DAGESH-Kunstpreis



Grußwort des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, zur Verleihung des ersten DAGESH-Kunstpreises des Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerks und des Jüdischen Museums zu Berlin, 7. November 2018

Es gilt das gesprochene Wort!

 

Anrede,

 

Was bedeutet Jüdischsein heute? Das ist wirklich eine gute Frage. Genau wie Sie habe ich darauf nicht nur eine, sondern mehrere Antworten. Die brauche ich auch, denn als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland werde ich in der letzten Zeit sehr oft danach gefragt. Und meine Antwort fällt eigentlich jedes Mal anders aus. Es kommt ganz darauf an, wer fragt und in welchem Zusammenhang: Politiker, Journalisten, Rabbiner, Gemeindemitglieder oder auch meine eigene Familie.

 

Als Erstes aber möchte ich aber den Trägern des DAGESH-Kunstpreises, den ich zusammen mit Ihnen, liebe Frau Lezzi, gleich verleihen darf, sehr herzlich gratulieren. Sehr geehrte Frau Grayver, sehr geehrte Herren Kira und Shpilman, Sie haben sich in einem multimedialen Projekt mit der Frage auseinandergesetzt: „Was bedeutet Jüdischsein heute“? Darauf gab es auch bei DAGESH, dem Kunstprogramm des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks, (wie könnte es anders sein,) mehrere jüdische Antworten von mehreren jüdischen Künstlern. Und Ihr Projekt wurde als das Beste ausgewählt.

 

Ich möchte ehrlich zu Ihnen sein: als Arzt, genauer gesagt als Internist, verstehe ich mehr von der „Kischke“ (in meinem Fall von Magenspiegelungen) als von Kunst. Aber wenn ich Ihre Installation „Open, Close, Open“ richtig interpretiere, dann ist Ihre Antwort nicht statisch, sondern flexibel und variabel, je nach Umständen neu formbar – so wie der Sand und die Buchstaben, die Sie für Ihre Installation verwendet haben. Das gefällt mir, denn so verstehe auch ich das Judentum: Eine alte Tradition, die in der Lage ist, auf Neues zu reagieren und die Anregungen der Moderne aufzunehmen – und so in die Zukunft zu weisen. Und so versteht auch das Jüdische Museum Berlin das Judentum und widmet sich in seinen Projekten und Ausstellungen genau dieser Frage: Was bedeutet das Heute für das Morgen?

 

Da wären wir gleich beim Thema – der jüdische Zukunftskongress. Ich freue mich sehr, dass sich die Leo Baeck Foundation als Veranstalter einem Thema widmet, das beim Zentralrat der Juden schon immer auf der Agenda stand: „Weil ich hier leben will… Zwischen Erinnerung und Zukunft.“ Ja, wir wollen hier leben, und wir wollen unseren Standort bestimmen zwischen Gestern und Morgen.

 

Diese und natürlich auch noch viele andere Fragen standen auch bei den Diskussionen am großen Gemeindetag des Zentralrats der Juden im Jahr 2016 im Zentrum: Wie sichern wir die Errungenschaften der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten, die sich wirklich sehen lassen können, für die kommende Generation? Und wie reagieren wir auf eine Welt, in der auch in Zukunft ständig neue Herausforderungen auf uns warten werden? Nicht ganz unwichtig dabei ist natürlich der Staatsvertrag, der dem Zentralrat und seinen Partnern ab diesem Jahr mehr Bildungs- und Erinnerungsarbeit ermöglicht als in den Jahren zuvor.

 

Ich bin in diesem Zusammenhang sehr glücklich darüber, dass die Zusammenarbeit zwischen dem Zentralrat und dem Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk intensiver geworden ist. Eine bessere Investition als die in die Bildung begabter junger Menschen ist im Judentum doch kaum vorstellbar. Seit diesem Jahr wird ELES auch institutionell gefördert. Und für die Stipendiaten und Stipendiatinnen sind die gemeinsamen politischen Aktivitäten, gerade auch mit der Bildungsabteilung des Zentralrats, sicherlich eine Bereicherung. Sehr gerne beteiligt sich der Zentralrat auch an der Jüdischen Denkfabrik. Von diesem Think Tank werden wir sicherlich in Zukunft noch viele neue Ideen und Impulse bekommen, was es bedeuten kann, jüdisch zu sein.

 

Jüdischsein heute: Das hat mindestens so viele Bedeutungen, wie es Juden auf der Welt gibt. Denn wie alle hier im Raum genau wissen, kommen auf zwei Juden drei Meinungen und mindestens vier Denominationen. Aber ich werde mich natürlich nicht auf die Zahl „vier“ festlegen lassen. Was kann es also bedeuten, jüdisch zu sein? Lassen Sie mich nur einige Auslegungen erwähnen.

 

Jüdischsein heute bedeutet: koscher zu essen. Oder koscher Style. Oder auch Freestyle. Jüdischsein bedeutet, in eine orthodoxe, eine ultra-orthodoxe, eine liberale oder in eine Masorti-Synagoge zu gehen. Jüdischsein bedeutet, dass Männer und Frauen seperat beten – oder alle gemeinsam in einem einzigen Saal. Jüdischsein kann auch bedeuten, gar nicht zu beten und völlig säkular zu leben – sich aber trotzdem dem jüdischen Volk, seiner Kultur und seiner Tradition zugehörig zu fühlen. Jüdischsein bedeutet, sich dem jüdischen Staat verbunden zu fühlen und außerhalb Israels für die einzige Demokratie im Nahen Osten einzutreten – ungeachtet dessen, dass jeder Jude und jede Jüdin durchaus Kritik an der Politik der israelischen Regierung hat und natürlich haben darf. Wer aber zum Boykott Israels aufruft oder als Jude BDS unterstützt, hat nach nicht begriffen, dass Jüdischsein nicht bedeuten kann, sich mit den Feinden des jüdischen Volks gemein zu machen. Das gilt natürlich genauso für die Juden in der AfD.

 

Jüdischsein bedeutet leider auch heute, Angst zu haben – wie vor zehn Tagen, als wir fassungslos waren über das Massaker in der Synagoge von Pittsburgh. Ein weißer Antisemit und Rechtsextremist hat elf unschuldige Menschen ermordet, nur weil sie Juden waren. Diese Tat hat uns alle erschüttert. Denn es gibt keine schrecklichere Vorstellung als die, wehrlos einem Attentäter ausgesetzt zu sein. Ein Überfall auf unsere Synagoge ist für jeden und jede von uns ein Albtraum, der niemals wahr werden darf.

 

Doch Jüdischsein heute bedeutet wie schon oft in unserer Geschichte, wieder Mut zu fassen und sich nicht einschüchtern zu lassen. Vergessen wir eines nicht: Jüdischsein heute in Deutschland bedeutet auch, dass unsere Synagogen gut bewacht sind. Wir mögen bedauern, dass dies immer noch nötig ist. Doch in Tagen wie diesen schätzen wir uns glücklich, in einem Land zu leben, in dem es nicht so einfach ist wie anderswo, eine automatische oder halbautomatische Waffe zu erwerben. Wir sind froh darüber, als Juden in einem Land zu leben, in dem jüdisches Leben vom Staat geschützt wird. In Deutschland gehören Religionsfreiheit und persönliche Freiheit zu den Grundrechten. Doch so vehement wie lange nicht muss die jüdische Gemeinschaft derzeit für ihre Grundrechte kämpfen. Jüdischsein heute muss bedeuten, Kippa und Davidstern offen tragen zu können, ohne angepöbelt, angestarrt oder geschlagen zu werden. Es muss auch bedeuten, offen als Jude leben zu können, ohne als Kindermörder, Spekulant oder Raffzahn diffamiert zu werden.

 

„Zwischen Erinnerung und Zukunft“: In zwei Tagen, am Freitagvormittag findet in der Synagoge Rykestraße in Berlin die zentrale Gedenkfeier zu 80 Jahren Reichspogromnacht statt. Wir hören in diesen Tagen viele Berichte von Zeitzeugen, die diese schreckliche Nacht noch als Kinder in Deutschland erlebt haben. Wir horchen auch in uns hinein, setzen uns mit unserer eigenen Familiengeschichte auseinander. Auch für meine Familie war das Jahr 1938 eine Zäsur. Mein Vater und mein Großvater wurden zuvor festgenommen und in das Konzentrationslager Dachau gebracht. Unsere Familie hatte Glück, dass sie noch ins damalige Palästina auswandern konnte. Viele andere hatten weniger Glück.

 

Doch Jüdischsein, das brauche ich Ihnen wohl nicht zu erzählen, bedeutet mehr als Gedenken und Trauer. Jüdischsein bedeutet auch Lebensfreude und Feiern - wie etwa für unsere Jugendlichen bei der Jewrovision, an Purim oder hoffentlich bei vielen zukünftigen Gelegenheiten im Jüdischen Museum Berlin - und natürlich beim Zukunftskongress. In diesem Sinn möchte ich uns allen fruchtbare Diskussionen auch in Zukunft darüber wünschen, was es bedeutet, heute jüdisch zu sein!