",Nostra Aetate' muss eine bleibende Verpflichtung sein"



Foto: Rafel Herlich

Vortrag von Dr. Josef Schuster bei einer Veranstaltung der Deutschen Bischofskonferenz zu 50 Jahre „Nostra aetate" am 21. Juni 2015

Anrede,

ich kann mich noch gut erinnern: Wir schrieben das Jahr 1975. Ich war ein junger Medizinstudent, und das ganze katholische, wenn nicht auch evangelische Deutschland blickte auf meine Heimatstadt Würzburg. Gespannt warteten alle auf die Beschlüsse der gemeinsamen Synode der Bistümer. Wie würde sich das Zweite Vatikanische Konzil in der Praxis niederschlagen?

Ich muss zugeben: Mich haben damals als junger Student andere, sagen wir mal: weltliche Dinge, mehr interessiert. Aber ich weiß noch gut, dass mein Vater – er war damals Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde von Würzburg – sehr aufmerksam das Geschehen verfolgte. Als Überlebender der Shoa verband er große Hoffnung mit dem Zweiten Vatikanum.

Denn das Zweite Vatikanum hatte auch „Nostra Aetate“ hervorgebracht – und damit einen großen Stein ins Rollen. Sie können mich jetzt – nach diesem Einstieg – für einen überzeugten Lokalpatrioten halten. Das bin ich auch! Aber dass ich bei „Nostra Aetate“ auch an die Würzburger Synode denken muss, das hat viel mit der Erinnerung an die positive Stimmung zu tun, die damals herrschte.

Und als die Deutsche Bischofskonferenz mich einlud, zum 50. Jahrestag der Verkündung von „Nostra Aetate“ zu sprechen – und für diese Einladung möchte ich mich ganz ausdrücklich bedanken! – als die Einladung kam, habe ich mich gefragt: Wie ist die Stimmung heute? Gibt es in der katholischen Kirche immer noch die Aufbruchstimmung des Konzils? Oder gibt es sie – dank des neuen Papstes - sogar wieder? Und wie ist die Stimmung zwischen Juden und Christen? So hoffnungsvoll wie damals?

Es ist sehr zu begrüßen, dass die Bischofskonferenz den 50. Jahrestag zum Anlass für eine Selbstvergewisserung nimmt. Selbstkritisch sollten wir uns fragen, wo wir heute mit dem christlich-jüdischen Dialog eigentlich stehen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, es sind in der Tat auch kritische Punkte anzusprechen, aber ich möchte schon an dieser Stelle unterstreichen: Die Erklärung „Nostra Aetate“ ist im Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum ein Meilenstein! Sie ist auch so etwas wie ein Versprechen, dass die Kirche den Juden gegeben hat. Und dahinter darf sie nie mehr zurückfallen! „Nostra Aetate“ ist mehr als ein Kompass. „Nostra Aetate“ muss eine bleibende Verpflichtung für die Kirche sein!

In vier Abschnitten werde ich auf die Bedeutung von „Nostra Aetate“ aus jüdischer Sicht eingehen.

1. „Nostra Aetate“ ist ein Meilenstein.

Wir müssen uns das vor Augen führen: Zum ersten Mal in ihrer Geschichte hat die katholische Kirche mit der Erklärung „Nostra Aetate“ eine Selbstkorrektur vorgenommen! Nach 2.000 Jahren veränderte sie ihren Kurs.

Sie erkannte nicht nur das Judentum als die Wurzel des Christentums an, sondern betonte zugleich, dass – ich zitiere aus „Nostra Aetate“ – „die Juden nach dem Zeugnis der Apostel immer noch von Gott geliebt“ sind und man „die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen“ dürfe. „Da also das Christen und Juden gemeinsame geistliche Erbe so reich ist, will die Heilige Synode die gegenseitige Kenntnis und Achtung fördern.“

Die Kirche sagte sich von ihrem über Jahrhunderte praktizierten Antijudaismus los. Sie präsentierte sich erstmals – wie es der deutsch-israelische Schriftsteller Chaim Noll einmal beschrieben hat – Zitat: „in aller Offenheit und Angreifbarkeit - als eine fehlbare Institution. Zugleich als eine, die über die geistige Kraft verfügt, sich selbst zu korrigieren“.

Wer heute noch einmal nachliest, wie vehement der Protest aus bestimmten Kreisen der Kirche war und wie scharf arabische und muslimische Staaten beim Vatikan intervenierten, der kann erahnen, wie tief diese Kurskorrektur war und auf allen Seiten empfunden wurde.

Für uns Juden war die Erklärung ein riesiger Schritt. Würde nun endlich die von der Kirche betriebene Judenfeindschaft aufhören? Sie hatte über Jahrhunderte furchtbare Folgen gezeitigt. Zur jüdischen Geschichte gehört die blutige Geschichte von Kreuzzügen und Pogromen und schließlich der Shoa unauflöslich dazu. So war es denn auch kein Zufall, dass jüdische Vertreter im Jahr 2000 in ihrer Antwort auf „Nostra Aetate“ viele Gemeinsamkeiten zwischen Judentum und Christentum herausarbeiteten, aber ausdrücklich auf diese belastende Vergangenheit eingingen: In der Erklärung „Dabru Emet – auf Deutsch: Redet Wahrheit“ heißt es: „Der Nazismus war kein christliches Phänomen. (Aber) ohne die lange Geschichte des christlichen Antijudaismus und christlicher Gewalt gegen Juden hätte die nationalsozialistische Ideologie keinen Bestand finden und nicht verwirklicht werden können. Zu viele Christen waren an den Grausamkeiten der Nazis gegen die Juden beteiligt oder billigten sie. Andere Christen wiederum protestierten nicht genügend gegen die Grausamkeiten. Dennoch war der Nationalsozialismus selbst kein zwangsläufiges Produkt des Christentums. Wäre den Nationalsozialisten die Vernichtung der Juden in vollem Umfang gelungen, hätte sich ihre mörderische Raserei weitaus unmittelbarer gegen die Christen gerichtet.“ Das bringt die historischen Tatsachen auf den Punkt: Die katholische Kirche hatte gründliche Vorarbeit geleistet für die Nazis. Sie konnten auf eine tief verwurzelte Judenfeindlichkeit aufbauen. Für das jüdische Volk endete der Vernichtungswahn der Nationalsozialisten in der Katastrophe der Shoa.

1965, als Nostra Aetate verkündet wurde, lagen nur 20 Jahre dazwischen. Wir müssen uns dies bewusst machen, um zu erkennen: Nostra Aetate war damals ein Meilenstein und ist es bis heute.

2. Der christlich-jüdische Dialog als stabiles Fundament

Dass wir heute auf zahlreiche christlich-jüdische Gesprächskreise, Initiativen und Foren blicken können – das ist ganz wesentlich eine Folge von „Nostra Aetate“. Es hatte schon nach 1945 einzelne Initiativen gegeben, die wichtig waren, um „Nostra Aetate“ den Weg zu bereiten. Und natürlich gab es immer Christen, die sich für Juden und die Verständigung eingesetzt haben, nach dem Krieg und auch während des Krieges.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, lassen Sie mich das hier kurz einschieben, damit kein falscher Eindruck entsteht: Die katholische Kirche hat in der Shoa ohne Frage Schuld auf sich geladen. Aber es gab auch mutige Christen, die in der NS-Zeit für die Rettung von Juden ihr Leben riskierten oder für ihren Glauben mit dem Leben bezahlen mussten – das ist gerade in der jüdischen Gemeinschaft nicht vergessen!

Doch mit „Nostra Aetate“ hatte die Amtskirche die entscheidende theologische Wende vollzogen. Die Wende in den Köpfen und Herzen musste noch folgen – sie dauert bis heute an. Dennoch, das ist meine Erfahrung: Die christlich-jüdischen Beziehungen bilden heute ein stabiles Fundament. In jüngster Vergangenheit haben wir das in der Beschneidungsdebatte 2012 gespürt. Nach dem unsäglichen Urteil des Kölner Landgerichts gegen die Beschneidung stellten sich die beiden großen Kirchen sofort an unsere Seite – und damit ja auch an die Seite der Muslime!

Die Situation damals war wirklich brenzlig: Wäre die Politik der Auffassung der Kölner Richter gefolgt und hätte die Beschneidung aus religiösen Gründen zum Straftatbestand erklärt – dann wäre jüdisches Leben in Deutschland unmöglich geworden! Der nach wie vor große Einfluss der Kirchen auf die Politik war in der Debatte für uns eine große Hilfe. Dafür sind wir bis heute dankbar!

Die Beschneidungsdebatte förderte aber auch ein Bild der Gesellschaft zutage, das erschreckend war: In sehr vielen Beiträgen war ein völliges Unverständnis für Religion generell zu spüren. Gemeinsam standen wir einer säkularisierten Gesellschaft gegenüber und merkten: Hier gilt es, zusammen nicht nur für unsere Werte und Rituale zu kämpfen, sondern für unsere Religionsfreiheit. Hier gilt es, den Wert religiösen Lebens deutlich zu machen und zu verteidigen!

Es wurde klar: Wir befinden uns in der gleichen Lage. Beim interreligiösen Dialog geht es daher nicht nur darum, Konflikte zwischen den Religionsgemeinschaften auszuräumen, sondern uns gegenseitig zu unterstützen und unsere Interessen gemeinsam zu vertreten.

Schon 2011 beim Treffen des Zentralrats der Juden mit Papst Benedikt XVI. hat mein Vorgänger Dieter Graumann das fast in weiser Voraussicht betont: „Und in einer Welt, in der, jedenfalls in Europa, die Kraft des Glaubens leider schwächer und bisweilen weniger populär zu werden scheint, haben wir umso mehr an gemeinsamen Zielen und gemeinsamen Interessen und noch so viel mehr, was uns eint und auch für immer einen muss.“

Dem kann ich mich nur anschließen. Uns allen sollte daran gelegen sein, dass Religion ihren Stellenwert in der Gesellschaft behält und wieder ausbauen kann. Der schwindende Einfluss von Religion ist besorgniserregend.

Das solide Fundament der christlich-jüdischen Beziehungen hat sich in meinen Augen auch zu Beginn dieses Jahres gezeigt. Zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz veröffentlichten die Deutsche Bischofskonferenz und die EKD eine gemeinsame Erklärung. Darin heißt es: „Die bis heute schmerzliche Erinnerung an Auschwitz stellt uns vor die Frage nach Schuld und ihren Folgen sowie nach unserer Verantwortung. (…) Dazu gehört ein kritisches Verhältnis zu den kulturellen und religiösen Traditionen, in denen wir leben und die uns mit den vergangenen Lebenswelten verbinden, in denen die Shoah möglich war. Als Christen können wir auch der Frage nicht ausweichen, warum die Verbrechen von Auschwitz auf einem Kontinent geschahen, der seit mindestens einem Jahrtausend vom Christentum geprägt wurde. (…) Die katholische und die evangelische Kirche treten in ökumenischer Gemeinschaft gegenwärtig und zukünftig entschieden jeder Form von Antijudaismus und Antisemitismus entgegen“.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, der Geist von „Nostra Aetate“ ist in dieser Erklärung ganz deutlich zu spüren. Ja, ich wage sogar zu behaupten: Ohne „Nostra Aetate“ wäre sie gar nicht möglich gewesen. Solche Erklärungen sind nicht selbstverständlich. Und wir, die jüdische Gemeinschaft in Deutschland, wissen sie sehr zu schätzen.

Bischof Mussinghof sprach eben davon, dass es die Pflicht aller Bürger und eine Christenpflicht sei, jeder Form von Antisemitismus entgegenzutreten. Für diese Worte danke ich Ihnen ganz ausdrücklich!

Und gerade ist erstmals eine Delegation der Deutschen Bischofskonferenz mit orthodoxen und liberalen Rabbinern nach Israel gereist, um gemeinsam jüdische und christliche Einrichtungen zu besuchen. Vermutlich gibt es keinen anderen Ort auf der Welt, an dem Religionsvertreter ihr gegenseitiges Verständnis besser vertiefen könnten. Hier wirkt „Nostra Aetate“ im besten Sinne nach.

An dieser Reise zeigt sich auch, wie wichtig die Erklärung „Nostra Aetate“ für das Verhältnis des Vatikans zu Israel war. 1993 schlossen beide Staaten ihren Grundlagenvertrag miteinander ab. Und für die jüdische Gemeinschaft weltweit gilt: Niemals darf die Kirche die Bedeutung Israels für uns Juden unterschätzen! Nie darf das Existenzrecht Israels in Frage gestellt werden!

3. „Nostra Aetate“ in unserer Zeit

„Nostra Aetate“ wird stets als die bahnbrechende Erklärung der katholischen Kirche zum Judentum betrachtet. Zu Recht. Aber wir sollten nicht übersehen, dass der Text darüber hinausgeht: Es ist die Erklärung – so der Titel - „über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen“. Ein ganzer Abschnitt (Nostra Aetate III) ist dem Islam gewidmet. „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen Gott anbeten (…)“ „Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslimen kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen (…)“

Und im Schlussabschnitt von „Nostra Aetate“ heißt es: „Deshalb verwirft die Kirche jede Diskriminierung eines Menschen oder jeden Gewaltakt gegen ihn um seiner Rasse oder Farbe, seines Standes oder seiner Religion willen (…)“

Meine Damen und Herren, 1965 war die Welt noch eine andere. Es gibt keinen Grund, sie in rosarote Farben zu tauchen. Aber hätte sich damals jemand vorstellen können, dass im Namen einer Religion Verkehrsflugzeuge in Wolkenkratzer gelenkt werden? War der islamistische Terror, wie er heute Christen und Juden bedroht, in dieser Weise vorstellbar?

Millionen von Muslimen haben mit diesem Terror nichts zu tun. Auseinandersetzen müssen sie sich aber ebenso mit der Gewalt, die im Namen ihrer Religion ausgeübt wird, wie die katholische Kirche dies auch tun musste. Die lateinischen Worte „Nostra Aetate“ bedeuten „In unserer Zeit“. Kann uns die Erklärung auch heute, in unserer Zeit, einen Weg weisen, wie wir in einen fruchtbaren Dialog mit der muslimischen Welt kommen können?

Papst Johannes Paul II., der wie kein zweiter im Geist von „Nostra Aetate“ gewirkt hat, hat einmal gesagt: „Der interreligiöse Dialog ist nie ein Versuch, unsere eigene Sicht der Dinge anderen aufzuzwingen. Er bedeutet auch nicht, dass wir unsere eigenen Überzeugungen aufgeben. Nein, Dialog bedeutet vielmehr, dass wir fest zu dem stehen, woran wir glauben, während wir gleichzeitig den anderen voller Respekt zuhören und dabei das suchen, was gut und heilig ist, was den Frieden und die Kooperation fördert.“

Gewalt wird geächtet, aber wir bemühen uns um gegenseitiges Verstehen – das ist quasi das Rezept, das uns „Nostra Aetate“ gibt. In unserer Zeit bedeutet das: Terroristen werden geächtet. Aber im Dialog mit den Muslimen bemühen wir uns um gegenseitiges Verstehen. Gegenseitiges Verständnis ist wahrlich nicht leicht. Es verlangt uns allen viel ab. Es spricht aber viel dafür, dass nur mit diesem Schlüssel das Tor zu einer friedlicheren Welt geöffnet werden kann.

4. „Nostra Aetate“ als bleibende Verpflichtung

Im eben gehörten Vortrag wurde „Nostra Aetate“ als „bleibender Kompass“ bezeichnet. Wie ich es eingangs schon erwähnte, möchte ich noch darüber hinausgehen. Die Erklärung „Nostra Aetate“ sollte nicht nur Kompass, sondern eine bleibende Verpflichtung sein!

Ein Kompass weist den richtigen Weg. Aber wir wissen nur zu gut: Die Nadel eines Kompasses zittert oft. Manchmal wird sie auch magnetisch abgelenkt. Manchmal verirren wir uns trotz Kompass. Das trifft zwar alles auch auf den fragilen christlich-jüdischen Dialog zu. Aber als Vorgabe ist mir das zu wenig. Was wir anstreben, sollte mehr sein: Die katholische Kirche ist ein Versprechen eingegangen gegenüber dem Judentum. Sie hat sich verpflichtet. Und hinter dieses Versprechen darf sie nicht mehr zurückfallen.

Leider gibt es aus jüdischer Sicht seit dem Pontifikat von Benedikt XVI. Zweifel an der Standfestigkeit der Kirche. Es sind drei Themen, die ich hier ansprechen muss:

die Neufassung der Karfreitagsfürbitte für die lateinische Messe die Rücknahme der Exkommunikation der vier Bischöfe der Pius-Bruderschaft sowie die angestrebte Seligsprechung von Papst Pius XII. Zur Karfreitagsfürbitte:

Die Abschaffung der alten Karfreitagsfürbitte war für die jüdische Gemeinschaft ein sehr wichtiger Schritt gewesen. Umso größer war der Schock, als Papst Benedikt XVI. 2008 die Karfreitagsfürbitte für den außerordentlichen Ritus neu formulierte. Darin fanden sich die Worte wieder, dass die Herzen der Juden erleuchtet werden mögen, damit sie Jesus Christus erkennen.

Die Skepsis auf jüdischer Seite - die ohnehin vor allem unter orthodoxen Juden immer bestanden hatte – dieses Misstrauen, ob die Kirche letztlich nicht doch die alte Judenmission fortsetzen wolle, gewann prompt die Oberhand.

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal Chaim Noll zitieren, der diese zutreffenden Sätze allerdings schon 2005 verfasste: „Die Wunden sind tief, das Selbstverständnis beider Seiten von der unseligen Feindschaft gezeichnet, eine Wieder-Annäherung schien lange im Bereich des Undenkbaren und ist auch heute ein schweres, umstrittenes Werk.“ Als Kardinal Walter Kasper dann in der FAZ auch noch gönnerhaft den Juden unterstellte, ihre Irritationen wegen der neuformulierten Karfreitagsfürbitte seien nicht rational, sondern emotional begründet, da war der christlich-jüdische Dialog so sehr erschwert, dass sein Ende drohte.

Wir Juden fragten uns: Wenn uns die katholische Kirche als ihren älteren Bruder bezeichnet, dann fehlt es diesem jüngeren Bruder aber offenbar an Respekt. Dann fühlt er sich seinem älteren Geschwisterteil, vermutlich weil er größer ist, offenbar überlegen.

Und ja, wir Juden reagieren emotional, wenn sich eine Gruppe uns gegenüber als ausdrücklich überlegen einstuft. Kardinal Kasper ergänzte noch generös: „Man sollte sie (die Irritationen) jedoch nicht als Ausdruck von Überempfindlichkeit abtun.“ Doch, genau das! Wir sind überempfindlich. Denn wir haben sechs Millionen Brüder und Schwestern verloren, weil andere Menschen uns als minderwertig betrachteten. Und deshalb sind wir sofort hellwach, wenn kleinste Anzeichen wieder in diese Richtung deuten.

Wir sind hellwach, aber nicht hysterisch. Wir haben auch registriert, dass Papst Benedikt jeglicher Judenmission eine klare Absage erteilt hat. Ebenso ist uns natürlich der Besuch des Papstes in der Kölner Synagoge im Jahr 2005 in Erinnerung. Damit hat er ein starkes Zeichen der Verbundenheit gesetzt. Und in seinem zweiten Jesus-Buch verneint Benedikt XVI. die Verursachung der Kreuzigung Jesu durch die Juden.

Daneben haben wir auch die theologischen Ausführungen von Kardinal Kasper zur neuen Karfreitagsfürbitte zur Kenntnis genommen. Darin legte er dar, warum diese Neuformulierung genau nicht hinter „Nostra aetate“ zurückgeht. Dennoch: Theologie ist das eine. Empathie ist das andere.

Daher bekräftige ich unsere Forderung von damals: Die Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte muss zurückgenommen werden!

Ein wenig in der Schwebe ist derzeit – so vermittelt es sich zumindest nach außen – die vollständige Wiederaufnahme der Pius-Bruderschaft in den Schoß der katholischen Kirche. Welchen Status die Bischöfe bekommen sollen, scheint noch nicht entschieden zu sein. Fakt ist aber: Die Rücknahme der Exkommunikation der vier Bischöfe hat unter Papst Benedikt XVI. stattgefunden und hat bis heute Bestand. Damit ist diese antisemitische Bruderschaft – die im Übrigen „Nostra Aetate“ ablehnt und Holocaust-Leugner in ihren Reihen hat – fast gänzlich rehabilitiert. So sehr sich die deutschen Bischöfe davon distanziert haben – und das wissen wir zu würdigen – bleibt dies eine Belastung des jüdisch-christlichen Dialogs.

Und schließlich Papst Pius XII. Er ist eine höchst umstrittene Persönlichkeit. Und so sehr es eine Tatsache ist, dass er zur Rettung vieler Juden beitrug, ist es ebenso eine Tatsache, dass die Kirche unter seiner Leitung davor zurückschreckte, wirklich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die Nazis vorzugehen, und es ist eine Tatsache, dass unter den Augen von Papst Pius XII. die römischen Juden deportiert wurden.

An dieser Ambilvalenz wird deutlich, wie wichtig eine seriöse und wissenschaftliche, historische Einordnung von Pius XII. ist. Die Akten aus dieser Zeit aus den Archiven des Vatikans müssen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Wir begrüßen es daher sehr, dass Papst Franziskus derzeit zurückhaltend mit der Seligsprechung umgeht.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, die Brücke zwischen Christen und Juden hat diesen Belastungen bisher standgehalten. Zuversichtlich stimmen mich auch viele Gesten des neuen Papstes, der eine besondere Nähe und persönliche Verbindung zum Judentum hat.

Denn weiterhin sind wir Bedrohungen ausgesetzt: Wenn ich etwa sehe, dass ein evangelischer Theologe dafür plädiert, die hebräische Bibel, oder um es christlich auszudrücken – das Alte Testament – aus dem Kanon zu verbannen – dann ist ein kurzer Draht, vor allem Vertrauen zwischen beiden Religionen wichtig.

Vor allem aber brauchen wir gegenseitigen Respekt. Die respektvolle Haltung, die sich durch die gesamte Erklärung „Nostra Aetate“ zieht, sollte für uns Vorbild sein. Respekt ist eine Tugend, die leider auch in unserer Gesellschaft – so scheint mir – verloren zu gehen droht. Wenn wir Religionsgemeinschaften respektvoll miteinander umgehen und respektvoll übereinander reden – dann können wir als Vorbilder in die Gesellschaft wirken. Auch in diesem Sinne ist „Nostra Aetate“ eine bleibende Verpflichtung – für die Kirche, aber auch für uns, die jüdische Gemeinschaft.

Ich danke Ihnen!

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