„Erinnern ohne Zeugen“



Vor welchen Herausforderungen steht eine moderne Gedenkkultur? Darüber sprach Zentralratspräsident Josef Schuster in der Rabbiner-Brandt-Vorlesung.

Anrede,

bevor ich in mein Vortragsthema einsteige, möchte ich es zunächst nicht versäumen, Ihnen, lieber Rabbiner Brandt, in diesem Forum nachträglich ganz herzlich zum Geburtstag zu gratulieren! Von Herzen Masal tow und bis 120! Leider konnte ich aus terminlichen Gründen nicht an Ihrem Geburtstagsempfang teilnehmen und auch zur UpJ-Jubiläumsveranstaltung in Bielefeld konnte ich leider nicht kommen. Umso wichtiger ist es mir daher, Ihnen heute Glück- und Segenswünsche im Namen des Zentralrats der Juden zu übermitteln!


Sehr geehrte Damen und Herren,

meinen Vortrag über die Zukunft der Gedenkkultur möchte ich mit einem Zitat beginnen:

„Wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, dass sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen.“

Sie werden sich jetzt fragen, von wem diese Sätze stammen. Von einem Jugendlichen, der in der Schule zum dritten Mal das Thema Holocaust durchnimmt? Oder von einem AfD-Politiker? Nein, meine Damen und Herren, dieses Zitat stammt von einem der bekanntesten Schriftsteller Deutschlands und ist bereits vor 19 Jahren gefallen: Es ist von Martin Walser, gesprochen 1998 in der Paulskirche als Dank für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Warum habe ich ausgerechnet mit Martin Walser begonnen? Mit seiner Rede, in der er von der „Moralkeule“ Auschwitz gesprochen hat und nach der aus gutem Grund Ignatz Bubis sel. A. sitzen geblieben ist und nicht applaudiert hat?

Weil uns diese Aussage direkt zu der Frage führt, mit der wir uns heute auseinandersetzen möchten: Wie gelingt es uns, die Erinnerung an die Schoa wachzuhalten in einer Gesellschaft, die der Konfrontation mit ihrer Schande zunehmend überdrüssig ist, in einer Gesellschaft, in der es in wenigen Jahren keine Zeitzeugen mehr geben wird, in einer Gesellschaft, in der das Geschehen in historisch weite Ferne rückt, in einer Gesellschaft, in der immer mehr Menschen leben, die von ihrer Familiengeschichte her so viel mit der Schoa zu tun haben wie ich mit der Ausrottung der Indianer in Amerika.

Eine moderne Gedenkkultur zu entwickeln für Menschen, die eigentlich lieber wegschauen möchten. Oder die zumindest keinen Grund sehen, hinzuschauen.

Bevor ich mich dem Thema annähere - indem ich zunächst darauf eingehe, welche Parameter wir eigentlich vorfinden, um dann daraus mögliche Schritte abzuleiten - möchte ich eine zentrale Frage aufwerfen: Es ist eine Frage, die sich für die jüdische Gemeinschaft – und zwar weltweit! – überhaupt nicht stellt. Die aber von unserer Umgebung zunehmend gestellt wird:

Warum müssen wir denn überhaupt noch der Schoa gedenken?

Sie werden nachvollziehen können, meine Damen und Herren, dass dies für Juden keine Frage ist. Der Toten zu gedenken und für sie zu beten, ist im Judentum ebenso zentraler Bestandteil der Religion wie im Christentum. Kaum ein Jude in Deutschland hat keine familiären Bezugspunkte zur Schoa. Das gilt auch für die vielen jüdischen Zuwanderer, die seit 1990 aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland eingewandert sind. Auch sie haben im Zweiten Weltkrieg sehr häufig zahlreiche Familienmitglieder verloren, wurden vertrieben oder kamen in Lager.

In unseren Familien ist bis in die dritte und inzwischen vierte Generation die Schoa präsent. Die Schicksale der betroffenen Familienmitglieder sind allen bekannt. Auch Traumata werden im Übrigen quasi vererbt. Daher sind sowohl die psychischen Belastungen als auch die Frage, inwieweit die nachfolgende Generation die Pflicht der Zeugenschaft übernimmt, ein großes Thema innerhalb der jüdischen Gemeinschaft.

Aus unserer Sicht kann ich daher ohne Einschränkung sagen: Wir sind es den ermordeten Juden schuldig, die Erinnerung an sie zu bewahren. Wir haben sechs Millionen Gründe zu gedenken. Oder wie es der leider im vergangenen Jahr verstorbene Elie Wiesel sel. A. im Jahr 2000 vor dem Deutschen Bundestag gesagt hat: „Wer sich verschwört, die Erinnerung an die Opfer auszulöschen, der tötet sie ein zweites Mal.“

In der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft, zumal bei den jüngeren Generationen, zieht diese Begründung jedoch oft nicht mehr. Damit bröckelt auch unser gesellschaftlicher Konsens, die Erinnerung an die Schoa wegen des „Nie wieder“ zu wahren. Jahrzehntelang war dies die verbreitete Überzeugung: Nie wieder dürfen solche Verbrechen geschehen. Daher müssen wir das Wissen darüber bewahren und weitergeben.

So selbstverständlich erscheint mir heute dieser Konsens nicht mehr. Daher müssen wir uns stärker denn je bemühen, eine Gedenkkultur zu entwickeln, die die jüngeren Menschen erreicht. Denn ich bin der festen Überzeugung: Das Wissen um die Verbrechen der Schoa und das Gedenken an die Opfer bestärken uns auf einzigartige Weise darin, stets für die Achtung der Menschenwürde einzutreten.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, wie stellt sich uns heute die Situation dar, wenn wir über unsere Kultur des Gedenkens sprechen? Da möchte ich zunächst einen Blick auf die Zeitzeugen werfen. Mein Vortrag ist mit dem Titel „Erinnern ohne Zeugen“ überschrieben. Und auf diesen Zustand laufen wir ohne Frage zu.

Aber noch haben wir glücklicherweise Menschen unter uns, die Zeugen dieses größten Menschheitsverbrechens wurden. Auch Sie, lieber Rabbiner Brandt, können von dieser Zeit berichten. Unter Historikern sind Zeitzeugen mitunter umstritten. Schildern Sie doch in der Regel subjektiv und ohne Kenntnis größerer Zusammenhänge ihre Erlebnisse. Manchmal geht auch im Gedächtnis etwas durcheinander. Traumatisierte Menschen haben zudem häufig Erinnerungslücken.

Gerade bei der Befassung mit der Schoa wurden die Berichte der Überlebenden jedoch zu besonderen Quellen. Vor allem wenn es der SS erfolgreich gelungen war, Spuren rechtzeitig zu vernichten. Historiker sprechen bei Überlebenden der Schoa von moralischen Zeugen: Sie haben es als ihre Pflicht angesehen, Zeugnis abzulegen, und damit einen Beitrag zu leisten, um das Böse in der Welt zu überwinden.[1]

An dieser Stelle möchte ich noch einmal den Auschwitz-Überlebenden und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel zitieren: „Ich gehöre einer Generation an, die von der Aufgabe besessen ist, alles festzuhalten, alles weiterzugeben. Für keine andere Generation ist das Gebot ‚Sachor, erinnere dich!‘ so wichtig und so bedeutsam.“[2]

Besonders wertvoll sind die Zeitzeugen in meinen Augen aber auch, weil sie den abstrakten Daten und Zahlen ein Gesicht geben. Es ist das einzelne Schicksal, das Menschen auch heute noch berührt. Wenn ein Schoa-Überlebender in einer Schulklasse seine Lebensgeschichte erzählt, haben zum Schluss meistens alle Tränen in den Augen. Nicht nur der Zeitzeuge. Auch die Zuhörer. Die Zeugen des grausamen Geschehens schaffen Empathie. Das kann kein Geschichtsbuch leisten.

Und so wichtig Bild- und Tonaufnahmen von Zeitzeugen sind – sie ersetzen die Menschen nicht. Ich bin Stiftungen wie der Shoah-Foundation von Steven Spielberg unendlich dankbar dafür, dass sie so viele Erinnerungen für die Nachwelt festhalten. Und ebenso auch anderen Zeitzeugen-Projekten. Wir dürfen jedoch nicht außer Acht lassen: Bei Filmaufnahmen handelt es sich nur um eine vermittelte Authentizität. Auch die ästhetische Aufbereitung ist für die Wirkung beim Betrachter von Bedeutung. Dessen müssen sich vor allem Pädagogen bewusst sein.

Ich möchte an dieser Stelle einen Appell an Sie richten, der mit unserem Thema nur indirekt zu tun hat: Es sollte uns allen ein Herzensanliegen sein, den noch wenigen Überlebenden unter uns einen würdigen Lebensabend zu bereiten.

Nicht alle sind finanziell gut gestellt. Viele kämpfen gerade im hohen Alter mit Spätfolgen der damaligen Misshandlung. Organisationen wie „Amcha“ kümmern sich um die betagten Menschen. Sie brauchen unsere Unterstützung.

Und ebenso leistet nach wie vor die Jewish Claims Conference eine wichtige Arbeit, um für die Überlebenden und ihre Angehörigen wenigstens eine kleine finanzielle Entschädigung zu erlangen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, auch den Überlebenden selbst ist natürlich bewusst, dass ihre Zeit begrenzt ist. Sie werden nicht mehr lange ihre Erinnerungen weitergeben können. Im Jahr 2009 haben die damaligen Präsidenten der Internationalen Häftlingskomitees der deutschen Konzentrationslager ein so genanntes Vermächtnis veröffentlicht. Es ist ein bewegendes Dokument der Zeitgeschichte. Darin heißt es, ich zitiere:

„Nach unserer Befreiung schworen wir eine neue Welt des Friedens und der Freiheit aufzubauen: Wir haben uns engagiert, um eine Wiederkehr dieser unvergleichlichen Verbrechen zu verhindern. (….) Gerade deshalb schmerzt und empört es uns sehr, heute feststellen zu müssen: Die Welt hat zu wenig aus unserer Geschichte gelernt. (…) Die letzten Augenzeugen wenden sich an Deutschland (…), die menschliche Gabe der Erinnerung und des Gedenkens auch in der Zukunft zu bewahren und zu würdigen. Wir bitten die jungen Menschen, unseren Kampf gegen die Nazi-Ideologie und für eine gerechte, friedliche und tolerante Welt fortzuführen (….)“.

Forderungen à la Björn Höcke, eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad vorzunehmen, sind ein Schlag ins Gesicht der Überlebenden.

Wir sind es ihnen schuldig, die Flamme der Erinnerung am Leuchten zu halten. Gerade dann, wenn sie nicht mehr unter uns sind. Soweit ich es recherchieren konnte, sind übrigens von den Präsidenten der Häftlingskomitees, die 2009 das Vermächtnis unterzeichnet hatten, nur noch fünf am Leben.

Meine sehr geehrte Damen und Herren, nach dem Blick auf die kleiner werdende Zahl der Zeitzeugen möchte ich mich einer weiteren Herausforderung zuwenden, die sich bei der Entwicklung einer modernen Gedenkkultur stellt: der Jugend.

Hierzulande kennen Jugendliche und junge Erwachsene mit deutschen Eltern nichts anderes als ein Leben in einem demokratischen Rechtsstaat und in Sicherheit. Krisen und Kriege finden nur weit weg statt. Selbst die Großeltern waren während der NS-Zeit noch Kinder. Damit liegt der Zweite Weltkrieg, gefühlt, für die heutige Jugend genauso weit weg wie die Weimarer Republik oder der Erste Weltkrieg. Wer heute 20 ist, kennt selbst den Mauerfall nur aus Erzählungen. Also sind auch die deutsche Teilung und die Konfrontation der Blöcke als unmittelbare Folgen des Krieges für heute 20-Jährige historische Ereignisse.

Familiengeschichten aus der NS-Zeit werden zwar weiterhin über die Generationen tradiert. Doch die sie heute erzählen, sind in der Regel nicht mehr die, die sie selbst erlebt haben. Denn auch auf der Täterseite gibt es natürlich nur noch wenige Zeitzeugen. Typisch ist in diesen Berichten ohnehin, dass die Schoa nur am Rande vorkommt. Erinnerungen enden bei der Pogromnacht 1938 oder der – in Anführungszeichen – „Ausreise“ der jüdischen Nachbarn. Juden treten danach in Gesprächen erst wieder als Zurückgekehrte auf. Der Soziologe Harald Welzer hat analysiert: „Der Holocaust hat keinen systematischen Platz im deutschen Familiengedächtnis.“[3]

Es ist daher nicht erstaunlich, dass jüngere Menschen nur mit durchschnittlichem Interesse an das Thema herangehen und allergisch reagieren, wenn sie merken, dass eine Reaktion der Betroffenheit erwartet wird. Warum sollten sie Empathie aufbringen, wenn schon ihre Eltern und Großeltern offenbar keine innere Beziehung zur Schoa haben?

Zudem sind Jugendliche heute ganz anders geprägt als noch vor 20 Jahren. Durch das Internet, die sozialen Netzwerke und mobilen Endgeräte wie Smartphone oder Tablet werden junge Menschen sehr viel stärker als früher von visuellen Eindrücken geleitet. Also, in einer KZ-Gedenkstätte zu stehen, wo außer Mauerfundamenten von den Baracken nichts mehr zu sehen ist und nur eine Tafel darauf hinweist, was hier einmal stand – das erreicht viele junge Leute nicht mehr. Sie brauchen wohl noch stärker als frühere Generationen eine andere – wenn ich mal so sagen darf – Aufbereitung der Vergangenheit.

Ebenso sind sie daran gewöhnt, dass alle Informationen rund um die Uhr uneingeschränkt zur Verfügung stehen. Orte, die eigens aufgesucht werden müssen; Museen mit festen Öffnungszeiten – das sind Dinge, die in den Lebensrhythmus und die Lebensgewohnheiten der unter 30-Jährigen nicht passen.

Ich habe vorhin etwas vereinfacht von jungen Menschen mit deutschen Eltern gesprochen. Damit wollte ich lediglich abgrenzen zu Bürgern, deren familiäre Wurzeln im Ausland liegen. Die Erfahrung von Kriegen oder Krisen sind in vielen Migrantenfamilien bis in die Generation der Kinder und Jugendlichen durchaus vorhanden. Schon allein deshalb müssen wir sie differenziert betrachten. Vor allem aber haben Migranten in Deutschland in der Regel überhaupt keinen familiären Bezugspunkt zum Nationalsozialismus und zur Schoa.

Es fehlt nicht nur dieser Bezug. Die Einwanderer sind mit anderen Arten des Gedenkens und mit anderen wichtigen Ereignissen ihrer Geschichte aufgewachsen. Sind sie mit der Schoa konfrontiert, suchen sie unwillkürlich ihre Vergleichspunkte, um das Geschehen einzuordnen. Daher haben wir es mit einer völlig anderen Herangehensweise an das Thema zu tun als bei Kindern mit deutschen Eltern und Großeltern.

Die sprachliche Ungenauigkeit verzeihen Sie mir bitte: Mir ist klar, dass auch viele Migranten der heutigen Elterngeneration inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft haben. Aber der Begriff „Bio-Deutsche“ klingt mir zu sehr nach Gemüse.

Die andere Perspektive auf die Geschichte, die Einwanderer mitbringen, hat auch in unseren jüdischen Gemeinden für Veränderung gesorgt. In den 1970er und 1980er Jahren war es üblich, vor allem am 9. November den Opfern der Schoa zu gedenken. Die jüdischen Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion waren es jedoch gewohnt, in Erinnerung an die Kapitulation des Deutschen Reiches 1945 am 9. Mai den Tag des Sieges zu feiern. Einige von ihnen haben in der Roten Armee gekämpft und waren an der Befreiung Deutschlands oder sogar ganz konkret an der Befreiung von Konzentrationslagern beteiligt. Und obwohl sie im Zweiten Weltkrieg viel erlitten und Angehörige verloren haben, fühlen sie sich als Sieger und nicht als Opfer. Sie brachten damit nicht nur einen neuen Gedenktag mit, sondern auch ein neues Selbstbewusstsein.

Erst Anfang dieses Monats hat der Zentralrat der Juden zu dieser Veränderung in unserer jüdischen Gedenkkultur eine Tagung veranstaltet. Sie war überschrieben mit dem Titel „Geteilte Erinnerung“, und das trifft es in seiner Doppeldeutigkeit ganz wunderbar. Es handelt sich in der Tat um eine in verschiedene Teile geteilte Erinnerung, aber eben auch um eine Erinnerung, die wir letztlich alle miteinander teilen.

Gestatten Sie mir bitte an dieser Stelle ein kleinen Exkurs, verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer! Die Singularität der Schoa möchte ich in keiner Weise in Frage stellen. Unsere Beschäftigung damit, wie wir ihr heutzutage angemessen gedenken, verstellt uns jedoch nicht den Blick darauf, dass für nicht wenige Menschen in unserem Land andere Katastrophen viel näher liegen. Ich denke dabei an die islamistischen Terroranschläge in den vergangenen Jahren in Europa, bei denen auch zahlreiche Deutsche unter den Opfern waren.

Gehört zu einer modernen nationalen Gedenkkultur nicht auch die Frage, welchen Stellenwert das Gedenken überhaupt in unserer Gesellschaft einnimmt? Ich habe gehört, dass es kirchliche Initiativen gibt, um Angehörige von Opfern von Terroranschlägen in ihrer Trauer aufzufangen. Denn von staatlicher Seite fühlen sich diese Menschen offenbar ziemlich allein gelassen.Wäre nicht auch bei diesem Thema eine christlich-jüdische Zusammenarbeit denkbar?

Die Schoa und Terroranschläge sind zwar vollkommen verschiedene Dinge. Jeder Vergleich verbietet sich. Doch mit dem gewaltsamen Verlust von Angehörigen fertig zu werden und sich einem sinnlosen Tod gegenüberzusehen, diese Erfahrung teilen wir. Daher geben wir unser Wissen gerne weiter!

Damit möchte ich zu unserem eigentlichen Thema zurückkommen: Eine moderne Gedenkkultur kann der aktuellen Verfasstheit der Gesellschaft nicht ausweichen. Sicherlich wollen wir nicht und sollten wir nicht die Erinnerungspolitik von kurzfristigen Stimmungswechseln abhängig machen oder gar von populistischen Forderungen. Sonst käme eine Beliebigkeit in unser Gedenken, die es seines Sinnes berauben würde. Unsere Gedenkkultur kann sich aber auch nicht völlig losgelöst von gesellschaftlichen Veränderungen entwickeln.

Die Generationenfrage habe ich bereits beleuchtet. Die politische Lage müssen wir ebenfalls berücksichtigen. Zum ersten Mal seit Gründung der Bundesrepublik sitzt jetzt eine Fraktion mit zweistelligem Wahlergebnis deutlich rechts von CDU und CSU im Bundestag. Einen Vorgeschmack hatte uns die AfD schon durch ihre Politik in den Länderparlamenten gegeben. Die ersten Äußerungen seit der Bundestagswahl lassen Schlimmes befürchten.

Die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag sind zwar weiterhin so, dass wir keine 180-Grad-Wende in der Erinnerungspolitik in Deutschland befürchten müssen. Doch hinter den 12,6 Prozent für die AfD stehen fast sechs Millionen Wähler. Sie stehen quasi exemplarisch für Veränderungen in unserer Gesellschaft, die sich schleichend vollzogen haben.

Begriffe wie „Schuldkult“ finden sich plötzlich nicht nur auf Demos von Rechtsextremen, sondern auch bei AfD-Veranstaltungen. Die Vokabel „völkisch“ soll wieder allgemeiner Sprachgebrauch werden, wenn es nach der AfD geht. In den Schulen sollen die glorreichen Kapitel der deutschen Geschichte intensiver behandelt werden als der Nationalsozialismus.

Über den berühmten Schlussstrich wird derzeit nicht in den Feuilletons debattiert. Nein, immer mehr Menschen in unserem Land ziehen ihn einfach. Der sekundäre Antisemitismus greift um sich: Uns Juden wird dann vorgeworfen, dass wir Vorteile zögen aus der NS-Zeit. Dass wir das Schuldbewusstsein der Deutschen schürten, um es ausnutzen zu können. Diese Haltung ist weit verbreitet, und die Hemmung fällt, dies auch auszusprechen.

Rechtsextremisten haben es angesichts dieser Stimmung vergleichsweise leicht, Anhänger zu gewinnen. Ihre Zahl steigt. Neue Gruppierungen wie die Identitäre Bewegung oder die Reichsbürger werden vom Verfassungsschutz sehr ernst genommen. Die Schnittmengen zwischen Rechtsextremen, etwa NPD-Mitgliedern, und der AfD sind nach Einschätzung von Beobachtern sehr groß.

Durch die sozialen Medien haben rechtsextreme Gruppen heutzutage Möglichkeiten, ihre Propaganda zu verbreiten und ihre Parolen mit raffinierten Methoden Jugendlichen unterzujubeln, von denen sie noch vor zehn Jahren nicht zu träumen gewagt hätten.

Moderne Gedenkkultur bedeutet daher auch, sich gegen diese beunruhigende Entwicklung in der Gesellschaft zu stemmen. Jugendlichen das Wissen über die NS-Zeit so zu vermitteln, dass sie gegen Rechtsextreme gewappnet sind, oder gar sie von dort zurückzuholen – das kostet enorme Anstrengung. Hier müssen selbst gute Pädagogen manchmal Niederlagen einstecken.

Rufen wir uns noch einmal das Vermächtnis der Häftlingskomittees in Erinnerung. Darin hieß es: „Die Welt hat zu wenig aus unserer Geschichte gelernt. (…) Wir bitten die jungen Menschen, unseren Kampf gegen die Nazi-Ideologie und für eine gerechte, friedliche und tolerante Welt fortzuführen.“

Diesen Appell hätten sie heute, knapp zehn Jahre später, vielleicht noch drastischer formuliert!

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Die sinkende Zahl der Zeitzeugen, die jüngere Generation mit ihren veränderten Konsumgewohnheiten und dem immer größeren Abstand zum historischen Geschehen, die neuen und divergierenden Perspektiven in einer Migrationsgesellschaft und der politische Rechtsruck in Deutschland - das sind veränderte Parameter, die es 70 Jahre nach dem Krieg notwendig machen, in der Erinnerungskultur neue Wege zu gehen.

Der wachsende zeitliche Abstand, der einerseits mitunter zu Gleichgültigkeit führt, ist andererseits auch eine Chance. Ich merke es zum Beispiel als Mediziner ganz deutlich an den Medizinischen Fachgesellschaften. Eine nicht unerhebliche Zahl von ihnen hat erst jetzt die eigene Geschichte aufarbeiten lassen. Denn inzwischen besetzen all jene, die in das NS-System verstrickt waren, keine Ämter mehr oder sie sind verstorben.

Es ist kein Ruhmesblatt, dass zuvor der Mut fehlte, die Wahrheit offen auszusprechen. Doch besser spät als nie findet eben jetzt eine intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit der Ärzte-Funktionäre statt. Das geht dann zuweilen damit einher, dass ein neuer Wissenschaftspreis gestiftet wird, der einem ermordeten jüdischen Mediziner gewidmet ist. Die Preisträger werden dadurch sehr direkt mit der Geschichte konfrontiert. Ich würde auch dies als Form einer modernen Gedenkkultur betrachten.

Der wachsende zeitliche Abstand und veränderte Gesellschaftsstrukturen führen vor allem in zwei Bereichen zu riesigen Herausforderungen: in den Schulen und in den Gedenkstätten.

Daher möchte ich jetzt im zweiten Teil meines Vortrags intensiver auf diese beiden Bereiche eingehen. Es gibt einen Grundgedanken, der für beide Bereiche gilt: Gedenken braucht Wissen. Dieses Leitmotiv der Gedenkstätte Buchenwald sollte ohnehin als Überschrift über unserer Gedenkkultur stehen.

Die Schoa im Unterricht zu vermitteln, war schon immer eine große Herausforderung für die Lehrer. Denn das Thema ist sehr komplex. Um nur ein paar Aspekte zu nennen: Es gilt Kenntnisse zu vermitteln über die NS-Ideologie, über den Kriegsverlauf, über Entscheidungswege im NS-System und über die Stufen der Verfolgung.

Und auch wenn Lehrer und Schüler manchmal stöhnen, dass das Thema Schoa in verschiedenen Schuljahren und Schulfächern immer wieder an die Reihe kommt: Dies ist schon ein richtiger Ansatz, um der Komplexität gerecht zu werden. So können im Religionsunterricht sowohl grundsätzliche Fragen wie „Warum lässt G’tt Leid zu?“ besprochen werden als auch kirchenhistorische Fragen wie nach der Wirkung des Antijudaismus der Kirchen oder nach deren Versagen in der NS-Zeit selbst.

Im Deutsch-Unterricht können die Schüler anhand von altersgerechten Romanen sich selbst die Frage stellen: Wie hätte ich gehandelt? Sie können die Frage diskutieren, wie Ausgrenzung funktioniert oder was Antisemitismus ist.

In der Schule gibt es allerdings die Problematik, dass in der Regel zuerst im Deutschunterricht anhand von entsprechenden Lektüren über die Schoa gesprochen wird, und erst in einem späteren Schuljahr im Geschichtsunterricht die Fakten vermittelt werden. Der Zentralrat der Juden unterstützt daher die Forderung von Geschichtsdidaktikern, diese Reihenfolge umzudrehen.

Doch abgesehen von dieser Diskussion bleibt festzuhalten: Die Befassung mit der Schoa in den unterschiedlichen Schulfächern führt zu Reflexionen, die unser heutiges Leben betreffen – vielleicht der wichtigste Schritt in der Gedenkkultur. Daher möchte ich an dieser Stelle das Leitmotiv der Gedenkstätte Buchenwald in voller Länge wiedergeben: „Gedenken braucht Wissen und gegenwartsrelevante Reflexion“.

Bei der Weitergabe der Erinnerung kommt den Schulen eine Schlüsselposition zu. Geht die Vermittlung in der Schulzeit schief, wenden sich die Menschen oft ab. Sie wollen nicht mehr hinschauen. Sie sind für das Thema nicht mehr zugänglich. Sie sind dann von der „Dauerpräsentation unserer Schande“ genervt wie Martin Walser.

Ebenso halte ich es für elementar, dass das Judentum nicht nur im Zeitraum 1933 bis 1945 wahrgenommen wird. Wenn wir zum Beispiel auf die jüdischen Stetl blicken, die es in Osteuropa einst gab, dann haben die Nazis eine ganze Welt endgültig vernichtet.

Auch in Deutschland wurde durch die Schoa eine jahrhundertealte Kultur jäh abgebrochen. Die Vielfalt der jüdischen Geschichte und Kultur, der Einfluss des Judentums auf die Entwicklung der abendländischen Kultur in Europa – das sind wichtige Kenntnisse, die die Schüler brauchen, um der Dimension dieses Völkermords gewahr werden zu können.

Das ist zugleich wichtig für das Verständnis des heutigen Judentums und für unser Zusammenleben. Wenn Juden in der Schule nur als Opfer dargestellt werden, bekommen wir eine Schieflage in der Perspektive, mit der auch heute auf uns geschaut wird.

Hier gibt es in den Schulen großen Nachholbedarf. So sehr, dass der Zentralrat der Juden vor knapp einem Jahr erstmals eine gemeinsame Erklärung mit der Kultusministerkonferenz verabschiedet hat. Darin geht es um eine bessere Vermittlung der jüdischen Kultur und Geschichte. Derzeit sichten Fachleute auf beiden Seiten die vorhandenen Materialien für Lehrer, um sie als kommentierte Sammlung aufzubereiten und Lehrern damit Hilfestellung zu leisten für eine realistische und nicht klischeehafte Vermittlung des Judentums.

Darüber hinaus setzt der Zentralrat auch auf direkte Begegnungen, um das Wissen über das Judentum zu vergrößern. Wir haben das Projekt „Likrat – Jugend und Dialog“ wiederbelebt. Dafür haben wir rund 50 jüdische Jugendliche ausgebildet, die jeweils zu zweit in Schulklassen gehen, um Fragen zum Judentum zu beantworten. Und zwar auf Augenhöhe, unter Gleichaltrigen. Auch diese Begegnungen führen dazu, dass einerseits das Judentum nicht nur auf die Schoa reduziert wird, andererseits die besondere Verantwortung aus der Geschichte heraus ohne moralischen Zeigefinger thematisiert werden kann.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, wie ich es eingangs schon erwähnte, gibt es in den Klassenzimmern immer mehr Schüler, die von ihrer Herkunft her überhaupt nichts mit der deutschen Geschichte zu tun haben. So passiert es nicht selten, dass ein Geschichtslehrer in das Thema Schoa einsteigt und sich durch die Fragen der Schüler unvermittelt beim Thema Nahostkonflikt wiederfindet. Um ehrlich zu sein: In der Haut eines solchen Lehrers möchte ich nicht stecken. Völlig unvorbereitet die aktuelle Politik Israels erklären oder gar rechtfertigen zu müssen – dazu muss man ad hoc erst einmal in der Lage sein!

Gedenken an die Schoa in einer Einwanderungsgesellschaft – wie kann das gelingen?

Kurz gesagt: Indem wir auf die unterschiedliche kulturelle Prägung der Menschen eingehen und sie dort abholen – etwa bei ihren Erfahrungen mit Ausgrenzung oder Verfolgung oder ihren eigenen nationalen Katastrophen und Narrativen. Zugleich aber, indem wir an bestimmten Stellen nicht wanken: Dazu gehören die Ablehnung von Antisemitismus und eine Relativierung des Holocaust durch falsche Vergleiche. Das darf nicht auf Toleranz stoßen!

Lassen Sie mich das etwas ausführen: Wie ich eben schon angedeutet hatte, kommt es nicht selten in Schulen vor, dass muslimische Schüler die Schoa unmittelbar mit dem Nahostkonflikt verknüpfen. Einige versuchen sogar, den Unterricht bei diesem Thema zu verweigern. Wie sie es von ihren Eltern oder in einigen arabischen Fernsehsendern hören, setzen sie die heutige israelische Politik gegenüber den Palästinensern mit der Schoa gleich oder versuchen eine Täter-Opfer-Umkehr.

Die Antisemitismus-Forscherin Juliane Wetzel geht zudem davon aus, dass die Jugendlichen genau wissen, welch hohen Stellenwert das Gedenken an die Opfer der Schoa in Deutschland genießt. Die muslimischen Jugendlichen setzten ihre eigenen Erfahrungen als Opfer von Flucht und Verfolgung oder die Erfahrungen ihrer Eltern und Großeltern mit der Judenverfolgung in der NS-Zeit gleich, sagt Juliane Wetzel. Damit strebten sie danach, gleichermaßen anerkannt zu werden.[4]

Anstatt solche Vergleiche einfach entrüstet abzuwehren, können Lehrer versuchen, genau über diese familiären Erfahrungen der Kinder das Interesse an der NS-Zeit zu wecken.

Vielleicht haben Schüler mit Migrationshintergrund sogar ein besseres Gespür dafür, was Diskriminierung oder der Verlust von Heimat bedeuten. Auch die aktuelle Flüchtlingsproblematik bietet einen Anknüpfungspunkt.

Der Soziologe Harald Welzer spricht in diesem Zusammenhang von einer „transnationalen Erinnerungskultur“. Nationale Geschichtsbilder hingegen würden ihre integrierende Kraft verlieren.[5]

Zugleich – das ist mir wichtig zu wiederholen - dürfen die Pädagogen an bestimmten Stellen nicht wanken. Wenn aktuelle Themen in Bezug zur Schoa gesetzt werden, muss der jeweilige Kontext immer deutlich bleiben. Denn nur so kann vermieden werden, dass die Vergleiche in eine Gleichsetzung münden, die die Schoa verharmlosen.

Daneben müssen Lehrer antisemitischen Vorurteilen, die ihre Schüler transportieren, entschieden entgegentreten. Das ist nicht leicht bei Schülern, die sich ohnehin schon als Außenseiter der Gesellschaft fühlen und sich in einer Verweigerungshaltung befinden.

Machen wir uns nichts vor: Nicht nur die Lehrerinnen und Lehrer in unseren Schulen, aber sie vor allem stehen hier vor einer gewaltigen Aufgabe. Wir dürfen sie damit nicht alleine lassen. Jüngst haben das American Jewish Committee und die Bildungssenatorin von Berlin ein Projekt gestartet, um für Lehrer speziell aufbereitete Materialien zu erarbeiten, die genau auf diese Problematik eingehen. Solche Initiativen brauchen wir im ganzen Land.

Der Schriftsteller Navid Kermani hat diese Herausforderung in diesem Jahr in einer großartigen Rede zum 20-jährigen Bestehen des Lehrstuhls für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität München sehr treffend formuliert:

„Man braucht Einwanderer oder ihre Kinder und Kindeskinder nicht als erinnerungspolitischen Störfall zu behandeln. Die Frage, wie eine Vergangenheit gegenwärtig bleibt, wenn die biographischen Bezüge fehlen, stellt sich ebenso, wenn diese Bezüge sich allmählich auflösen, wie wenn es sie nie gab. (…) Schwieriger zu vermitteln wird es künftigen Deutschen sein, Auschwitz nicht nur als Menschheitsverbrechen, sondern als eigene Geschichte zu begreifen (…).“[6]

Auschwitz als eigene Geschichte zu begreifen. Sich als Teil der Verantwortungsgemeinschaft zu sehen – das muss in Deutschland unser Ziel für die nachfolgenden Generationen bleiben, egal wo die familiären Wurzeln liegen.

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, meine seit Längerem erhobene Forderung, alle Schüler der höheren Klassen sollten einmal eine KZ-Gedenkstätte besuchen, hat viel Zustimmung, aber teilweise auch Kritik ausgelöst. Die Kritiker meinen, ein solch singulärer und zugleich verpflichtender Besuch könne gar nichts bewegen, allenfalls Abwehr verursachen.

Bei meiner Forderung habe ich jedoch genau die heterogene Schülerschaft vor Augen, wie ich sie eben geschildert habe. Ich denke, wenn das Thema Schoa in der Schule gut vermittelt wurde, dann hilft ein Besuch in einem ehemaligen Konzentrationslager sehr beim Verständnis. Die gemeinsame Erfahrung der Schüler kann ähnlich wie durch ein Gespräch mit Zeitzeugen integrierend wirken. Es dürften doch sehr ähnliche Gefühle sein, die ein evangelischer oder katholischer Schüler deutscher Abstammung und ein muslimischer Schüler türkischer Abstammung an einem solchen Ort haben. Ein solcher Besuch muss pädagogisch gut eingebettet sein. Das ist mir klar. Er braucht eine gute Vor- und Nachbereitung. Ansonsten wird es ein Klassenausflug zum KZ, um es salopp auszudrücken.

Das wäre dann Gedenken ohne Wissen.

Damit bin ich beim zweiten Bereich angekommen, der besonders gefordert ist, neue Wege für die Weitergabe der Erinnerung zu finden: den Gedenkstätten. Mit all den Phänomenen, die ich bereits erwähnte, sind auch sie in ihrer Arbeit konfrontiert: Der zeitliche Abstand zum Geschehen wächst. Damit wird übrigens auch der Erhalt der baulichen Überreste und der Exponate eine immer größere Herausforderung. Die Besucherschar wird heterogener. Die Jugend ist visueller geprägt.

Sie lässt sich ansprechen von Fotos und Filmen, von computeranimierten Rekonstruktionen eines Lagers oder Bildern einer 360-Grad-Kamera. Auf diese Entwicklungen haben die Gedenkstätten längst reagiert. Sie stehen vor einem Spagat, wie es jüngst der Leiter der niederländischen Gedenkstätte Westerbork, Dirk Mulder, in der „Jüdischen Allgemeinen“ beschrieben hat: „Wie macht man das Grauen anschaulich, ohne in Disneyisierung abzugleiten?“

So wird in Westerbork gerade eine der Baracken des damaligen Flüchtlingslagers rekonstruiert. 1971 war eigentlich die letzte der alten Baracken abgerissen worden. Eine weitere stand in Teilen noch bei einem Bauern, der sie als Scheune nutzte. Er schenkte sie der Gedenkstätte, die jetzt diese Baracke so rekonstruiert, dass sich die Besucher besser vorstellen können, wie das Lager einst aussah. Eine Rekonstruktion, kein Disneyland – das ist der Spagat, den die Gedenkstätte leisten will.

In der KZ-Gedenkstätte Dachau wird moderne Computertechnik genutzt, um einerseits die Geschichte anschaulicher darzustellen und damit zugleich den Bedürfnissen der Besucher stärker entgegenzukommen. An zwei Medienterminals lassen sich interaktiv die unterschiedlichen Bebauungsarten des Geländes direkt miteinander vergleichen. Lagepläne können quasi übereinander geschoben werden, so dass die Besucher sich besser vorstellen können, was einmal wo stand und wie Gebäude genutzt wurden.

Die Gedenkstätte Auschwitz reagiert ebenfalls auf geänderte Gewohnheiten und versucht, mit einem, wie man so sagt, niedrigschwelligen Angebot auf die Menschen zuzugehen: In einer Wanderausstellung quer durch Europa und Nordamerika sollen ab Ende dieses Jahres 600 Original-Exponate aus dem Vernichtungslager gezeigt werden.

Viele Gedenkstätten setzen auch auf Begegnungsprojekte für junge Menschen. So finden zum Beispiel in Buchenwald jedes Jahr internationale Sommercamps statt. Die jungen Leute aus verschiedenen Ländern arbeiten zwei Wochen lang im Archiv und an einem Gedenkweg mit Namen der Opfer. Am Abend fangen die Mitarbeiter der Gedenkstätte in langen Gesprächen die Fragen auf, die die jungen Leute beschäftigen. Es sind auch Trauer, Wut und Fassungslosigkeit, die ihren Platz finden müssen.

Ich könnte Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, wohl aus jeder KZ-Gedenkstätte, die es heute noch gibt, ähnliche Beispiele aufzählen. Es ist eine großartige Arbeit, die an diesen Orten geleistet wird.

Zu begrüßen wäre auch, wenn die neue Regierungskoalition das Gedenkstättenkonzept des Bundes von 2008 weiterentwickeln würde, wie es die große Koalition bereits geplant, aber leider nicht umgesetzt hatte. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hatte 2015 bereits die Richtung aufgezeigt, in die auch meiner Meinung nach die Neukonzeption gehen müsste:

„So erscheint es (…) unabweisbar, dass es (…) künftig verstärkt auch um die Entwicklung neuer didaktischer Konzepte und um eine Stärkung der Gedenkstättenpädagogik gehen muss. Dies folgt aus den großen didaktischen Herausforderungen, vor denen eine zukunftszugewandte Gedenkstättenarbeit steht. Der wachsenden zeitlichen Distanz zum Nationalsozialismus, der ethnisch und religiös zunehmend heterogenen Zusammensetzung der Besuchergruppen und einer wieder wachsenden Fremdenfeindlichkeit in der Gesellschaft bis hin zu antisemitischen Haltungen gilt es, mit neuen pädagogischen Konzepten Rechnung zu tragen.“

Übersehen dürfen wir dabei allerdings auf keinen Fall: Diese Arbeit kostet Geld. Ausstellungen immer wieder neu zu konzipieren, neues Archivmaterial zu prüfen, neue Mitarbeiter zu schulen, Gebäude in Stand zu halten, Projekte wie solche Internationalen Begegnungen in Buchenwald – für all diese Dinge müssen die Gedenkstätten mit den notwendigen Mitteln ausgestattet werden.

Für die beiden Medienterminals zum Beispiel in der Gedenkstätte Dachau, die ich eben erwähnte, wurden rund 75.000 Euro investiert. Die Mitarbeiter haben drei Jahre an dem Projekt gearbeitet.

Wir können viele warme Worte finden über die Bedeutung des Gedenkens und eine moderne Gedenkkultur – das bleibt ohne Wirkung, wenn die Gedenkstätten ihre Ideen schlicht mangels Geld nicht umsetzen können.

Dies sollte bitte auch bedacht werden, wenn über den Ausbau von Täter-Orten wie dem Museum auf dem Obersalzberg nachgedacht wird. Eine kluge Gestaltung dieser schwierigen Orte ist wichtig. Unsere Prioritäten sollten aber – auch finanziell – auf den Stätten liegen, wo wir der Opfer gedenken und wo Hunderttausende Menschen gelitten haben.

Die Gedenkstätten sind wichtige Orte zur Demokratieerziehung. Ich möchte hier verweisen auf die „Internationale Charta“ zur Tätigkeit von Gedenkstätten, die 2012 von den führenden internationalen Verbänden zu Holocaust-Erziehung und Erinnerung verabschiedet wurde. Darin heißt es, dass Gedenkstätten eine besondere Verpflichtung haben zur Menschenrechtserziehung. Und es wird betont, dass sie größtmögliche Unabhängigkeit von politischen Weisungen haben müssen.

Wir leben in einer Zeit, in der die Rechtspopulisten der AfD in fast allen Parlamenten dieser Republik sitzen – warum ich auf diese Charta verweise, muss ich wohl nicht näher erläutern!

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Gedenkstätten und Museen haben mit Blick auf heutige Lebensgewohnheiten einen Nachteil: Sie sind an einen festen Standort gebunden und nicht immer geöffnet. Sie müssen aktiv aufgesucht werden.

Daher stellt sich die Frage: Wenn Menschen sich nicht aktiv der Erinnerung stellen wollen, wie bringen wir quasi das Gedenken zu ihnen? Wie machen wir deutlich, dass die Schoa mitten in unseren Städten ihren Anfang genommen hat? Dass es damals die Nachbarn waren, die abgeholt wurden und nie zurückkehrten? Dass man heute vielleicht in einer Wohnung lebt, die Juden gehörte und die nach deren Vertreibung von nicht-jüdischen Deutschen bezogen wurde, die auch gleich noch froh das ganze Inventar übernahmen?

Hier hat sich in den vergangenen 20 Jahren ebenfalls eine neue Art des Gedenkens etabliert. Es ist quasi ein dezentrales Gedenken. Ich spiele damit an auf die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig. Er hat inzwischen mehr als 63.000 dieser kleinen Messingplatten in Europa verlegt. Nicht alle sind Anhänger der Stolpersteine. Auch Sie, lieber Rabbiner Brandt, haben dagegen Bedenken. Ich möchte daher betonen: Ich selbst sehe die Wirkung der Stolpersteine positiv. Sie haben jedoch keinen Alleinvertretungsanspruch. Es ist völlig legitim, Alternativen zu entwickeln, wie es jetzt in Augsburg und München geschehen ist.

In Augsburg werden Stolpersteine verlegt und sogenannte Erinnerungsbänder angebracht. Das sind bronzefarbene Metallmanschetten mit dem eingravierten Namen des Opfers, die etwa an einem Laternenmast befestigt werden. In München wird nach jahrelanger Debatte der Stadtrat in wenigen Tagen endgültig entscheiden: Voraussichtlich sollen künftig Gedenktafeln an Hauswänden oder auf Stelen an NS-Opfer erinnern.

Ich kann die Städte nur dazu ermutigen, dass sie ähnlich wie bei den Stolpersteinen Patenschaften für die Erinnerungsbänder oder Gedenktafeln einrichten. Diese Paten recherchieren dann nicht nur das Schicksal der Ermordeten, sondern kümmern sich auch um den Erhalt der Gedenktafel. Das kann auch ein Projekt in einer Schulklasse sein, die sich dadurch anhand eines konkreten Beispiels mit der NS-Vergangenheit befasst.

Doch ob nun Stolperstein oder Gedenktafel: Eigenheit dieser Form des Gedenkens ist, dass es uns im Alltag überrascht. Menschen, die gerade beim Einkaufen sind oder spazieren gehen oder ihren Hund ausführen und mit ihrem Kopf ganz woanders sind, werden plötzlich mit der Schoa konfrontiert. Vielleicht nur für einen kurzen Moment denken sie daran, dass in diesem Haus Menschen lebten, die aus einem einzigen Grund ihr Recht auf Leben verwirkt hatten: weil sie Juden waren.

Und der ein oder andere wird sich still fragen: Was wäre, wenn es heute wieder etwas Ähnliches gäbe? Könnte ich selbst betroffen sein? Würde ich mich für meinen Nachbarn einsetzen? Würde ich gar für meinen Nachbarn mein Leben riskieren?

Diese Fragen können allerdings ebenso gut aufkommen, wenn am 9. November ein Passant zufällig in Berlin durch die Fasanenstraße geht und an der Jüdischen Gemeinde vorbeikommt. Dort hört er, wie Namen vorgelesen werden. Name reiht sich an Name. Es nimmt kein Ende. Jedes Jahr erinnert die Berliner Gemeinde auf diese Weise an die 55.696 ermordeten Berliner Juden. Die Lesung dauert den ganzen Tag und die halbe Nacht.

Es gibt mittlerweile viele Kritiker von festen Gedenktagen. Sie bezeichnen das Gedenken als hohles Ritual. Würde man das über die Namenslesung sagen? Mit Sicherheit nicht. Die Abwertung des ritualisierten Gedenkens lehne ich ab, denn sie wird dieser Form der Pflege der Erinnerung nicht gerecht.

In Würzburg machen wir jedes Jahr am 9. November eine Gedenkfeier am Platz der alten Synagoge. So ist es ja in vielen Städten üblich. Es kommen immer wieder andere Besucher aus diesem Anlass zu dem Platz.

Im Bundestag wird stets zum 27. Januar, dem Internationalen Holocaust-Gedenktag, eine Gedenkstunde abgehalten. Dort haben Überlebende wie Elie Wiesel, Simone Veil oder Jorge Semprun beeindruckende Reden gehalten und in einzigartiger Weise Zeugnis abgelegt.

Leeres Ritual? Das wäre eine Beleidigung dieser Persönlichkeiten.

Nun könnten Sie mir vorhalten, dass ich als Zentralratspräsident gar nicht anders kann, als Gedenktage zu verteidigen. Daher möchte ich noch einmal Navid Kermani zitieren, der hier unverdächtig ist:

„Das kulturelle Gedächtnis braucht Rituale, Mahnmale, Jahrestage, wiederkehrende Bilder und, ja, auch sprachliche Floskeln, um sich zu bilden, zu bewahren und zu entwickeln.“

Meine sehr geehrten Damen und Herren, es wäre jetzt an der Zeit, Sie einmal zu fragen, ob Sie schon einmal in der Gedenkstätte Auschwitz waren. Das möchte ich aber gar nicht wissen. Mich interessiert: Wer von Ihnen war denn schon einmal auf der Facebook-Seite der Gedenkstätte Auschwitz?

Niemand? Da geht es Ihnen wie mir. Ich habe mir auch noch nie diese Facebook-Seite angeschaut. Ich wusste bis vor kurzem gar nicht, dass es überhaupt eine Facebook-Seite der Gedenkstätte gibt.

Mein Sohn hat mich darauf aufmerksam gemacht. Vor allem hat er mir erzählt: Als Titelbild der Seite sah er einen Film. Dabei schwenkte die Kamera – vermutlich wurden die Bilder mit einer Drohne aufgenommen – also, die Kamera schwenkte über die Fundamente der Baracken von Birkenau.

Gefühlt war minutenlang ist nichts anderes zu sehen als die steinernen Rechtecke und Schornsteine. Bis zum Horizont schien sich das Barackenfeld zu erstrecken. Allein dieser kurze Film war beklemmend. Die Seite wurde von mehr als 240.000 Menschen gelikt.

Auch die anderen KZ-Gedenkstätten haben eigene Facebook-Seiten. Mich hat das im ersten Moment, das muss ich zugeben, etwas irritiert. Social media – das klingt für mich zum einen nach Spaßgesellschaft, zum anderen nach hemmungslosen Hass-Kommentaren.

Doch ich muss einräumen: eine Gedenkkultur ohne social media ist heute nicht mehr möglich. Wenn junge Menschen sich informieren wollen, gehen sie ganz selbstverständlich auf diese Kanäle. Sie schätzen es, ihrer Trauer oder Fassungslosigkeit nach einem Besuch in der Gedenkstätte unmittelbar Ausdruck zu verleihen, eben auf Facebook.

Die Gedenkstätte Dachau begibt sich seit einiger Zeit auf diese neuen Wege und bietet so genannte Tweet-up-Rundgänge an. Dabei ist die Besuchergruppe aufgefordert, während des geführten Rundgangs Fotos und Informationen über Twitter und Instagram zu verbreiten. Sogar ein eigener Hashtag, also quasi ein Schlagwort, wird dafür eingeführt.

Für junge Leute gehört es dazu, Bilder aus der Gedenkstätte mit ihren Freunden zu teilen. Sie wollen auch bezeugen: Ich war dort. Man kann das befremdlich finden. Oder kritisieren. Es ist aber einfach die Realität. Und vielleicht machen wir Älteren es uns auch zu einfach, wenn wir darüber die Nase rümpfen. Junge Menschen kommunizieren anders, auch über die Schoa. Deshalb muss es nicht schlechter sein.

Vor einiger Zeit erhielt ich eine Anfrage von der Axel-Springer-Akademie. Ob ich an ihrem Snapchat-Projekt zum Holocaust teilnehmen wolle? Snapchat, das ist ein Kanal, für den selbst mein Sohn sich zu alt fühlt. Darüber werden kurze Nachrichten und Videos verschickt, die sich mit Graphikprogrammen auch noch lustig verfremden lassen.

Nachdem ich mir das hatte erklären lassen, bildeten sich nur Fragezeichen: Snapchat zum Holocaust? Doch ich muss sagen: Es ist ein überzeugendes Projekt! Es heißt „Sachor Jetzt!“ Journalistenschüler der Axel-Springer-Akademie haben ehemalige Konzentrationslager oder Ghettos aufgesucht, sich mit Überlebenden oder jungen Juden getroffen und senden davon über Snapchat Bilder und kurze Videos. Und es ist den jungen Leuten anzumerken, wie ernst ihnen ihr Anliegen ist. Sie wollen die Erinnerung an die Schoa wachhalten und suchen einen Weg, um ihre Eindrücke an Gleichaltrige weiterzugeben.

Ich bin mir sicher, es sind genau solche Wege, die wir ausprobieren und beschreiten müssen.

Unbenommen davon bleibt: Gedenken braucht Wissen. Mahnmale, Stolpersteine oder Social-Media-Projekte sind vom Betrachter nur zu entschlüsseln, wenn zumindest ein Basiswissen über die Schoa vorhanden ist. Daher ersetzen all diese neuen Wege den klassischen Weg über den Schulunterricht nicht.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir werden uns immer wieder überlegen müssen, wie die nächsten Generationen erreicht werden können. In 20 Jahren kräht vielleicht kein Hahn mehr nach Facebook und Snapchat. Dann wird es wieder andere Kommunikationsformen geben.

Wir und unsere Nachkommen werden diese Herausforderung meistern. Denn es bleibt immer das Vermächtnis der Überlebenden stehen. Es bleibt immer unser Auftrag, für die Menschenwürde einzutreten und für eine friedliche und tolerante Welt zu kämpfen.

Ich habe meinen Vortrag mit den Worten eines älteren Schriftstellers begonnen. Ich möchte gerne mit den Worten eines jungen Mannes schließen.

Der 26-jährige Elia Johannes Panskus ist Mitglied im Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“. Er schreibt: „Die Erkenntnis, dass weder die freiheitlichen Errungenschaften der Demokratie im Zusammenleben selbstverständlich sind, noch dass immer alles so bleiben wird, wie es jetzt ist, ereilt uns mit kleinen, aber intensiven Schritten. Weil das so ist, ist gerade meine Generation aufgerufen, sich gegen das Vergessen und für eine Erinnerungskultur einzusetzen.“[7]

[1] Michael Elm: Erinnerung ohne Zeugen. In: Dossier Geschichte und Erinnerung, hg. v. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2008.

[2] Elie Wiesel: Alle Flüsse fließen ins Meer. Autobiographie. Hamburg 1995.

[3] Harald Welzer, Sabine Moller, Karoline Tschuggnall: „Opa war kein Nazi.“ Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis. Frankfurt am Main 2002.

[4] Juliane Wetzel: Erinnern unter Migranten. Die Rolle des Holocaust für Schüler mit Migrationshintergrund, in: Dossier Geschichte und Erinnerung, hg. v. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2008.

[5] Harald Welzer: Erinnerungskultur und Zukunftsgedächtnis, in: , in: Dossier Geschichte und Erinnerung, hg. v. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2008.

[6] Navid Kermani: Auschwitz morgen – Die Zukunft der Erinnerung, in: FAZ, 7.7.2017

[7] Gegen Vergessen - Für Demokratie. Informationen für Mitglieder, Freunde und Förderer von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V., Juni 2017.

Foto: Deutscher Koordinierungsrat/Rafael Herlich