Die „Einsamkeit jüdischen Sterbens“ – vor 80 Jahren begann der Warschauer Ghettoaufstand



Jüdischer Widerstand im Zweiten Weltkrieg ist bisher häufig ein Randthema des historischen und gesellschaftlichen Diskurses. Die jüdische Identität wird in diesem Kontext, wenn überhaupt, oft nur peripher wahrgenommen. Oder wer weiß schon, dass Willy Brandt seinen berühmten Kniefall in Warschau vor dem Mahnmal an den Warschauer Ghettoaufstand beging? In der zeitgenössischen Betrachtung und historischen Erinnerung gilt die Geste vielmehr als Zeichen deutsch-polnischer Versöhnung. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, sagt: „Es gab lange Zeit ein Desinteresse am spezifisch Jüdischen in der Geschichte, vor allem in Hinblick auf den Zweiten Weltkrieg und der Erinnerung danach. In seinen Betrachtungen über sein Untertauchen im Warschau des Zweiten Weltkriegs beschreibt der Schriftsteller und Schoa-Überlebende Louis Begley dies als Einsamkeit jüdischen Sterbens.“ 

Anlässlich des 80. Jahrestages des Beginns des Warschauer Ghettoaufstandes am 19. April 2023 wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier als erster deutscher Staatsgast bei dem Gedenkakt in Warschau, an dem auch der israelische Staatspräsident Isaac Herzog teilnehmen wird, sprechen. Auf Einladung des polnischen Staatspräsidenten Andrzej Duda wird Dr. Josef Schuster in der Delegation des Bundespräsidenten ebenfalls nach Warschau reisen: „Die Verantwortung, mit der der Bundespräsident seiner Rolle nachkommt, beeindruckt mich. Ich sehe hier eine Chance für die Zukunft. Das Gedenken an den Warschauer Ghettoaufstand muss fest in den deutschen Kanon der Geschichte des Zweiten Weltkrieges verankert werden.“

Am 20. April wird aus diesem Grund zudem in Berlin ein Bildungstag der Jüdischen Akademie des Zentralrats der Juden stattfinden, der sich der Erinnerung an den Aufstand widmet. Hierzu Dr. Schuster: „Es ist ein Prozess im Gange, der unseren Blick auf Geschichte und Erinnerung verändert. Die jüdische Gemeinschaft muss dabei eine selbstbestimmte und aktive Rolle einnehmen. Die Jüdische Akademie hat den Auftrag, eine jüdische Perspektive auf eine Debatte der Mehrheitsgesellschaft zu formulieren. Die Veranstaltung steht ganz im Wesenssinn dieses Gedankens der Selbstbestimmtheit.“

 

Berlin, 18. April 2023 / 27. Nissan 5783

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