Vizepräsident Abraham Lehrer auf der Fachtagung „Nice to meet jew“



„Die Begegnung war wirklich toll, aber beim nächsten Mal hätten wir lieber einen orthodoxen Juden da.“

 

„Wir waren schon etwas enttäuscht, dass jemand zu uns kommt, die selbst nie antisemitisch angegriffen wurde.“

 

Ich zitiere hier lose aus Rückmeldungen, die, wie ich mir habe erzählen lassen, an das Meet-a-Jew Team herangetragen wurden. Eins macht dieses sicher wohlmeinende Feedback deutlich:  Meet-a-Jew muss den entsprechenden Schulklassen erneut einen Besuch abstatten und erneut mit allen Erwartungen brechen. Und nicht zuletzt legt es offen, dass die Arbeit von Meet-a-Jew heute wichtiger denn je ist.

 

Im Übrigen erhält Meet-a-Jew solches Feedback nicht, wie vielleicht angenommen, ausschließlich von Schülerinnen und Schülern, sondern auch von denjenigen, die die Begegnungen anfragten, also Lehrkräfte, Dozierenden oder Sportvereinsleitenden. Der Subtext dieses Feedbacks liegt auf der Hand: Man wünscht sich einen in ihren Augen authentischeren oder betroffeneren jüdischen Menschen. Die Jüdin oder der Jude, die zu Begegnung erschienen sind, um von ihrem persönlichen Alltag und ihrer Lebensrealität zu erzählen, wurden den Projektionserwartungen nicht gerecht. An diesen Erwartungen kann man auch nur scheitern. Diese Projektionen interessiert nämlich nicht der Wahrheitsgehalt ihrer Urteile über Juden: sie entfalten eine Eigendynamik, die auch ganz ohne Jüdinnen und Juden funktioniert. Eine Eigendynamik, die gerne auch mal zwischen philosemitischer und antisemitischer Obsession oszilliert. Diese fehlende Normalität im Umgang mit Jüdinnen und Juden, macht auch etwas mit uns, macht etwas mit dem jüdischen Selbstverständnis.

 

Laura Cazés, Publizistin, Psychologin, vor allem aber eine Mitarbeiterin der ZWST und eine wichtige junge jüdische Stimme, hat es pointiert formuliert: (Zitat Anfang) In Deutschland werden jüdische Lebenswelten heute in ihren unterschiedlichen Facetten und Erfahrungsräumen kaum wahrgenommen. Die fast vollständige Vernichtung jüdischen Lebens im Land der Täter wirkt bis heute nach, das Sprechen über sie ist von Unbehagen geprägt. (Zitat Ende)

 

Diese „Berührungsängste“ und die daraus resultierende Unsichtbarmachung von Jüdinnen und Juden will Meet-a-Jew überwinden – und tut dies mit großem Erfolg.  Das Patentrezept: Menschen begreiflich zu machen, dass Judentum kein Monolith, dafür aber ziemlich lebendig, vielschichtig und divers ist. Jüdinnen und Juden gehen in diese Begegnungen nicht als Vertreter des Judentums oder gar als Botschafter Israels, sondern als Individuen, für die Jüdischsein eine wichtige Facette ist. Auch darum pflegt Meet-a-Jew keine strenge Türpolitik gegenüber ihren jüdischen Projektteilnehmenden. Es reicht über 14 Jahre alt, jüdisch und bereit zu sein, an den regelmäßigen Trainings und Weiterbildungen teilzunehmen, die das eigene Wissen zum Judentum, jüdischer Identität, aber auch Gesprächsführung erweitern. That’s it. Das, und die Aufgeschlossenheit und Dialogbereitschaft auf Augenhöhe. Was nicht wenig ist, in Zeiten einer zunehmend polarisierten Gesellschaft. Und das trägt Früchte. Die meisten Begegnungen sind für beide Seiten sehr positive Erfahrungen, die bei vielen Teilnehmenden einen nachhaltigen Denkprozess anstoßen.

Sehr geehrte Damen und Herren, es ist mir eine besondere Freude, zu diesem ganz besonderen Anlass, nämlich dem 5-jährigen Jubiläum des Begegnungsprojekts Meet-a Jew auf dieser Fachtagung zu Ihnen sprechen zu dürfen. Sehr gern überbringe ich Ihnen auch die Grüße des Präsidenten des Zentralrats, Herrn Dr. Josef Schuster. Ein herzliches Mazal Tov und besonderer Dank an das wunderbare Team von Meet-a-Jew!

 

Wir können in diesen zwei kommenden Tagen nicht nur auf geballte Expertise auf der Bühne, sondern auch vor der Bühne zählen. Mit dieser Fachtagung wollen wir auch Sie, die Fachleute, aus Schulen und anderen Bildungseinrichtungen erreichen. Sie sind mit Fragen und Anforderungen konfrontiert, die vor 20 Jahren – also vielleicht in Ihrer Ausbildung - noch nicht in dieser Form Thema waren. Und Sie sind immens wichtige Multiplikatoren, weil sich junge Menschen noch am leichtesten prägen lassen – im Negativen, wie im Positiven. Das heißt, unabhängig von der familiären Prägung der Jugendlichen oder jungen Erwachsenen können wir bei ihnen in Sachen Demokratie-Erziehung noch am meisten erreichen. Ich glaube, wenn man Bildung als Wissens- und Wertevermittlung versteht, dann kann man Vorurteile nicht nur abbauen. Man verhindert auch, dass sie überhaupt erst entstehen.

 

Zugegeben, wir alle denken manchmal in Kategorien und stecken Menschen vorschnell in Schubladen. Psychologisch ist dies durch eine Art Schutzmechanismus zu erklären, weil wir uns diese komplexe Welt vereinfachen wollen. Lehrkräfte sind selbstredend weder davon befreit, in Schubladen zu denken, noch in welche gesteckt zu werden. Auch Lehrende können zur Projektionsfläche von Feindbildern werden, an denen sich Schülerinnen und Schüler abarbeiten. Wir hören auch vermehrt von Lehrenden, die zur Meinungsminderheit in der eigenen Klasse, werden, Klassengemeinschaften, die zum Austragungsort rechter, menschenfeindlicher und antisemitischer Kulturkämpfe wird.

 

Zugleich erleben viele junge Menschen das Verhältnis zu ihren Lehrenden nicht als eines, das auf Augenhöhe stattfindet. Das Wort der Lehrenden kann somit schon rein aus Prinzip angefochten werden, weil Autoritätsansprüche nun mal angefochten gehören. Und Lehrende können selbst aufgrund von verletzendem Fehlverhalten oder Machtmissbrauch das Vertrauen ihrer Schülerschaft verspielen. In all den beschriebenen Szenarien können Begegnungsprojekte wertvolle Arbeit leisten, insbesondere in der Präventionsarbeit: Für manche Schulklassen ist dies häufig das erste Mal, dass sie Juden in ihrem Alter kennenlernen. Die Hemmschwelle, alle Fragen loszuwerden, ist gegenüber Gleichaltrigen natürlich viel niedriger als gegenüber Erwachsenen oder gar Autoritätspersonen wie einem Rabbiner oder einem ZR-Vize. Daher kommen meistens sehr lebhafte Gespräche zustande. Und die Jugendlichen gehen mit einer sehr wichtigen Erkenntnis nach Hause: Die sind zwar jüdisch, aber eigentlich gar nicht anders als wir. Unsicherheit im Umgang miteinander verschwindet dann.

 

Und worum geht es den jüdischen Teilnehmenden? Auch das lässt sich nicht einheitlich beantworten. Ich persönlich, und auch deswegen liegt mir dieses Projekt sehr am Herzen, glaube, dass diese Begegnungen ihre eigene Identität stärken und sie sich gewissermaßen ihrer selbst vergewissern können. Die jüdischen Teilnehmenden, die vor eine Klasse oder eine Fußballmannschaft treten und von ihrem Lebensalltag erzählen, begreifen, dass ihre jüdische Identität richtig ist, so wie sie ist, und dass diese Identität in einer idealen Welt eine Selbstverständlichkeit und kein Politikum sein sollte. 

 

Viele junge Menschen erleben aktuell, dass Schulen, Unis und Bildungseinrichtungen bei weitem keine safe spaces sind – sondern sehr wohl Orte, an denen sie Anfeindungen und Diskriminierungserfahrungen ausgesetzt sind. Hier sehe ich einen Gradmesser für den Zustand unserer Demokratie. Je stärker eine Minderheit ausgegrenzt oder diskriminiert wird, und je stärker die Mehrheit dies mitträgt oder schweigend wegschaut, desto schlechter ist es um die Demokratie bestellt. Ich möchte gesellschaftliche Missstände im Umgang mit anderen Minderheiten nicht ausblenden. Doch da ich hier als Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland spreche, will ich eine Studie zitieren, die im Auftrag des Bildungsministeriums für Bildung und Forschung 2000 Studierende an deutschen Hochschulen zu ihren Einstellungen und Erfahrungen hinsichtlich Antisemitismus befragte. Und sie kamen, nebst anderen Erhebungen, zum Schluss, dass ein Drittel aller jüdischer Studierenden derzeit Antisemitismus am Campus erleben.

 

Alle, die ihren wertebezogenen Bildungsauftrag ernst nehmen, müssen spätestens angesichts dieser Entwicklung aktiv werden. Das Neutralitätsgebot, wie es die AfD auslegt, ist ein Mythos. Schule ist die zentrale Institution, die Kinder und junge Erwachsene auf das Leben vorbereitet. In Deutschland bedeutet das, auf das Leben in einer Demokratie. Das ist das Gegenteil von neutral. Lehrkräfte müssen die demokratischen Werte des Grundgesetzes vermitteln, also etwa Menschenwürde oder die Gleichberechtigung aller unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Religion.

 

Abschließend will ich stellvertretend für die jüdische Gemeinde Frankfurt am Main, Dir, lieber Benjamin Graumann, dafür danken, dass Ihr die Räumlichkeiten der Gemeinde für uns geöffnet habt. Mit diesen Worten wünsche ich Ihnen allen einen guten Austausch und überlasse  Ihnen, die so geduldig gewartet haben, die Bühne. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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