Historische und theologische Perspektiven



Grußwort von Dr. Josef Schuster bei der Internationalen Konferenz „Bilanz und Neuaufbrüche. Gegenwart und Zukunft des christlich-jüdischen Dialogs. Historische und theologische Perspektiven“, Frankfurt a. M., 13.5.2018

Grußwort von Dr. Josef Schuster bei der Internationalen Konferenz „Bilanz und Neuaufbrüche. Gegenwart und Zukunft des christlich-jüdischen Dialogs. Historische und theologische Perspektiven“, Frankfurt a. M., 13.5.2018

 

Anrede,

„Die Gegenwart und Zukunft des christlich-jüdischen Dialogs“ – das ist genau das, was wir gerade erleben. Wenn ich mir die stolze Liste der Veranstalter ansehe, dann ist diese Konferenz gelebter christlich-jüdischer Dialog.

Sie werfen in diesen Tagen einen Blick auf die Geschichte des christlich-jüdischen Dialogs und einen Blick auf Gegenwart und Zukunft.

Angesichts der Herausforderungen, vor der beide Religionsgemeinschaften in unserer westlichen Welt stehen, ist diese Standort-Bestimmung nicht nur sinnvoll, sondern notwendig.

Von dem, was ich von den Vorbereitungen mitbekommen habe, erahne ich, wieviel Arbeit in der Konzeption dieser Konferenz steckt. Viele Köpfe aus verschiedenen Konfessionen - das bedeutet auch viel Abstimmungsbedarf. Vielleicht hat mancher von Ihnen zwischendurch heimlich geseufzt und erleichtert daran gedacht, dass die nächste Veranstaltung wieder nur in der eigenen Konfession stattfindet. Denn interreligiöser Dialog ist manchmal anstrengend.

Wir alle wissen aber aus der deutschen Geschichte und aus unserer Erfahrung, warum sich diese Anstrengung lohnt.

An dieser Stelle möchte ich daher all jenen, die diese Konferenz vorbereitet haben und hier mitwirken, ganz herzlich danken!

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich möchte Ihren Blick auf einen Menschen lenken, der die Anstrengung des interreligiösen Dialogs auf sich genommen hat in einer Zeit, in der dieser Begriff noch gar nicht erfunden war:

Rabbiner Leo Baeck.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entsprach es – noch viel weniger als heute - weder unter christlichen Theologen noch unter Rabbinern dem Mainstream, Verständnis für die jeweils andere Religion zu wecken, sich mit ihren Schriften auseinanderzusetzen und einen Dialog auf Augenhöhe zu führen.

Leo Baeck hingegen beschritt genau diesen Weg. Dabei ging es ihm sowohl um eine Selbstvergewisserung des  eigenen Glaubens als auch um Respekt vor den Unterschieden zwischen den beiden großen monotheistischen Weltreligionen Judentum und Christentum. Sogar auf den Islam weitete Leo Baeck seinen Blick. Im Zentrum seiner Arbeiten stand jedoch der christlich-jüdische Dialog.

Dabei scheute sich Leo Baeck nicht, auch unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Gerade den Protestantismus unterzog er einer scharfen Kritik. So schrieb er 1926:

„Es ist ein geistiges und moralisches Unglück Deutschlands, daß (…) man aus dem Deutschtum eine Religion gemacht hat. Anstatt an Gott zu glauben, glauben sie – lutherische Pfarrer voran – an das Deutschtum.“

Diese Haltung von Leo Baeck – die Selbstvergewisserung ob des eigenen Standpunkts, der Respekt vor den Unterschieden der Religionen sowie die klare Benennung von Fehlentwicklungen oder Problemen – diese Haltung sollte meines Erachtens auch heute für uns der Maßstab im jüdisch-christlichen Dialog sein.

Denn heutzutage haben wir es mit einem Phänomen zu tun, das die Selbstvergewisserung oder, um es anders auszudrücken, die Festigung der eigenen Identität erschwert: In Zeiten einer steigenden Religionsferne ist Religion einerseits ständig Thema, andererseits findet eine inhaltliche Entleerung statt.

In unseren öffentlichen und medialen Debatten spielt Religion vor allem eine Rolle als politische Frage, als Machtfrage und als ethnische Frage. Nur um die religiösen Inhalte geht es zumindest in den Medien kaum noch.

Die Frage, was Christen, Juden und Muslime in ihrem Glauben unterscheidet und was sie verbindet, was ihren jeweiligen Glauben ausmacht – das spielt nur noch eine sehr untergeordnete Rolle.

Debatten über den politischen Einfluss der großen Weltreligionen sind sicherlich auch interessant und wichtig. Aber sie sind  kein Dialog über den religiösen Kern und in der Regel auch kein Dialog zwischen den Religionen.

Einen Dialog kann ich nur führen, wenn ich meinem Gegenüber wirkliches Interesse entgegenbringe. Oder wie es der frühere Bundespräsident Johannes Rau – ein überzeugter evangelischer Christ - einmal gesagt hat:

 „Wer sich auf einen Dialog einlässt (….), der hat bereits eine fundamentale Grundentscheidung getroffen (….). Er hat allein durch die Tatsache, einen Dialog zu führen, anerkannt, dass er nicht allein im Vollbesitz der ganzen Wahrheit ist. (….) Wer in einen Dialog eintritt, der lässt sich darauf ein, dass der andere vielleicht recht haben könnte.“

Sich darauf einzulassen, dass der Andere Recht haben könnte – das war über Jahrhunderte in den christlichen Kirchen in Bezug auf das Judentum undenkbar. Erst die Schoa hat in beiden christlichen Kirchen dazu geführt, den uralten, eigenen Antijudaismus zu hinterfragen und das Judentum als gleichwertig anzuerkennen.

Und ich wage zu behaupten: Dieser Prozess ist in den Kirchen noch immer nicht abgeschlossen.

Ich kann in meinem kurzen Grußwort die Desiderate von jüdischer Seite nicht ausführlich erläutern.

Doch da Sie hier, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, alle vom Fach sind, werden ein paar Stichpunkte reichen:

eine klare Distanzierung vom Kairos-Dokument sowie von jeglicher Form von Judenmission auch bei evangelikalen Freikirchen wäre für die evangelische Seite zu nennen.

Mit Blick auf die katholische Kirche will ich erwähnen: die lateinische Karfreitagsfürbitte, die Anerkennung der Pius-Bruderschaft sowie das immer noch laufende Verfahren zur Seligsprechung von Papst Pius XII.

Einige dieser Punkte sind uns auch deshalb so wichtig, weil sie zum Antisemitismus beitragen, der sich als Kritik an Israel tarnt und leider auch in Kirchenkreisen immer häufiger anzutreffen ist. Eine grundsätzliche Solidarität mit dem Staat Israel und ein deutliches Bekenntnis zur bleibenden Verantwortung Deutschlands für Israel erwarten wir von den Kirchen. Es reicht nicht, die Verbrechen der Schoa rückblickend zu verurteilen. Sie müssen Konsequenz für unser Handeln bis heute haben.

Wenn Sie diese unmissverständliche Haltung in Ihre Kirchengemeinden hineintragen, können Sie damit einen essenziellen Beitrag leisten, um den Antisemitismus in Deutschland einzudämmen.

Es gehört zu einem ehrlichen Dialog, über diese Punkte zu sprechen.

Zugleich wissen wir auf jüdischer Seite die immense Entwicklung zu schätzen, die beide Kirchen seit Ende des Zweiten Weltkriegs gemacht haben. Neben EKD-Denkschriften und der Synoden-Erklärung zum Reformationsjubiläum sowie der Konzilserklärung Nostra Aetate und deren Bestätigung 50 Jahre später möchte ich auf ein Beispiel aus der jüngsten Zeit verweisen. Hier zeigte sich jenseits von Erklärungen, nämlich im konkreten Handeln, wie fest das christlich-jüdische Fundament über die Jahrzehnte geworden ist: Ich spreche von der Beschneidungsdebatte 2012.

Im Urteil des Kölner Landgerichts, das den Stein ins Rollen brachte, ging es um die Beschneidung eines muslimischen Jungen. Dennoch rückten in der öffentlichen Debatte sofort wir Juden ins Zentrum der Vorwürfe und der Kritik. Die Kirchen hätten dies in aller Ruhe beobachten können, ohne sich zu rühren. Taten sie aber nicht.

Sie zeigten sofort und öffentlich Solidarität und setzten sich vehement für die weitere Erlaubnis der Beschneidung ein. Noch immer sind die Kirchen große gesellschaftliche Player. Sie machten ihren Einfluss geltend und sprangen zwei Minderheiten in diesem Land bei.

Denn die Kirchen hatten sofort erkannt: Hier geht es um etwas sehr Prinzipielles: um die Religionsfreiheit.

Um die Freiheit der Religionsgemeinschaften, eigenständig über ihre Riten zu entscheiden. Und es ging auch darum, in einer Gesellschaft das Verständnis für Bedürfnisse der Religionsgemeinschaften zu erhalten bzw. neu zu wecken.

Dieser Zusammenhalt von christlichen Kirchen, jüdischer und muslimischer Gemeinschaft in dieser speziellen und zugleich für Juden und Muslime existenziellen Frage hat erheblich dazu beigetragen, dass sich im Bundestag eine Mehrheit für das Beschneidungsgesetz fand, wie es dann verabschiedet wurde.

Und ich bin mir sicher: Solche Situationen werden sich wiederholen. Denn so wie in unserer Gesellschaft die Kirchenbindung schwindet, schwindet auch der Respekt vor den Religionen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich bin kein Rabbiner und beschäftige mich auch nicht wissenschaftlich mit dem jüdisch-christlichen Dialog. Meine Erfahrungen stammen weitestgehend aus der Praxis.

Auf zwei Themen, die immer wieder in der Debatte über den christlich-jüdischen Dialog eine Rolle spielen, möchte ich aber noch kurz eingehen.

Zum einen die Frage: Brauchen wir nicht viel dringender einen christlich-jüdisch-muslimischen Trialog?

Dazu sage ich ein klares Nein. Und um nicht missverstanden zu werden: Selbstverständlich brauchen wir das Gespräch mit muslimischen Verbänden und muslimischen Persönlichkeiten. Wenn jedoch ein christlich-jüdisch-muslimischer Trialog unseren bisherigen Dialog ersetzen sollte, dann halte ich dies nicht für sinnvoll. Denn der Dialog des Christentums mit seinem älteren Bruder ist unerlässlich.

Ich habe Ihnen eben nur Stichworte hingeworfen zu den immer noch ungeklärten Fragen zwischen Juden und Christen. Uns allen ist klar, wie komplex die Sachverhalte sind, die sich hinter jedem einzelnen Stichpunkt verbergen.

Zum zweiten: Sollten wir statt eines interreligiösen Dialogs besser einen interkulturellen Dialog führen, der auch die wachsende Zahl säkularer Menschen einbezieht und vielleicht auch jüngere Menschen stärker anspricht?

Auch hier sage ich ein klares Nein.

Allein in unserer eigenen jüdischen Gemeinschaft haben wir einen Prozess hinter uns, damit aus Kultusgemeinden keine Kulturgemeinden wurden. Denn wir haben viele Menschen integriert, die nur noch einen kulturellen Bezug zum Judentum mitbrachten.

Und wenn ich im September im Supermarkt Adventskalender sehe oder schon kurz nach Dreikönig Schokoladen-Osterhasen, dann wird allein an diesem profanen Beispiel ja deutlich, wie weit die Gesellschaft von Religion schon weg ist, und was übrig bleibt, wenn religiöse Feste nur noch als Folklore gesehen werden.

In unserer Gesellschaft regelt sich vieles nach Angebot und Nachfrage. Hier, in diesem Kreis, muss ich nicht erklären, dass unsere Religionen ein zeitloses Angebot darstellen. Wir müssen es so attraktiv vermitteln, dass die Nachfrage auch bei den jüngeren Generationen erhalten bleibt. Denn das Angebot dürfen wir nicht verwässern, sonst werden wir austauschbar.

Bei dieser Konferenz werden Sie den christlich-jüdischen Dialog anhand verschiedener gesellschaftlicher Themen und theologischer Fragestellungen durchdeklinieren. Und schließlich werfen Sie zum Abschluss selbstbewusst einen Blick auf die nächsten 50 Jahre.

Diese Zuversicht teilte auch Leo Baeck. Nur ein Jahrzehnt nach der größten Menschheitskatastrophe, nach der Schoa, blickte Leo Baeck optimistisch auf das Verhältnis der drei monotheistischen Religionen.

Sehr häufig wird Leo Baeck ja mit seinen pessimistischen Sätzen über das Ende des Judentums in Deutschland zitiert. Ich möchte Ihnen aber zum Schluss einen ganz anderen Blick des großen Rabbiners mit auf den Weg geben:

„Sie sollen  nicht gleich werden, und sie können nicht gleich werden. Sie sollen aber einander verstehen. Verstehen bedeutet zugleich, voreinander Respekt haben, und vor dem andern kann nur der Respekt haben, der vor sich selber Respekt hat. (…) Dann werden gute Tage kommen. Menschen und Völker und Bekenntnisse werden geschieden bleiben, werden in ihrer Besonderheit weiter leben, aber sie werden wissen, daß sie zusammen gehören, Teile der einen Menschheit sind, zusammenleben sollen auf dieser unserer Erde, einander sehend und einander verstehend, und, wenn es Not tut, einander helfend.“

 

Ich danke Ihnen!