Gedenkakt des Bayerischen Landtag



Grußwort des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, beim Gedenkakt des Bayerischen Landtags zum 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz, Passau, 24.1.2020

Uns alle hat das Gespräch mit den beiden Zeitzeuginnen, das wir gerade gehört haben, sehr bewegt. Mir wird bei solchen Gesprächen immer wieder bewusst, wie kostbar die Erinnerungen jener Menschen sind, die damals alles miterlebt und durchlitten haben.

Daher möchte ich Ihnen, sehr geehrte Frau Havrankova, und Ihnen, sehr geehrte Frau Hakl, ganz herzlich danken!

Sie haben uns heute eindrücklich vor Augen geführt, was Menschen anderen Menschen Böses antun können, was Menschen aushalten können, und auch: wie mutig ein Mensch Gutes tun kann, selbst wenn das eigene Leben dadurch gefährdet ist. Ihre Lebensleistung erfüllt mich mit tiefem Respekt!

Für alle nachgeborenen Generationen gilt: Diese Geschichte müssen sie kennen und aushalten. Nur wenn jede Generation wieder bereit ist, sich mit den Verbrechen der Nationalsozialisten auseinanderzusetzen, kann auch jede Generation wieder daraus lernen. Wer hingegen feige wegschaut oder weghört, gibt leichtfertig und verantwortungslos die Chance auf, unsere Demokratie für die Zukunft zu sichern, ja, gerade auf diesem Fundament die Demokratie und unseren Rechtsstaat zu stärken.

Denn wer den Abgrund von Auschwitz kennt, wird die Menschenwürde nie leichtfertig aufs Spiel setzen!

Im Judentum ist das Gedenken ein religiöses Gebot. Jenseits aller Gedenktage und Rituale ist die Schoa in allen jüdischen Familien präsent. Der israelische Schriftsteller Yishai Sarid hat kürzlich davon gesprochen, die Schoa sei „in unsere Seelen eingegraben“.

Dies ist in der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft jedoch nicht der Fall. Leider eher das Gegenteil. Ich habe den Eindruck, dass immer mehr Menschen gerne einen Schlussstrich ziehen würden, um in ihrer Komfortzone zu bleiben.

Oder um Adorno zu zitieren, der in seinem berühmten Aufsatz über die „Erziehung nach Auschwitz“ festhielt, dass „das Ungeheuerliche nicht in die Menschen eingedrungen ist (…, so) daß die Möglichkeit der Wiederholung (…) fortbesteht“.

Das Ungeheuerliche ist nicht in die Menschen eingedrungen – was Adorno für seine Mitmenschen 1966 analysierte, ist aktueller denn je.

Gerade angesichts der kleiner werdenden Zahl von Zeitzeugen halte ich daher Demokratieerziehung und Holocaust Education für unabdingbar!

Die Schoa muss als einmaliges Menschheitsverbrechen vermittelt werden. Ein Verbrechen, das sich nicht nur in den Konzentrationslagern abspielte. Ein Verbrechen, das nicht von einer kleinen Clique namens Nazis verübt wurde, sondern in das die übergroße Mehrheit der deutschen Bevölkerung direkt oder indirekt involviert war. Dem Verbrechen zum Opfer fiel nicht eine anonyme Masse, sondern es waren Individuen. Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebenswegen.

Wir stehen heute vor der schwierigen Aufgabe, diese Monstrosität an junge Menschen zu vermitteln, für die das Geschehen so weit weg ist wie das Kaiserreich. Das bringt insbesondere für die Schulen eine immense Aufgabe mit sich.

Doch wie steht es in unserem Land um die Lehreraus- und -fortbildung? Gibt es hier Schwerpunkte, um neue Erkenntnisse der Holocaust-Forschung oder neue Entwicklungen in der Erinnerungskultur weiterzugeben?

Wenn wir einen Blick in unsere Hochschulen werfen, sieht es leider ganz düster aus. Erst 2017, also 72 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde in Deutschland die erste Professur für Holocaust-Forschung eingerichtet. Eine Studie der Freien Universität Berlin und der Jewish Claims Conference hat gezeigt, dass an vielen Universitäten keine Vermittlung von Grundlagenwissen über die Geschichte des Holocaust stattfindet.

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

jüdisches Leben in Deutschland ist definitiv nicht auf den Zeitraum von 1933 bis 1945 beschränkt. Es handelt sich vielmehr um eine 1.700-jährige Geschichte, die in ihrer ganzen Breite in der Schule Raum finden sollte. Und sicherlich muss auch ein Überdruss verhindert werden, den Schüler entwickeln können, wenn sie zu oft und pädagogisch schlecht vermittelt mit der Schoa konfrontiert werden.

Wenn Schulen jedoch die Auseinandersetzung mit der Schoa vernachlässigen, machen sie quasi Platz für Politiker, die den Schlussstrich ziehen und lieber die „ruhmreichen“ Kapitel der deutschen Geschichte ins Rampenlicht stellen wollen.

Es sind Politiker, die gewählt werden, obwohl sie gegen Minderheiten hetzen, die Religionsfreiheit in Frage stellen und völkisches Denken verbreiten. Sie nutzen sowohl skrupellos die Lücke, die durch das nicht vorhandene Wissen da ist, als auch den Überdruss, der entsteht, wenn junge Menschen den Eindruck bekommen, sie müssten sich schuldig fühlen für die deutsche Vergangenheit. Von den Rändern her fangen die Rechtspopulisten an, unsere demokratischen Errungenschaften zu untergraben. Dieses Einfallstor müssen wir wieder schließen.

Es gilt daher, durch eine gute Ausbildung unsere Lehrerinnen und Lehrer zu stärken.

Und es braucht eine stärkere Förderung der Gedenkstätten. Die KZ-Gedenkstätten sind heutzutage genau mit jenen jungen Menschen konfrontiert, für die das damalige Geschehen sehr weit weg liegt. Und sie haben es zunehmend mit erwachsenen Besuchern zu tun, die die Verbrechen der Schoa in Frage stellen oder leugnen.

Längst haben sich die Gedenkstätten darauf eingestellt. Sie schulen ihr Personal, sie arbeiten mit den sozialen Medien und modernen pädagogischen Methoden. Sehr viele Gedenkstätten leisten hier vorbildliche Arbeit, für die wir, die jüdische Gemeinschaft, sehr dankbar sind.

Dafür benötigen sie allerdings auch ausreichende finanzielle Mittel. Ich appelliere an Bund und Länder, an dieser Stelle nicht zu sparen. Gerade die authentischen Orte, an denen die Opfer im Zentrum stehen, erfüllen eine unersetzbare Rolle, um bei jungen Menschen Empathie zu erzeugen. Gerade diese Orte sind es, die das Geschehen wieder näher heranrücken.

Und ich habe es oft erlebt: Wenn junge Menschen auch emotional erreicht werden, wenn sie berührt sind von den Erinnerungen eines Zeitzeugen, von einem authentischen Ort – dann entsteht auch ein Verantwortungsgefühl.

Ein Verantwortungsgefühl für das „Nie wieder“.

Nie wieder dürfen Menschen verfolgt werden, nur weil sie bestimmte Merkmale erfüllen.

Nie wieder darf die Menschenwürde so mit Füßen getreten werden.

 

Meine verehrten Damen und Herren,

viele Überlebende der Schoa haben damit gehadert, dass sie überlebt hatten, während ihre ganze Familie und ihre Mitgefangenen umgekommen waren. Viele haben sich schuldig gefühlt. Einige sind daran so verzweifelt, dass sie sich Jahre nach dem Krieg umgebracht haben: Paul Celan, Jean Amery, Primo Levi.

Viele Überlebende haben trotz dieser Schuldgefühle Zeugnis abgelegt. Sie hatten und haben das Gefühl, dass ihr Leid nicht sinnlos war, wenn aus der Geschichte Lehren gezogen werden. Wenn sie sehen, dass die nachfolgenden Generationen gelernt haben.

Die Lehren an die jungen Generationen weiterzugeben, das schulden wir Menschen wie Frau Havrankova und Frau Hakl. Wir schulden es den Millionen ermordeten Frauen, Männern und Kindern.

Zum Schluss möchte ich daher einen Schoa-Überlebenden selbst zu Wort kommen lassen: den Auschwitz-Überlebenden und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel sel. A., der leider 2016 verstorben ist.

Bei der Gedenkfeier am 27. Januar 2000 sprach er sich im Deutschen Bundestag für eine Holocaust-Erziehung aus und sagte:

„(….) Erziehung über den Holocaust ist (….) wichtig(….). Also tut es, nehmt euch die Zeit, bewilligt die Gelder, tut, was immer ihr könnt, damit die Kinder, Ihre Kinder, die wissen wollen, auch wissen können. (…) Wer einen Schlussstrich ziehen will, hat es schon längst getan. Er hat nicht nur das Blatt gewendet, sondern es aus seinem Bewusstsein gerissen. Wer sich dazu herbeilässt, die Erinnerung der Opfer zu verdunkeln, der tötet sie ein zweites Mal.“

 

 

 

 

 

 

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