Eröffnung MiQua Wanderausstellung



Rede von Abraham Lehrer, Eröffnung MiQua Wanderausstellung in Vogelsang, 11. Mai 2023.

[Anrede]

 

Landrat Herr Markus Ramers

Vorsitzende der Landschaftsversammlung Frau Anne Henk-Hollstein

Frau Dr. Christiane Twiehaus

Herr Thomas Kreyes

 

Es ist schon eine im weitesten Sinne „besondere Situation“, an dieser ehemaligen „Ordensburg“, die vor 89 Jahren errichtet wurde, um die sogenannte Ordensjunker zu NS-Führungskräften auszubilden, eine Wanderausstellung zum jüdischen Leben in Deutschland zu eröffnen.

 

Bei Orden und Burgen denke ich normalerweise zuerst an Ritter, doch „ritterlich“ ging es hier nicht wirklich zu. Aber was war das eigentlich für eine Elite, was ist das für ein sogenannter „neuer Herrenmensch“, bei dem Rassentheorie an erster Stelle auf dem Lehrplan stand und der zum Morden gedrillt wurde? Und was soll ich zu dieser 10 Hektar großen Anlage sagen, einem selbstdarstellerischen Symbol der Staatsideologie des Nationalsozialismus; wie entrissen aus einer Wagner-Oper?

 

Diese sogenannte Elite waren junge Männer, im Alter von 25 Jahren, die bereits vor 1933 Mitglieder der NSDAP waren. Sie mussten keine Zeugnisse vorlegen, den hier überwog der Glaube im Sinne des Nationalsozialismus.  Daran ist nichts edel, nichts ritterlich.

 

Die Ausbildung sollte „die Tore zu den höchsten Stellungen in der Partei und im Staate öffnen“ versprach man den Absolventen. Selbst der „einfachste Mann aus dem Volke“ sollte durch den Lehrgang als Junker die Voraussetzungen erwerben, „um Ortsgruppen- und Kreisleiter, um Gau- und Reichsleiter werden zu können“.

 

Das Ideal und Vorbild der jungen NS-Elite steht nicht unweit von uns auf diesem Gelände, immer in Sichtweite: Der „Fackelträger“, der ein ganz bestimmtes Bild von Männlichkeit verkörpert. Die Nationalsozialisten pflegten einen regelrechten Kult um körperliche Gesundheit, Schönheit und Stärke, Attribute, die sie der „arischen Rasse“ zuschrieben – eine Erfindung mit dem einzigen Ziel, andere einer „minderwertigen Rasse“ zuzuordnen. Es ist eben genau das: propagandistische Erfindungen. Denn: weder der arische Mensch, noch der nicht-arische Mensch haben je existiert. Dafür gab es Nutznießer dieser grausamen Ausgrenzungsideologie, die hier lebten und lehrten.

 

Die Lehre in den Schulungsburgen Sonthofen, Crössinsee und Vogelsang hatte unterschiedliche Themenschwerpunkte. In Sonthofen lag der Schwerpunkt auf Verwaltungs- und Militäraufgaben sowie Diplomatie, in Crössinsee auf „charakterlicher Bildung“ und in Vogelsang auf „rassischer Philosophie der neuen Ordnung“.

 

Es ging primär darum, ein auf den Nationalsozialismus eingeschworenes Korps zu entsenden, das die gewollte ,Härte’ im Umgang mit den Menschen der beherrschten Länder aufzubringen in der Lage war. Wie Biographien von Ordensjunkern belegen, waren diese dann später an
schlimmsten Verbrechen, zum Teil auch in Führungspositionen, in der besetzten Sowjetunion und anderen Teilen Europas beteiligt. Von Vogelsang
führt demnach über die Täter ein direkter Weg zum Völkermord.

 

Vogelsang ist ein Täterort. Es gibt vielleicht kaum einen besseren Ort für die Wanderausstellung „Menschen, Bilder, Orte – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Warum? Weil diese Ausstellung die Facetten des Judentums sichtbar macht, die eben nicht nur Verfolgung und Elend bedeuten, sondern auch Tiefe, Substanz, Sinn, Wissen, Werte, Herzlichkeit, modern ausgelebte Tradition – und das alles immerhin schon seit mehr als hundert Generationen. Wer kann das schon von sich behaupten?

 

Juden gibt es nämlich nicht erst, seit es Antisemiten gibt. Dennoch lässt mich die Entscheidung dieses ehemaligen Täterortes als Ausstellungsraum fragen: Muss man, wenn es um Antisemitismus geht, auch über Jüdinnen und Juden sprechen, über jüdisches Leben in Deutschland, über die Vielfalt jüdischer Selbstverständnisse? Schon die Frage verweist auf eine widersprüchliche Situation: Einerseits reagiert Antisemitismus mitnichten auf das, was Jüdinnen und Juden real tun. Andererseits werden antisemitische Äußerungen häufig in direkte Beziehung zum Verhalten öffentlich sichtbarer Jüdinnen und Juden gesetzt.

 

Ich weiß nur so viel, in einer Gesellschaft, in der Jüdinnen und Juden vielstimmig, vielfältig und auch widersprüchlich erlebt werden (können), kann auch Antisemitismus anders verhandelt werden als in einer Gesellschaft, in der sie vor allem als eine symbolisch überhöhte Mini-Minorität gesehen werden.

 

Die Wanderausstellung wurde vom MiQua, dem LVR-jüdischen Museum im Archäologischen Quartier Köln konzipiert und ich halte es für erwähnenswert, dass die jüdische Gemeinde in Köln als die älteste nördlich der Alpen gilt, was auf das Dekret des römischen Kaisers Konstantin zurückzuführen ist. Das Datum dieses Dekrets, der 11. Dezember 321, gilt als ältester Nachweis für die Existenz einer jüdischen Gemeinschaft im Gebiet des heutigen Deutschlands. Schon seit mindestens 1700 Jahren leben Jüdinnen und Juden also hier – deutlich länger als es Deutschland überhaupt gibt.

1700 Jahre später ist Nordrhein-Westfalen mit rund 27.000 Menschen jüdischen Glaubens Heimat der größten jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Eine gefestigte jüdische Identität bildet sich nur, wenn man seine Geschichte kennt. Wer waren die Gründer der jüdischen Gemeinden nach dem Zweiten Weltkrieg? Womit hatten sie zu kämpfen? Wie gelang es ihnen, mit – wenn ich es so nennen darf – zertrümmerten Seelen und in einem zertrümmerten Land diesen Aufbauwillen zu entwickeln?

Für die jüdische Gemeinschaft selbst ist es wichtig, diese Geschichte zu kennen. Genauso liegt es mir am Herzen, dass sich die nicht-jüdische Umgebung mit dem gelebten und historischen Judentum befasst, der jenseits religiöser und weltanschaulicher Grenzen eine vielfältige Inspiration ist.

 

Genau diesem kulturellen und wissenschaftlichen Reichtum jüdischen Lebens setzt die Ausstellung ein mobiles Denkmal, indem sie sich für eine Form der Geschichtstradierung entscheidet, die, wie ich finde, der vielstimmigen, facettenreichen und nie homogen zu denkenden Jüdischen Geschichte gerecht wird. Jede Zäsur in der mehr noch weiter zurückliegenden, mehr als 3000-jährigen Entwicklung der jüdischen Religion brachte Veränderung mit sich. Die traditionelle jüdische Geschichte ließ sich nie in starre Form zwingen.

 

Das spiegelt sich auf eindrucksvolle Weise in der Ausstellungsdramaturgie wieder: Als Wanderausstellung, die durch Deutschland tourt, ist sie wortwörtlich keine starre Form des Erinnerns, sondern sie bleibt als Wanderausstellung im Fluss, digitale Formate, darunter Livestreams, machen die Inhalte für eine breite und vor allem junge Öffentlichkeit zugänglich.

 

Man spürt förmlich, wie jüdisches Leben sichtbar und die 1700 -jährige jüdische Geschichte erfahrbar gemacht wird.

 

Das ist auch deswegen wichtig, weil es nicht immer einfach war, als jüdische Person „Geschichte zu schreiben“, wie sie ausschließlich von der Mehrheitsgesellschaft geschrieben werden kann. Jüdisches Leben in Deutschland ist gekoppelt an die Minderheitserfahrung, was auch bedeutet, dass jüdisches Wissen und jüdische Kunst und Kultur zwar allgegenwärtig und dennoch als Randphänomen markiert wurden. Und das ist kein Naturgesetz, sondern strukturell und systematisch gewollt.

 

Jüdisches Leben im deutschen Mittelalter ist weder auf die großen geistigen Leistungen noch auf die schrecklichen Verleumdungen und Verfolgungen von den Kreuzzugsgräueln bis hin zu Judenverfolgungen zur Zeit des Schwarzen Tods zu reduzieren. Jahrhundertelang lebten Juden, geschützt von kaiserlichen Edikten und autonom ihre eigenen Gemeindeangelegenheiten regelnd, inmitten der christlichen Bevölkerung

Aufgrund der seit dem 9. und 10. Jahrhundert entstehenden christlichen Ständegesellschaft und der daraus resultierenden eingeschränkten Erwerbsmöglichkeiten wurden jüdische Gemeinden in eine Außenseiterrolle gedrängt, die ihre soziale Integration verhinderte. Wie bildet man also jüdisches Leben im Mittelalter ab, dass streckenweise zwar von kaiserliche Edikte geschützt autonom und inmitten der christlichen Bevölkerung, doch nicht „öffentlichkeitswirksam“ stattfand?

Schauen Sie mich nicht an, die Antworten gibt Ihnen die Ausstellung, dessen Eröffnung ich nur mit meinem Vortrag hinauszögere.

Grob gesagt gilt, dort, wo Minderheitenrechte geschützt waren, hat es der gesamten Gesellschaft gutgetan hat. Auch nach dem Dekret von 321 gestatteten Fürsten in ganz Deutschland immer wieder die Ansiedlung einzelner Juden, um die örtliche Wirtschaft in Schwung zu bringen. Ich wage mit Fug und Recht zu behaupten: Geschadet hat es meistens nicht, im Gegenteil. Wo Juden in relativer Freiheit leben konnten, blühte das Gemeinwesen auf, auch in kultureller und wissenschaftlicher Hinsicht. Das gilt bis heute.

 

Jedoch mussten Juden in Ländern, wo sie entweder volle oder partielle Gleichberechtigung erhielten, oft einen Preis zahlen, der in der Assimilation bestand. Sie mussten ihre Gemeindeautonomie, sowie ihre Sprache, Kleidung und traditionellen Namen aufgeben und sich schließlich auch in ihrer religiösen Praxis der christlichen Mehrheitsgesellschaft anpassen. Rabbiner kleideten sich nicht nur äußerlich wie Pastoren oder Pfarrer, sondern übernahmen zunehmend auch deren Funktion als Seelsorger, anstatt wie im traditionellen Judentum hauptsächlich Rechtsgelehrte zu sein.

 

Auch zielt das Judentum nicht wie das Christentum auf Massenerfolge bei seiner Bekehrungsarbeit ab. Rabbiner lehnen der Regel nach den Eintritt eines Konvertiten dreimal ab. Wir geben uns nicht gerne missionarisch. Und genau das zieht Skepsis auf sich, mag mir das mal jemand erklären? Das Judentum wurde nun zunehmend als Religion ähnlich den christlichen Konfessionen betrachtet, während die ethnisch-nationale Komponente in den Hintergrund trat.

 

Das hat bis heute Auswirkungen: vielen Menschen ist gar nicht so bewusst, dass Judentum nicht nur Religion bedeuten kann, sondern dass Jüdinnen und Juden sich auch als kulturelle Gemeinschaft verstehen, mit gemeinsamer Geschichte und gemeinsamer Herkunft. Übrigens, was auch nicht so viele Menschen wissen: Die meisten Juden hierzulande sind Anfang der 1990er Jahre aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Für viele dieser Menschen hat Religion auch gar nicht so eine große Rolle gespielt beziehungsweise konnten sie ihre Religion in der Sowjetunion nicht offen leben.

Es ist also kein Wunder, dass die jüdische Identitätssuche in einer christlichen/säkularen Mehrheitsgesellschaft bis heute eine Herausforderung für sich darstellt, wenn die Mehrheitsgesellschaft noch die Geschichte schreibt. Diese Ausstellung ist ein erfrischender Ausbruch aus diesem Modus, da sie ganz bewusst auch eine jüdische Perspektive setzt. Ich freue mich daher sehr auf den Besuch!

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

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