1938 Projekt – Posts from the Past



Eine Wanderausstellung des Leo Baeck Institute - New York/Berlin, Ausstellungseröffnung 03. Mai 2018, Braunschweig Stadtbibliothek.

Anrede,

 

wie konnte „das“ passieren? Und wieso haben die Menschen nicht viel früher die Zeichen der Zeit verstanden, entsprechende Konsequenzen gezogen – und Deutschland verlassen?

Das sind Fragen, die bei Gedenkveranstaltungen zum 9. November 1938 und an die Schoa - die Judenvernichtung im nationalsozialistischen Deutschland -  häufig gestellt werden.

 

Dank zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen und Darstellungen haben wir darüber bereits viele Erkenntnisse und dennoch – wirklich verstehbar ist nicht, was damals geschah. Unfassbar scheinen uns die Geschehnisse bis auf den heutigen Tag.

 

Die Ausstellung zeigt auf plastische Weise, wie Menschen andere Menschen Schritt für Schritt entrechteten, entmenschlichten und schließlich vernichteten. Das „Projekt1938 – Posts from the Past“ des Leo Baeck Instituts, zu der die Ausstellung gehört, die heute hier in Braunschweig eröffnet wird, macht uns gleichsam zu „Zweitzeugen“ des Geschehens.

 

Besonders hervorzuheben ist meines Erachtens die zeitgemäße Darstellungsform, die dafür gefunden wurde: „Posts from the Past“.

Das Wortspiel funktioniert im Englischen besonders gut, ist aber auch hierzulande verständlich. Kurznachrichten aus der Vergangenheit an die Nachgeborenen.

 

Auf der Website des Projekts kann sich der User - um in der Mediensprache zu bleiben - täglich einen kurzen Kalendereintrag mit einer Quelle aus dem Jahr 1938 anschauen.

 

Wertvolle und ausdrucksstarke Zeugnisse der Vergangenheit werden damit aus den Archiven hervorgeholt und für eine breite Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

 

Anhand der ausgewählten Posts wird deutlich, dass das Schicksalsjahr 1938 nicht auf die Novemberpogrome beschränkt werden kann. Bis zu einem gewissen Grad lassen sich Gedanken und Gefühle der Menschen nachempfinden - der Unglaube über das, was ihnen widerfährt, sowie die - zum Teil zu lange verdrängte - Erkenntnis, dass sie ihr Land und ihr Leben verlassen müssen, wenn sie und ihre Familien überleben wollen.

 

„Inzwischen ist das Neue Jahr gekommen. Was wird es uns bringen?“ Wenn wir diese Zeilen des seinerzeit in die USA emigrierten Otto Neubauer vom 2. Januar 1938 lesen, dann lesen wir diese mit dem Wissen darum, was danach folgte. Unwillkürlich lassen einen die Zeilen frösteln, und sie vermitteln eine Vorstellung davon, dass Menschen zwar fühlten und ahnten, dass etwas Furchtbares geschehen werde – es aber doch nicht in seinem ganze Grauen erahnen konnten.

 

Pause

 

„24.4.1938. Wir waren in Süddeutschland – in meiner kleinen Heimatstadt. Viele jüdische Geschäfte sind verkauft – die Inhaber ausgewandert, (…), die Straßen besudelt – die Leute wagen nicht mehr zu grüßen.“ – Ein anderer Post zitiert aus dem Brief einer jüdischen Ärztin und beschreibt bereits die alltäglich gewordenen offenen Angriffe und Attacken. Den Anfang vom Ende.

 

Die Posts, so bedrückend sie sind, machen uns auf ganz besondere Weise sensibel für den heutigen Antisemitismus und Rassismus. Der Betrachter wird geradezu aufgefordert, darüber nachzudenken, wo wir in unserem Alltag heute schon wieder Diskriminierung, Hass und Hetze begegnen.

 

Sowohl das Online-Projekt1938 als auch die genauso wichtige Wanderausstellung richten sich dezidiert an ein jüngeres auch internetaffines Publikum sowie an Schulen und Bildungseinrichtungen und sind damit gerade heute besonders wichtig.

 

In einer Zeit, in der uns täglich besorgniserregende Nachrichten über Mobbing gegen jüdischen Schülerinnen und Schüler erreichen, Zeiten, in denen vermeintliche oder tatsächliche Juden auf offener Straße angegriffen werden, sind bildungspolitische Initiativen eine von vielen dringend notwendigen Maßnahmen, um Fehlentwicklungen in diesem Lande konsequent entgegen zu steuern.

 

Es hilft nicht, allein die offensichtlichen Defizite zu beklagen. Es ist höchste Zeit, aktiv zu werden und zu handeln. Die Zeit der Lippenbekenntnisse ist vorbei.

 

Um effizient handeln zu können, müssen wir einen Überblick darüber haben, was an den Schulen in Deutschland für Defizite bestehen, antisemitische Vorfälle müssen flächendeckend gemeldet und erfasst werden.

 

Wir brauchen eine aussagefähige Kriminalstatistik. Die Unklarheit darüber, ob Straftaten in der Kriminalstatistik korrekt abgebildet sind oder nicht verhindert, dass wir endlich lösungsorientiert handeln können.

Antisemitismus von rechts ist ebenso zu bekämpfen wie der linke Antisemitismus oder der Antisemitismus unter Muslimen, der Antisemitismus der Mitte oder der unter dem Deckmantel der Israelkritik geäußerte Antisemitismus.

 

Wir brauchen dringend eine Kultur des Eingreifens, des sich Zuständig-Fühlens, der gelebten Toleranz, wenn wir unsere offene Gesellschaften erhalten wollen.

 

Dazu gehören sowohl umfangreiche präventive Maßnahmen im Extremismusbereich, die Unterstützung von Lehrerinnen und Lehrern, die Implementierung von Ansprechpartnern für Kinder, die sich bedroht fühlen oder es definitiv werden.

 

Wir wollen nicht nur erreichen, dass jüdische Schülerinnen und Schüler an Schulen nicht mehr gemobbt werden, wir wollen jegliches Mobbing aus den Schulen vertreiben.

Wir müssen gemeinsam einer Kultur der gesellschaftlichen Verrohung entgegenwirken, und wenn es nicht anders geht, müssen wir auch denen die rote Karte zeigen, die glauben, sie können in dieser Gesellschaft jegliche Grenzüberschreitung begehen, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.

 

Antisemitismus und Rassismus müssen in dieser Gesellschaft ein „No-Go“ werden.

 

Wir wünschen uns auch, dass Schulen in Deutschland mehr über das Judentum aufklären. Es muss für die Schülerinnen erfahrbar werden, dass Geschichte und Kultur Deutschlands ohne das Judentum nicht denkbar sind. Es muss mehr Begegnungen zwischen den Religionen geben. Zu Recht hat der Präsident des Zentralrats der Juden, Dr. Josef Schuster, gefordert, Lehrkräfte in Deutschland zu „Stoppt-Antisemitismus-Experten“ zu machen.

 

Der Zentralrat hat gemeinsam mit der Kultusministerkonferenz eine Materialsammlung über das Judentum bundesweit zur Verfügung gestellt, die Lehrerinnen und Lehrern in Deutschland die Vermittlung jüdischer Geschichte, Religion und Kultur erleichtern soll.

 

Auch hat der Zentralrat der Juden in Deutschland ein bundesweites Begegnungsprojekt für Jugendliche mit dem Titel „Likrat“, was auf Hebräisch „aufeinander zu“ bedeutet, ins Leben gerufen. Schulen aller Art können in jeder Altersstufe jüdische Jugendliche in eine Klasse einladen, um über das Judentum zu sprechen.

Wir hoffen, dass all dies dazu beiträgt, stereotype Wahrnehmungen zu durchbrechen, jüdische Religion und Kultur zeitgemäß zu vermitteln und einen Beitrag in der Antisemitismusprävention zu leisten.

 

Ich freue mich sehr, dass Dr. Felix Klein heute unter uns ist. Das Bundeskabinett hat ihn mit Wirkung vom 1. Mai 2018 zum Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus berufen. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat gemeinsam mit anderen jüdischen Organisationen lange für die Einrichtung dieser Position gekämpft.

 

Wir sind uns sicher, dass Felix Klein gemeinsam mit den vorhandenen und künftigen Antisemitismusbeauftragten der Länder und all jenen, die den Kampf gegen Antisemitismus zu ihrer Aufgabe gemacht haben, dafür sorgen wird, dass Antisemitismus in Deutschland nicht nur der Kampf angesagt wird – sondern, dass auch gehandelt wird.

 

Der Zentralrat der Juden in Deutschland wird hierbei an seiner Seite stehen. Gemeinsam werden wir daran arbeiten, die Empfehlungen des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus endlich konkret und nachhaltig umzusetzen.

 

Zum Schluss möchte ich es nicht versäumen, allen zu danken, die an dem Projekt1938 beteiligt waren und sind. Ganz ausdrücklich danke ich dem noch jungen Israel Jacobson Netzwerk sowie den zahlreichenehrenamtlich Aktiven für ihr Engagement.

 

Der Ausstellung wünsche ich zahlreiche Besucherinnen und Besucher ebenso wie dem Webauftritt „Posts from the Past“.

 

Mögen die Nachrichten Gehör finden!

Rede: RA Daniel Botmann (Geschätsführer des Zentralrates der Juden in Deutschland) 

03. Mai 2018, Braunschweig Stadtbibliothek. 

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