Jüdische Militärseelsorge in der Bundeswehr 

Das Militärrabbinat

Am 28. Mai 2020 verabschiedete der Bundestag das Gesetz über die jüdische Militärseelsorge und setzte damit den Ende 2019 unterzeichneten Staatsvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Zentralrat der Juden um.
Es ist geplant, dass das Militärrabbinat seine Arbeit im September  2021 aufnimmt.

Hintergrund
Erstmals nach rund 100 Jahren und 75 Jahre nach der Schoa werden jüdische Soldatinnen und Soldaten im Dienste Deutschlands schon bald durch Rabbinerinnen und Rabbiner betreut werden. Bis dahin war es ein langer Weg. Nach dem Zivilisationsbruch der Schoa und der Nazi-Diktatur konnte es sich auch angesichts der Verbrechen der Wehrmacht kaum ein Jude vorstellen, in einer deutschen Armee Dienst zu tun. Trotz aller auch anerkannter Unterschiede zwischen Bundeswehr und Wehrmacht blieben jüdische Soldatinnen und Soldaten lange nahezu undenkbar. 

Organisation
Grundlage der jüdischen Militärseelsorge ist ein im Dezember 2019 von der Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und dem Zentralrat der Juden unterzeichneter Militärseelsorge-Staatsvertrag, der denen ähnelt, die mit der evangelischen und der katholischen Kirche geschlossen wurden. In Berlin wird 2021 ein Militärrabbinat - analog zu den christlichen Militärbischofsämtern - eingerichtet. An der Spitze des Militärrabbinats steht der Militärbundesrabbiner, der vom Zentralrat der Juden bestimmt wird. Es sind bis zu zehn Militärrabbinerinnen und -rabbiner vorgesehen und regionale Außenstellen des Rabbinats in Nord-, Süd-, Ost- und Westdeutschland geplant.

Aufgaben 
Wie ihre christlichen Pendants sollen die jüdischen Seelsorgerinnen und Seelsorger Soldatinnen und Soldaten und ihre Angehörigen im In- und Ausland begleiten. Vor allem werden sie auch am sogenannten Lebenskundlichen Unterricht zur ethischen Bildung (LKU) mitwirken. Nach den Worten von Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer ist der Einsatz der Militärrabbinerinnen und -rabbiner auch „ein klares Zeichen gegen Rechtsradikalismus, gegen Antisemitismus in der Bundeswehr“.

Konferenz zu Militärrabbinerinnen und -rabbinern in der Bundeswehr 
Vom 3. bis 5. April 2019 nahmen in Berlin knapp 150 Teilnehmer an einer Konferenz des Zentralrats der Juden teil, um über das Militärrabbinat „zwischen Tradition und Herausforderung“ zu diskutieren. Darunter viele Politiker, Bundestagsabgeordnete aller Parteien, Vertreter der Bundeswehr, Historiker und Juristen. Der Tagungsband ist im Online-Shop des Zentralrats erhältlich:
https://shop.zentralratderjuden.de/produkt/militaerrabbiner-in-der-bundeswehr/

 

Militärrabbiner – FAQ

Wie ihre christlichen Pendants werden die Militärrabbinerinnen und -rabbiner Soldatinnen und Soldaten ungeachtet ihrer Religionszugehörigkeit seelsorgerisch begleiten. Jede Soldatin und jeder Soldat hat die Möglichkeit, sich an die Militärrabbinerin oder den Militärrabbiner zu wenden. 
Vor allem werden die Militärrabbinerinnen und -rabbiner auch am sogenannten Lebenskundlichen Unterricht zur ethischen Bildung (LKU) mitwirken. Der LKU ist ein wichtiger Bestandteil des Konzepts der Inneren Führung der Bundeswehr und wird allein durch die Militärseelsorge erteilt. Dieser ist verpflichtend für alle Soldatinnen und Soldaten Es handelt sich nicht um einen Religions-, sondern um einen Werteunterricht, es geht vor allem um die Stärkung des Demokratieverständnisses. Es wird eine wichtige Aufgabe der Militärrabbinerinnen und -rabbiner sein, den Unterricht mitzugestalten, sowohl beim Curriculum als auch in der Lehrtätigkeit. 
Nach den Worten von Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer ist der Einsatz der Militärrabbinerinnen und -rabbiner aber auch „ein klares Zeichen gegen Rechtsradikalismus, gegen Antisemitismus in der Bundeswehr“.

Das Militärrabbinat ist eine Bundesoberbehörde mit Sitz in Berlin. Der oberste jüdische Militärseelsorger ist der Militärbundesrabbiner. Es sind bis zu zehn weitere Militärrabbinerinnen und -rabbiner an weiteren Standorten geplant. 
Die jüdische Militärseelsorge soll in allen Bereichen stattfinden, sowohl bei der Marine als auch beim Heer und der Luftwaffe. 
Die Leiterin bzw. der Leiter des Militärrabbinats am Berliner Standort ist für die administrative Geschäftsleitung zuständig. Darüber hinaus werden Referentenstellen eingerichtet werden, z.B. für die Bereiche Bildung und Öffentlichkeitsarbeit.

 

Wie die Militärbischöfe mit den Kirchen wird der Militärbundesrabbiner im Dienstverhältnis mit dem Zentralrat der Juden stehen. Die Militärrabbinerinnen und-rabbiner und Verwaltungsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter stehen im Dienstverhältnis des Bundesministeriums der Verteidigung.

Seit den Anfängen der bürgerlichen Gleichstellung im 19. Jahrhundert dienten jüdische Soldaten zunächst in den Armeen der deutschen Teilstaaten und dann in der Armee des Kaiserreichs. Im Ersten Weltkrieg kämpften rund 100.000 deutsch-jüdische Soldaten. Etwa 12.000 jüdische Deutsche fielen. Beim deutschen Heer wurde zu Beginn des Ersten Weltkriegs das Feldrabbinat eingesetzt. Es sind etwa dreißig deutsche Feldrabbiner aus dieser Zeit bekannt - der bekannteste war Rabbiner Leo Baeck.

Mit dem aufkommenden Nationalsozialismus wurde diese Tradition beendet. Die Wehrmacht war aktiv an der Schoa beteiligt. Daher war es nach dem Zweiten Weltkrieg und der Gründung der Bundeswehr in den 1950er-Jahren für die meisten Juden unvorstellbar, in einer deutschen Armee zu dienen. In der Bundesrepublik konnten sich junge jüdische Männer von der Wehrpflicht befreien lassen. In der Nationalen Volksarmee der DDR war eine solche Ausnahmeregelung nicht vorgesehen. In beiden deutschen Staaten stellte sich die Frage nach einem Militärrabbinat nicht.

Militärrabbinerinnen und -rabbiner sind eine Chance für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland. 
Es ist davon auszugehen, dass das Angebot eines Militärrabbinats das Interesse an der Bundeswehr innerhalb der Jüdischen Gemeinschaft steigern wird. Neben dem möglichen freiwilligen Wehrdienst und dem beruflichen Engagement im militärischen oder zivilen Bereich wird auch das Studium an Einrichtungen der Bundeswehr attraktiver. Es ist im Interesse der Gesamtgesellschaft, wenn sich diese in der Zusammensetzung der Bundeswehr in Teilen widerspiegelt und auch Minderheiten verstärkt vertreten sind.

Darüber hinaus ist denkbar, dass sich die Militärrabbinerinnen und -rabbiner auch in den Gemeinden vor Ort engagieren können. Militärrabbinerinnen und –rabbiner auf einer halben Stelle könnten zeitgleich mit einer halben Stelle eine Jüdische Gemeinde betreuen, die sich kein Vollzeit-Rabbinat leisten kann. Für die Militärrabbinerinnen und -rabbiner wäre damit gleichzeitig die Rückkoppelung an die jüdische Gemeinschaft gesichert. Das ist für ihre Arbeit in der Bundeswehr als Seelsorgerinnen und Seelsorger wiederum nützlich.

Die Eignung der Kandidatinnen und Kandidaten steht selbstverständlich im Vordergrund. Das Rabbinerseminar zu Berlin, das Abraham Geiger Kolleg sowie das Zacharias Frankel College haben bereits entsprechende Ausbildungsmodule für die Militärseelsorge in die Curricula eingebaut.
Es ist vorgesehen, dass es ein zahlenmäßig ausgeglichenes Verhältnis zwischen traditionellen Rabbinern sowie nichtorthodoxen Rabbinerinnen und Rabbinern geben soll. Die Auswahl erfolgt durch den Zentralrat der Juden im Dialog mit der Orthodoxen (ORD) und der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK). 

Ja. Die Militärrabbinerinnen und -rabbiner werden gleichermaßen wie katholische und evangelische Militärseelsorgerinnen und -seelsorger eingesetzt werden. Das bedeutet auch, dass sie sich an Auslandseinsätzen beteiligen werden.

Die Militärseelsorge ist ein ziviler Körper in der Bundeswehr. Wie ihre christlichen Pendants sind die Militärrabbinerinnen und -rabbiner Zivilisten. Sie stehen nicht in der allgemeinen Hierarchie der Bundeswehr und sind auch in der Regel nicht uniformiert.
Sie sind daher Befehlshabern der Bundeswehr nicht weisungsgebunden. Das ist notwendig, um ihre seelsorgerische Tätigkeit unabhängig und vertrauensvoll ausüben zu können. Die Militärrabbinerinnen und -rabbiner unterstehen der Schweigepflicht.

Die genaue Zahl jüdischer Soldatinnen und Soldaten, die gemeinsam mit den 180.000 Soldatinnen und Soldaten in der Bundeswehr dienen, ist nicht bekannt und nicht ermittelbar, da die Angabe der Religionszugehörigkeit freiwillig ist.

Es wird keine Militärgemeinden geben. Jüdische Soldatinnen und Soldaten bleiben Mitglieder ihrer Heimatgemeinde. Militärrabbinerinnen und -rabbiner vollziehen keine Hochzeiten, Scheidungen oder Übertritte zum Judentum. Die Klärung von Statusfragen bleibt den Batej Din (Rabbinatsgerichten) der Rabbinerkonferenzen unter dem Dach des Zentralrats der Juden vorbehalten.