Volkstrauertag auf dem Jüdischen Friedhof in Würzburg



Ansprache Dr. Josef Schuster zum Volkstrauertag auf dem Jüdischen Friedhof in Würzburg, 19.11.2023

Foto: IMAGO / Emmanuele Contini

Anrede,

der heutige Volkstrauertag fällt auf eine außerordentliche schwierige Zeit für das gesamte jüdische Volk. Am 7. Oktober 2023, am letzten Tag des jüdischen Laubhüttenfestes Sukkot, überfielen bewaffnete Terroristen der islamistischen Hamas israelische Kibbutzim, Städte und Dörfer sowie ein Friedensmusikfestival mit dem Ziel möglichst viele Juden zu töten.

1400 Frauen, Männer und Kinder fielen diesem mörderischen Antisemitismus zum Opfer. Nun herrscht dort ein schrecklicher Krieg zwischen den Barbaren von der Hamas und der Israelischen Verteidigungsarmee.

Ich will es auch heute und an dieser Stelle ausdrücklich unterstreichen, wie sehr ich mich vom Herzen über die enge Freundschaft und vielfältige Kooperationen zwischen der Bundeswehr und der Israelischen Verteidigungsarmee freue. Generalleutnant Ingo Gerhartz, Inspekteur der Luftwaffe, machte als Zeichen der Verbundenheit, vergangene Woche eine Blutspende für israelische Opfer des Übergriffs. Das hat auch für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland eine hohe Relevanz!

Der Schoa-Überlebende und Friedensnobelpreisträger Eli Wiesel sagte einst: ,,Jüdisch zu sein, bedeutet zu erinnern“

Deshalb wollen wir heute an die Opfer der beiden Weltkriege erinnern und insbesondere an die sechs Millionen Juden, die während der Schoa ermordet worden. Wie groß der Schmerz an die Gräueltaten der Nazis noch heute ist, wurde uns am 7. Oktober 2023 vergegenwärtigt, während des größten Massakers an Juden seit der Schoa.

 

Meine Damen und Herren,

Der Volkstrauertag vereint jedes Jahr alle Menschen in Deutschland in der Trauer, um die Opfer von Kriegen und Gewaltherrschaft weltweit. Leider fehlt es in dieser Welt nicht an Kriegen, auch auf unserem in den letzten Jahrzehnten friedlichen Kontinent Europa nicht. Der russische Angriffskrieg auf die Ukrainer dauert noch immer an und hat an seiner mörderischen Wucht nichts verloren.

Es erfüllt mich mit Stolz, heute hier auf dem Jüdischen Friedhof in Würzburg, die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr begrüßen zu dürfen. Hier hätten mit Ihnen gemeinsam die Nachfahren, der 12.000 jüdischen Soldaten stehen können, die im Ersten Weltkrieg für das deutsche Vaterland ihr Leben verloren haben.

Die Würdigung seitens der Bundeswehr für diese patriotisch gesinnten Juden hat daher auch heute noch eine besonders hohe Bedeutung und muss auch über den heuten Volkstrauertag eine Erwähnung finden.

In den Jahren 1914 bis 1918 kämpften 100.000 jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg aus Überzeugung für ihre deutsche Heimat. Der jüngste war der 14jährige EUGEN SCHEYER, ein Gymnasiast aus Königsberg in Ostpreußen, der freudig und opferbereit »zu den Fahnen« griff.

Weder Antisemitismus noch staatliche Zäsur des Kriegsministeriums hinderten sie daran, ihren Dienst zu leisten.

Viele bekamen das Eiserne Kreuz, was sie nur wenige Jahre später nicht vor der Verfolgung der Nationalsozialisten schütze. Den Weg in die Gaskammern von Auschwitz müssen während der Schoa auch jüdische Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges gehen.

Am Volkstrauertag besuchen viele Menschen in Deutschland Friedhöfe, um die Gräber von Gefallenen zu pflegen und Blumen zu legen. Es ist aber auch eine Gelegenheit in tiefer Verneigung an die kürzlich oder schon länger verstorbene Angehörige, Freunden und Kameraden zu erinnern.

Im Judentum wird gesagt, wenn man eine Möglichkeit hat zu einer Hochzeit oder Beerdigung zu gehen, sollte man sich immer stets für das zweite entscheiden. Warum? Weil erst bei der Beerdigung dem Menschen die Vergänglichkeit des irdischen Lebens vergegenwärtigt wird.

Ich spüre dies am heutigen am Tag der inneren Einkehr, auf diesem Friedhof, ebenso stark.

 

Meine Damen und Herren,

wir dürfen nicht vergessen, dass Gleichgültigkeit immer stets schlimmer ist als Liebe oder sogar Hass. Diese lässt unsere Herzen kalt und macht uns handlungsunwillig. Doch genau das Gegenteil muss in dieser schwierigen Zeit die Antwort sein: Hinsehen statt Wegschauen!

Am heutigen Tag der Besinnung und des Gedenkens appelliere ich an Sie alle für Menschlichkeit einzustehen und nie die Worte aus ihrem feierlichen Gelöbnis zu vergessen, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.

Das heißt konkret, die Treue zur demokratischen Verfassung zu bewahren, Frieden zu sichern, den Kampf gegen Extremismus und antidemokratischer Ideologien zu fördern sowie den Schutz von Menschenrechten.

Der heutige Leitspruch des Sanitätsdienstes der Bundeswehr „Der Menschlichkeit verpflichtet!“ könnte ebenso gut von dem Namensträger unseres Hauptsitzes in Berlin und des bekannten Feldrabbiners Leo Baeck stammen, der für das Ideal der Mitmenschlichkeit stand, wie kein anderer.

Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Aufmerksamkeit!

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