Sieben Kisten mit jüdischem Material



Grußwort des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, zur Eröffnung der Ausstellung „Sieben Kisten mit jüdischem Material“ im Jüdischen Museum München, 5. November 2018

Es gilt das gesprochene Wort!

 

Anrede,

 

Der Pogrom vom 9. auf den 10. November 1938 jährt sich nun zum 80. Mal. Nach neuerer historischer Forschung kostete er ungefähr 400 Menschen das Leben.

 

Viele Jahre wurde von in jener Nacht 91 ermordeten Juden und 267 zerstörten Synagogen gesprochen. Diese Zahl wurde unkritisch von den Nazis selbst übernommen. Sie stammt aus einem Brief vom Chef des SS-Sicherheitsdienstes Heydrich an Göring vom 11. November 1938.

 

Heute weiß man aus zahlreichen Dokumenten, dass die Zahlen über das Grauen jener Nacht weit höher sind. Aus Verzweiflung begangene Selbsttötungen, schwerste Körperverletzungen mit Todesfolge sowie die Morde an Juden sind in der Zahl von 400 Toten jener Nacht enthalten. Eine unbekannte Anzahl jüdischer Frauen wurde in dieser Nacht vergewaltigt.

Der Mob – manchmal waren es die Nachbarn - verbrannte und zerstörte mehr als 1.400 Synagogen und Betstuben, tausende von Geschäften, Wohnungen und Friedhöfe.

 

Ab dem 10. November verschleppten die Nazis rund 30.000 jüdische Männer und Jungen über 15 Jahren in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen. Nicht selten standen gaffende Bürger am Straßenrand und johlten und applaudierten als die Unglücklichen zu den Sammelstellen getrieben wurden. Es wird sogar von Kindern und Jugendlichen berichtet, die unter der Aufsicht von Lehrern Synagogen plünderten und Juden misshandelten und demütigten.

 

Es war die Nacht des Schreckens und der Verzweiflung für die Juden in Deutschland. Es war aber auch die Nacht der Plünderungen, des Raubes, des Diebstahls jüdischen Eigentums. Aus den Synagogen und Betstuben wurden Tora-Rollen und Kultgegenstände bis heute nicht bekannten Ausmaßes vernichtet und geraubt. Die Nazis nannten es „beschlagnahmt“. Es war die Nacht der Bereicherung an jüdischem Eigentum.

 

Die Juden mussten anschließend nicht nur auf eigene Kosten die Zerstörungen beseitigen, die durch die abgebrannten Synagogen in den Stadtbildern entstanden waren. Göring forderte ihnen auch ab, eine Milliarde Reichsmark zu zahlen als „Sühneleistung“ für „die feindliche Haltung des Judentums gegenüber dem deutschen Volk“.

 

Darüber hinaus wurden die Versicherungen angewiesen, die Entschädigungen, auf die die Juden Anspruch gehabt hätten, nicht an diese sondern direkt an den Staat zu leisten. Göring versprach sich davon, die wegen der Kriegsvorbereitungen angespannte Lage der Reichsfinanzen zu verbessern und zugleich die Juden weiter aus dem Wirtschaftsleben zu verdrängen. Beides gelang.

 

Die im Pogrom gestohlenen Kultgegenstände aus den Synagogen und Privathäusern hatten nicht nur die Begehrlichkeit der Gestapo geweckt, die die „Beschlagnahme“ angeordnet hatte, sondern leider auch die etlicher Museumsdirektoren. Das Raubgut sollte lange in den Magazinen der Museen verschwinden.

 

Sie, sehr geehrter Herr Purin, haben diese Ausstellung „Sieben Kisten mit jüdischem Material – Von Raub und Wiederentdeckung 1938 bis heute“ genannt. Bei Inventarisierungsarbeiten im Museum für Franken in Würzburg wurden 2016 Kisten entdeckt, die Gegenstände aus Synagogen, aber vermutlich auch aus Privathaushalten der Region enthielten: Toraschmuck, Chanukka-Leuchter, Sederteller, Besamim-Büchsen und vieles mehr.

 

Soweit die Gegenstände zuzuordnen waren, stammen sie wohl aus sieben Synagogen, aus den Synagogen Arnstein, Ebelsbach, Gochsheim. Heidingsfeld, Miltenberg, Schweinfurt sowie der Synagoge und der Werktagssynagoge Domerschulstraße in Würzburg, aber auch aus dem Altbestand des Fränkischen Luitpold-Museums. Diese Gegenstände hatte die Gestapo dem Mainfränkischen Museum 1939 in sieben Kisten übergeben.

 

Die Washingtoner Erklärung zum Auffinden und der Rückgabe von NS-Raubkunst von 1998 hat eine – wenn auch nicht sehr hohe – Welle von Provenienz-Forschung in deutschen Museen ausgelöst. In diesem Zusammenhang wurden in den vergangenen Jahren Magazine und Archive von Museen durchforstet und Inventarlisten angelegt. Das bis dahin Mainfränkische Museum wurde in die Trägerschaft des Freistaates Bayern überführt, heißt seitdem Museum für Franken und im Rahmen der Übergabe wurden auch dort Inventarlisten erstellt. Und so wurden in Würzburg die sieben Kisten entdeckt, deren Inhalte die Ausstellung zeigt.

 

Bei Betrachtung der Exponate kann man es nur ahnen – obwohl es der Katalog akribisch beschreibt – welch gewaltige Arbeit für die Konservierung der zum Teil stark zerstörten Gegenstände erforderlich war. Die Beschädigungen an den Kultgegenständen entstanden wahrscheinlich, als Würzburg am 16. März 1945 durch Bombenangriffe zerstört wurde.

 

Mit den Exponaten dieser Ausstellung wird auch die wechselvolle Geschichte des mehr als 700 Jahre alten fränkischen Landjudentums und seine wechselvolle Geschichte von Pogromen, Vertreibung und Wiederansiedlung jüdischer Familien und jüdischer Gemeinden im fränkischen Raum abgebildet. Bis zur Schoa war Mainfranken der Raum mit den meisten jüdischen Gemeinden in Deutschland.

 

So wünsche ich Ihnen, sehr geehrter Herr Purin, den Mitarbeitern an dieser Ausstellung und dem Museum viele interessierte Besucher und interessante Begegnungen.

© Daniel Schvarcz
© Daniel Schvarcz
© Daniel Schvarcz