Eröffnung des Neubaus des Jüdischen Museums Franken in Fürth



Grußwort von Dr. Josef Schuster beim Festakt zur Eröffnung des Neubaus des Jüdischen Museums Franken in Fürth, 13.5.2018

Anrede,

es gibt in Deutschland eine ganze Reihe jüdischer Museen. Darunter sind solche wie in Berlin oder Frankfurt, die häufig in den Medien erwähnt werden, und eine beachtliche Zahl regionaler jüdischer Museen. Sie alle gemeinsam bilden in meinen Augen einen kostbaren kulturhistorischen Schatz.

Denn sie haben eine Kultur bewahrt, die in Deutschland in vollem Bewusstsein radikal zerstört worden ist. Die Museen schlagen eine Brücke über diesen Abgrund der Zerstörung und schaffen eine Verbindung zwischen dem jüdischen Leben, das es vor der Schoa schon über Jahrhunderte in Deutschland gab, und dem jüdischen Leben, das es heute gibt.

Es ist mir ein persönliches Anliegen, dass diese lange Kontinuität jüdischen Lebens – natürlich einschließlich des Bruchs durch die Schoa – aber eben doch in dieser ganzen Breite viel stärker im Bewusstsein unserer Bürger verankert wird.

Daher empfinde ich den heutigen Tag, an dem wir hier in Fürth den Erweiterungsbau für das Jüdische Museum eröffnen, wirklich als Freudentag.

Mein großer Dank gilt dem Bund, dem Freistaat, der Stadt Fürth, dem Förderverein Jüdisches Museum Franken, diversen Stiftungen sowie den zahlreichen privaten Mäzenen und Spendern für ihre Unterstützung.

Die Erweiterung des Museums an sich ist schon Grund zur Freude. Noch mehr jedoch erfreuen mich die Ziele, die das Museum mit seinen neuen Räumen verfolgt: Denn sie sollen vor allem der Bildung dienen, Lernmöglichkeiten für Schüler, von der Grundschule bis zur Oberstufe, schaffen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich bin gebeten worden, ein paar Sätze zur jüdischen Gegenwart in Deutschland zu sagen. Das tue ich gern – und dann werden Sie verstehen, warum ich so euphorisch auf das pädagogische Konzept des Museums reagiert habe.

Die Stimmung in der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland ist seit einiger Zeit etwas gedämpft. Ich drücke dies so zurückhaltend aus, weil sich negative Schlagzeilen viel schneller verbreiten als positive. Und es widerspricht nicht nur meinem Naturell, sondern entspräche auch nicht den Tatsachen, wenn ich ein wahrhaft düsteres Bild zeichnen würde.

Deutschland ist noch immer ein Staat, in dem Juden gerne leben. Das ist mir ganz wichtig, dies festzuhalten. Unsere jüdische Jugend betrachtet Deutschland ganz selbstverständlich als ihr Zuhause, auch wenn ihre Eltern vielleicht noch zur Einwanderergeneration gehörten.

Allerdings leben wir hier mit einer gewissen Vorsicht und mit polizeilich geschützten Einrichtungen. Es gibt ein  Gefühl der Bedrohung, das sich in unseren Gemeinden breit gemacht hat. Und dieses Gefühl hat seine Gründe.

Auch noch 73 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus erleben wir in Deutschland und leider auch in sehr vielen anderen europäischen Ländern Antisemitismus. Es ist ein Antisemitismus in verschiedenen Erscheinungsformen und in verschiedenen Gesellschaftsschichten. Und keinen gilt es zu verharmlosen. Wir stehen vor der Herausforderung, Antisemitismus an verschiedenen Fronten und mit unterschiedlichen Mitteln bekämpfen zu müssen.

Es ist daher ein wichtiger Schritt, dass auf Bundesebene erstmals das Amt eines „Beauftragten für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus“  - so der offizielle Titel - geschaffen wurde. Der Beauftragte ist für uns ein wichtiger Partner im Kampf gegen Antisemitismus. Gerade weil es darum geht, Antisemitismus zu beobachten unter Rechtsextremen, bei Muslimen sowie im politisch häufig eher linken Spektrum in Form einer heftigen Israel-Feindschaft.

Daher gilt es, ressortübergreifend und auch mit den Bundesländern gemeinsam Strategien gegen all diese Formen zu entwickeln.

Wir begrüßen es daher auch sehr, dass Bayern ebenfalls einen Antisemitismus-Beauftragten bekommen wird. Ministerpräsident Söder wird ihn morgen der Öffentlichkeit vorstellen, und ich bin ihm sehr dankbar für dieses Engagement und die Wahl von Ludwig Spaenle für dieses Amt.

Nun ist es für die Arbeit der Beauftragten ebenso wie für andere Organisationen und Institutionen wichtig, Daten über Antisemitismus zu haben. Die polizeiliche Kriminalstatistik ist bislang unzulänglich. Wenn bei einer antisemitischen Straftat kein Täter ermittelt wurde, wird die Tat automatisch dem rechten Spektrum zugeschrieben. So entsteht die Zahl von fast 95 Prozent aller antisemitischen Straftaten, die angeblich von Rechtsextremen verübt werden.

Mit den Erfahrungen von Juden stimmt dies jedoch nicht überein. Eine differenziertere Statistik ist daher dringend notwendig. Organisationen wie RIAS, die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus, schließt zumindest für Berlin diese Lücke: Sie bietet Betroffenen auf sehr einfache Weise die Möglichkeit, jegliche Art von Vorfällen zu melden, auch unterhalb der Schwelle der Strafbarkeit. Denn erst dieses Gesamtbild spiegelt die Situation wider, in der wir Juden uns in Deutschland tatsächlich befinden.

Auch in Bayern gibt es Überlegungen für ein niedrigschwelliges Meldesystem antisemitischer Vorfälle. Ich kann dies nur begrüßen. Wir könnten Meldestellen in den 13 jüdischen Gemeinden einrichten. Von dort würden die Fälle an übergeordnete Stellen weitergegeben, die dann eine Statistik erstellen könnten. Ich hoffe, dass es uns mit Unterstützung der Staatsregierung gelingt, dieses Meldesystem bis Ende dieses Jahres einzurichten.

Im Moment ist es leider eher so, dass Juden entweder einen Vorfall der Polizei nicht melden, weil sie fürchten, nicht ernst genommen zu werden, oder weil sie den Gang zu einer amtlichen Meldestelle scheuen.

Wir brauchen also valide Daten, damit die Mehrheitsgesellschaft das Problem überhaupt ernst nimmt. Und zwar so ernst, dass sie sich nachhaltig damit beschäftigt, und nicht bei einem Vorfall sich kurzfristig empört, um dann im Alltag genauso weiterzumachen wie bisher.

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

es gilt, auch über muslimischen Antisemitismus zu sprechen. Es liegt mir fern, Muslime generell zu verurteilen. Die Mehrheit von ihnen lebt in friedlicher Nachbarschaft in unserem Land.

Es nützt aber nichts, die Augen davon zu verschließen, dass es bei einigen Muslimen ausgeprägten Antisemitismus gibt. Das wird von Eltern und zum Teil auch von Imamen so weitergegeben. Arabische Fernsehsender und das Internet tun ihr übriges.

Die bereits festsitzenden Vorurteile und den Hass auf Juden auch schon bei jungen Menschen spüren in der Regel am stärksten die Lehrer. In Klassen mit einem hohen Migrationsanteil ist Unterricht zum Thema Judentum oder Schoa manchmal gar nicht mehr möglich, berichten sie. Manche Schüler verlassen dann einfach den Klassenraum, andere beginnen sofort eine Diskussion über den Nahostkonflikt.

Wie können wir erwarten, dass Lehrer stets souverän und angemessen reagieren und diesen Antisemitismus im Keim ersticken können, wenn sie dafür gar nicht ausgebildet sind?

Hier besteht sehr viel Nachholbedarf. Daher hat der Zentralrat der Juden in Deutschland gemeinsam mit der Kultusministerkonferenz damit begonnen, Strategien zu entwickeln, um die Lehrer besser gegen Antisemitismus zu rüsten. Es geht uns auch darum, dass die jüdische Geschichte, Kultur und Religion vermittelt wird – und zwar nicht ausschließlich am Beispiel der Zeit zwischen 1933 und 1945.

Denn Judentum ist viel mehr als die Schoa. Und es ist etwas anderes als der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Die Geschichte und Kultur Deutschlands ist ohne das Judentum nicht denkbar.

Neben den Zeiten der Verfolgung gab es über Jahrhunderte immer wieder Blütezeiten, in denen die Religionen sich gegenseitig befruchteten, in denen Menschen jenseits ihrer Herkunft zusammenarbeiteten. Es waren in kultureller Hinsicht oft Hoch-Zeiten, in denen Werke entstanden, die bis heute unsere Bewunderung hervorrufen. Aber auch der naturwissenschaftlich-technische Fortschritt, großartige Erfindungen sind häufig aus diesen Symbiosen entstanden.

Zeugnisse aus genau solchen Epochen finden sich auch hier im Museum und veranschaulichen auf wunderbare Weise, was jüdische Geschichte und Kultur alles beinhaltet, wenn wir sie in der ganzen Vielfalt wahrnehmen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

kein Mensch wird als Antisemit geboren. Die Schüler übernehmen die Vorurteile von der Eltern-Generation. Die wenigsten von ihnen sind tatsächlich schon einmal einem Juden begegnet.

Auch hier setzen wir an. So hat der Zentralrat das Projekt „Likrat“ gestartet. Dafür bilden wir laufend jüdische Jugendliche aus, die in Zweierteams in Schulklassen gehen und den gleichaltrigen Schülern etwas über ihr jüdisches Leben erzählen. Dadurch entstehen Brücken zwischen den jungen Leuten, das Gefühl der Fremdheit wird kleiner und Vorurteile kommen ins Wanken.

Gerade in der Bildungsarbeit spielen jedoch die Gedenkstätten und jüdischen Museen eine sehr wichtige Rolle und sind für uns unverzichtbare Partner. An den authentischen Orten und anhand authentischer Zeugnisse lässt sich nicht nur die Geschichte anschaulicher vermitteln, sondern auch leichter Empathie erzeugen

Es sind viele kleine Schritte, die unsere gesamte Gesellschaft im Kampf gegen den Antisemitismus gehen muss. Die eine große Lösung gibt es nicht. Wir haben es mit einer gesellschaftlichen Entwicklung zu tun, die für uns alle derzeit mehr Fragen aufwirft als Antworten bereit hält.

Und doch bin ich zuversichtlich, dass wir sehr viele Verbesserungen erreichen können. Dabei helfen solchen neuen Projekte wie die Erweiterung des Jüdischen Museums.

Dabei helfen aber vor allem die Menschen, die über Jahre und Jahrzehnte mit großem Knowhow und hohem persönlichen Einsatz, ja oft mit Leidenschaft gegen Antisemitismus und damit für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft kämpfen.

Es sind die Menschen, die ihren Beitrag dazu leisten, dass sich Juden in Deutschland wieder zuhause fühlen. Dass das auch so bleibt – das sollte unser aller Ziel sein!

Dem Jüdischen Museum Franken wünsche ich weiterhin viel Erfolg, noch höhere Besucherzahlen und alles Gute für die pädagogische Arbeit in den neuen Räumen!

 

 

 

 

 

 

 

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