Estrongo-Nachama-Preis



Laudatio des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, beim Festakt zu Ehren von Rabbiner Henry G. Brandt anlässlich der Verleihung des Estrongo-Nachama-Preises der Meridian-Stiftung und der Ehrung durch die Allgemeine Rabbinerkonferenz, 11.9.2019, Berlin

Anrede,

für eine Persönlichkeit wie Rabbiner Brandt die Laudatio anlässlich der Würdigung seines Lebenswerks halten zu dürfen – das ist für mich eine Ehre!

Und daher freue ich mich sehr, dass ich heute die Gelegenheit habe, die Bedeutung Rabbiner Brandts für das Judentum in Deutschland und für unser Land insgesamt zum Ausdruck zu bringen - und zugleich zu zeigen, wie sehr ich ihn persönlich schätze.

Als ich gefragt wurde, ob ich die Laudatio halten könnte, fiel mir eine Geschichte ein. Ich weiß, dass Rabbiner Brandt ein großer und wunderbarer Geschichtenerzähler ist und Geschichten liebt.

Daher möchte ich zu Beginn diese kleine Geschichte erzählen: Sie spielt im Jahr 1993. Die alte Synagoge von Kitzingen wurde als Kulturzentrum wieder eröffnet, und erhielt auch einen kleinen Gebetsraum. Diese sogenannte Synagoge in der Synagoge sollte mit einem G’ttesdienst eingeweiht werden. Kitzingen liegt in Franken, ganz in der Nähe von Würzburg und mein Vater war als damaliger Gemeindevorsitzender von Würzburg auch für Kitzingen zuständig.

Und zur Überraschung einiger Gemeindemitglieder wählte mein traditionsbewusster Vater für die Einweihung der Synagoge Henry G. Brandt als Rabbiner aus. Meine Eltern hatten zu Ihnen, sehr verehrter Herr Rabbiner Brandt, ein freundschaftliches Verhältnis. Auch wenn mein Vater mitunter etwas andere religiöse Vorstellungen als Sie hatte, war er doch immer der Meinung: für den christlich-jüdischen Dialog gibt es keinen Besseren als Rabbiner Brandt.

Diese kleine Anekdote, meine Damen und Herren, zeigt den Wesenskern von Rabbiner Brandt: Er verbindet Menschen. Er geht mit einer Offenheit und mit einem Respekt auf Menschen anderer religiöser Richtungen und anderer Religionsgemeinschaften zu, wie es sehr selten zu finden ist.

Dabei hat er zugleich einen sehr festen eigenen Standpunkt und eigene Überzeugungen, die er nie leichtfertig aufgeben würde. Rabbinerin Elisa Klapheck hat dies einmal sehr treffend als „mutige Streitbarkeit“ beschrieben.

In der Tat paart sich seine Offenheit mit Mut. Und ich möchte hinzufügen: mit Demut. In allen Reden und Predigten, die ich von Rabbiner Brandt kenne, eigentlich in all seinen Äußerungen ist sein tiefer Glaube zu spüren, der den Menschen eben nicht an die höchste Stelle rückt. Sein Respekt vor dem Schöpfer und vor der Schöpfung begleitet sein Wirken.

In seinem Lebensweg spiegelt sich dieser Wesenskern wider. Ich kann mir sonst eigentlich keinen Rabbiner vorstellen, der gleichzeitig in der eher traditionellen Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg und in der liberalen Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld amtieren könnte. Rabbiner Brandt hat diesen Spagat über viele Jahre bewältigt. Und es handelt sich dabei wahrlich nicht nur um einen räumlichen Spagat. Das wäre auch für ihn – den Kosmopoliten - eine zu leichte Übung gewesen.

Ebenso unkonventionell ist der Weg, den Rabbiner Brandt genommen hat, bis er Rabbiner wurde. Ich will es nur kurz skizzieren, weil seine Biographie den meisten der hier Anwesenden bekannt sein dürfte. Außerdem möchte ich den Preisträger selbst nicht langweilen:

Nach der geglückten Flucht seiner Familie aus Nazi-Deutschland nach Palästina diente er – damals noch als Heinz Georg Brandt - im Israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 und noch bis 1951 als Flotten-Offizier in der israelischen Marine. Kürzlich sagte er in einem Interview – ich zitiere:

„Wäre ich da geblieben, wäre ich heute wohl Admiral. Das hätte mir gefallen. Ich sage nämlich gerne, wo es langgeht.“

Doch er entschied sich gegen ein Leben mit Befehl und Gehorsam, studierte stattdessen in Nordirland Wirtschaftswissenschaften und arbeitete anschließend in der Auto-Industrie.

Erst 1957, also mit 30 Jahren und bereits verheiratet, entschloss sich Henry G. Brandt, wie er mittlerweile angliziert hieß, das Rabbinatsstudium am Leo-Baeck-College in London aufzunehmen.

Es wäre übertrieben, ihn als Spätberufenen zu bezeichnen. Vielmehr lag es sicherlich an den Umwegen, die vielen Juden damals aufgezwungen wurden, bis sie das Leben führen konnten, das sie wollten. Wenn dies dem „geretteten Rest“, wie wir damals sagten, überhaupt möglich war.

Als Rabbiner Brand 2008 das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde, sagte der damalige Bundespräsident Horst Köhler in seiner Laudatio: „Sie waren und sind ein großer Glücksfall für unser Land und für die jüdische Gemeinschaft.“

Ich möchte hinzufügen: Es ist auch ein Glücksfall, dass Sie Rabbiner geworden sind.

Und wenn ich mir den Lebensweg von Rabbiner Brandt so betrachte und seine häufig unkonventionelle Einstellung zu manchen Dingen, dann muss ich sagen: Es passt in jeder Hinsicht, dass er heute mit dem Estrongo-Nachama-Preis geehrt wird.

Denn auch der berühmte Berliner Kantor war unkonventionell. In einem sehr schönen kleinen Büchlein über Lili und Estrongo Nachama, das vergangenes Jahr erschienen ist, ist eine Anekdote wiedergegeben, die ich an dieser Stelle erzählen möchte. Und ich hoffe, sie stimmt auch:

Aufgrund seiner eigenen Biographie – er hatte seine gesamte Familie in Auschwitz verloren – waren Estrongo Nachama würdevolle Beerdigungen besonders wichtig. Einmal war in der Trauerhalle jedoch nur eine einzige Frau erschienen, die ihren Ehemann beerdigen wollte. Es war also kein Minjan vorhanden. Die Frau verteilte Fotos ihrer Angehörigen auf den Stühlen und sagte, es seien doch alle da. Darauf sang und betete Estrongo Nachama, als sei die Halle voll.

Soweit diese kleine Geschichte über einen großen Mann.

Ich könnte mir vorstellen, dass Rabbiner Brandt ähnlich gehandelt hätte.

Und so sehr die Bedeutung von Rabbiner Brandt im christlich-jüdischen Dialog stets gewürdigt wird – und darauf werde ich noch zu sprechen kommen – so sehr gilt es, auch seine Verdienste um die jüdische Gemeinschaft selbst zu würdigen.

Ob als langjähriger Vorsitzender der Allgemeinen Rabbinerkonferenz oder als Landesrabbiner – Rabbiner Brandt hat sich stets für die Belange des liberalen Judentums eingesetzt und zugleich Brücken zu den anderen religiösen Strömungen im Judentum gebaut

Mir ist es wichtig, an dieser Stelle zu betonen: Wir brauchen tatsächlich beides: das traditionelle und das liberale Judentum, um es jetzt etwas vereinfacht auszudrücken. Es ist eine Bereicherung für unsere jüdische Gemeinschaft, dass inzwischen auch Strömungen wie Masorti hier vertreten sind, dass die Spannbreite von sehr traditionell wie bei Chabad, Lauder oder Kahal Adass Jisroel bis zu einer ganz liberalen Ausrichtung reicht.

Denn wenn es eine Religionsgemeinschaft gibt, die Debatten liebt und sich aufgrund von Diskussionen fortentwickelt hat, ist es das Judentum.

Dem Zentralrat der Juden liegen die unterschiedlichen Demoninationen am Herzen. Wer hätte denn noch vor 30 Jahren davon zu träumen gewagt, dass wir einmal zwei Rabbinerseminare haben würden? Der Zentralrat fördert sowohl das Rabbinerseminar zu Berlin als auch das Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam. Mich erfüllt es stets Dankbarkeit und Genugtuung gleichermaßen, wenn wieder Rabbiner in Deutschland ordiniert werden, unabhängig davon, ob sie orthodox oder liberal sind.

Denn unsere Gemeinden sind keine Kulturgemeinden, sondern Kultusgemeinden. Im Mittelpunkt steht die Synagoge, nicht der Gemeindesaal oder das Jugendzentrum. Und dafür brauchen wir Rabbinerinnen und Rabbiner.

Rabbiner sind Menschen, die eine Gemeinde zur zweiten Heimat der Mitglieder machen können. Sie bieten Rat und Halt. Sie stärken die Identität der Gemeindemitglieder.

Dies ist in der heutigen Zeit wichtiger denn je. Denn unsere Jüdischkeit selbstbewusst zu leben, das ist in jüngster Zeit nicht einfacher geworden. Die eigene jüdische Identität zu festigen und zu bewahren – das ist eine Herausforderung.

Darum ist es gerade für junge Menschen wichtig, einen Rabbiner oder eine Rabbinerin als Ansprechpartner in der Gemeinde zu haben. Am sichtbarsten wird dies in der Begleitung zur Bar Mitzwa bzw. Bat Mitzwa. Doch es gibt schon viele Momente vorher und danach, in denen Rabbiner jungen Menschen bei religiösen, ethischen oder manchmal auch ganz praktischen Fragen des Alltags helfen können.

Ich freue mich immer sehr, wenn Rabbiner ihre Jugendgruppen zur Jewrovision begleiten. Sie ertragen dann ein Wochenende lang sehr viel Lärm, sehr kurze Nächte und teilen im Zweifelsfall den Kummer. Doch sie erleben auch die riesige Freude der Jugendlichen und die zahllosen kleinen schönen Momente, die ein solches Wochenende mit sich bringt. Und sie sind für die Jugendlichen an diesem Ausnahme-Wochenende eine besondere Stütze.

Rabbiner Brandt war und ist mit seinem Wirken auch Vorbild für die Rabbiner-Generationen, die ihm nachgefolgt sind. Und ich wage zu behaupten – nicht nur für liberale Rabbiner.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

es ist an der Zeit zu einem Kapitel zu kommen, mit dem Rabbiner Brandt wie kein Zweiter verbunden ist: der christlich-jüdische Dialog.

Eigentlich würde es schon reichen, die Ämter aufzuzählen, die er ausgefüllt hat: Von 1985 bis 2016, also 31 Jahre lang, war er der jüdische Vorsitzende des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Fast ebenso lang, von 1988 bis 2016, gehörte Rabbiner Brandt dem Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken an.

Ich habe bewusst gesagt, dass er diese Ämter ausgefüllt hat. Denn Rabbiner Brandt hat diese ehrenamtliche Tätigkeit nicht als Pöstchen betrachtet, die mit angenehmen Terminen und gutem Essen verbunden sind, sondern hat sie tatsächlich genutzt, um das Verhältnis zwischen Juden und Christen zu verbessern, ja überhaupt auf ein solides Fundament des gegenseitigen Respekts zu stellen.

Dabei war er stets davon überzeugt, dass nur das Gespräch, die Auseinandersetzung dazu führen kann, die jahrhundertelange Judenfeindschaft der Kirchen und deren Folgen zu überwinden. So hieß er es auch nicht gut, als jüdische Vertreter 2008 ihre Teilnahme am Katholikentag absagten, weil der damalige Papst wieder die alte Form der Karfreitagsfürbitte für den lateinischen Ritus eingeführt hatte. Gerade wenn sich Hindernisse zeigten, suchte Rabbiner Brandt umso intensiver das Gespräch. Das tut er im Übrigen bis heute, wenn auch mit Rücksicht auf seine Gesundheit in etwas kleinerem Rahmen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

dass wir in Deutschland heute in den Kirchen sehr verlässliche Partner haben, das haben wir zu einem nicht unerheblichen Teil Rabbiner Brandt zu verdanken.

Derzeit arbeiten wir zum Beispiel daran, in der Bundeswehr Militärrabbiner zu etablieren. Hier ist uns die katholische und evangelische Militärseelsorge natürlich Vorbild. Wir haben bei unserer Initiative für Militärrabbiner von Anfang an das Gespräch mit den Kirchen gesucht. Nur wenn wir uns auf diesem Gebiet, das ja auch den lebenskundlichen Unterricht der Soldaten umfasst, abstimmen, kann die Einsetzung von Militärrabbinern ein Erfolg werden. Für unsere Initiative erhalten wir erhebliche Unterstützung der Kirchen, was für uns ungeheuer wertvoll ist. Und uns ist bewusst: Das ist nicht selbstverständlich.

Doch gerade in jüngster Zeit hat sich an vielen Beispielen gezeigt, wie sehr die Kirchen sich bewegt haben in ihrem Verhältnis zum Judentum: Auf katholischer Seite gab es nicht nur die Bekräftigung der Konzilserklärung „Nostra Aetate“, sondern steht mit Papst Franziskus ein Oberhaupt an der Spitze, das wie kein Papst vor ihm auf die jüdische Gemeinschaft zugeht.

In seinem ersten Pontifikatsjahr veröffentlichte Papst Franziskus das Apostolische Schreiben „Evangelii gaudium“. Daraus möchte ich eine Passage zitieren:

„Die Kirche, die mit dem Judentum einen wichtigen Teil der Heiligen Schrift gemeinsam hat, betrachtet das Volk des Bundes und seinen Glauben als eine heilige Wurzel der eigenen christlichen Identität (…) Als Christen können wir das Judentum nicht als eine fremde Religion ansehen (…) Gott wirkt weiterhin im Volk des Alten Bundes und lässt einen Weisheitsschatz entstehen, der aus der Begegnung mit dem göttlichen Wort entspringt. Darum ist es auch für die Kirche eine Bereicherung, wenn sie die Werte des Judentums aufnimmt.“

Zitat-Ende

Diese Einstellung setzt Papst Franziskus in vielen Begegnungen mit Rabbinern und anderen Juden um. Es ist daher zu hoffen, dass sich auch in den Fragen etwas bewegt, die nach wie vor störend für das Verhältnis zwischen Juden und katholischer Kirche sind, wie etwa die mögliche Seligsprechung von Papst Pius XII. oder das Verhältnis zur Pius-Bruderschaft. Es ist sehr zu begrüßen, dass der Vatikan seine Archive jetzt öffnet, um das Pontifikat von Pius XII. wissenschaftlich besser erforschen zu können.

Ebenso hat sich in der evangelischen Kirche viel getan. Das war vor allem 2017 im Jubiläumsjahr der Reformation zu spüren. Es wurde kein undifferenziertes Luther-Jubeljahr, sondern bot viele Angebote für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Reformator. Auch die Erklärungen der EKD-Synode rund um das Reformationsjubiläum waren aus jüdischer Sicht sehr zu begrüßen.

Dennoch gibt es auch hier weiterhin Themen oder, um es anders auszudrücken, gibt es noch Arbeit. In einigen evangelikalen Kirchen ist die Judenmission nach wie vor kein Tabu. Hier darf es keine falsche Toleranz geben.

Generell fände ich es wichtig, dass in beiden Kirchen auch an der Basis ankommt, was in der Leitung beschlossen wird. Wenn ein Geistlicher vor Ort in seiner Gemeinde Ressentiments gegen Juden oder andere Minderheiten verbreitet, dann waren alle Erklärungen umsonst. Es wäre vielmehr nötig, dass sich auch die einzelnen Gemeinden aktiv für eine tolerante Gesellschaft engagieren, aus ihrem Glauben heraus.

Das gilt auch für das Thema Israel:

Mir ist klar, dass die Politik der israelischen Regierung auch Kritik hervorruft, und dass es für eine friedliche Lösung des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern schon besser aussah als heute.

Das rechtfertigt es aber nicht, sich pauschal auf die Seite der Palästinenser als vermeintliche Opfer zu schlagen und Israels Existenz anzuzweifeln und den jüdischen Staat zu dämonisieren.

Christen, die Israel an den Pranger stellen, sei gesagt: Dieses Reden ist mitunter antisemitisch oder stärkt zumindest den Antisemiten den Rücken!

Juden in Deutschland werden gerne für alles, was in Israel geschieht, in Generalhaftung genommen. Es wird Israel gesagt, aber Juden sind gemeint.

Doch jeder Bürger in diesem Land trägt eine Verantwortung dafür, wie er oder sie über andere Religionen und Minderheiten spricht. Es ist höchste Zeit, dass jeder selbstkritisch das eigene Reden prüfe!

Denn Antisemitismus ist ein Problem in Deutschland!

Wir dürfen Parteien wie der AfD nicht Vorschub leisten, indem wir uns dazu verleiten lassen, in der Sprache ähnlich zu verrohen oder Tabus zu verletzen, die aus gutem Grund ein Tabu sind.

Das Verhältnis von Juden und Christen steht inzwischen auf einem soliden Fundament. Doch auch dieses Fundament kann bröckeln und einbrechen, wenn wir es nicht aktiv in Stand halten.

Rabbiner Brandt ist daher gerade in dieser Zeit ein wichtiges und großes Vorbild: Er hat sich von Rückschlägen nie entmutigen lassen. Er zeigt uns: Lasst nicht nach in euren Bemühungen, ein gutes Miteinander zu finden.

Dieses Fundament, das wir im christlich-jüdischen Dialog gelegt haben, ist derzeit zwischen Juden und Muslimen noch nicht vorhanden. Es gibt zwar vielerorts Begegnungen und auch Kontakte zwischen einzelnen Verbänden. Doch eine echte Zusammenarbeit gibt es bislang eben so wenig wie einen vertieften theologischen Diskurs.

Aus jüdischer Sicht ist vor allem der Antisemitismus, der bei nicht wenigen Muslimen zu finden ist, ein Problem. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat daher in diesem Jahr das Projekt „Schalom Aleikum“ gestartet. Dabei versuchen wir, jüdische und muslimische Akteure der Zivilgesellschaft miteinander ins Gespräch zu bringen. So haben sich im Juli in Berlin junge Start-up-Unternehmer getroffen. In Würzburg Familien - auch christliche übrigens – und in Leipzig Frauen. Unser Ziel ist es, durch die Begegnungen Antisemitismus vorzubeugen.

Die Teilnehmer der Veranstaltungen stellen übrigens in ganz hohem Maße Gemeinsamkeiten fest. Diese Erfahrung hat – wenn ich seine Äußerungen richtig verstanden habe –auch Rabbiner Brandt immer wieder gemacht. Er hat einmal gesagt:

„Es gibt viel mehr Gemeinsamkeiten, als man zugibt.“

Das Verständnis für den anderen, ohne die Unterschiede zu verwischen – das ist der Schlüssel für ein respektvolles Miteinander.

Rabbiner Brandt befindet sich damit in bester Tradition von Leo Baeck. Kurz nach dem Krieg, als der jüdisch-christliche Dialog gerade überhaupt erst von einigen Pionieren wieder aufgenommen worden war, sagte Rabbiner Leo Baeck über die drei monotheistischen Religionen:

„Sie sollen nicht gleich werden, und sie können nicht gleich werden. Sie sollen aber einander verstehen. Verstehen bedeutet zugleich, voreinander Respekt haben, und vor dem andern kann nur der Respekt haben, der vor sich selber Respekt hat (…) Dann werden gute Tage kommen.“

 

Lieber Rabbiner Brandt,

Sie sind immer wieder nach Ihrer Motivation gefragt worden für Ihr außerordentliches Engagement. Dabei haben Sie darauf verwiesen, dass Sie das für die Zukunft tun, für die nächsten Generationen. Sie sehen die jüdische Gemeinschaft als Teil der Gesellschaft, in die sie sich mit den moralischen und ethischen Grundsätzen des Judentums einbringen sollte.

Ich denke, diese Haltung, die Sie ihr Leben lang verkörpert haben, sollten wir als Auftrag begreifen, in Ihrem Sinne weiterzumachen.

Das schulden wir der Gesellschaft, deren Spaltung wir verhindern müssen.

Das schulden wir dem Judentum.

Und das schulden wir Ihnen, lieber Rabbiner Brandt!

Ich gratuliere Ihnen ganz herzlich zur Verleihung des Estrongo-Nachama-Preises und zum Ehrenvorsitz der ARK und wünsche Ihnen noch viele Jahre in Gesundheit und mit viel Freude in ihrer Familie, besonders mit Ihren Enkeln, sowie natürlich auch stets weiterhin Gelegenheit zum Debattieren, zum Streiten und  - wo nötig – Gelegenheit, Ihre Gabe einzusetzen, zu versöhnen.

 

 

 

 

 

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