht fertig! Nach dieser Erkenntnis wäre ich mir wie ein Fahnenflüchtiger vorgekommen, wenn ich es verlassen hätte. Der dritte Grund meines Bleibens war – die deutsche Sprache. Meine Muttersprache, das wunderbare Instrument meines Berufes, das Elixier meines Daseins – wollte ich doch immer schreiben (wenn auch mit der kurzlebigen Einschränkung, zunächst einmal Lokomotivführer, Cowboy oder Jockey zu werden).

Aber das Sonderverhältnis zum Wort zeigte sich sehr früh. Auch in der finstersten Heimatlosigkeit der Nazizeit ist die deutsche Sprache immer meine Heimat geblieben, hatte es zwischen ihr und mir niemals Dissonanzen, nie Mißtöne gegeben. Ich habe viele Sprachen gelernt, und hoffe, nicht in den Verdacht der Unbescheidenheit zu kommen, wenn ich sage, daß mein Intelligenzquotient ja nicht gerade unterentwickelt ist – aber in einer anderen als der deutschen Sprache zu schreiben, das habe ich nie auch nur angedacht. Wenn ich über Jahre hin als Fernsehmann in der weiten Welt war, sei es in der Pampa, in der Wüste oder bei den Antipoden, immer wieder habe ich mich dort mit Entsetzen gefragt: „Was, wenn du nicht mehr zurückkehren, nicht mehr in deiner Sprache schreiben könntest? Was, wenn das Schicksal dich irgendwohin verschlagen hätte, wo sie nichts taugte und niemand etwas von ihr wissen wollte?“ Und habe natürlich dabei gedacht an die vielen deutschsprachigen Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Vertriebene der ersten Stunde, denen 1933 nichts blieb, als aus Furcht um Leib und Leben in die Fremde zu flüchten und dort, soweit sie überhaupt entkamen, zu verkümmern – war Deutsch doch, bis auf wenige Ausnahmen im Exil, verpönt und seine Bühne schmal. Die Idee zu meiner Hamburger Familien- und Verfolgten-Saga „Die Bertinis“, also Selbsterfahrenes romanhaft zu gestalten, hatte ich schon im Januar 1942, fast dreieinhalb Jahre vor der Befreiung, und das ohne Gewißheit, sie auch tatsächlich zu erleben. Doch schon damals, in der Lichtlosigkeit tiefster Verfolgung und noch völlig besetzt von der Selbstverständlichkeit des Emigrationsschwurs danach, war ich sicher: Wo immer ich auch sein würde, das Buch könnte nur in der deutschen, und keiner anderen Sprache geschrieben werden. Und so war es denn auch, nicht allein mit den 1982, also nach vierzig Jahren Arbeit, erschienenen „Bertinis“, sondern mit all meinen Publikationen vorher und seitdem. Manches meiner Bücher ist in eine andere Sprache übersetzt worden, aber jedes original auf Deutsch geschrieben. Keine Mißverständnisse: Wie herrlich vokalreich, wie melodiös das Italienische; von welch klingender Grazie das Französische; wie kristallen das harte Stakkato des Spanischen...

Aber vergehen, vergehen über eine Wendung, ein Wort, einen Satz, darüber hinschmelzen mit dem ganzen Herzen und der ganzen Seele - das kann ich nur, wenn mir solch verbales Wunder auf Deutsch begegnet. Deshalb bin ich in Situationen von Sprach- und Verständigungsschwierigkeiten auch immer nur noch der halbe Giordano. Die deutsche Sprache – sie ist der dritte Grund, der mich hier gehalten hat. Der vierte hat die drei vorangegangenen in sich verschmolzen. Über lange Lebensstrecken hin war ich das, was man einen Einzelkämpfer nennen kann. Das große Anti, die tödliche Verschreckung, die Isolation der endlosen zwölf Nazijahre – das alles hielt auch nach der Befreiung kontinuierlich an, ganz wie der tief in mir steckende Fluchtinstinkt. Ich habe mich innerlich lange dagegen gewehrt, daß es überhaupt deutsche Mitstreiter geben könnte. Aber die Nebel teilten sich, wenn auch mit der Langsamkeit, mit der sich zwei Eiszeiten ablösen, doch sie teilten sich. Irgendwann im Laufe der Jahre, angesichts nachgewachsener Generationen, zahlreicher Reflexionen auf meine Publikationen wurde mir bewußt, daß Millionen von Deutschen in den elementaren Grundfragen genau so dachten, wie ich, oder ich wie sie. Vielleicht keine Mehrheit, aber eine unbesiegbare Minderheit unter den Bedingungen der demokratischen Republik, des demokratischen Verfassungsstaates. Und da kam es etwas auf, das über lange Lebensstrecken hin eher eine Fata Morgana war, ging eine Ahnung über in Gewißheit, die einen neuen Begriff gebar: Bundesgenossenschaft! Ich bin hier geblieben, weil es Bundesgenossen gab und gibt, und weil ich überall und immer wieder auf Menschen gestoßen bin, die mich als ihren Bundesgenossen akzeptieren. Ich habe spät zu ihnen gefunden, weil ich spät nach ihnen gesucht habe

– aber Bundesgenossenschaft, und damit Zugehörigkeit, müssen von ihrer Natur her heranreifen. Selbstverständlich, wie bei anderen, die nie ausgegrenzt wurden, wird sie vielleicht nie sein -aber ich kann nicht leugnen, daß sie da ist, geworden ist, gefühlt wird. Das sind die vier Gründe für die Entscheidung, die mich in Deutschland hielten und halten.

Drei von ihnen – die Sorge um unsere Retter, die Kontinuität des braunen Ungeistes nach 1945 -die Bindekraft der deutschen Sprache -sie waren bereits wirksam, als Leo Baeck 1950 seine Frage an mich stellte. Sodaß ich deren ersten Teil: „Werden Sie in Deutschland bleiben?“ mit „Ja“ beantwortete, ihren zweiten Teil aber „Wie werden Sie das aushalten?“ offen lassen mußte - weil mir die Erfahrungen für eine Antwort darauf erst noch bevorstanden – wie die der Bundesgenossenschaft. Gleichzeitig aber mit ihrer Entstehung und parallel dazu lief jene schwerste aller Zerreißproben, vor die mein Entschluß, in Deutschland zu bleiben, sich gestellt sah, und die ein Codewort schuf, das mein Copyright trägt: Die „zweite Schuld“, die nach der ersten unter Hitler, der Große Frieden mit den Tätern“ danach. Unbestritten einer gigantischen Aufbauleistung, die ihresgleichen sucht, darin eingeschlossen die bewundernswerte Integration von Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen, gibt es eine Kehrseite und ihren Preis: Wir leben in einem Land, wo dem größten geschichtsbekannten Verbrechen mit Millionen und aber Millionen Opfern, die wohlbemerkt hinter den Fronten umgebracht worden sind wie Insekten, das größte Wiedereingliederungswerk für Täter folgte, das es je gegeben hat. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sind sie nicht nur straffrei davongekommen, sondern konnten ihre Karrieren auch unbeschadet fortsetzen. 32 000 aktenkundige politische Todesurteile – Kopf ab, Kopf ab, Kopf ab – wegen nichts, wegen Bagatellen. Und doch ist keiner dieser NS-Blutrichter und – Ankläger von der bundesdeutschen Nachkriegsjustiz je rechtskräftig verurteilt worden, kein Einziger. Bei den dann 1958 angelaufenen NS-Prozeßen vor bundesdeutschen Schwurgerichten war binnen kurzem klar, wer den Hauptangeklagtentypus stellen würde -die untersten Glieder in der Kette des industriellen Serien-, Massen- und Völkermordes, die kleinen Angestellten des Verwaltungsmassakers, die Tötungsarbeiter selbst, die nicht mehr sagen konnten, sie hätten „von nichts gewußt“, da sie mit ihren Händen, ihren Knüppeln, ihren Pistolen gemordet hatten.

Vor Gericht dann inzwischen alte oder ältere Männer in harmlosem Zivil, erinnerten sich ihre als Zeugen geladenen Opfer jedoch sehr wohl nur noch zu genau an den Anblick der uniformierten, gestiefelten und gespornten Herrenmenschen von einst, an die Gebieter über Leben und Tod von Tausenden. Sie standen völlig zu Recht vor Gericht, diese mit Hilfe eines angeblichen „Befehlsnotstandes“ meist höchst glimpflich davongekommenen sogenannten „kleinen“ Täter. Nur ihre Vorgesetzten, die „Großen“, die ihnen das Menschenmehl für die Todesmühlen zugetrieben hatten, die habe ich dort nicht angetroffen! So wenig wie Wehrwirtschaftsführer, Banker, Chemiefabrikanten, Rüstungsherren oder gar Generäle - jene Spezies, ohne die nichts, aber auch gar nichts gegangen wäre. Das Unglaublichste aber: Die Verantwortlichsten der Veranwortlichen, die allerhöchsten Ränge des Vernichtungsapparates unter dem Dach der Mordzentrale Reichssicherheitshauptamt, die Bauherrn von Auschwitz und Organisatoren der Schoa, die Mörder einer halben Million Sinti und Roma – sie traten nie vor die Schranken der Schwurgerichte, wurden nie zur Veranwortung gezogen. Wenn überhaupt angeklagt, erkrankten sie und wurden für verhandlungsunfähig erklärt. Die „zweite Schuld“, sie war und ist eine ungeheure Belastung für meinen Beschluß, in Deutschland geblieben zu sein. Und dennoch ist er unumstößlich. Denn der letzte, der Urgrund, das Unterpfand meines Bleibens ist etwas Allgegenwärtiges, Allbestimmendes, immer präsent Gewesenes: Der Gedanke an die, die nicht überlebten. Sie haben mir keine andere Wahl gelassen, als in Deutschland zu bleiben. Alle meine erlittenen und erkämpften Kriterien, all meine politischen und moralischen Sensoren, sind von meiner inneren Beziehung zu ihnen geprägt.

So, verehrter, lieber Leo Baeck, habe ich „es ausgehalten.“ Und habe 1987 das Buch „Die zweite Schuld oder Von der Last Deutscher zu sein“ herausgebracht, ein Titel, der erst dann moralisch und intellektuell redlich sein konnte, wenn der Autor wirklich hinter ihm stehen würde. Und so haben denn Freund und Feind bewirkt, daß ich in diesem Land geblieben bin und bleiben werde. Nicht als jüdischer Racheengel oder als verlängerter Arm des strafenden Jehova, sondern als einer, der sich sein ganzes Leben lang herumgeschlagen und -geplagt hat mit dieser Last, deutscher Jude oder jüdischer Deutscher oder Jude in Deutschland zu sein, und der sie nicht abwerfen kann und nicht abwerfen will. Versöhnungsbereit gegenüber jedem, der sich ehrlich, wahrhaftig und aufrichtig müht, aber absolut unversöhnlich gegenüber allen Varianten von Unbelehrbarkeit. Wo man jedoch Deutschen Unrecht tat, ihre Menschenrechte verletzte und Wehrlosen Gewalt angetan wurde, da will ich aufstehen und dagegen protestieren, ohne schlechtes Gewissen und ohne Scham für meine Anteilnahme – denn die Humanitas ist unteilbar, und das ist und bleibt das hart erkämpfte und erlittene Leitmotiv meines Lebens. Mit anderen Worten: Ich bin angenagelt an dieses Land, es hält mich fest, ohne jede Aussicht auf Änderung. Es hat mir meine Unlösbarkeit eingerichtet – wo immer ich auch hingegangen wäre, sie wäre mir überall nachgekommen. Darin eingeschlossen ist mein vorsichtiges Vertrauen, daß dieses in das Staatensystem des vereinten Europa eingebettete Deutschland sich selbst und seinen Nachbarn nie wieder gefährlich wird, und daß die Mehrheit der Deutschen von heute und morgen genügend gesunden Menschenverstand aufbringt, zu erkennen, daß die demokratische Republik, der demokratische Verfassungsstaat zwar kein Paradies ist, wahrlich nicht und weit jenseits aller Vollkommenheit, von allen Staatsübeln in der Menschheitsgeschichte aber dennoch offensichtlich das kleinste. Diese Republik ermöglicht uns, daß wir hier die Kostbarkeit angstfreier Rede genießen, und sie schützt uns vor denen, die alle da wären, wenn es ihrer bedürfte - die Henker und die Folterer, die potentiellen KZ-Kommandanten, ihre Wachtmannschaften und das Heer der Denunzianten.

Ich halte diesen „Schutz“ für stabil und dauerhaft, fordere aber, mit dem Versprechen unserer aktiven Beteiligung, die Gesellschaft auf, gegen alle Formen des Rassismus, der Fremdenfeindlichkeit und des Antisemitismus konsequenter vorzugehen als bisher. Und ich will, daß meine Probleme in diesem Staat gesehen werden -eben, weil sie nicht nur die meinen sind. Es sind die einer wachsenden jüdischen Gemeinschaft und ihrer Hoffnung auf eine gesicherte Bleibe im wiedervereinigten Deutschland, eben jener Gemeinschaft also, die ihrerseits der Seismograph des jeweiligen politischen Aggregatzustandes der Republik ist. Und dieser Seismograph ist dabei, weit auszuschlagen – München war die allerletzte Warnung!

* Zwei Schlußworte. Wie könnte ich diese Rede enden, ohne des Landes zu gedenken, das nach wie vor einen Kampf auf Leben und Tod führt, ohne seine Menschen unserer Solidarität und unserer Zugehörigkeit versichert zu haben: Israel – unser, mein Israel! Mit ihm fühle ich mich unlösbar verbunden, eine Ankettung, die unabhängig ist von den Maßnahmen abwählbarer Regierungen; ein Land, dem meine Liebe gehört, meine Sorge und meine Kritik -die aber eingebunden in meine Liebe und meine Sorge. Ich bin überzeugt von der Kraft dieses Landes, ich baue auf seine Phantasie, seine Kreativität, seine gewaltige Vitalität und Überlebensfähigkeit; ihm gehört all meine Bewunderung und so manches andere noch, was mir im Halse stecken bleibt, wenn ich es sagen möchte, aber nicht kann, weil es mir die Sprache verschlägt. Daneben aber hockt in mir, unverbannbar, mit bleibender Unruhe, jene jüdische Angst, die mich, fürchte ich, bis an mein Ende begleiten wird, und die meinem nach wie vor aktuellen Buch „Israel, um Himmels Willen, Israel“ seinen bebenden Titel verliehen hat. Ich gäbe alles, aber auch alles für Dich und Deinen Frieden mit den Nachbarn.

Endlich meinen Dank – in Gedenken am meine gestern vor einem Jahr verstorbene geliebte Frau. Dank an die alten Weggefährten, die toten und die lebenden – an Karl Marx und Lilly Marx, an Henrik van Dam, Hermann Lewy, Heinz und Ruth Galinksi, um einige von den Älteren zu nennen. Dank natürlich an alle Jury-Mitglieder des Zentralrates, die mich für würdig erachteten, heute den Leo Baeck-Preis entgegennehmen zu dürfen. Eines von ihnen, dessen Anwesenheit ich gern gesehen hätte, vermisse ich heute, nach seiner eigenen Entscheidung. Ich kenne seine Stimme seit fünfundzwanzig Jahren, ihre Kraft und ihre Denkschärfe, ihre Rastlosigkeit und ihre Leidenschaft für die jüdische Sache. Im Moment schweigt sie, und wir wissen warum. Aber um für immer zu schweigen, hat sie zuviel Potenz, zuviel Phantasie und - genügend Selbstkritik für einen Neubeginn. Ich warte, daß sie wieder öffentlich ertönt, die gleiche und doch eine andere, verstehe die mir von ihr genannten Gründe der heutigen Abwesenheit, respektiere sie, danke für ihr Votum zum Leo-Baeck Preis 2003 und - grüße von hier aus meinen Freund Michel Friedman von Herzen! (Applaus) Und nun Dank natürlich an Dich, mein lieber Paul, den ich im Verdacht habe, der eigentliche Pate der Preisverleihung an mich gewesen zu sein, ihr spiritus rector, und der als Laudator Worte gefunden hat, die mich, den Laudandus, bis zu Tränen rührten. Du bist ein Freund seit 45 Jahren, ein Lebensfreund also, und ein Mensch, der meine höchste Achtung hat -weil er die Sache vor die Person stellt, also etwas keineswegs Selbstverständliches tut. Ein größeres Kompliment kann niemandem gemacht werden. Wenn meine Begleitung auf Deinem Lebensweg etwas beigetragen haben sollte zu dem Status, den Du heute hast, zu der Person, die von einer großen Öffentlichkeit nachweisbar geschätzt wird, als die Stimme der Juden in Deutschland – wenn ich dazu beigetragen haben sollte, dann wäre ich stolz darauf. Und was mir bei dieser Gelegenheit noch einfiel, und was ich als nachahmenswertes Vorbild hier unbedingt erwähnen möchte, ist: daß in all der Ewigkeit, die wir uns kennen, zwischen Dir und mir nie ein böses Wort gefallen ist, keine Silbe! Sogar in Deiner Laudatio habe ich, bänglich darauf vorbereitet, nichts dergleichen vernommen.

Wer glaubt, daß hier Kritiklosigkeit walte, Verklärung oder gar Idealisierung, der hätte nicht erfaßt, was sich da wirklich tut. Der Gleichklang kommt aus der Tiefe unser beider Biographien, und diese Tiefe hat uns in den entscheidenden Fragen, um die es Dir und mir geht, kongruent gemacht. Worin Giselle und Deine Familie selbstverständlich eingeschlossen sind. Wenn mir einmal eine Formel für Freundschaft entlockt werden sollte, so wäre das meine Definition dafür. Diese Sekundärlaudatio, lieber Paul, war eigentlich gar nicht geplant, aber nun ist sie herausposaunt. Und ich denke, auch darin werden wir beide uns, diesmal mit allen Anwesenden, einig sein: Herzliche Grüße und alle guten Wünsche an die vorjährige Trägerin der hohen Auszeichung, gute Freundin und noble Mitkämpferin, die nicht hier sein kann, weil sie in Israel dreht – die wunderbare und wunderschöne Iris Berben! Noch einmal Dank aber an jede und jeden, die mir diese Stunde schenkten, besonders an die Freunde, die von weit hergekommen sind, aus Hamburg, Freiburg, Köln und Bremen, und Dank an den, der mir mit seiner frühen Frage diese späte Antwort ermöglichte – Dank an Leo Baeck. Und nun dies noch, ganz zum Schluß: Im Vorfeld unserer Feierstunde bin ich von vielen Menschen aus Deutschland und dem Ausland angerufen worden, die alle dasselbe gesagt haben, nämlich: „Giordano, den Preis haben Sie wirklich verdient“ oder „Ralph, den Preis, den hast du wahrlich verdient!“ Ich habe ihnen allen die gleiche Anwort gegeben, mit einem einzigen Wort: „Stimmt!“

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