Grußwort des Präsidenten zur Fachtagung mit der KMK



Dr. Josef Schuster, zur Eröffnung der Gemeinsamen Fachtagung mit der Kultusministerkonferenz zu „Jüdische Geschichte, Religion und Kultur in der Schule“,

Anrede,

wenn wir uns die gesellschaftliche Debatte der vergangenen Wochen anschauen, könnte man meinen, wir hätten flugs diese Tagung aus dem Boden gestampft, um auf die aktuellen Fragen zu reagieren.

Antisemitismus in den Schulen, religiöses Mobbing, Meldepflicht – das hat die Schlagzeilen beherrscht.

Die Wahrheit ist jedoch: Antisemitische Vorfälle in Schulen, ein mangelndes Wissen über das Judentum, die starke Verbreitung von antijüdischen Vorurteilen – all dies beschäftigt uns schon viel länger.

Mit „uns“ meine ich in diesem Fall ebenso die jüdische Gemeinschaft in Deutschland und den Zentralrat der Juden als ihren politischen Dachverband wie auch die Kultusministerkonferenz.

Die Problematik brannte uns so sehr unter den Nägeln, dass es seit 2016 zu einer sehr fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen dem Zentralrat der Juden und der Kultusministerkonferenz gekommen ist.

Dass die Dringlichkeit des Themas jetzt über die Fachöffentlichkeit hinaus wahrgenommen wird, ist eigentlich nur gut. Denn wir als jüdische Gemeinschaft brauchen genauso die Unterstützung der gesamten Gesellschaft und der Politik wie die Schulen auch.

Alleine kann niemand von uns auch nur im Ansatz die Situation verbessern.

Daher möchte ich zunächst der 13-köpfigen gemeinsamen Arbeitsgruppe unter dem Vorsitz von Barbara Witting und Dr. Norbert Reichel danken. Sie hat mit sehr viel Engagement die kommentierte Materialsammlung, die wir Ihnen heute vorstellen möchten, erarbeitet und diese Tagung konzipiert.

Sicherlich werden Sie, meine Damen und Herren, heute wertvolle Impulse erhalten und die Möglichkeit, sich noch besser zu vernetzen.

Ich habe eben erwähnt, dass wir mit der Problematik des Antisemitismus an Schulen schon seit längerem konfrontiert sind.

Das heißt aber nicht, dass wir abgestumpft sind. Mich verstört es jedes Mal aufs Neue, wenn mir ein Fall bekannt wird. Sei es, dass ich davon über die Medien erfahre oder aus dem Kreis meiner jüdischen Gemeinde.

Mal wird bekannt, dass ein Kind gemobbt wird, nur weil es jüdisch ist. Dann hören wir, dass ein Lehrer von seinen Schülern fordert, ihn morgens mit dem Hitler-Gruß willkommen zu heißen. Dann gibt es Klassen, in denen antisemitische Youtube-Videos der Renner sind und eifrig geteilt werden. Und wir hören auch von jüdischen Lehrern oder Lehrerinnen, die wegen ihrer Religion angegriffen werden und keinen Rückhalt im Lehrerkollegium erhalten. Oder die ihre Identität inzwischen lieber verbergen, so wie es auch jüdische Schüler zunehmend tun.

Wir hören all diese Meldungen aus ganz verschiedenen Schularten und ganz verschiedenen Ecken Deutschlands. Es gibt Antisemitismus im ganzen Land. In allen Gesellschaftsschichten. Bei Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft.

Und deshalb sollte auch keine Schule solche Vorfälle verschleiern, um den guten Ruf der Schule zu wahren. Es wäre völlig falsch, hier von Versagen zu sprechen.

Wir haben es doch mit einer gesellschaftlichen Entwicklung zu tun, die für alle mehr Fragen aufwirft als Antworten bereit hält. Warum sollten Lehrer jederzeit souveräne Lösungen parat haben, wenn auch Politiker sprachlos sind?

Diese Sprachlosigkeit gilt es jedoch zu überwinden. Und dazu – das sage ich ganz selbstbewusst – leisten wir heute einen wichtigen Beitrag. Wir präsentieren hier nicht das Patentrezept gegen Antisemitismus an Schulen. Denn das gibt es gar nicht. Doch wir möchten die Lehrerinnen und Lehrer handlungs- und sprechfähig machen.

In unserer gemeinsamen Erklärung mit der Kultusministerkonferenz Ende 2016 hatten wir es uns zum Ziel gemacht, die jüdische Geschichte, Kultur und Tradition in den Schulen besser und vor allem differenzierter zu vermitteln, als es bisher der Fall ist.

Judentum ist viel mehr als die Schoa. Und es ist etwas anderes als der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die Geschichte und Kultur Deutschlands ist ohne das Judentum nicht denkbar.

Neben den Zeiten der Verfolgung gab es über Jahrhunderte immer wieder Blütezeiten, in denen die Religionen sich gegenseitig befruchteten, in denen Menschen jenseits ihrer Herkunft zusammenarbeiteten. Es waren in kultureller Hinsicht oft Hoch-Zeiten, in denen Werke entstanden, die bis heute unsere Bewunderung hervorrufen. Aber auch der naturwissenschaftlich-technische Fortschritt, großartige Erfindungen sind häufig aus diesen Symbiosen entstanden.

Und natürlich gab es in Europa diese Symbiosen auch mit dem Islam. Wenn wir also Schüler davon überzeugen können, dass es eine Gleichwertigkeit der Religionen gibt, dass Toleranz und Zusammenwirken Großes hervorbringen kann, ein engstirniges Gegeneinander aber in der Regel nur Rückschritt bringt, dann sind wir einen wichtigen Schritt gegangen.

Nun sagt sich dies auf einer Tagung wie heute sehr leicht.

Dies umzusetzen in sehr heterogenen Klassen, bei Schülern, die durch Fernsehsender und durch das Internet auch massiven anderen Einflüssen ausgesetzt sind – mal ganz abgesehen von ihren Familien – ja, diese hehren Ansprüche im Schulalltag umzusetzen, ist sehr schwer.

Deshalb empfehlen wir den Lehrerinnen und Lehrern zunächst einmal geeignete Materialien. Sie sollen ihnen Möglichkeiten aufzeigen, das Judentum in seiner ganzen Vielfalt darzustellen.

Und ich appelliere jetzt ganz direkt an Sie, die in Ministerien und Landesinstituten arbeiten: Sorgen Sie dafür, dass diese Materialien auch eine große Verbreitung in allen Bundesländern finden!

Darüber hinaus ist es enorm wichtig, das Judentum und den Antisemitismus in seinen verschiedenen Erscheinungsformen stärker und verpflichtend zum Gegenstand der Lehrer-Ausbildung und der Lehrer-Fortbildung zu machen.

Es geht um Inhalte und um pädagogische Strategien: Wie reagiere ich auf judenfeindliche Äußerungen? Wie verdeutliche ich die Bedeutung der jüdischen Kultur in der deutschen Geschichte, wenn gar kein Interesse an der deutschen Geschichte vorhanden ist? Ja, wenn viele Werte unserer Gesellschaft ohnehin abgelehnt werden?

Unsere Lehrerinnen und Lehrer müssen zu „Stoppt-Antisemitismus-Experten“ werden.

Flankierend zur Aus- und Weiterbildung der Lehrer sollten Begegnungen kommen. Wo lernen unsere Schülerinnen und Schüler Juden kennen? In der Regel gar nicht! Denn wir sind eine sehr kleine Minderheit von gerademal 100.000 Juden in diesem Land.

Der Zentralrat der Juden hat jetzt das Projekt „Likrat“ gestartet. Das ist das hebräische Wort für „aufeinander zu“. Dafür bilden wir jüdische Jugendliche aus, die dann Klassen besuchen, um den gleichaltrigen Schülern von ihrem Judentum zu erzählen. Und die Schüler merken: Juden, das sind gar nicht unbedingt alte wippende Männer mit großen Hüten vor der Klagemauer,  sondern das können auch Jugendliche sein, die genauso aussehen und reden wie wir. Und viele von ihnen haben auch einen Migrationshintergrund und fühlen sich manchmal als Außenseiter – genau wie viele Muslime.

Verehrte Damen und Herren, die „Woche der Brüderlichkeit“, die jedes Jahr von den Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit veranstaltet wird, stand in diesem Jahr unter dem Motto: „Angst überwinden – Brücken bauen“.

Genau darum geht es. Auf allen Seiten müssen Ängste überwunden werden. Und dann müssen wir Brücken bauen.

Dafür müssen wir den Lehrerinnen und Lehrern das notwendige Rüstzeug an die Hand geben. Sie haben es schließlich nicht mit Statik zu tun, die sich berechnen lässt, sondern mit der menschlichen Seele, die oft völlig unberechenbar ist.

Die Brücken, die sie bauen, sind jedoch letztlich unsere Zukunft. Daher müssen sie stabil sein. Dafür sollten die Lehrkräfte alle Unterstützung erhalten, die sie brauchen. Dafür brauchen sie Knowhow, aber vor allem Mut.

Das wünsche ich allen, die mit jungen Menschen arbeiten, und danke zugleich für den Einsatz, der jeden Tag an unseren Schulen geleistet wird!

Jetzt wünsche ich aber zunächst einen guten Verlauf der Fachtagung und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

 

18. April 2018, Landesvertretung Thüringen, Berlin

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