Gütig, wahrhaftig, wohlwollend



Gastkommentar

Die gold-blaue Kuppel der Neuen Synagoge in Berlin ist inzwischen fast so etwas wie ein jüdisches Wahrzeichen der Hauptstadt geworden. Jeden Tag stehen Touristengruppen vor dem prächtigen Bau in der Oranienburger Straße. Erst vor wenigen Wochen wurden unweit der Synagoge die Fundamente einer weiteren früheren Synagoge freigelegt. In der riesigen Baugrube neben dem einstigen alternativen Kulturzentrum Tacheles rekonstruierten Archäologen den Bodender ersten Reformsynagoge Berlins. Und wer hinter der Baugrube in die  Tucholskystraße einbiegt, der findet hier sowohl das Gebäude, in dem einst das Hildesheimer Rabbinerseminar untergebracht war, als auch die  frühere Hochschule der Wissenschaft des Judentums, das heutige Leo-Baeck-Haus, in dem der Zentralrat der Juden in Deutschland seit 1999 seinen Sitz hat. Zwischen alldiesen Stätten gibt es einen Zusammenhang: Sie sind steinerne Zeugen der Blütezeit des deutschen Judentums am Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts. Es war eine Zeit, in der theologische Debatten auf höchstem intellektuellen Niveau die deutschen Juden bewegten. In welche Richtung sollte es gehen? Sollte an den orthodoxen Traditionen festgehalten werden? Oder gehörte dem liberalen Judentum die Zukunft? Liberale Synagogen wurden zum Beispiel mit Orgeln versehen, was in früheren Zeiten in Synagogen undenkbar gewesen war. Die sehr angesehene Hochschule der Wissenschaft des Judentums fühlte sich ebenfalls neuen Forschungsmethoden verpflichtet.

Zu den herausragenden Figuren des Judentums der damaligen Zeit gehörte Leo Baeck. Seine Schriften zur jüdischen Religion, zum Verhältnis zwischen Judentum und Christentum, sein beispielloser Einsatz für die jüdische Gemeinschaft in der Nazi-Zeit sowie seine Fähigkeiten und Leistungen als Seelsorger machen ihn bis heute zu einem Vorbild und zu einer prägenden Persönlichkeit.

Anlässlich seines 60.Todestages an diesem 2. November lohnt sich ein genauerer Blick auf Leben und Wirken Leo Baecks. Auch für heutige

Fragen finden sich bei ihm Antworten. Für mich persönlich tat sich schon als Heranwachsender eine Tür zu Leo Baeck auf. Meine Eltern fühlten sich dem traditionellen Judentum verpflichtet und standen der sogenannten Würzburger Orthodoxie nahe, die offen und modern war. Wenn wir nach Israel reisten, nahmen mich meine Eltern in Haifa mit in liberale Gottesdienste. Die gab es nach der Schoah in Deutschland nichtmehr. Sie wollten, dass ich auch diese Richtung des Judentums kennenlernte. Und die Tür zu Leo Baeck öffnete sich für mich durch den den am Freitag verstorbenen liberalen Rabbiner Nathan Peter Levinson. Zu ihm pflegten meine Eltern engen Kontakt. Er war quasi unser Hausrabbiner – und Schüler von Baeck.

Leo Baeck genoss in seinem Elternhaus in der heute polnischen Provinz Posen ebenfalls eine traditionelle, aber dennoch weltoffene Erziehung. So war es kein Zufall, dass er später an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums studierte, aber auch Kurse am orthodoxen Hildesheimer’schen Lehrhaus in Berlin besuchte. Das wäre etwa so, als wenn heute ein Student sowohl das liberale Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam als auch das orthodoxe Rabbinerseminar zu Berlin besuchte. Der Bruch durch die Schoah war so tief, dass wir in Deutschland bisher weder zahlenmäßig noch von der innerjüdischen Debattenkultur her den Zustand der Vorkriegszeit erreicht haben. Es gibt aber zarte Ansätze, mit denen wir an diese Vergangenheit anknüpfen.

Das ist keineswegs selbstverständlich. 1945 hatte Leo Baeck mit tiefem Pessimismus auf das jüdische Leben in Deutschland geblickt: „Gewiss werden einzelne Gemeinden hier und da fortexistieren, doch die nährende Humusschicht ist nicht mehr vorhanden.“ Leo Baeck konnte nicht ahnen, dass gut vier Jahrzehnte später durch die Zuwanderung von Juden aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion wieder eine Humusschicht im Werden begriffen ist. Inzwischen sind unsere Gemeinden so gewachsen, dass eigene jüdische Schulen sowie Studiengänge

und Ausbildungsstätten für Rabbiner wieder möglich geworden sind. Auch die religiöse Vielfalt innerhalb des Judentums in Deutschland ist gewachsen. Unmittelbar nach dem Krieg überwog ganz deutlich die traditionelle Richtung. Erst nach und nach bauten sich liberale Gemeinden auf. Heute ist von orthodoxen überkonservative bis hin zu liberalen Strömungen ein breites Spektrum vertreten. Dies betrachte ich als großes Geschenk.

Die Pluralität führt mitunter zu Auseinandersetzungen und Konkurrenzdenken, sie ist dennoch gewinnbringend. Denn für eine Religion sind Debatten viel besser als Stillstand oder, wie Leo Baeck es einmal ausdrückte: „Es handelt sich (…) um eine neue Idee, mit der das Judentum innerlich, sich treu bleibend, heute sich auseinandersetzen muss, in welcher Form immer, so wie es im Gange seiner Geschichte mit so manchem neuen Gedanken und um ihn gerungen und zuletzt, an sich festhaltend, ihn in sich aufgenommen hat.“

Es ist daher auch gut, dass der Zentralrat der Juden in Deutschland als politischer Spitzenverband alle Richtungen des Judentums vertritt und damit die unterschiedlichen Bedürfnisse gleichermaßen berücksichtigen kann. Ebenso ist das Modell der Einheitsgemeinde, in der sich alle

religiösen Richtungen unter einem Dach vereinen, weiterhin sinnvoll. Selbst wenn wir von gewachsenen Gemeinden sprechen können, ist unsere Gesamtzahl von knapp 100000 Mitgliedern immer noch sehr überschaubar.

Wir haben es zudem – hier unterscheidet sich unsere Situation nicht von der der Kirchen – mit einer zunehmend pluralen Gesellschaft zu tun, in der sich eine Vielzahl an Religionen und Weltanschauungen wiederfindet. Die Bedrohungen durch Extremisten, sei es von rechts oder von

Islamisten, nehmen ebenfalls zu. Um die Herausforderungen meistern zu können, die diese Entwicklung mit sich bringt, brauchen

wir sowohl eine gefestigte religiös kulturelle Identität und Selbstvergewisserung als auch Offenheit für den Dialog. Die Schriften von Leo Baeck sind für diese Aufgabe bis heute wegweisend. Letztlich liegt für mich der Schlüssel für ein gelingendes Miteinander innerhalb unserer

jüdischen Gemeinschaft und in unserer Gesellschaft insgesamt jedoch in der Mitmenschlichkeit, wie sie auch Leo Baeck nachgesagt wird. Ein Leidensgenosse des großen Rabbiners im KZ Theresienstadt schilderte sie so: „Er verhielt sich so, wie sich seinen Begriffen nach ein Mensch immer und überall und unter allen noch so widrigen Umständen zu verhalten hat, gütig, wahrhaftig und wohlwollend.“