Grußwort zu Rosch Haschana



An den Feiertagen ziehen wir Bilanz. Und die fällt trotz allem gar nicht so schlecht aus.

An den Feiertagen im Herbst geht es mir in der Synagoge häufig so, dass ich an vergangene Jahre denken muss. An Feiertage, an denen ich selbst als Kind mit meinen Eltern in genau dieser Synagoge saß. An Feiertage, als unsere Kinder noch klein waren. Und jetzt kommen Jahre, in denen meine Enkel mehr und mehr bewusst diese Feiertage erleben werden.

Und bei diesen Gedanken stellt sich ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit ein. Würzburg ist mein Zuhause, nicht nur die Stadt, sondern vor allem die Gemeinde. Ich könnte mir vorstellen, dass es vielen von uns so geht. Gerade an Rosch Haschana, wenn man beim Besuch der Eltern wieder den G’ttesdienst in der alten Heimat-Gemeinde erlebt.

In jüngster Zeit hat sich jedoch beim ein oder anderen ein weiteres Gefühl eingeschlichen. Es ist ein Gefühl, das wir versuchen, schnell wegzudrängen. Doch es schleicht sich immer wieder an: Es ist eine leise, nagende Unsicherheit. Eine Beunruhigung, die in uns die Frage auslöst: Ist Deutschland wirklich noch ein sicheres Zuhause?

Dieses nagende Gefühl sorgt dafür, die Halskette mit dem Davidstern unterm Pullover verschwinden zu lassen. Es sorgt dafür, unseren Kindern einzuschärfen, die Basecap über der Kippa zu tragen oder das Israel-T-Shirt nicht in der Schule anzuziehen.

Nun sind Vorsichtsmaßnahmen dieser Art nicht neu. Auch den Polizeischutz an unseren Einrichtungen gibt es seit Jahrzehnten. Das Gefühl der Bedrohung ist dennoch ein anderes geworden. Es ist stärker als früher. Und beängstigender.

Das ist nicht verwunderlich. Das ganze Jahr 5778 über haben uns Nachrichten begleitet, die dieses Gefühl genährt haben: Mobbing und körperliche Übergriffe gegen jüdische Schüler, Angriffe gegen Juden auf der Straße und auf Gemeinden wie jüngst wieder in Gelsenkirchen,  eine Bundestagswahl, die eine radikale Partei ins Parlament gebracht hat mit Politikern, die den Nationalsozialismus relativieren und Opfer der Schoa verhöhnen, ein massiver Antisemitismus in den sozialen Medien.

Als Zentralratspräsident haben mich diese Themen dauernd beschäftigt. Sie erfüllen auch mich mit großer Sorge. Aber: Sie beherrschen nicht den Alltag! Es wäre wenig hilfreich, die Lage schönzureden. Ich plädiere jedoch für einen nüchternen und umfassenden Blick auf die Realität.

Zu dieser Realität gehören auch folgende Nachrichten: Zwar erhielt die AfD bei der Bundestagswahl 12,6 Prozent der Stimmen. Doch etwas mehr als 82 Prozent wählten die anderen im Bundestag vertretenen Parteien.

Oder: Bei Neonazi-Aufmärschen in Berlin und Göttingen versammelten sich im August rund 700 Teilnehmer. Zu den Gegendemonstrationen kamen etwa 4.000 Menschen.

Die KZ-Gedenkstätten und jüdischen Museen vermelden seit Jahren und auch für 2017 steigende Besucherzahlen.

Tausende nicht-jüdische Bürger setzten sich aus Solidarität eine Kippa auf.

Nach dem Scheibeneinwurf in der Gelsenkirchener Synagoge erhielt die Gemeinde zahlreiche Solidaritätsbekundungen aus der Bevölkerung.

Solche Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. Sie gelangen meistens nicht in die Schlagzeilen. Doch erst mit ihnen ergibt sich das vollständige Bild.

Und ich könnte zahlreiche Beispiele aus der jüdischen Welt hinzufügen: eine Jewrovision im Februar in Dresden mit Teilnehmerrekord, den Spatenstich für einen Jewish Campus in Berlin, ein erweitertes Jüdisches Museum in Fürth oder eine neue jüdische Grundschule in Berlin.

Sehen wir das vielleicht viel zu wenig? Das jüdische Leben entwickelt sich weiter, und die deutliche Mehrheit unserer Gesellschaft ist demokratisch und lebt die Werte des Grundgesetzes. Es ist nur eine Minderheit, die an diesen Grundfesten rüttelt.

Es liegt auch in unserer Hand, diesen Minderheiten den Boden zu entziehen. Toleranz darf es weder für Rechtspopulisten geben, die bewusst Unsicherheit schüren, um ihre Politik der Ausgrenzung und Spaltung umsetzen zu können. Noch für Muslime, die unsere Werte ablehnen und Spielregeln nicht einhalten.

Daher werden wir uns weiterhin aktiv für die Integration von Zuwanderern und Flüchtlingen einsetzen, sei es in den Schulen oder in den Integrationskursen.

Daher gibt es für uns keine Kompromisse mit der AfD. Das alle Demokraten einigende Ziel muss es bleiben, dass die AfD wieder von der Bildfläche verschwindet.

Komfortabel ist die Lage derzeit wahrlich nicht. Sie ist aber auch nicht so schlecht, wie manche es uns einreden wollen oder sie auf den ersten Blick scheint.

Traditionell ziehen wir an den Feiertagen Bilanz. Wir hinterfragen selbstkritisch unser Handeln. Ganz unterschiedliche Gefühle werden dabei wach. Angst sollte nicht das beherrschende Gefühl sein. Sondern Vertrauen in ein Land mit einer gefestigten demokratischen Gesellschaft.

Ich wünsche Ihnen allen, dass sich an den Feiertagen im Kreis Ihrer Familien, Ihrer Freunde und Ihrer Gemeinde ein Gefühl der Zufriedenheit und Zuversicht einstellt, so dass Sie gestärkt ins neue Jahr 5779 aufbrechen können!

Schana Towa umetuka,

Ihr Dr. Josef Schuster