Gedenkstunde zum 77. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald



Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, bei der Gedenkstunde zum 77. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald, 10.04.2022

Foto: Peter Hansen

Seit Wochen begleiten uns die schrecklichen Nachrichten aus der Ukraine. Sie begleiten uns nicht nur, sie verängstigen uns und sind zutiefst beunruhigend.

Millionen von Menschen sind von den russischen Angriffen betroffen, viel zu viele sind bereits ums Leben gekommen. Zuletzt waren es die Bilder der getöteten Zivilisten in Butscha, die uns verstört haben. Wir werden Zeugen von Kriegsverbrechen und fühlen uns ohnmächtig.

Unter den Toten in der Ukraine sind auch Menschen, die die Schoa überlebt hatten. Menschen, die hier in Buchenwald inhaftiert waren wie etwa Boris Romantschenko, der in Charkiw ums Leben kam.

Und einige Überlebende des KZ Buchenwald konnten wegen des Krieges heute nicht anreisen.

Wenigstens ist es inzwischen der Jewish Claims Conference und der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland gelungen, einige Überlebende der Schoa aus der Ukraine nach Deutschland in Sicherheit zu bringen.

Zudem kümmern sich die jüdischen Gemeinden um viele jüdische Vertriebene aus der Ukraine. Da in unseren Gemeinden viele Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion stammen, ist die sprachliche Verständigung kein Problem. Sie wissen außerdem, was es bedeutet, seine Heimat zu verlassen.

Dass jedoch ausgerechnet auch Überlebende der Schoa am Ende ihres schweren Lebens jetzt erneut so leiden müssen, ist eine Schande.

Unsere Gedanken sind bei ihnen. Wir trauern um die Toten!

Verehrte Damen und Herren, so wie die Gedenkfeiern zur Befreiung der Konzentrationslager in den vergangenen zwei Jahren wegen der Pandemie nur sehr eingeschränkt stattfinden konnten, so stehen sie in diesem Jahr im Schatten einer bedrohlichen Lage in Europa.

Ich bin gebeten worden, heute die Gedenkrede zu halten und möchte daher ein paar Gedanken zu unserer Erinnerungskultur ausführen.

Am 20. Januar dieses Jahres jährte sich die Wannsee-Konferenz zum 80. Mal. Als an jenem Vormittag im Jahr 1942 Spitzenbeamte des Deutschen Reichs und Vertreter der Wehrmacht in der vornehmen Villa in Berlin zusammenkamen, waren im KZ Buchenwald bereits mehrere Tausend Häftlinge ums Leben gekommen, tausende weitere waren inhaftiert, wurden gefoltert, misshandelt und medizinischen Experimenten unterworfen.

Auch mein Vater und mein Großvater waren Häftlinge in Buchenwald: vom Februar bis Dezember 1938. Sie kamen frei, weil sie bereit waren, auf ihren Besitz zu verzichten und mit der Familie Deutschland zu verlassen. Damit gehörten sie zu jenen, die noch Glück im Unglück hatten.

Nach Schätzungen sind rund 56.000 Menschen im Konzentrationslager Buchenwald ermordet worden. In Mittelbau-Dora waren es vermutlich etwa 20.000 Menschen.

Der 80. Jahrestag der Wannseekonferenz hat vor Augen geführt, was vielen Menschen heutzutage nicht mehr präsent war: Die, die die Schoa planten und umsetzten, waren keine Monster, sondern ganz normale Menschen. Gebildet, studiert, mit Familie, gutverdienend.

Sie diskutierten bei der Besprechung über Juden und deren Deportation und Ermordung als handele es sich um Gegenstände, um Waren. Als menschliche Wesen wie sich selbst betrachteten diese Männer Juden nicht mehr. Das macht es ihnen erheblich leichter, die Mordmaschinerie endgültig in Gang zu setzen bzw. auf weitere Länder auszudehnen.

In dem Spielfilm zur Wannsee-Konferenz, der im Januar im ZDF gezeigt wurde, wurde dargestellt, dass vor allem der Vertreter des sogenannten Generalgouvernements Polen darauf drängte, dass sie angesichts der Massen an Juden entlastet würden. Ihm war sehr daran gelegen, diese Menschen loszuwerden, sie zu entsorgen.

Und das geschah auch.

Nur zwei Monate später begann die sogenannte „Aktion Reinhardt“, benannt nach Reinhard Heydrich, der die Besprechung am Wannsee geleitet hatte. Unter diesem Tarnnamen wurde die systematische Ermordung aller Juden in den fünf Distrikten des Generalgouvernements befohlen: Warschau, Lublin, Radom, Krakau und Lviv. Zwischen März 1942 und Oktober 1943 wurden in den Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka 1,7 Millionen Menschen ermordet, vor allem Juden.

1,7 Millionen.

Auch rund 50.000 Sinti und Roma.

Danach wurde in Polen Auschwitz das Zentrum der sogenannten Endlösung. Dort starben rund eine Million Menschen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir stehen heute hier, 80 Jahre später, und hören diese Zahlen:

56.000

20.000

1,7 Millionen

50.000

1 Million

Und wir alle wissen, wie unendlich lang wir diese Auflistung von Zahlen fortsetzen könnten.

Die Zahlen bleiben unbegreiflich.

Die Schoa übersteigt das menschliche Vorstellungsvermögen.

Inzwischen wachsen Menschen heran, die auch über die eigene Familie keinen Bezug mehr zu dem Geschehen finden. Entweder, weil zu viele Generationen dazwischen liegen, also nicht einmal die Großeltern noch aus eigener Erfahrung berichten können. Das bedeutet in der Regel auch, dass die Schoa kein Thema mehr in den Familien ist. Oder weil ihre Vorfahren aus Ländern stammen, die nicht in die Schoa involviert waren.

Immer stärker drängt sich daher die Frage in den Vordergrund, wie wir trotz wachsendem zeitlichen Abstand die Erinnerung aufrechterhalten können, wie wir Wissen über die Schoa weitergeben, mit welchen Mitteln.

Wir stehen vor der Herausforderung, eine moderne Gedenkkultur zu entwickeln für Menschen, die inzwischen eine ganz andere Mediennutzung entwickelt haben, als es noch vor 20 Jahren der Fall war.

Die Gedenkstätten – und das sage ich voller Respekt – haben längst auf diese gesellschaftlichen Entwicklungen reagiert. So ist auch die Gedenkstätte Buchenwald selbstverständlich auf Facebook zu finden. Und vor Ort werden moderne Medien genutzt, wie etwa ein Audio-Walk.

Gedenkstätten präsentieren sich jetzt zudem in Kurz-Videos auf Tic Toc. Die Gedenkstätte Dachau – um ein weiteres Beispiel zu nennen - bot im vergangenen Jahr insgesamt 31 Facebook-Live-Rundgänge an. Die Arolsen Archive haben vor zwei Jahren das Projekt „Every name counts“, also „Jeder Name zählt“ gestartet. Dabei kann sich jeder daran beteiligen, die Daten von Schoa-Opfern zu digitalisieren. Und ich könnte viele Beispiele hinzufügen.

Viele Gedenkstätten setzen auch auf Begegnungsprojekte für junge Menschen. So finden zum Beispiel in Buchenwald – wenn keine Pandemie dies verhindert - internationale Sommercamps statt.

Ich könnte Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, wohl aus jeder KZ-Gedenkstätte, die es heute gibt, ähnliche Beispiele aufzählen. Es ist eine großartige Arbeit, die an diesen Orten geleistet wird.

Warum erwähne ich das so ausführlich?

Ich glaube, dass wir uns in einer Umbruchsituation befinden, was die Wissensvermittlung angeht. Schon heute 35-Jährige sind selbstverständlich mit dem Internet aufgewachsen und beziehen daraus ihre Informationen. Für noch Jüngere ist es normal, dass alle Informationen nicht nur jederzeit, sondern an jedem Ort abrufbar sind.

Doch so umfassend sich junge Menschen heutzutage über das Internet informieren können, brauchen sie Hilfe, um diese Informationen einzuordnen.

Es gibt einen Grundgedanken: 

Gedenken braucht Wissen und ist kein Selbstzweck.

Bei der Weitergabe der Erinnerung kommt den Schulen eine Schlüsselposition zu. Geht die Vermittlung in der Schulzeit schief, wenden sich die Menschen oft ab. Sie wollen nicht mehr hinschauen. Sie sind für das Thema nicht mehr zugänglich.

Und das Wissen vieler junger Menschen über die Schoa ist erschreckend gering. Daher müssen die Schulen den Balanceakt schaffen, einerseits ausreichendes Wissen über den Nationalsozialismus und die Schoa zu vermitteln, andererseits müssen sie es vermeiden, Juden nur als Opfer darzustellen.

Hier gibt es in den Schulen noch großen Nachholbedarf.

Eine Forderung, die ich seit Jahren artikuliere, möchte ich daher an dieser Stelle wiederholen: Ich halte verpflichtende Gedenkstätten-Besuche für Schüler der oberen Schulklassen für sinnvoll!

Nur wenn solche Besuche fest im Lehrplan verankert sind, finden sie auch statt. Dann hängt es nicht vom Engagement eines einzelnen Lehrers ab. Und an diesen Orten werden aus den abstrakten Zahlen Menschen. Hier sehen die Schülerinnen und Schüler, was geschehen ist und können Empathie mit den Opfern entwickeln.

Denn die sozialen Medien bieten ja nicht nur die Möglichkeit, sich zu informieren. Sie sind leider zugleich ein Einfallstor für Fake News. Rechtsextremisten nutzen die sozialen Medien, um junge Menschen einzufangen. Dagegen müssen wir die Jugendlichen wappnen. Und dies gelingt nur mit guter Bildung und Aufklärung.  

Daneben, meine sehr geehrten Damen und Herren, müssen wir auch die aktuelle politische Lage berücksichtigen.

Die AfD ist inzwischen leider fest in den Parlamenten etabliert. Sie agiert als parlamentarischer Arm der Corona-Leugner-Bewegung und ist in der rechtsextremen Szene gut vernetzt. Das wurde jüngst durch das Urteil des Verwaltungsgerichts Köln bestätigt. Es ist sehr zu begrüßen, dass der Verfassungsschutz die Partei beobachten darf.

Die Millionen Wähler, die hinter der AfD stehen, machen die Veränderungen in unserer Gesellschaft deutlich, die sich schleichend vollzogen haben.

Begriffe wie „Schuldkult“ fallen nicht mehr nur auf Demos von Rechtsextremen, sondern auch in unseren Parlamenten. Die Vokabel „völkisch“ soll wieder allgemeiner Sprachgebrauch werden, wenn es nach der AfD ginge.

Die Gedenkstätten sind wichtige Orte zur Demokratieerziehung. Bei Führungen durch die Gedenkstätten kommt es jedoch immer wieder vor, dass einzelne Besucher die historischen Fakten anzweifeln. Auch hier macht sich das Wirken der AfD bemerkbar. Die Guides brauchen inzwischen eine gute Schulung, um sich solchen Geschichtsverdrehern entgegen stellen zu können.

Auch der sekundäre Antisemitismus greift um sich: Uns Juden wird dann vorgeworfen, dass wir Vorteile zögen aus der NS-Zeit. Dass wir das Schuldbewusstsein der Deutschen schürten, um es ausnutzen zu können. Diese Haltung ist weit verbreitet, und die Hemmung fällt, dies auch auszusprechen.

Auch die jüngsten Debatten im Feuilleton haben eine gefährliche Schlagseite bekommen. Zwar ist es generell zu begrüßen, die Verbrechen Deutschlands der Kolonialzeit stärker in den Blick zu nehmen. Dass einige Wissenschaftler daraus aber eine Konkurrenz der Opfergruppen generieren, ist nicht angemessen und gefährlich. Sie spielen damit – sicherlich ungewollt – jenen Menschen in die Hände, die dem sekundären Antisemitismus wieder Aufwind verleihen.

Rechtsextremisten haben es angesichts dieser Stimmung vergleichsweise leicht, Anhänger zu gewinnen. Ihre Zahl steigt.

Neuere Gruppierungen wie die Identitäre Bewegung oder die Reichsbürger werden vom Verfassungsschutz sehr ernst genommen. Hinzu kommt eine verschwörungsideologische Szene, politisch diffus und radikalisiert durch die Corona-Pandemie. Auch hier findet sich massiver Antisemitismus.

Wir stehen damit vor der doppelten Herausforderung, zum einen die Erinnerung an die Opfer der Schoa zu wahren und an nachwachsende Generationen weiterzugeben, für die das Geschehen gefühlt so weit weg ist wie das Kaiserreich. Und zugleich über eine moderne Gedenkkultur das Fundament unserer Demokratie zu festigen.

Meine Damen und Herren, zum Schluss möchte ich zwei Überlebende von Buchenwald selbst zu Wort kommen lassen: Elie Wiesel und Jorge Semprun sel. A. Beide sind inzwischen verstorben.

In einem bei Suhrkamp publizierten Gespräch zwischen Elie Wiesel und Jorge Semprun sprechen sie darüber, wie die Welt nach 1945 mit den Schoa-Überlebenden umgegangen ist. Ich zitiere:

„Elie Wiesel: Man wollte uns einfach nicht zuhören. Weil wir eine Schande für die Menschheit waren. (…)

Semprun: Von den Deportierten wandte man sich ab. (….)

Wiesel: Weil sich mit uns ein Abgrund aufgetan hat, der Abgrund der Menschheit. Wir haben bewiesen, wozu der Mensch fähig ist. Im Guten wie im Bösen. Bis zum äußersten Extrem. Man wollte uns nicht zur Kenntnis nehmen, wir störten.

Semprun: Wir störten. Wir störten. Das Ende des Kriegs war zugleich auch das Ende einer Epoche.“

Soweit der Auszug aus dem Gespräch zwischen Elie Wiesel und Jorge Semprun.

Auch heute sehen wir wieder auf der Welt – und derzeit nicht weit von uns entfernt – wozu der Mensch fähig ist.

Auch heute sind Überlebende unter uns. Überlebende der Schoa.

Ohne das gleichsetzen zu wollen, können wir auch von anderen Überlebenden sprechen: Menschen, die Folter in syrischen Gefängnissen überlebt haben. Menschen, die der Hölle von Mariupol entkommen sind.

Wir müssen ihnen zuhören! Wir müssen unsere Herzen für sie öffnen!

Und all jene Millionen Opfer, die es nicht geschafft haben, dürfen nicht vergessen werden!

Heute gedenken wir der sechs Millionen ermordeten jüdischen Kinder, Frauen und Männer.

Wir gedenken der vielen tausenden anderen Menschen, die hier in diesem Konzentrationslager umgebracht wurden.

Unser Gedenken ist mit dem Versprechen verbunden, zu heutigem Unrecht nicht zu schweigen!

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