Fröhliches Judentum



Kommentar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 17.09.2011

Von Hans Riebsamen

Wer hätte sich in den Nachkriegsjahren vorstellen können, dass sich in Deutschland wieder eine jüdische Gemeinde ansiedeln würde? Nicht einmal die größten Optimisten. Die Jüdische Gemeinde in Frankfurt und jene in anderen deutschen Städten waren lange Gemeinschaften auf Widerruf. Denn nie mehr, so dachten damals nicht nur die Zionisten, könnte das Land der Mörder, wie Deutschland damals von ihnen genannt wurde, wieder Heimat einer jüdischen Gemeinschaft werden.

Unglaublich, wie sich die Verhältnisse geändert haben. In Frankfurt und anderswo haben sich die damals zur Abwicklung vorgesehenen jüdischen Gemeinden nicht nur gehalten, sie sind sogar in den vergangenen zwei Jahrzehnten dank des Zuzugs von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion regelrecht aufgeblüht. Trotzdem erscheint es bemerkenswert, wenn Dieter Graumann, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sagt: "Judentum in Deutschland hat definitiv eine Zukunft." Und als ob er die Zweifler, die es zweifellos noch gibt, herausfordern wolle, fügt er fröhlich hinzu, dass diese Zukunft eine sehr vielversprechende sei.

Bewusste Entscheidung für Deutschland Der neue Zentralratspräsident, der bald ein Jahr im Amt ist, hat Töne angeschlagen, die man von seinen Vorgängern so nicht gekannt hat. Die hiesigen Juden müssten raus aus der Trauer- und Meckerecke, sie sollten ein frisches und kraftvolles Judentum zeigen. Für die Älteren, die noch selbst den Holocaust erlebt haben oder deren Eltern ihm knapp entkommen sind, mag das fast provokativ klingen. Den neu Zugewanderten und vor allem ihren Kindern dürfte Graumann aber aus der Seele sprechen. Sie haben sich bewusst für Deutschland entschieden, in diesem Land wollen sie ihr Glück machen.

Deutschland hat sie gewiss großzügig aufgenommen - auch in sein Sozialsystem. Und doch sind sie in vielen Fällen schlecht behandelt worden. Denn die akademischen Abschlüsse, über welche die allermeisten verfügten, wurden in vielen Fällen nicht anerkannt. Das ist nicht aus Bösartigkeit geschehen, sondern aus starrer Routine und bürokratischer Unbeweglichkeit in den Ministerialverwaltungen und Verbänden. Jetzt, da überall Fachkräfte fehlen, könnte man die ausgesonderten Ärzte und Ingenieure brauchen.

Freude wird Deutschland aber an ihren so lernbegierigen Kindern haben. Viele von ihnen, diese Prophezeiung sei gewagt, werden einmal zur geistigen Elite gehören.

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