Gemeinsame Verantwortung für die Zukunft



Vortrag von Dr. Josef Schuster bei den Pfeifferschen Stiftungen zum Thema „Gemeinsame Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft“ im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit 2022 und des Festjahres „1700 Jahre JLID“

Foto: Viktoria Kühne

Als ich die Einladung bekam, hier in Magdeburg in der Johanniskirche zu sprechen, da entstanden bei mir viele Bilder im Kopf, aber mit Sicherheit nicht das Bild eines so modernen Veranstaltungsortes. Und ich bin wirklich beeindruckt, dass sich eine ehemalige Kirche auf diese Weise nutzen und gestalten lässt.

Ich danke dem Evangelischen Kirchenkreis Magdeburg, dem Evangelischen Hochschulbeirat und den Pfeifferschen Stiftungen, vor allem Ihnen, liebe Frau Weise, für die Einladung.

Frau Weise und ich blicken auf viele Jahre einer guten, interreligiösen Zusammenarbeit in Würzburg zurück. Für mich als Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg und Unterfranken waren Sie in Ihrer Funktion als Würzburger Dekanin immer eine wichtige Ansprechperson und auch verlässliche Bündnispartnerin.

Ihren Weggang aus Würzburg habe ich bedauert, mich aber zugleich gefreut, dass Sie die verantwortungsvolle Aufgabe als Vorsteherin der Pfeifferschen Stiftungen übernommen haben.

Vielleicht war es gut, dass Sie bei Ihrer Entscheidung für den neuen Posten von Corona noch nichts ahnten. Denn die Verantwortung für medizinische und Pflege-Einrichtungen ausgerechnet zu Beginn einer Pandemie zu übernehmen, das ist wirklich eine Bewährungsprobe.

Ich bin Internist und weiß, wovon ich spreche. 2020 habe ich meine Praxis in Würzburg aufgegeben, aus Altersgründen. Aber die Corona-Situation hat die Entscheidung definitiv leichter gemacht.

Daneben habe ich mich auch gefreut, heute aus einem positiven Anlass nach Sachsen-Anhalt zu reisen. Zuletzt war ich im Oktober vergangenen Jahres hier, genauer gesagt in Halle. Gemeinsam mit Ihnen, sehr geehrter Herr Ministerpräsident/Herr Haseloff, habe ich auf der Einheits-Expo den „Cube“ zum jüdischen Leben besichtigt. Auch das war ein positiver Anlass.

Doch ich nehme an, Sie, verehrte Damen und Herren, werden nachvollziehen können, dass Sachsen-Anhalt in meinem Kopf – leider! - noch immer vor allem verbunden ist mit dem Anschlag auf die Synagoge in Halle 2019. Diese Erinnerung sitzt tief.

Am Tag nach dem Anschlag, am 10. Oktober 2019, habe ich gemeinsam mit Bundespräsident Steinmeier und Ihnen, Herr Haseloff, die Orte des Anschlags besucht. Einzig das Blumenmeer und die Kerzen vor der Synagoge und vor dem Döner-Imbiss machten etwas Mut. Denn offensichtlich gab es sehr viele Bürger in Halle, die diesen Anschlag verurteilten und Mitgefühl mit den Opfern zeigten.

Seit meiner Wahl zum Präsidenten des Zentralrats der Juden 2014 war und ist dies der bedrückendste Termin, den ich bis dahin wahrgenommen hatte. Ich hätte nicht gedacht, nur wenige Monate später erneut zu einem ähnlichen Ort aufbrechen zu müssen: nach Hanau.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

die Vorfreude auf diesen Termin wurde und wird einzig getrübt vom Kriegsgeschehen, das wir alle mit großer Sorge und vielen Ängsten seit dem 24. Februar beobachten. Uns allen fällt es derzeit schwer, sich auf andere Themen zu konzentrieren. Doch es bleibt gerade in dieser Zeit wichtig, unsere Demokratie in Deutschland zu festigen und hiesige politische Entwicklungen nicht aus dem Auge zu verlieren.

Mein heutiger Vortrag trägt den Titel „Gemeinsame Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft“ und ist sowohl in die diesjährige „Woche der Brüderlichkeit“ als auch in das Festjahr „1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“ eingebettet.

Diesen Vortrag möchte ich nutzen, um mit Ihnen meine Gedanken zu vier Themenkomplexen zu teilen: zu den Folgen der Corona-Pandemie, zur Bedeutung der Religionsgemeinschaften bzw. dem christlich-jüdischen Dialog, zur Bedeutung von Bildung und last, but not least zu Antisemitismus und Rechtsextremismus. Leider habe ich viel Anlass, um über das letztgenannte Thema zu sprechen.

Wer in Magdeburg auf Einladung evangelischer Institutionen an diesem historischen Ort spricht, der Johanniskirche, kommt – egal welcher Konfession man ist – um einen Mann nicht herum: um Martin Luther. Seine große Statue vor der Kirche ist ja nicht zu übersehen. Und als er hier im Jahr 1524 predigte, soll die Kirche proppenvoll gewesen sein.

Nun wird es Menschen geben, die es verwerflich oder zumindest unverständlich finden, dass ich als Jude und Zentralratspräsident bereit bin, an einem mit Luther verbundenen Ort zu sprechen. Denn Luthers Antijudaismus ist kein Geheimnis.

Nun müssen Sie wissen, dass ich auch schon bei EKD-Synoden zu Gast war und vor ein paar Monaten am Reformationstag bei der Reformationsfeier der Landeskirche von Hessen-Nassau in Wiesbaden - in der Lutherkirche! - eine Rede gehalten habe. Scherzhaft könnte ich sagen: Da ist das hier in Magdeburg also halb so schlimm.

Doch im Ernst: So falsch es wäre, wenn die evangelische Kirche Luthers judenfeindliche Schriften totschweigen würde, so falsch wäre es auch, das Wirken des Reformators und Kirchenstifters auf seinen Antijudaismus zu verkürzen. Luther spielt in der deutschen Geschichte und Kultur eine wichtige Rolle. Und ich habe auch kein Problem damit, in einer ehemaligen Kirche eine Rede zu halten, die eng mit ihm verknüpft ist.

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

ich bin weder evangelisch noch Theologe, doch ein wenig habe ich im Religionsunterricht mitbekommen. Als jüdischer Schüler musste ich natürlich nicht den katholischen oder evangelischen Religionsunterricht besuchen, aber manchmal saß ich in meiner Freistunde freiwillig in der letzten Reihe und habe doch das ein oder andere aufgeschnappt.

Und wenn wir heute Abend über unsere gemeinsame Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft sprechen, dann sind wir schnell bei Martin Luther. Denn sein Freiheitsbegriff ist eng an Verantwortung gekoppelt. Und hier gibt es – was ja im Grunde nicht verwundert – enge Anknüpfungen an die jüdische Auffassung von Freiheit. Denn auch im Judentum wird Freiheit mit den Geboten verknüpft. Es geht um Regeln der Freiheit, die ein Zusammenleben ermöglichen.

Zugleich wird in der Bibel eine Freiheit von allen Verpflichtungen erwähnt. Der Berliner Rabbiner Andreas Nachama hat dies jüngst sehr klug ausgelegt:

„Biblisch gesehen ist also absolute Freiheit völlige Einsamkeit“, schrieb Rabbiner Nachama in der „Jüdischen Allgemeinen“ Zeitung. Wer seine Freiheit auf Kosten anderer lebe, zerstöre das Leben.

Ich möchte hier keine neue theologische Debatte eröffnen, doch mir scheint diese Auffassung nicht sehr weit weg zu sein von Martin Luther. Denn wer gegenüber seinen Mitmenschen die eigene Freiheit absolut setzt und nicht mit Verantwortung verknüpft, macht ein friedliches Zusammenleben unmöglich. Und so wird – wenn ich das richtig verstanden habe – auch Luthers Freiheitsbegriff interpretiert.

Und dies führt mich zu meinem ersten Themenkomplex, zu den politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, die wir seit Beginn der Corona-Pandemie erleben. Freiheit bzw. die Einschränkung unserer Freiheit hat seit 2020 plötzlich in Deutschland eine Bedeutung bekommen wie vielleicht seit 1988/89 nicht mehr.

Und in dieser Freiheits-Debatte kommt mir bei manchen Bürgern die Frage nach der Verantwortung deutlich zu kurz!

Es ist nichts dagegen einzuwenden, darüber zu diskutieren, welche Einschränkungen der Grundrechte durch die Pandemie gerechtfertigt sind. Im Gegenteil. Diese Diskussion musste und muss geführt werden. Das zeichnet einen Rechtsstaat und eine Demokratie aus.

Die Proteste, die neuerdings Spaziergänge heißen, von Corona-Leugnern, Impf-Gegnern und so genannten Querdenkern haben jedoch mit politischer Debatte oder gar politischer Kultur nichts mehr zu tun.

In einer völlig vergifteten Atmosphäre blühen Verschwörungsnarrative, wird Hass geschürt, werden Feindbilder genährt und erhält auch der Antisemitismus kräftigen Aufwind.

Im ganzen Land hat sich eine beängstigende Melange gebildet: Esoteriker, christliche Fundamentalisten und Anthroposophen marschieren einträchtig mit AfDlern und anderen Rechtsextremisten. In jüngster Zeit kommt es immer häufiger zu Protesten vor den privaten Wohnhäusern von Politikern. Polizisten, Kommunalpolitiker und Journalisten werden bedroht, beleidigt und zum Teil körperlich attackiert.

 

Meine Damen und Herren,

Sie müssen sich das vor Augen führen: Es gab bereits Corona-Leugner-Demos, bei denen die Polizei für die Presse „Schutzzonen“ eingerichtet hat.

Die Demonstranten beklagen ja allerorten eine – wie sie sagen – Corona-Diktatur. Nun, wenn die freie Presse angegriffen wird, dann frage ich: Wer greift denn hier zu Mitteln einer Diktatur?

Es sind die Corona-Leugner selbst, die die Demokratie mit Füßen treten!

Sie alle eint angeblich die Überzeugung, dass die Grundrechte zu Unrecht eingeschränkt würden. Unter dieser Oberfläche wurde allerdings schnell sichtbar, dass Rechtsradikale diese Bühne nutzen, um den aus ihrer Sicht notwendigen Sturz „des Systems“, also des demokratischen und liberalen Rechtsstaats, herbeizuführen.

Geeint werden die Demonstranten noch durch eine weitere gemeinsame Überzeugung: den Glauben, dass eine geheime Elite das Virus in die Welt gesetzt habe, dass die Bürger zu Marionetten würden etc. Das alte antisemitische Narrativ der jüdischen Weltverschwörung wird der aktuellen Situation angepasst. Rechtsextreme finden auf diese Weise Zugang zu Menschen, die vorher schwieriger zu erreichen waren.

Zugleich ist die paradoxe Situation entstanden, dass die Corona-Leugner einerseits Juden als Verursacher der Pandemie, also als Täter identifizieren und andererseits sich selbst mit Holocaust-Opfern vergleichen. Von Anfang an waren bei den Demonstrationen gelbe „Judensterne“ mit der Aufschrift „ungeimpft“ in Anlehnung an die NS-Zeit zu sehen.

Der Appell der Regierenden, möglichst zu Hause zu bleiben, wurde mit der Situation in den 1940er Jahren gleichgesetzt, in der Juden sich verstecken mussten, um ihr Leben zu retten. Einen traurigen Höhepunkt erfuhr diese Entwicklung, als sich bei einer „Querdenken“-Demo in Stuttgart eine Elfjährige mit Anne Frank verglich. Nicht das Mädchen ist zu verurteilen, sondern die Erwachsenen, die sie dazu gebracht haben.

Ich bin sehr froh, dass in einigen Bundesländern die Justizminister und die Staatsanwaltschaften inzwischen das Tragen dieser nachgemachten „Judensterne“ als volksverhetzend einstufen. Ich hoffe, dass Polizei und Justiz bundesweit viel stärker gegen diese Geschichtsklitterung der Demonstranten vorgehen und sie juristisch zur Verantwortung ziehen.

Daneben finden sich solche unverfrorenen Vergleiche mit der Nazi-Zeit absurderweise auch am anderen Ende des Spektrums, bei den Menschen, die einen harten Lockdown befürworten, bei der No-Covid-Bewegung. Die Präsenzpflicht in den Schulen vergleichen sie mit der Eugenik des Dritten Reiches. Kinder sollten angeblich planmäßig „durchseucht“ werden. Schulen werden als „Vernichtungsstätten“ bezeichnet.

Lassen Sie es mich ganz klipp und klar sagen: Wer sich hierzulande wegen der Corona-Maßnahmen auf eine Stufe mit Opfern der Schoa stellt, handelt menschenverachtend und total respektlos!

Diese Menschen verletzen die Würde der NS-Opfer. Das darf gerade in Deutschland niemand tolerieren!

 

Ebenso wähnen sich die „Querdenker“ im Widerstand zur angeblichen Corona-Diktatur und vergleichen sich mit Sophie Scholl von der „Weißen Rose“.

Eine solche unverschämte Vereinnahmung der Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus durch Menschen, die die Demokratie ablehnen, habe ich bisher nicht erlebt.

Mit mangelndem historischen Wissen möchte ich das nicht entschuldigen. Gerade von rechtsextremen Kräften werden diese Narrative und Verschwörungsmythen ganz bewusst genutzt:

- um sich selbst als Opfer darzustellen,

- die Regelverstöße zu legitimieren

- und den Nationalsozialismus zu verharmlosen.

Festzuhalten bleibt: Die unterschiedlichen Gruppen, die sich in ihrer Gegnerschaft zur Corona-Politik zusammengefunden haben, greifen auf alte antisemitische Stereotype zurück. Welch extreme Auswirkungen das haben kann, hat ein Familiendrama in der Nähe von Berlin gezeigt: Weil er eine jüdische Verschwörung witterte, ermordete ein Corona-Leugner seine komplette Familie und sich selbst.

Besonders gefährlich ist diese gesellschaftliche Entwicklung, weil sie nicht nur die Menschen erreicht, die vor Ort bei den Demos mitmarschieren, und weil sie nicht an den Grenzen Deutschlands endet. Über die sozialen Netzwerke finden die Verschwörungsmythen und falschen Behauptungen eine immense Verbreitung.

Inzwischen wird diskutiert, ob es zutreffend ist, von einer Spaltung der Gesellschaft zu sprechen. Denn eine Fragmentierung in unterschiedliche politische Lager hat es in der Bundesrepublik immer gegeben.

Ich halte heutzutage die Situation jedoch für riskanter als zum Beispiel in Zeiten der 1968er Studentenbewegung. Und zwar genau wegen der Verbreitung. Die radikalen Gedanken von Rechtsextremen oder Querdenkern finden via Internet ein riesiges Publikum.

Die Fliehkraft, die derzeit auf unsere Demokratie einwirkt, halte ich für deutlich stärker als in anderen Zeiten.

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

da unter Ihnen vermutlich auch einige sind, die in Einrichtungen der Pfeifferschen Stiftungen arbeiten, möchte ich beim Thema Corona einen anderen Aspekt nicht vernachlässigen.

Diese Pandemie bedeutet für alle Menschen eine Belastung. Am größten war diese Belastung für die, die wir unter dem Begriff „vulnerable Gruppen“ subsumieren: für alte Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen.

Das sind genau die Menschen, um die Sie sich täglich kümmern.

Und für eine weitere Gruppe war die Belastung am größten: für alle in den Heil- und Pflegeberufen. Seit dem Frühjahr 2020 sind Sie mit Schwerkranken und Sterbenden konfrontiert, denen man nur eingeschränkt helfen kann. Denn die Krankheit ist noch viel zu unbekannt. Sie stehen verzweifelten Angehörigen gegenüber. Sie müssen die Menschen davon abhalten, den Kranken zu umarmen. Sie alle arbeiten seit zwei Jahren in noch anstrengenderen Diensten und Schichten, zum Teil in dicker Schutzkleidung.

Wenn Deutschland noch recht glimpflich bisher durch die Pandemie gekommen ist, verdankt es das zum größten Teil Ihnen! Sie können stolz auf sich sein!

Abschließend – wir können das Wort „Corona“ ja auch eigentlich nicht mehr hören – möchte ich zu diesem Thema sagen:

Ob der Begriff „Spaltung“ zutreffend ist oder nicht – die Pandemie hat zu gesellschaftlichen Verwerfungen geführt.

Wir dürfen das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ich fürchte auch, dass die rechtsextreme Szene dadurch einen Auftrieb erhalten hat, den wir in den nächsten Jahren unangenehm spüren werden.

Für die jüdische Gemeinschaft und auch für andere Minderheiten in unserem Land wie zum Beispiel Flüchtlinge oder People of Colour stellt die wachsende rechtsextreme Szene eine Bedrohung dar.

Und wenn gesellschaftliche Minderheiten bedroht sind, ist die Demokratie insgesamt bedroht!

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

Gräben zu überwinden und den Zusammenhalt zu stärken, ist noch schwieriger als ohnehin schon, wenn man sich nicht in größeren Gruppen treffen darf. Dieser Situation waren wir mit wenigen Unterbrechungen seit zwei Jahren ausgesetzt.

Die Einschränkungen trafen auch die Kirchen und jüdischen Gemeinden. Damit komme ich zu meinem zweiten Themenkomplex, der Bedeutung der Religionsgemeinschaften und zum christlich-jüdischen Verhältnis.

Auch die Religionsfreiheit war seit dem Frühjahr 2020 eingeschränkt. Zunächst fanden gar keine G‘ttesdienste mehr statt, dann unter starken Auflagen. Das betraf alle Religionsgemeinschaften. Für viele Menschen brachen damit wichtige soziale Kontakte weg. Seelsorge per Video oder Telefon ist auch nicht das gleiche wie die persönliche Begegnung. Nicht selten war Einsamkeit die Folge. Und noch immer haben wir diesen Zustand nicht wirklich überwunden. Wir wissen auch nicht, was ab dem Herbst wieder auf uns zukommt.

In meiner jüdischen Gemeinde in Würzburg ging es uns so – und ich vermute, das war vielerorts der Fall –, dass uns jetzt wieder richtig bewusst ist, wie wichtig es ist, sich zu sehen, sich austauschen zu können. Zugleich teilen wir mit vermutlich den meisten Kirchengemeinden die Sorge, dass manche Mitglieder den Weg zurück nicht mehr finden werden, selbst wenn alles wieder erlaubt ist.

Sinkende Mitgliederzahlen sind aber ohnehin schon seit einigen Jahren Fakt. Das hat in den jüdischen Gemeinden vor allem demographische Gründe Gerade erst gab es eine Vertrauensumfrage des Meinungsforschungsinstituts forsa. Danach vertrauen die Bürger stärker dem Zentralrat der Juden als den beiden christlichen Kirchen. Angesichts des gestiegenen Antisemitismus hat mich dieses Ergebnis überrascht. Erfreut war ich nicht. Denn dass der Zentralrat die Kirchen überholt hat, liegt vor allem daran, dass das Vertrauen in die Kirchen stark gesunken ist, vor allem in die vom Missbrauchsskandal gebeutelte katholische Kirche.

Damit verlieren Institutionen an Vertrauen, die für bestimmte Werte stehen. Und die diese Werte stets vermittelt haben. Auch in der jüdischen Gemeinschaft fragen wir uns: Wie erreichen wir jene Juden, die keiner Gemeinde angehören? Wie vermitteln wir ihnen die zentralen Werte bzw. Gebote des Judentums? Oder ist ihnen das gar nicht mehr wichtig?

Und auch darüber hinaus: Unsere Werte, die sich nicht wesentlich von den christlichen Werten unterscheiden, können insgesamt in der Gesellschaft als Leitplanken dienen. Was passiert, wenn sich so viele Menschen abwenden?

 

 

 

 

 

Um unsere 105 Gemeinden vor allem dabei zu unterstützen, die Mitgliederbindung zu stärken, hat der Zentralrat der Juden mehrere Programme aufgelegt: Zum einen versuchen wir, gezielt junge Familien anzusprechen. Es wurden Boxen mit Materialien für Kinder verschiedener Altersstufen entwickelt, die wir an Familien schicken. Sie enthalten Erklärungen zu den jüdischen Feiertagen und bieten Bastelmaterial, Spiele und nachgebildete Ritualgegenstände, um Kinder mit der jüdischen Religion vertraut zu machen. Und – nebenbei bemerkt – auch manche Eltern an die Religion heranzuführen.

Daneben haben wir aus den USA ein Programm adaptiert, das sich PJ Library nennt. PJ als Abkürzung für Pyjama: Wir versenden kostenlos Kinderbücher, die zum Beispiel als Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen werden können. Dabei geht es stets um jüdische Themen. Solche Kinderbücher finden sich in Buchhandlungen hierzulande nur schwer. Wer an den Programmen teilnehmen will, muss in einer Gemeinde angemeldet sein.

Allerdings müssen wir natürlich auch jüngere Menschen im Studentenalter sowie ältere Menschen gewinnen. Wer beruflich arriviert ist und dessen Kinder aus dem Gröbsten heraus sind, hat mehr Zeit, sich ehrenamtlich zu engagieren. Für frischgebackene Eltern bleibt dafür meistens keine Zeit.

Daher bieten wir unseren Gemeinden seit dem vergangenen Jahr professionelle Beratung und Begleitung für Gemeindeentwicklung an. Ausgebildete Coaches gehen in die Gemeinden, lassen sich – zum Teil vertraulich – berichten, was gut und was weniger gut läuft, und erstellen eine Analyse. Darauf basierend entwickeln sie Vorschläge. Das geht von Fragen der Gemeindeleitung und Entscheidungsstrukturen bis zur Jugendarbeit. Im Zentrum der Arbeit stehen zwei Themen: Wie kann sich eine Gemeinde für die Zukunft aufstellen und wie kann sie neue Mitglieder gewinnen oder ihre Mitglieder halten?

Bisher sind wir sehr positiv überrascht, wie offen sich die Gemeinden für das Coaching zeigen und wie viele mitmachen wollen.

Ich glaube, es wäre gut, wenn sich die Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit auch über solche Fragen austauschten. Es gibt selbstverständlich wichtige theologische Fragen. Es ist auch wichtig, dass es überhaupt Kontakte gibt und man sich gegenseitig kennenlernt. Doch vielleicht können wir auch ganz praktisch voneinander profitieren.

Im Februar ist leider eine der herausragenden Persönlichkeiten des jüdisch-christlichen Dialogs von uns gegangen: Rabbiner Henry G. Brandt sel. A.

 

 

 

 

 

Er brachte sowohl ein immenses Wissen als auch eine dem Menschen sehr zugewandte Haltung mit sich. Wir können nur hoffen, dass sich weiterhin ähnliche Persönlichkeiten finden, die sich in der christlich-jüdischen Zusammenarbeit engagieren. In Sachsen-Anhalt hat Rabbiner Daniel Fabian als neuer Landesrabbiner sein Amt angetreten. Ihn kenne ich als sehr engagierten und offenen Menschen.

Das christlich-jüdische Verhältnis ist so gut wie es wohl noch nie in der Geschichte war. Aber ein Selbstläufer ist es nicht. Wir müssen stetig an dieser Verständigung zwischen den Religionen arbeiten.

Wenn ich noch einmal auf die Vertrauenswerte aus der forsa-Umfrage erinnern darf:

Unser Ziel kann ja nicht sein, dass wir uns so gut verstehen, weil wir gemeinsam in einem sinkenden Schiff sitzen. Nein, es gilt gemeinsam ein Schiff zu bauen, dass Stürme, die heutzutage Shitstorm heißen, aushält und das mit modernsten anderen Fahrzeugen mithalten kann, ohne seinen Charakter zu verlieren!

Einen inneren Halt zu haben, ein Fundament – wie wichtig das ist, dürften viele Menschen in der Corona-Krise begriffen haben. Leider suchen viel zu viele Bürger Halt bei rechten Rattenfängern.

Gerade die Religionsgemeinschaften können und müssen dem etwas entgegensetzen.

Wir sind gefordert wie lange nicht. Wir werden aber auch gebraucht wie lange nicht.

Sicherlich müssen wir in vielen Punkten heraus aus der Komfortzone.

Sicherlich gibt es gerade in der katholischen Kirche einen großen Reformbedarf.

Sicherlich wurden große Fehler gemacht.

Dennoch – davon bin ich überzeugt – gibt es nicht nur eine Chance für die Religionsgemeinschaften, sondern wir haben eine Verpflichtung. Der sollten wir nachkommen!

Verbunden mit dem Mitgliederschwund und sinkendem Vertrauen ist auch ein schwindendes Wissen. Als Juden sind wir schon fast daran gewöhnt, dass die meisten Bürger in Deutschland mit Judentum ausschließlich die Schoa verbinden, ansonsten aber fast nichts kennen, außer antisemitische Vorurteile.

 

Inzwischen zeigt sich jedoch bei Umfragen, dass viele Menschen auch Kerninhalte der christlichen Religion nicht mehr erklären können. Laut einer Emnid-Umfrage 2018 konnte jeder fünfte Befragte nicht sagen, woran das Osterfest erinnert. Auf Youtube findet sich eine Straßenumfrage, wo ein junger Stuttgarter auf die Frage, wofür der Karfreitag steht, antwortet: Da ist Jesus nach Israel zurückgekehrt.

Diese Antwort lässt einen schmunzeln, aber eigentlich ist dieses mangelnde Wissen nicht nur erschreckend, es ist gefährlich. Denn Unwissen ist der Nährboden für Vorurteile.

Und damit bin ich beim dritten Thema: der Bildung.

Ich habe vorhin die Umfrage zum Karfreitag erwähnt. Im vergangenen Jahr gab es eine ebenfalls sehr interessante Umfrage zum Wissen über das Judentum. Die Hanns-Seidel-Stiftung und die Orthodoxe Rabbinerkonferenz hatten diese repräsentative Studie durchführen lassen. Dabei zeigte sich, dass fast die Hälfte der Deutschen noch nie mit jüdischem Leben in Berührung gekommen ist.

Nur rund 19 Prozent gaben an, in der Schule über das Judentum etwas erfahren zu haben. Und welche Themen des jüdischen Lebens werden wahrgenommen? Das sind vor allem Antisemitismus, die Schoa sowie die Politik Israels.

Über das moderne jüdische Leben in Deutschland, über die jüdische Religion, zum Beispiel die Feiertage oder über den Beitrag von Juden zur deutschen Geistesgeschichte wissen die meisten Menschen hierzulande extrem wenig.

Das finanziell größte Projekt, das der Zentralrat der Juden in seinem rund 70-jährigen Bestehen derzeit angeht, entsteht genau aus diesem Grund: Wir bauen in Frankfurt am Main eine Jüdische Akademie. Hier sollen gesellschaftliche Debatten um die jüdische Perspektive bereichert werden. Hier wollen wir Juden und Nicht-Juden in einen Austausch bringen.

Daneben bin ich sehr froh, welch großer Erfolg das Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ geworden ist. Überall in Deutschland haben Veranstaltungen stattgefunden, die genau das gezeigt haben: Judentum ist mehr als Schoa und Israel. Auch in den Medien gab es viele Beiträge, die bislang wenig bekannte Aspekte des Judentums vermittelt haben.

Der in Köln gegründete Verein „321 – 1700 Jahre JLID“ hat wirklich eine tolle Arbeit gemacht. Und bis Mitte dieses Jahres wird das Festjahr ja noch fortgesetzt.

In Sachsen-Anhalt finden im Rahmen des Festjahres – um ein Beispiel zu nennen - die jüdischen Kulturtage statt – auch ein guter Weg, um Wissen über das Judentum zu vermitteln und Berührungsängste abzubauen.

 

Eine noch viel wichtigere Rolle bei der Wissensvermittlung spielen jedoch die Schulen. Sie haben eine Schlüsselfunktion.

Das gilt auch für die jüdischen Kinder. Ich bin sehr glücklich, dass wir hier in Sachsen-Anhalt ein Modellprojekt für jüdischen Religionsunterricht starten konnten. In diesem Schuljahr findet in Halle in der Grundschule dieser Religionsunterricht statt, im kommenden Schuljahr wird er hier in Magdeburg starten. Und was mich besonders freut: Es nehmen auch nicht-jüdische Kinder an diesem Unterricht teil.

Denn eins steht fest: Bei der Vermittlung der jüdischen Religion, Geschichte und Kultur haben wir in den Schulen noch Nachholbedarf. Das kann und soll natürlich nicht über jüdischen Religionsunterricht gelöst werden. Nein, wir müssen bei diesem Thema in zahlreichen Schulfächern und natürlich vor allem an den weiterführenden Schulen vorankommen.

Wir stehen beim Thema Judentum im Schulunterricht vor einer großen Herausforderung: Einerseits muss die Erinnerung an die Schoa wachgehalten werden. Dafür muss Wissen über die Schoa vorhanden sein. Andererseits müssen wir verhindern, dass Juden ausschließlich als historisches Phänomen und als Opfer wahrgenommen werden.

Entscheidend ist, was in den Lehrplänen verankert ist. 2016 hat der Zentralrat der Juden daher eine Gemeinsame Erklärung mit der Kultusministerkonferenz zur „Vermittlung jüdischer Geschichte, Religion und Kultur in der Schule“ verabschiedet. Dabei geht es darum, dass das Judentum viel breiter wahrgenommen werden soll, als es oft der Fall ist. Zudem soll Schülern vermittelt werden, offen zu sein, um „die verschiedenen Innensichten im Judentum sowie die
vielen Außensichten auf das Judentum zu reflektieren. Wer lernt, sich in die Perspektive eines anderen Menschen und seine kulturelle und religiöse Orientierung zu versetzen, lernt auch Respekt und Wertschätzung.“

Die „Innensichten im Judentum“ sind hier besonders hervorzuheben. Es geht darum, dass jüdische Perspektiven vermittelt werden, nicht nur die Sicht von außen auf das Judentum. Und nicht zuletzt geht es um Respekt und Wertschätzung.

Und das halte ich für zentral.

Denn Antisemitismus ist an deutschen Schulen nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel. Jüdische Kinder und Jugendliche berichten landauf, landab von antisemitischen Anfeindungen in ihren Schulen. Sehr häufig müssen sie die israelische Politik rechtfertigen. Sehr häufig werden sie stellvertretend als Partei im Nahostkonflikt angegriffen. „Du Jude“ hat sich als Schimpfwort eingebürgert.

Und nicht zuletzt begegnet Jugendlichen in den sozialen Medien eine Fülle von antisemitischen Stereotypen und Narrativen.

Wir dürfen davor nicht die Augen verschließen: Rund 80 Jahre nach der Schoa ist Antisemitismus ein weit verbreitetes Phänomen in unseren Schulen!

Damit dürfen wir uns nicht abfinden!

Der Zentralrat der Juden, die Kultusministerkonferenz und die Antisemitismus-Beauftragten des Bundes und der Länder haben intensiv beraten und schließlich im vergangenen Jahr Handlungsempfehlungen für den Kampf gegen Antisemitismus für Schulen und Lehrkräfte vorgelegt.

Lehrerinnen und Lehrer müssen befähigt werden, Antisemitismus zu erkennen und adäquat zu reagieren. Antisemitismus darf nie auf Toleranz treffen, nie schweigend übergangen werden, sondern muss sanktioniert werden. Schulbücher und Lehrmaterialien müssen zum Teil überarbeitet werden.

Dies sind, grob zusammengefasst, ein paar Punkte aus dem gemeinsamen Papier. Wir werden im Juni zu diesem Thema eine Konferenz in Berlin veranstalten. Bis wir hier jedoch neue Standards erreicht haben, werden vermutlich Jahre ins Land gehen.

Kurzfristiger und auch sehr wirksam ist ein Begegnungsprojekt, das der Zentralrat der Juden aufgelegt hat:

Das aktuelle jüdische Leben in Deutschland aus erster Hand kennenzulernen, das ist die Idee hinter „Meet a Jew“. Unter dem Motto „Miteinander statt übereinander reden“ vermitteln wir ehrenamtliche jüdische Jugendliche und Erwachsene an Schulen, Universitäten oder Sportvereine. Dort führen sie zwanglose Gespräche, in denen alles gefragt werden darf.

Viele Gesprächsteilnehmer staunen am Ende oft am meisten über die Gemeinsamkeiten. Denn bisher sahen sie Juden als etwas Fremdes. Und in diesen Gesprächen merken sie: die kleiden sich wie wir, die hören die gleiche Musik und haben auch mit ihren Eltern Ärger, wenn sie zu viel am Handy hängen. Allerdings gehen sie nicht in die Kirche oder in eine Moschee, sondern in eine Synagoge. Und manche gehen nicht hin. Auch diese Haltung ist vielen vertraut, die den jüdischen Jugendlichen gegenübersitzen.

 

 

 

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

der Kampf gegen den Antisemitismus fängt bei den Kindern an!

Daher liegt mir das Thema Bildung so am Herzen. Eigentlich sind wir damit schon mitten drin, in meinem vierten und letzten Themenkomplex.

Den Antisemitismus bei den Corona-Protesten habe ich bereits ausführlich beschrieben. Er dürfte am Anstieg der antisemitischen Straftaten im vergangenen Jahr einen erheblichen Anteil haben. Gegenüber 2020 gab es eine Steigerung um 30 Prozent.

Sehr zutreffend sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Eröffnung der „Woche der Brüderlichkeit“ 2019: 

„Antisemitismus ist immer zutiefst menschenverachtend. Er ist aber auch ein Seismograf für den geistigen und moralischen Zustand einer Gesellschaft. Wo Verschwörungstheorien ihre Verführungskraft entfalten, wo gesellschaftliche Polarisierung zunimmt, wo Wut und Hass lauter geäußert werden, wächst regelmäßig auch der Antisemitismus.“

Es ist leider eine Tatsache, dass sowohl die rechtsextreme Szene als auch die verschwörungsideologische Szene einen parlamentarischen Arm haben: Das ist die AfD. Nur noch mühsam gelingt es ihr mitunter, sich ein bürgerliches Deckmäntelchen überzuziehen.

Das Deutsche Institut für Menschenrechte stuft die AfD als „Partei mit rassistischer, national-völkischer Ausrichtung“ ein. Sie habe das Ziel, die Grenzen des Sagbaren zu verschieben, so dass eine Gewöhnung an ihre rassistischen, national-völkischen Positionen erfolge. Die AfD vertrete Positionen, die nicht mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung vereinbar seien, so die Analyse des Menschenrechts-Instituts.

Ich hoffe sehr, dass es noch in diesem Jahr dazu kommt, dass der Verfassungsschutz die AfD als Verdachtsfall führen und damit beobachten darf.

Denn diese Partei ist gefährlich. Und noch liegt sie überall in der Republik deutlich über der Fünf-Prozent-Hürde. Daher gilt es, wachsam zu bleiben.

Wir brauchen vor allem eine engagierte Zivilgesellschaft. Und ich bin sehr froh, dass wir solche gegen rechts engagierte Bürger auch haben. Für sie ist es dringend notwendig, eine politisch verlässliche Grundlage zu haben. Ich hoffe, dass die Ampelkoalition im Bund bald das Demokratiefördergesetz auf den Weg bringt!

 

Gerade dem Osten unserer Republik wird ja gerne unterstellt, die Mehrheit der Bevölkerung sei rechtsextrem.

Das stimmt nicht!

Und mir ist es wichtig zu sagen: Ich habe Hochachtung vor den vielen Initiativen und Vereinen gerade hier in den östlichen Bundesländern, die sich - oft mit geringen finanziellen Mitteln – den Rechtsextremisten entgegenstellen und Demokratiearbeit leisten.

Ausdrücklich möchte ich die „Omas gegen rechts“ nennen. Diese bundesweite Bewegung ist auch hier in Magdeburg aktiv und zeigt: Engagement für die Demokratie hat nichts mit dem Alter zu tun.

Der Zentralrat der Juden hat 2020 die „Omas gegen rechts“ mit dem Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage ausgezeichnet. Wir haben es sehr bedauert, dass wir wegen der Pandemie bisher keinen Festakt ausrichten konnten. Doch das wird in diesem Jahr endlich nachgeholt.

Es sind Initiativen wie diese, die uns, der jüdischen Community, immer wieder Mut machen. Nach antisemitischen Vorfällen erleben wir zum Glück – wie in Halle – auch Solidarität aus der Bevölkerung. Das ist gerade für unsere Gemeinden sehr wichtig. Denn die Frage, ob jüdisches Leben in Deutschland wirklich eine Zukunft hat, steht leider immer wieder im Raum.

Halle ist für mich ein Stichwort. Ebenso wie beim Anschlag in Hanau war es ein einzelner Mann, der sich vermutlich vor allem über das Internet eine so extreme Ideologie angeeignet hatte, dass daraus die Gewalttat folgte.

Ist es richtig, von Einzeltätern zu sprechen? Auch beim sogenannten NSU 2.0-Prozess, der in Frankfurt am Main begonnen hat, geht es um einen einzelnen Täter.

Meine Damen und Herren,

ich halte es für unser friedliches Zusammenleben für unabdingbar, dass stets mit höchster Sorgfalt das Umfeld dieser Täter durchleuchtet wird. Bei NSU 2.0 bedeutet dies auch, die hessische Polizei genau unter die Lupe zu nehmen. Es darf nicht passieren, dass noch einmal Strukturen wie beim NSU in Thüringen unentdeckt bleiben!

Das schulden wir übrigens auch den tausenden Polizisten, die in unserem Land oft genug den Kopf hinhalten für unsere Sicherheit und sich nichts zuschulden kommen lassen.

Doch wenn es rechtsextreme Gruppen oder gar Strukturen in der Polizei gibt und das gedeckt wird – dann schadet das nicht nur jenen Menschen, die Opfer dieser Extremisten werden, sondern es schadet auch massiv dem Ansehen der gesamten Polizei.

Das Gleiche gilt für die Bundeswehr.

Es besteht das Risiko, dass nachhaltig das Vertrauen der Bürger in unsere Sicherheitskräfte beschädigt wird. Ich hoffe sehr, dass es immer wieder Polizisten oder Soldaten geben wird, die nicht einem falschen Corpsgeist unterliegen, sondern Zivilcourage zeigen und Anzeige erstatten.

Das hat nichts damit zu tun, einen Kollegen zu verpfeifen. Das ist ein Dienst an allen Kollegen und an der Demokratie!

Wenn wir dem wachsenden Rechtsextremismus Einhalt gebieten wollen, brauchen wir gut aus- und fortgebildete Polizisten sowie eine aufmerksame Justiz. Im Fall des Halle-Attentäters kam es zu einem vorbildlich geführten Gerichtsverfahren. Das ist leider nicht immer der Fall. Manchmal scheint die Justiz auf dem rechten Auge eine gewisse Sehschwäche zu haben.

Doch bei Antisemitismus und Rassismus darf kein Auge zugedrückt werden!

Das gilt, egal welcher Herkunft die Täter sind oder aus welcher Quelle sich ihr Hass speist. Denn, meine Damen und Herren, das muss auch gesagt werden: Juden fühlen sich in Deutschland häufiger von Muslimen oder Menschen mit arabischen Wurzeln bedroht als durch Rechtsextremisten. Auch wenn die eindeutige Mehrzahl der antisemitischen Straftaten auf das Konto von Rechtsextremen geht.

Wie schnell jedoch eine radikale muslimische Minderheit in Deutschland Anhänger zu Israel-feindlichen Protesten mobilisieren kann, hat sich im Mai vergangenen Jahres gezeigt. Die Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern brachten im Nullakommanichts hunderte Menschen auf deutsche Straßen.

Sie verbrannten Israel-Flaggen direkt vor Synagogen und riefen antisemitische Parolen. Unter die Demonstranten mischten sich auch deutsche Linksextremisten.

Sie verbindet die Ablehnung Israels, die wir leider auch im Kulturbetrieb und an Hochschulen zunehmend antreffen. Unter dem Deckmantel der Kritik an Israel wird vor allem bei Anhängern von BDS, also der Israel-Boykott-Initiative, letztlich das Existenzrecht Israels in Frage gestellt.

Ich kann jetzt nicht in allen Details auf diesen israelbezogenen Antisemitismus eingehen. Er bereitet mir aber große Sorge. Denn er findet sich in der Mitte unserer Gesellschaft, in Intellektuellen-Kreisen und auch in kirchlichen Gruppen.

Darum appelliere ich, an Israel keine anderen Maßstäbe anzulegen als an andere Staaten und sich einmal selbstkritisch zu fragen, warum ausgerechnet Deutsche so hohe Moralansprüche an Israel stellen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

in diesem Jahr steht die „Woche der Brüderlichkeit“ im Zeichen des Sports. Die Buber-Rosenzweig-Medaille ist an Peter Fischer, den Präsidenten von Eintracht Frankfurt und – was mich besonders freut – an Makkabi Deutschland verliehen worden.

Auch der Zentralrat der Juden richtet in diesem Jahr sein Augenmerk auf das Problem des Antisemitismus im Sport. Gemeinsam mit dem World Jewish Congress starten wir Ende dieses Monats eine Kooperation mit der Deutschen Fußball-Liga, um mit Fanprojekten und Fortbildungen Judenhass in den Stadien und außerhalb der Stadien zu bekämpfen. Diese Kooperation von jüdischen Verbänden mit einer Profi-Fußball-Liga ist weltweit einmalig. Und wenn etwas in die Breite unserer Gesellschaft Strahlkraft hat, ist es der Fußball. Daher bin ich sehr zuversichtlich, dass diese Kooperation zukunftsweisend sein wird.

Es ist leider eine Tatsache, dass sich in vielen Städten oder zumindest bestimmten Stadtvierteln Juden nicht als solche zu erkennen geben. Aus Sicherheitsgründen ziehen sie eine Basecap über die Kippa oder lassen sich die Gemeindepost in neutralen Umschlägen schicken.

Trotz der Sorgen, die es definitiv in der jüdischen Gemeinschaft gibt, betrachten wir Deutschland aber als unser Zuhause und sehen uns als integralen Bestandteil der Gesellschaft.

In Magdeburg und nicht weit entfernt in Dessau können Sie das daran ablesen, dass neue Synagogen gebaut werden. Ein deutlicheres Zeichen, um zu sagen, wo man seine Zukunft sieht, kann ich mir nicht vorstellen.

Die jüdische Gemeinschaft sieht ihre Zukunft in Deutschland – trotz allem!

Ich habe Ihnen in der zurückliegenden Stunde versucht aufzuzeigen, für wie besorgniserregend ich einige politische Entwicklungen in Deutschland halte, nicht zuletzt durch die Radikalisierung in der Corona-Pandemie.

Sowohl unseren Bildungseinrichtungen, vor allem den Schulen, als auch den Religionsgemeinschaften kommt eine entscheidende Rolle zu, um den Kampf gegen Antisemitismus und Radikalisierung aufzunehmen und andere Werte zu vermitteln. Werte wie Respekt, Toleranz, Rücksicht und Empathie.

Denn, wie ich schon sagte, die Fliehkraft, die derzeit auf unsere Demokratie einwirkt, halte ich für stärker und leichter zu beschleunigen als in anderen Zeiten.

Wir haben eine gemeinsame Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft.

Es sollte eine gute, vor allem aber eine gemeinsame Zukunft sein!

 

als ich die Einladung bekam, hier in Magdeburg in der Johanniskirche zu sprechen, da entstanden bei mir viele Bilder im Kopf, aber mit Sicherheit nicht das Bild eines so modernen Veranstaltungsortes. Und ich bin wirklich beeindruckt, dass sich eine ehemalige Kirche auf diese Weise nutzen und gestalten lässt.

Ich danke dem Evangelischen Kirchenkreis Magdeburg, dem Evangelischen Hochschulbeirat und den Pfeifferschen Stiftungen, vor allem Ihnen, liebe Frau Weise, für die Einladung.

Frau Weise und ich blicken auf viele Jahre einer guten, interreligiösen Zusammenarbeit in Würzburg zurück. Für mich als Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg und Unterfranken waren Sie in Ihrer Funktion als Würzburger Dekanin immer eine wichtige Ansprechperson und auch verlässliche Bündnispartnerin.

Ihren Weggang aus Würzburg habe ich bedauert, mich aber zugleich gefreut, dass Sie die verantwortungsvolle Aufgabe als Vorsteherin der Pfeifferschen Stiftungen übernommen haben.

Vielleicht war es gut, dass Sie bei Ihrer Entscheidung für den neuen Posten von Corona noch nichts ahnten. Denn die Verantwortung für medizinische und Pflege-Einrichtungen ausgerechnet zu Beginn einer Pandemie zu übernehmen, das ist wirklich eine Bewährungsprobe.

Ich bin Internist und weiß, wovon ich spreche. 2020 habe ich meine Praxis in Würzburg aufgegeben, aus Altersgründen. Aber die Corona-Situation hat die Entscheidung definitiv leichter gemacht.

Daneben habe ich mich auch gefreut, heute aus einem positiven Anlass nach Sachsen-Anhalt zu reisen. Zuletzt war ich im Oktober vergangenen Jahres hier, genauer gesagt in Halle. Gemeinsam mit Ihnen, sehr geehrter Herr Ministerpräsident/Herr Haseloff, habe ich auf der Einheits-Expo den „Cube“ zum jüdischen Leben besichtigt. Auch das war ein positiver Anlass.

Doch ich nehme an, Sie, verehrte Damen und Herren, werden nachvollziehen können, dass Sachsen-Anhalt in meinem Kopf – leider! - noch immer vor allem verbunden ist mit dem Anschlag auf die Synagoge in Halle 2019. Diese Erinnerung sitzt tief.

Am Tag nach dem Anschlag, am 10. Oktober 2019, habe ich gemeinsam mit Bundespräsident Steinmeier und Ihnen, Herr Haseloff, die Orte des Anschlags besucht. Einzig das Blumenmeer und die Kerzen vor der Synagoge und vor dem Döner-Imbiss machten etwas Mut. Denn offensichtlich gab es sehr viele Bürger in Halle, die diesen Anschlag verurteilten und Mitgefühl mit den Opfern zeigten.

Seit meiner Wahl zum Präsidenten des Zentralrats der Juden 2014 war und ist dies der bedrückendste Termin, den ich bis dahin wahrgenommen hatte. Ich hätte nicht gedacht, nur wenige Monate später erneut zu einem ähnlichen Ort aufbrechen zu müssen: nach Hanau.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

die Vorfreude auf diesen Termin wurde und wird einzig getrübt vom Kriegsgeschehen, das wir alle mit großer Sorge und vielen Ängsten seit dem 24. Februar beobachten. Uns allen fällt es derzeit schwer, sich auf andere Themen zu konzentrieren. Doch es bleibt gerade in dieser Zeit wichtig, unsere Demokratie in Deutschland zu festigen und hiesige politische Entwicklungen nicht aus dem Auge zu verlieren.

Mein heutiger Vortrag trägt den Titel „Gemeinsame Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft“ und ist sowohl in die diesjährige „Woche der Brüderlichkeit“ als auch in das Festjahr „1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“ eingebettet.

Diesen Vortrag möchte ich nutzen, um mit Ihnen meine Gedanken zu vier Themenkomplexen zu teilen: zu den Folgen der Corona-Pandemie, zur Bedeutung der Religionsgemeinschaften bzw. dem christlich-jüdischen Dialog, zur Bedeutung von Bildung und last, but not least zu Antisemitismus und Rechtsextremismus. Leider habe ich viel Anlass, um über das letztgenannte Thema zu sprechen.

Wer in Magdeburg auf Einladung evangelischer Institutionen an diesem historischen Ort spricht, der Johanniskirche, kommt – egal welcher Konfession man ist – um einen Mann nicht herum: um Martin Luther. Seine große Statue vor der Kirche ist ja nicht zu übersehen. Und als er hier im Jahr 1524 predigte, soll die Kirche proppenvoll gewesen sein.

Nun wird es Menschen geben, die es verwerflich oder zumindest unverständlich finden, dass ich als Jude und Zentralratspräsident bereit bin, an einem mit Luther verbundenen Ort zu sprechen. Denn Luthers Antijudaismus ist kein Geheimnis.

Nun müssen Sie wissen, dass ich auch schon bei EKD-Synoden zu Gast war und vor ein paar Monaten am Reformationstag bei der Reformationsfeier der Landeskirche von Hessen-Nassau in Wiesbaden - in der Lutherkirche! - eine Rede gehalten habe. Scherzhaft könnte ich sagen: Da ist das hier in Magdeburg also halb so schlimm.

Doch im Ernst: So falsch es wäre, wenn die evangelische Kirche Luthers judenfeindliche Schriften totschweigen würde, so falsch wäre es auch, das Wirken des Reformators und Kirchenstifters auf seinen Antijudaismus zu verkürzen. Luther spielt in der deutschen Geschichte und Kultur eine wichtige Rolle. Und ich habe auch kein Problem damit, in einer ehemaligen Kirche eine Rede zu halten, die eng mit ihm verknüpft ist.

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

ich bin weder evangelisch noch Theologe, doch ein wenig habe ich im Religionsunterricht mitbekommen. Als jüdischer Schüler musste ich natürlich nicht den katholischen oder evangelischen Religionsunterricht besuchen, aber manchmal saß ich in meiner Freistunde freiwillig in der letzten Reihe und habe doch das ein oder andere aufgeschnappt.

Und wenn wir heute Abend über unsere gemeinsame Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft sprechen, dann sind wir schnell bei Martin Luther. Denn sein Freiheitsbegriff ist eng an Verantwortung gekoppelt. Und hier gibt es – was ja im Grunde nicht verwundert – enge Anknüpfungen an die jüdische Auffassung von Freiheit. Denn auch im Judentum wird Freiheit mit den Geboten verknüpft. Es geht um Regeln der Freiheit, die ein Zusammenleben ermöglichen.

Zugleich wird in der Bibel eine Freiheit von allen Verpflichtungen erwähnt. Der Berliner Rabbiner Andreas Nachama hat dies jüngst sehr klug ausgelegt:

„Biblisch gesehen ist also absolute Freiheit völlige Einsamkeit“, schrieb Rabbiner Nachama in der „Jüdischen Allgemeinen“ Zeitung. Wer seine Freiheit auf Kosten anderer lebe, zerstöre das Leben.

Ich möchte hier keine neue theologische Debatte eröffnen, doch mir scheint diese Auffassung nicht sehr weit weg zu sein von Martin Luther. Denn wer gegenüber seinen Mitmenschen die eigene Freiheit absolut setzt und nicht mit Verantwortung verknüpft, macht ein friedliches Zusammenleben unmöglich. Und so wird – wenn ich das richtig verstanden habe – auch Luthers Freiheitsbegriff interpretiert.

Und dies führt mich zu meinem ersten Themenkomplex, zu den politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, die wir seit Beginn der Corona-Pandemie erleben. Freiheit bzw. die Einschränkung unserer Freiheit hat seit 2020 plötzlich in Deutschland eine Bedeutung bekommen wie vielleicht seit 1988/89 nicht mehr.

Und in dieser Freiheits-Debatte kommt mir bei manchen Bürgern die Frage nach der Verantwortung deutlich zu kurz!

Es ist nichts dagegen einzuwenden, darüber zu diskutieren, welche Einschränkungen der Grundrechte durch die Pandemie gerechtfertigt sind. Im Gegenteil. Diese Diskussion musste und muss geführt werden. Das zeichnet einen Rechtsstaat und eine Demokratie aus.

Die Proteste, die neuerdings Spaziergänge heißen, von Corona-Leugnern, Impf-Gegnern und so genannten Querdenkern haben jedoch mit politischer Debatte oder gar politischer Kultur nichts mehr zu tun.

In einer völlig vergifteten Atmosphäre blühen Verschwörungsnarrative, wird Hass geschürt, werden Feindbilder genährt und erhält auch der Antisemitismus kräftigen Aufwind.

Im ganzen Land hat sich eine beängstigende Melange gebildet: Esoteriker, christliche Fundamentalisten und Anthroposophen marschieren einträchtig mit AfDlern und anderen Rechtsextremisten. In jüngster Zeit kommt es immer häufiger zu Protesten vor den privaten Wohnhäusern von Politikern. Polizisten, Kommunalpolitiker und Journalisten werden bedroht, beleidigt und zum Teil körperlich attackiert.

 

Meine Damen und Herren,

Sie müssen sich das vor Augen führen: Es gab bereits Corona-Leugner-Demos, bei denen die Polizei für die Presse „Schutzzonen“ eingerichtet hat.

Die Demonstranten beklagen ja allerorten eine – wie sie sagen – Corona-Diktatur. Nun, wenn die freie Presse angegriffen wird, dann frage ich: Wer greift denn hier zu Mitteln einer Diktatur?

Es sind die Corona-Leugner selbst, die die Demokratie mit Füßen treten!

Sie alle eint angeblich die Überzeugung, dass die Grundrechte zu Unrecht eingeschränkt würden. Unter dieser Oberfläche wurde allerdings schnell sichtbar, dass Rechtsradikale diese Bühne nutzen, um den aus ihrer Sicht notwendigen Sturz „des Systems“, also des demokratischen und liberalen Rechtsstaats, herbeizuführen.

Geeint werden die Demonstranten noch durch eine weitere gemeinsame Überzeugung: den Glauben, dass eine geheime Elite das Virus in die Welt gesetzt habe, dass die Bürger zu Marionetten würden etc. Das alte antisemitische Narrativ der jüdischen Weltverschwörung wird der aktuellen Situation angepasst. Rechtsextreme finden auf diese Weise Zugang zu Menschen, die vorher schwieriger zu erreichen waren.

Zugleich ist die paradoxe Situation entstanden, dass die Corona-Leugner einerseits Juden als Verursacher der Pandemie, also als Täter identifizieren und andererseits sich selbst mit Holocaust-Opfern vergleichen. Von Anfang an waren bei den Demonstrationen gelbe „Judensterne“ mit der Aufschrift „ungeimpft“ in Anlehnung an die NS-Zeit zu sehen.

Der Appell der Regierenden, möglichst zu Hause zu bleiben, wurde mit der Situation in den 1940er Jahren gleichgesetzt, in der Juden sich verstecken mussten, um ihr Leben zu retten. Einen traurigen Höhepunkt erfuhr diese Entwicklung, als sich bei einer „Querdenken“-Demo in Stuttgart eine Elfjährige mit Anne Frank verglich. Nicht das Mädchen ist zu verurteilen, sondern die Erwachsenen, die sie dazu gebracht haben.

Ich bin sehr froh, dass in einigen Bundesländern die Justizminister und die Staatsanwaltschaften inzwischen das Tragen dieser nachgemachten „Judensterne“ als volksverhetzend einstufen. Ich hoffe, dass Polizei und Justiz bundesweit viel stärker gegen diese Geschichtsklitterung der Demonstranten vorgehen und sie juristisch zur Verantwortung ziehen.

Daneben finden sich solche unverfrorenen Vergleiche mit der Nazi-Zeit absurderweise auch am anderen Ende des Spektrums, bei den Menschen, die einen harten Lockdown befürworten, bei der No-Covid-Bewegung. Die Präsenzpflicht in den Schulen vergleichen sie mit der Eugenik des Dritten Reiches. Kinder sollten angeblich planmäßig „durchseucht“ werden. Schulen werden als „Vernichtungsstätten“ bezeichnet.

Lassen Sie es mich ganz klipp und klar sagen: Wer sich hierzulande wegen der Corona-Maßnahmen auf eine Stufe mit Opfern der Schoa stellt, handelt menschenverachtend und total respektlos!

Diese Menschen verletzen die Würde der NS-Opfer. Das darf gerade in Deutschland niemand tolerieren!

 

Ebenso wähnen sich die „Querdenker“ im Widerstand zur angeblichen Corona-Diktatur und vergleichen sich mit Sophie Scholl von der „Weißen Rose“.

Eine solche unverschämte Vereinnahmung der Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus durch Menschen, die die Demokratie ablehnen, habe ich bisher nicht erlebt.

Mit mangelndem historischen Wissen möchte ich das nicht entschuldigen. Gerade von rechtsextremen Kräften werden diese Narrative und Verschwörungsmythen ganz bewusst genutzt:

- um sich selbst als Opfer darzustellen,

- die Regelverstöße zu legitimieren

- und den Nationalsozialismus zu verharmlosen.

Festzuhalten bleibt: Die unterschiedlichen Gruppen, die sich in ihrer Gegnerschaft zur Corona-Politik zusammengefunden haben, greifen auf alte antisemitische Stereotype zurück. Welch extreme Auswirkungen das haben kann, hat ein Familiendrama in der Nähe von Berlin gezeigt: Weil er eine jüdische Verschwörung witterte, ermordete ein Corona-Leugner seine komplette Familie und sich selbst.

Besonders gefährlich ist diese gesellschaftliche Entwicklung, weil sie nicht nur die Menschen erreicht, die vor Ort bei den Demos mitmarschieren, und weil sie nicht an den Grenzen Deutschlands endet. Über die sozialen Netzwerke finden die Verschwörungsmythen und falschen Behauptungen eine immense Verbreitung.

Inzwischen wird diskutiert, ob es zutreffend ist, von einer Spaltung der Gesellschaft zu sprechen. Denn eine Fragmentierung in unterschiedliche politische Lager hat es in der Bundesrepublik immer gegeben.

Ich halte heutzutage die Situation jedoch für riskanter als zum Beispiel in Zeiten der 1968er Studentenbewegung. Und zwar genau wegen der Verbreitung. Die radikalen Gedanken von Rechtsextremen oder Querdenkern finden via Internet ein riesiges Publikum.

Die Fliehkraft, die derzeit auf unsere Demokratie einwirkt, halte ich für deutlich stärker als in anderen Zeiten.

 

 

 

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

da unter Ihnen vermutlich auch einige sind, die in Einrichtungen der Pfeifferschen Stiftungen arbeiten, möchte ich beim Thema Corona einen anderen Aspekt nicht vernachlässigen.

Diese Pandemie bedeutet für alle Menschen eine Belastung. Am größten war diese Belastung für die, die wir unter dem Begriff „vulnerable Gruppen“ subsumieren: für alte Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen.

Das sind genau die Menschen, um die Sie sich täglich kümmern.

Und für eine weitere Gruppe war die Belastung am größten: für alle in den Heil- und Pflegeberufen. Seit dem Frühjahr 2020 sind Sie mit Schwerkranken und Sterbenden konfrontiert, denen man nur eingeschränkt helfen kann. Denn die Krankheit ist noch viel zu unbekannt. Sie stehen verzweifelten Angehörigen gegenüber. Sie müssen die Menschen davon abhalten, den Kranken zu umarmen. Sie alle arbeiten seit zwei Jahren in noch anstrengenderen Diensten und Schichten, zum Teil in dicker Schutzkleidung.

Wenn Deutschland noch recht glimpflich bisher durch die Pandemie gekommen ist, verdankt es das zum größten Teil Ihnen! Sie können stolz auf sich sein!

Abschließend – wir können das Wort „Corona“ ja auch eigentlich nicht mehr hören – möchte ich zu diesem Thema sagen:

Ob der Begriff „Spaltung“ zutreffend ist oder nicht – die Pandemie hat zu gesellschaftlichen Verwerfungen geführt.

Wir dürfen das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ich fürchte auch, dass die rechtsextreme Szene dadurch einen Auftrieb erhalten hat, den wir in den nächsten Jahren unangenehm spüren werden.

Für die jüdische Gemeinschaft und auch für andere Minderheiten in unserem Land wie zum Beispiel Flüchtlinge oder People of Colour stellt die wachsende rechtsextreme Szene eine Bedrohung dar.

Und wenn gesellschaftliche Minderheiten bedroht sind, ist die Demokratie insgesamt bedroht!

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

Gräben zu überwinden und den Zusammenhalt zu stärken, ist noch schwieriger als ohnehin schon, wenn man sich nicht in größeren Gruppen treffen darf. Dieser Situation waren wir mit wenigen Unterbrechungen seit zwei Jahren ausgesetzt.

Die Einschränkungen trafen auch die Kirchen und jüdischen Gemeinden. Damit komme ich zu meinem zweiten Themenkomplex, der Bedeutung der Religionsgemeinschaften und zum christlich-jüdischen Verhältnis.

Auch die Religionsfreiheit war seit dem Frühjahr 2020 eingeschränkt. Zunächst fanden gar keine G‘ttesdienste mehr statt, dann unter starken Auflagen. Das betraf alle Religionsgemeinschaften. Für viele Menschen brachen damit wichtige soziale Kontakte weg. Seelsorge per Video oder Telefon ist auch nicht das gleiche wie die persönliche Begegnung. Nicht selten war Einsamkeit die Folge. Und noch immer haben wir diesen Zustand nicht wirklich überwunden. Wir wissen auch nicht, was ab dem Herbst wieder auf uns zukommt.

In meiner jüdischen Gemeinde in Würzburg ging es uns so – und ich vermute, das war vielerorts der Fall –, dass uns jetzt wieder richtig bewusst ist, wie wichtig es ist, sich zu sehen, sich austauschen zu können. Zugleich teilen wir mit vermutlich den meisten Kirchengemeinden die Sorge, dass manche Mitglieder den Weg zurück nicht mehr finden werden, selbst wenn alles wieder erlaubt ist.

Sinkende Mitgliederzahlen sind aber ohnehin schon seit einigen Jahren Fakt. Das hat in den jüdischen Gemeinden vor allem demographische Gründe Gerade erst gab es eine Vertrauensumfrage des Meinungsforschungsinstituts forsa. Danach vertrauen die Bürger stärker dem Zentralrat der Juden als den beiden christlichen Kirchen. Angesichts des gestiegenen Antisemitismus hat mich dieses Ergebnis überrascht. Erfreut war ich nicht. Denn dass der Zentralrat die Kirchen überholt hat, liegt vor allem daran, dass das Vertrauen in die Kirchen stark gesunken ist, vor allem in die vom Missbrauchsskandal gebeutelte katholische Kirche.

Damit verlieren Institutionen an Vertrauen, die für bestimmte Werte stehen. Und die diese Werte stets vermittelt haben. Auch in der jüdischen Gemeinschaft fragen wir uns: Wie erreichen wir jene Juden, die keiner Gemeinde angehören? Wie vermitteln wir ihnen die zentralen Werte bzw. Gebote des Judentums? Oder ist ihnen das gar nicht mehr wichtig?

Und auch darüber hinaus: Unsere Werte, die sich nicht wesentlich von den christlichen Werten unterscheiden, können insgesamt in der Gesellschaft als Leitplanken dienen. Was passiert, wenn sich so viele Menschen abwenden?

 

 

 

 

 

Um unsere 105 Gemeinden vor allem dabei zu unterstützen, die Mitgliederbindung zu stärken, hat der Zentralrat der Juden mehrere Programme aufgelegt: Zum einen versuchen wir, gezielt junge Familien anzusprechen. Es wurden Boxen mit Materialien für Kinder verschiedener Altersstufen entwickelt, die wir an Familien schicken. Sie enthalten Erklärungen zu den jüdischen Feiertagen und bieten Bastelmaterial, Spiele und nachgebildete Ritualgegenstände, um Kinder mit der jüdischen Religion vertraut zu machen. Und – nebenbei bemerkt – auch manche Eltern an die Religion heranzuführen.

Daneben haben wir aus den USA ein Programm adaptiert, das sich PJ Library nennt. PJ als Abkürzung für Pyjama: Wir versenden kostenlos Kinderbücher, die zum Beispiel als Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen werden können. Dabei geht es stets um jüdische Themen. Solche Kinderbücher finden sich in Buchhandlungen hierzulande nur schwer. Wer an den Programmen teilnehmen will, muss in einer Gemeinde angemeldet sein.

Allerdings müssen wir natürlich auch jüngere Menschen im Studentenalter sowie ältere Menschen gewinnen. Wer beruflich arriviert ist und dessen Kinder aus dem Gröbsten heraus sind, hat mehr Zeit, sich ehrenamtlich zu engagieren. Für frischgebackene Eltern bleibt dafür meistens keine Zeit.

Daher bieten wir unseren Gemeinden seit dem vergangenen Jahr professionelle Beratung und Begleitung für Gemeindeentwicklung an. Ausgebildete Coaches gehen in die Gemeinden, lassen sich – zum Teil vertraulich – berichten, was gut und was weniger gut läuft, und erstellen eine Analyse. Darauf basierend entwickeln sie Vorschläge. Das geht von Fragen der Gemeindeleitung und Entscheidungsstrukturen bis zur Jugendarbeit. Im Zentrum der Arbeit stehen zwei Themen: Wie kann sich eine Gemeinde für die Zukunft aufstellen und wie kann sie neue Mitglieder gewinnen oder ihre Mitglieder halten?

Bisher sind wir sehr positiv überrascht, wie offen sich die Gemeinden für das Coaching zeigen und wie viele mitmachen wollen.

Ich glaube, es wäre gut, wenn sich die Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit auch über solche Fragen austauschten. Es gibt selbstverständlich wichtige theologische Fragen. Es ist auch wichtig, dass es überhaupt Kontakte gibt und man sich gegenseitig kennenlernt. Doch vielleicht können wir auch ganz praktisch voneinander profitieren.

Im Februar ist leider eine der herausragenden Persönlichkeiten des jüdisch-christlichen Dialogs von uns gegangen: Rabbiner Henry G. Brandt sel. A.

 

 

 

 

 

Er brachte sowohl ein immenses Wissen als auch eine dem Menschen sehr zugewandte Haltung mit sich. Wir können nur hoffen, dass sich weiterhin ähnliche Persönlichkeiten finden, die sich in der christlich-jüdischen Zusammenarbeit engagieren. In Sachsen-Anhalt hat Rabbiner Daniel Fabian als neuer Landesrabbiner sein Amt angetreten. Ihn kenne ich als sehr engagierten und offenen Menschen.

Das christlich-jüdische Verhältnis ist so gut wie es wohl noch nie in der Geschichte war. Aber ein Selbstläufer ist es nicht. Wir müssen stetig an dieser Verständigung zwischen den Religionen arbeiten.

Wenn ich noch einmal auf die Vertrauenswerte aus der forsa-Umfrage erinnern darf:

Unser Ziel kann ja nicht sein, dass wir uns so gut verstehen, weil wir gemeinsam in einem sinkenden Schiff sitzen. Nein, es gilt gemeinsam ein Schiff zu bauen, dass Stürme, die heutzutage Shitstorm heißen, aushält und das mit modernsten anderen Fahrzeugen mithalten kann, ohne seinen Charakter zu verlieren!

Einen inneren Halt zu haben, ein Fundament – wie wichtig das ist, dürften viele Menschen in der Corona-Krise begriffen haben. Leider suchen viel zu viele Bürger Halt bei rechten Rattenfängern.

Gerade die Religionsgemeinschaften können und müssen dem etwas entgegensetzen.

Wir sind gefordert wie lange nicht. Wir werden aber auch gebraucht wie lange nicht.

Sicherlich müssen wir in vielen Punkten heraus aus der Komfortzone.

Sicherlich gibt es gerade in der katholischen Kirche einen großen Reformbedarf.

Sicherlich wurden große Fehler gemacht.

Dennoch – davon bin ich überzeugt – gibt es nicht nur eine Chance für die Religionsgemeinschaften, sondern wir haben eine Verpflichtung. Der sollten wir nachkommen!

Verbunden mit dem Mitgliederschwund und sinkendem Vertrauen ist auch ein schwindendes Wissen. Als Juden sind wir schon fast daran gewöhnt, dass die meisten Bürger in Deutschland mit Judentum ausschließlich die Schoa verbinden, ansonsten aber fast nichts kennen, außer antisemitische Vorurteile.

 

Inzwischen zeigt sich jedoch bei Umfragen, dass viele Menschen auch Kerninhalte der christlichen Religion nicht mehr erklären können. Laut einer Emnid-Umfrage 2018 konnte jeder fünfte Befragte nicht sagen, woran das Osterfest erinnert. Auf Youtube findet sich eine Straßenumfrage, wo ein junger Stuttgarter auf die Frage, wofür der Karfreitag steht, antwortet: Da ist Jesus nach Israel zurückgekehrt.

Diese Antwort lässt einen schmunzeln, aber eigentlich ist dieses mangelnde Wissen nicht nur erschreckend, es ist gefährlich. Denn Unwissen ist der Nährboden für Vorurteile.

Und damit bin ich beim dritten Thema: der Bildung.

Ich habe vorhin die Umfrage zum Karfreitag erwähnt. Im vergangenen Jahr gab es eine ebenfalls sehr interessante Umfrage zum Wissen über das Judentum. Die Hanns-Seidel-Stiftung und die Orthodoxe Rabbinerkonferenz hatten diese repräsentative Studie durchführen lassen. Dabei zeigte sich, dass fast die Hälfte der Deutschen noch nie mit jüdischem Leben in Berührung gekommen ist.

Nur rund 19 Prozent gaben an, in der Schule über das Judentum etwas erfahren zu haben. Und welche Themen des jüdischen Lebens werden wahrgenommen? Das sind vor allem Antisemitismus, die Schoa sowie die Politik Israels.

Über das moderne jüdische Leben in Deutschland, über die jüdische Religion, zum Beispiel die Feiertage oder über den Beitrag von Juden zur deutschen Geistesgeschichte wissen die meisten Menschen hierzulande extrem wenig.

Das finanziell größte Projekt, das der Zentralrat der Juden in seinem rund 70-jährigen Bestehen derzeit angeht, entsteht genau aus diesem Grund: Wir bauen in Frankfurt am Main eine Jüdische Akademie. Hier sollen gesellschaftliche Debatten um die jüdische Perspektive bereichert werden. Hier wollen wir Juden und Nicht-Juden in einen Austausch bringen.

Daneben bin ich sehr froh, welch großer Erfolg das Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ geworden ist. Überall in Deutschland haben Veranstaltungen stattgefunden, die genau das gezeigt haben: Judentum ist mehr als Schoa und Israel. Auch in den Medien gab es viele Beiträge, die bislang wenig bekannte Aspekte des Judentums vermittelt haben.

Der in Köln gegründete Verein „321 – 1700 Jahre JLID“ hat wirklich eine tolle Arbeit gemacht. Und bis Mitte dieses Jahres wird das Festjahr ja noch fortgesetzt.

In Sachsen-Anhalt finden im Rahmen des Festjahres – um ein Beispiel zu nennen - die jüdischen Kulturtage statt – auch ein guter Weg, um Wissen über das Judentum zu vermitteln und Berührungsängste abzubauen.

 

Eine noch viel wichtigere Rolle bei der Wissensvermittlung spielen jedoch die Schulen. Sie haben eine Schlüsselfunktion.

Das gilt auch für die jüdischen Kinder. Ich bin sehr glücklich, dass wir hier in Sachsen-Anhalt ein Modellprojekt für jüdischen Religionsunterricht starten konnten. In diesem Schuljahr findet in Halle in der Grundschule dieser Religionsunterricht statt, im kommenden Schuljahr wird er hier in Magdeburg starten. Und was mich besonders freut: Es nehmen auch nicht-jüdische Kinder an diesem Unterricht teil.

Denn eins steht fest: Bei der Vermittlung der jüdischen Religion, Geschichte und Kultur haben wir in den Schulen noch Nachholbedarf. Das kann und soll natürlich nicht über jüdischen Religionsunterricht gelöst werden. Nein, wir müssen bei diesem Thema in zahlreichen Schulfächern und natürlich vor allem an den weiterführenden Schulen vorankommen.

Wir stehen beim Thema Judentum im Schulunterricht vor einer großen Herausforderung: Einerseits muss die Erinnerung an die Schoa wachgehalten werden. Dafür muss Wissen über die Schoa vorhanden sein. Andererseits müssen wir verhindern, dass Juden ausschließlich als historisches Phänomen und als Opfer wahrgenommen werden.

Entscheidend ist, was in den Lehrplänen verankert ist. 2016 hat der Zentralrat der Juden daher eine Gemeinsame Erklärung mit der Kultusministerkonferenz zur „Vermittlung jüdischer Geschichte, Religion und Kultur in der Schule“ verabschiedet. Dabei geht es darum, dass das Judentum viel breiter wahrgenommen werden soll, als es oft der Fall ist. Zudem soll Schülern vermittelt werden, offen zu sein, um „die verschiedenen Innensichten im Judentum sowie die
vielen Außensichten auf das Judentum zu reflektieren. Wer lernt, sich in die Perspektive eines anderen Menschen und seine kulturelle und religiöse Orientierung zu versetzen, lernt auch Respekt und Wertschätzung.“

Die „Innensichten im Judentum“ sind hier besonders hervorzuheben. Es geht darum, dass jüdische Perspektiven vermittelt werden, nicht nur die Sicht von außen auf das Judentum. Und nicht zuletzt geht es um Respekt und Wertschätzung.

Und das halte ich für zentral.

Denn Antisemitismus ist an deutschen Schulen nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel. Jüdische Kinder und Jugendliche berichten landauf, landab von antisemitischen Anfeindungen in ihren Schulen. Sehr häufig müssen sie die israelische Politik rechtfertigen. Sehr häufig werden sie stellvertretend als Partei im Nahostkonflikt angegriffen. „Du Jude“ hat sich als Schimpfwort eingebürgert.

Und nicht zuletzt begegnet Jugendlichen in den sozialen Medien eine Fülle von antisemitischen Stereotypen und Narrativen.

Wir dürfen davor nicht die Augen verschließen: Rund 80 Jahre nach der Schoa ist Antisemitismus ein weit verbreitetes Phänomen in unseren Schulen!

Damit dürfen wir uns nicht abfinden!

Der Zentralrat der Juden, die Kultusministerkonferenz und die Antisemitismus-Beauftragten des Bundes und der Länder haben intensiv beraten und schließlich im vergangenen Jahr Handlungsempfehlungen für den Kampf gegen Antisemitismus für Schulen und Lehrkräfte vorgelegt.

Lehrerinnen und Lehrer müssen befähigt werden, Antisemitismus zu erkennen und adäquat zu reagieren. Antisemitismus darf nie auf Toleranz treffen, nie schweigend übergangen werden, sondern muss sanktioniert werden. Schulbücher und Lehrmaterialien müssen zum Teil überarbeitet werden.

Dies sind, grob zusammengefasst, ein paar Punkte aus dem gemeinsamen Papier. Wir werden im Juni zu diesem Thema eine Konferenz in Berlin veranstalten. Bis wir hier jedoch neue Standards erreicht haben, werden vermutlich Jahre ins Land gehen.

Kurzfristiger und auch sehr wirksam ist ein Begegnungsprojekt, das der Zentralrat der Juden aufgelegt hat:

Das aktuelle jüdische Leben in Deutschland aus erster Hand kennenzulernen, das ist die Idee hinter „Meet a Jew“. Unter dem Motto „Miteinander statt übereinander reden“ vermitteln wir ehrenamtliche jüdische Jugendliche und Erwachsene an Schulen, Universitäten oder Sportvereine. Dort führen sie zwanglose Gespräche, in denen alles gefragt werden darf.

Viele Gesprächsteilnehmer staunen am Ende oft am meisten über die Gemeinsamkeiten. Denn bisher sahen sie Juden als etwas Fremdes. Und in diesen Gesprächen merken sie: die kleiden sich wie wir, die hören die gleiche Musik und haben auch mit ihren Eltern Ärger, wenn sie zu viel am Handy hängen. Allerdings gehen sie nicht in die Kirche oder in eine Moschee, sondern in eine Synagoge. Und manche gehen nicht hin. Auch diese Haltung ist vielen vertraut, die den jüdischen Jugendlichen gegenübersitzen.

 

 

 

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

der Kampf gegen den Antisemitismus fängt bei den Kindern an!

Daher liegt mir das Thema Bildung so am Herzen. Eigentlich sind wir damit schon mitten drin, in meinem vierten und letzten Themenkomplex.

Den Antisemitismus bei den Corona-Protesten habe ich bereits ausführlich beschrieben. Er dürfte am Anstieg der antisemitischen Straftaten im vergangenen Jahr einen erheblichen Anteil haben. Gegenüber 2020 gab es eine Steigerung um 30 Prozent.

Sehr zutreffend sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Eröffnung der „Woche der Brüderlichkeit“ 2019: 

„Antisemitismus ist immer zutiefst menschenverachtend. Er ist aber auch ein Seismograf für den geistigen und moralischen Zustand einer Gesellschaft. Wo Verschwörungstheorien ihre Verführungskraft entfalten, wo gesellschaftliche Polarisierung zunimmt, wo Wut und Hass lauter geäußert werden, wächst regelmäßig auch der Antisemitismus.“

Es ist leider eine Tatsache, dass sowohl die rechtsextreme Szene als auch die verschwörungsideologische Szene einen parlamentarischen Arm haben: Das ist die AfD. Nur noch mühsam gelingt es ihr mitunter, sich ein bürgerliches Deckmäntelchen überzuziehen.

Das Deutsche Institut für Menschenrechte stuft die AfD als „Partei mit rassistischer, national-völkischer Ausrichtung“ ein. Sie habe das Ziel, die Grenzen des Sagbaren zu verschieben, so dass eine Gewöhnung an ihre rassistischen, national-völkischen Positionen erfolge. Die AfD vertrete Positionen, die nicht mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung vereinbar seien, so die Analyse des Menschenrechts-Instituts.

Ich hoffe sehr, dass es noch in diesem Jahr dazu kommt, dass der Verfassungsschutz die AfD als Verdachtsfall führen und damit beobachten darf.

Denn diese Partei ist gefährlich. Und noch liegt sie überall in der Republik deutlich über der Fünf-Prozent-Hürde. Daher gilt es, wachsam zu bleiben.

Wir brauchen vor allem eine engagierte Zivilgesellschaft. Und ich bin sehr froh, dass wir solche gegen rechts engagierte Bürger auch haben. Für sie ist es dringend notwendig, eine politisch verlässliche Grundlage zu haben. Ich hoffe, dass die Ampelkoalition im Bund bald das Demokratiefördergesetz auf den Weg bringt!

 

Gerade dem Osten unserer Republik wird ja gerne unterstellt, die Mehrheit der Bevölkerung sei rechtsextrem.

Das stimmt nicht!

Und mir ist es wichtig zu sagen: Ich habe Hochachtung vor den vielen Initiativen und Vereinen gerade hier in den östlichen Bundesländern, die sich - oft mit geringen finanziellen Mitteln – den Rechtsextremisten entgegenstellen und Demokratiearbeit leisten.

Ausdrücklich möchte ich die „Omas gegen rechts“ nennen. Diese bundesweite Bewegung ist auch hier in Magdeburg aktiv und zeigt: Engagement für die Demokratie hat nichts mit dem Alter zu tun.

Der Zentralrat der Juden hat 2020 die „Omas gegen rechts“ mit dem Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage ausgezeichnet. Wir haben es sehr bedauert, dass wir wegen der Pandemie bisher keinen Festakt ausrichten konnten. Doch das wird in diesem Jahr endlich nachgeholt.

Es sind Initiativen wie diese, die uns, der jüdischen Community, immer wieder Mut machen. Nach antisemitischen Vorfällen erleben wir zum Glück – wie in Halle – auch Solidarität aus der Bevölkerung. Das ist gerade für unsere Gemeinden sehr wichtig. Denn die Frage, ob jüdisches Leben in Deutschland wirklich eine Zukunft hat, steht leider immer wieder im Raum.

Halle ist für mich ein Stichwort. Ebenso wie beim Anschlag in Hanau war es ein einzelner Mann, der sich vermutlich vor allem über das Internet eine so extreme Ideologie angeeignet hatte, dass daraus die Gewalttat folgte.

Ist es richtig, von Einzeltätern zu sprechen? Auch beim sogenannten NSU 2.0-Prozess, der in Frankfurt am Main begonnen hat, geht es um einen einzelnen Täter.

Meine Damen und Herren,

ich halte es für unser friedliches Zusammenleben für unabdingbar, dass stets mit höchster Sorgfalt das Umfeld dieser Täter durchleuchtet wird. Bei NSU 2.0 bedeutet dies auch, die hessische Polizei genau unter die Lupe zu nehmen. Es darf nicht passieren, dass noch einmal Strukturen wie beim NSU in Thüringen unentdeckt bleiben!

Das schulden wir übrigens auch den tausenden Polizisten, die in unserem Land oft genug den Kopf hinhalten für unsere Sicherheit und sich nichts zuschulden kommen lassen.

Doch wenn es rechtsextreme Gruppen oder gar Strukturen in der Polizei gibt und das gedeckt wird – dann schadet das nicht nur jenen Menschen, die Opfer dieser Extremisten werden, sondern es schadet auch massiv dem Ansehen der gesamten Polizei.

Das Gleiche gilt für die Bundeswehr.

Es besteht das Risiko, dass nachhaltig das Vertrauen der Bürger in unsere Sicherheitskräfte beschädigt wird. Ich hoffe sehr, dass es immer wieder Polizisten oder Soldaten geben wird, die nicht einem falschen Corpsgeist unterliegen, sondern Zivilcourage zeigen und Anzeige erstatten.

Das hat nichts damit zu tun, einen Kollegen zu verpfeifen. Das ist ein Dienst an allen Kollegen und an der Demokratie!

Wenn wir dem wachsenden Rechtsextremismus Einhalt gebieten wollen, brauchen wir gut aus- und fortgebildete Polizisten sowie eine aufmerksame Justiz. Im Fall des Halle-Attentäters kam es zu einem vorbildlich geführten Gerichtsverfahren. Das ist leider nicht immer der Fall. Manchmal scheint die Justiz auf dem rechten Auge eine gewisse Sehschwäche zu haben.

Doch bei Antisemitismus und Rassismus darf kein Auge zugedrückt werden!

Das gilt, egal welcher Herkunft die Täter sind oder aus welcher Quelle sich ihr Hass speist. Denn, meine Damen und Herren, das muss auch gesagt werden: Juden fühlen sich in Deutschland häufiger von Muslimen oder Menschen mit arabischen Wurzeln bedroht als durch Rechtsextremisten. Auch wenn die eindeutige Mehrzahl der antisemitischen Straftaten auf das Konto von Rechtsextremen geht.

Wie schnell jedoch eine radikale muslimische Minderheit in Deutschland Anhänger zu Israel-feindlichen Protesten mobilisieren kann, hat sich im Mai vergangenen Jahres gezeigt. Die Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern brachten im Nullakommanichts hunderte Menschen auf deutsche Straßen.

Sie verbrannten Israel-Flaggen direkt vor Synagogen und riefen antisemitische Parolen. Unter die Demonstranten mischten sich auch deutsche Linksextremisten.

Sie verbindet die Ablehnung Israels, die wir leider auch im Kulturbetrieb und an Hochschulen zunehmend antreffen. Unter dem Deckmantel der Kritik an Israel wird vor allem bei Anhängern von BDS, also der Israel-Boykott-Initiative, letztlich das Existenzrecht Israels in Frage gestellt.

Ich kann jetzt nicht in allen Details auf diesen israelbezogenen Antisemitismus eingehen. Er bereitet mir aber große Sorge. Denn er findet sich in der Mitte unserer Gesellschaft, in Intellektuellen-Kreisen und auch in kirchlichen Gruppen.

Darum appelliere ich, an Israel keine anderen Maßstäbe anzulegen als an andere Staaten und sich einmal selbstkritisch zu fragen, warum ausgerechnet Deutsche so hohe Moralansprüche an Israel stellen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

in diesem Jahr steht die „Woche der Brüderlichkeit“ im Zeichen des Sports. Die Buber-Rosenzweig-Medaille ist an Peter Fischer, den Präsidenten von Eintracht Frankfurt und – was mich besonders freut – an Makkabi Deutschland verliehen worden.

Auch der Zentralrat der Juden richtet in diesem Jahr sein Augenmerk auf das Problem des Antisemitismus im Sport. Gemeinsam mit dem World Jewish Congress starten wir Ende dieses Monats eine Kooperation mit der Deutschen Fußball-Liga, um mit Fanprojekten und Fortbildungen Judenhass in den Stadien und außerhalb der Stadien zu bekämpfen. Diese Kooperation von jüdischen Verbänden mit einer Profi-Fußball-Liga ist weltweit einmalig. Und wenn etwas in die Breite unserer Gesellschaft Strahlkraft hat, ist es der Fußball. Daher bin ich sehr zuversichtlich, dass diese Kooperation zukunftsweisend sein wird.

Es ist leider eine Tatsache, dass sich in vielen Städten oder zumindest bestimmten Stadtvierteln Juden nicht als solche zu erkennen geben. Aus Sicherheitsgründen ziehen sie eine Basecap über die Kippa oder lassen sich die Gemeindepost in neutralen Umschlägen schicken.

Trotz der Sorgen, die es definitiv in der jüdischen Gemeinschaft gibt, betrachten wir Deutschland aber als unser Zuhause und sehen uns als integralen Bestandteil der Gesellschaft.

In Magdeburg und nicht weit entfernt in Dessau können Sie das daran ablesen, dass neue Synagogen gebaut werden. Ein deutlicheres Zeichen, um zu sagen, wo man seine Zukunft sieht, kann ich mir nicht vorstellen.

Die jüdische Gemeinschaft sieht ihre Zukunft in Deutschland – trotz allem!

Ich habe Ihnen in der zurückliegenden Stunde versucht aufzuzeigen, für wie besorgniserregend ich einige politische Entwicklungen in Deutschland halte, nicht zuletzt durch die Radikalisierung in der Corona-Pandemie.

Sowohl unseren Bildungseinrichtungen, vor allem den Schulen, als auch den Religionsgemeinschaften kommt eine entscheidende Rolle zu, um den Kampf gegen Antisemitismus und Radikalisierung aufzunehmen und andere Werte zu vermitteln. Werte wie Respekt, Toleranz, Rücksicht und Empathie.

Denn, wie ich schon sagte, die Fliehkraft, die derzeit auf unsere Demokratie einwirkt, halte ich für stärker und leichter zu beschleunigen als in anderen Zeiten.

Wir haben eine gemeinsame Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft.

Es sollte eine gute, vor allem aber eine gemeinsame Zukunft sein!

10.3.2022, Magdeburg

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