1700 Jahre Jüdisches Leben



Impuls von Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, bei der Online-Veranstaltung „Jüdisches Leben in Deutschland – Gemeinsam zu einem neuen Miteinander“ zum Auftakt des Festjahres „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ der Konrad-Adenauer-Stiftung

Ich freue mich sehr, dass diese Veranstaltung trotz der Corona-Pandemie stattfinden kann – auch wenn wir dafür auf den virtuellen Raum ausweichen mussten. Die Kölner Synagoge in der Roonstraße wäre ein perfekter Ort gewesen, um zu Beginn des Festjahres über 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland zu sprechen. Die jüdische Gemeinde von Köln ist bereits im Dezember des Jahres 321 in einem Edikt des römischen Kaisers Konstantin erwähnt - vor 1700 Jahren. Das Edikt gilt als der älteste Beleg jüdischen Lebens in Europa nördlich der Alpen. Diese reiche Geschichte wollen wir in diesem Festjahr ausleuchten, sie befragen und damit auch einen Beitrag leisten, um jüdisches Leben in Deutschland gemeinsam für die Zukunft zu sichern.

Natürlich hätten wir alle uns bessere Startbedingungen für 2021 gewünscht – nicht nur in Hinblick auf das Festjahr. Es ist nicht leicht zu feiern, wenn persönliche Begegnungen eingeschränkt sind. Ich hoffe sehr, dass ich Sie in absehbarer Zeit wieder in einer Synagoge begrüßen kann statt auf dem Bildschirm! Doch in diesen Tagen hilft es nicht, zu jammern. Wir müssen uns auf das Positive besinnen und auf die Kräfte, die uns innewohnen. Es kann sehr hilfreich sein, wenn man den Blick vom Tagesgeschehen in die Geschichte richtet und sich bewusstmacht, welche Werte unser Handeln bestimmen.

Und damit komme ich schon zu Konrad Adenauer, dem großen Kölner, der heute 145 Jahre alt geworden wäre. Ein Mann, der in seinem Leben mehr als eine Widrigkeit zu überwinden hatte - und der sich trotz aller Steine, die ihm in den Weg gelegt wurden, nicht von seinen Prinzipien abbringen ließ.

Lassen Sie mich meinen weiteren Worten ein Zitat von Konrad Adenauer voranstellen. Im Dezember 1958 sagte der damalige Bundeskanzler in einer Rundfunkansprache: „In der Geschichte der Menschheit gibt es Perioden des lastenden Dunkels, der Unrast, des Unfriedens, der Angst; aber immer wieder hat der menschliche Geist, die menschliche Seele sich hindurchgerungen zum Licht und zum Frieden. Es ist in Wahrheit etwas Wunderbares um die Stärke, um die Kraft des Geistes und der Seele.“ 

Nicht zuletzt Konrad Adenauer ist es zu verdanken, dass die Kölner Synagoge im September 1959 wiedereingeweiht werden konnte. So konnte die Synagogengemeinde Köln wieder an die Vorkriegszeit, anknüpfen. Dass die Synagoge wenige Wochen später, ausgerechnet an Heiligabend 1959, von Rechtsradikalen mit Hakenkreuzen beschmiert wurde, hat Konrad Adenauer vor 60 Jahren, in seiner Rede zur Gedenkfeier im ehemaligen KZ Bergen-Belsen am 2. Januar 1960 zum Thema gemacht.

Juden in Deutschland, das ist eine Geschichte mit Höhen und Tiefen. Aschkenas, der mittelalterliche rabbinische Begriff für Deutschland, war eine Wiege blühender jüdischer Kultur, die durch Migration auch das osteuropäische Judentum stark geprägt hat. Bis heute sprechen Juden in manchen Städten der Welt noch Jiddisch, eine germanische Sprache mit hebräischen und slawischen Komponenten. Im 19. Jahrhundert entstanden bis heute zentrale jüdische Strömungen, das Reformjudentum und die Orthodoxie, auf deutschem Boden. Der Zivilisationsbruch der Schoa hat nicht nur Millionen von Menschen vernichtet, sondern auch die Alltagskultur und Praxis des deutschen Judentums fast vollständig zerstört. 

Konrad Adenauer, der durch seine Annäherung an Israel den Weg für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen dem jüdischen Staat und der Bundesrepublik Deutschland bereitet hat, machte sich über das Ausmaß des Verbrechens keine Illusionen. In seinen Erinnerungen schrieb er: „Der Weg zur Annäherung ist für beide Seiten schwer, für uns schwer angesichts der Ungeheuerlichkeit, mit der unsere Vergangenheit belastet ist, für die Israelis schwer angesichts des unendlichen Leides, das das jüdische Volk ertragen mußte. Aber das Leben geht weiter. Um die Zukunft bestehen zu können, muß man nach vorn blicken und sich nicht durch den Bann der Vergangenheit lähmen lassen.“ 

Sehr geehrte Damen und Herren, 

als der Zentralrat der Juden in Deutschland vor gut 70 Jahren gegründet wurde, konnte sich niemand ein mehr ein blühendes jüdisches Leben in diesem Land vorstellen. Nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Theresienstadt schrieb Rabbiner Leo Baeck 1945: „Für uns Juden in Deutschland ist eine Geschichtsepoche zu Ende gegangen. (…) Unser Glaube war es, dass deutscher und jüdischer Geist auf deutschem Boden sich treffen und durch ihre Vermählung zum Segen werden könnten. Dies war eine Illusion – die Epoche der Juden in Deutschland ist ein für alle Mal vorbei.“

Dass Rabbiner Baeck, einer der wichtigsten Führungspersönlichkeiten des deutschen Judentums im 20. Jahrhundert, vor 75 Jahren diesen Schluss zog, ist mehr als nachvollziehbar. Doch heute, zum Beginn des Festjahrs „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ können wir feststellen: Die Zeiten haben sich geändert. In den 1980er Jahren war die Zahl der Juden hierzulande sehr klein geworden und lag bei rund 25.000. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs erhielten Juden aus der ehemaligen Sowjetunion die Möglichkeit, als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland zu kommen. Ohne diese Einwanderung – das muss ich klar und deutlich sagen – gäbe es heute in vielen Städten keine jüdischen Gemeinden mehr. Derzeit haben die 105 Gemeinden, die zum Zentralrat der Juden gehören, rund 96.000 Mitglieder.

Mit diesem Wachstum entstand auch eine neue Nachfrage nach geistiger Führung in den Gemeinden: 2006 wurden zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder Rabbiner in Deutschland ordiniert. Mittlerweile gehört die Ordination von orthodoxen und liberalen Rabbinern schon fast zum jüdischen Alltag. Und obwohl die jüdische Gemeinschaft vor vielfältigen Herausforderungen steht, hat sich das jüdische Leben in Deutschland längst wieder etabliert.

Das ist nicht selbstverständlich. Denn abgesehen von demografischen Entwicklungen, vor denen auch die christlichen Kirchen stehen, macht uns ein zunehmend gewaltbereiter Antisemitismus zu schaffen. Es ist – so entnehme ich es den Statistiken – nicht so, dass es in Deutschland mehr Antisemiten gibt als vor zehn Jahren. Sie treten aber offener in Erscheinung. Dass ein Attentäter auf eine Synagoge schießt wie in Halle, dass ein Jude – wie in Hamburg – auf der Straße vor einer Synagoge mit einem Klappspaten attackiert wird, dass in Essen Steine auf das Fenster der Synagoge geworfen werden – das sind leider keine Einzelfälle. Unsere Gotteshäuser sind nach wie vor auf Polizeischutz angewiesen, und die jüdische Gemeinschaft auf die Solidarität der Mehrheitsgesellschaft.

Wir brauchen diese Solidarität aber auch, wenn es um Religionsfreiheit geht. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat im Jahr 2012 die Frage aufgeworfen, wie es gelingen kann, ich zitiere: „Toleranz von Riten zu schaffen, die der Mehrheit unserer Gesellschaft völlig fremd, für die betroffenen Minderheiten aber essenziell und völlig unumstritten sind.“ Damals ging es um die Beschneidung von männlichen Knaben - ein zentraler Bestandteil der jüdischen Religion. Durch das Beschneidungsgesetz konnte 2012 die ungestörte Religionsausübung sichergestellt werden. 

Vor zweieinhalb Wochen hat nun der Europäische Gerichtshof die Vorschriften für die rituelle Schlachtung von Tieren so ausgelegt, dass sie jüdischen und muslimischen Bräuchen zutiefst widersprechen. Nach dem Urteil dürfen EU-Staaten auch für rituelle Schlachtungen eine Betäubung des Tieres vorschreiben. 

Um es klar und deutlich zu sagen: Dies ist ein schwerwiegender Eingriff in die Religionsausübung und kann jüdisches Leben in Europa gefährden. Ich hoffe sehr, dass Deutschland und die EU-Staaten die rituelle Schlachtung weiterhin ermöglichen. Für praktizierende Juden ist es unmöglich, Fleisch zu essen, das nicht geschächtet wurde. Und wer sich für mehr Tierschutz einsetzen möchte, sollte die Massentierhaltung und die Produktionsbedingungen auf den Schlachthöfen ins Visier nehmen. Er sollte sich aber nicht an jahrhundertealten Bräuchen von Minderheiten abarbeiten, deren Bedürfnisse bei der Zahl der insgesamt geschlachteten Tiere kaum ins Gewicht fallen. 

Sehr geehrte Damen und Herren,

an diesem Beispiel sehen wir deutlich, dass der Einsatz für jüdisches Leben in Deutschland keine theoretische Frage ist, sondern eine sehr konkrete Herausforderung. Es ist leichter, darüber Festreden zu halten, als in unbequemen Auseinandersetzungen Position zu beziehen. Aber nur gemeinsam können wir das Recht auf freie Religionsausübung verteidigen und dadurch jüdisches Leben in Deutschland in all seinen Facetten auch in den nächsten 1700 Jahren möglich machen. 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit! 

 

 

 

 

 

 

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