Gastbeitrag von Dr. Josef Schuster: Was bedeutet es noch, wenn wir als Gesellschaft sagen, „wir erinnern uns“?
Gastbeitrag t-online zum 27. Januar, Dr. Josef Schuster
Was bedeutet es noch, wenn wir als Gesellschaft sagen, „wir erinnern uns“?
Am 27. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreit. Der Anblick, der sich den Soldaten der Roten Armee damals bot, entzieht sich bis heute dem menschlichen Verstand. Auschwitz wurde zu dem Symbol der menschenverachtenden Gräueltaten und des Menschheitsverbrechens der Schoa.
Der industrielle Völkermord der Nationalsozialisten zielte auf die Vernichtung des europäischen Judentums. 81 Jahre später gibt es in Europa, gibt es in Deutschland jüdisches Leben. Dass es hier heute über 100 lebendige jüdische Gemeinden gibt, hat dieses Land einer verhältnismäßig kleinen Gruppe von Menschen zu verdanken.
Am 27. Januar gedenken wir als Gesellschaft den Opfern des Nationalsozialismus. Wir gedenken sechs Millionen ermordeten Juden, einer halben Million Sinti und Roma, den Menschen mit Behinderung, Kranken, Homosexuellen, den Menschen am Rande der Gesellschaft, Zeugen Jehovas, Zwangsarbeitern und den politisch Widerständigen, die ermordet wurden. Ebenso gedenken wir all jenen, die den NS-Terror überlebt haben.
Es waren diese Überlebenden, die 1945 einen Entschluss fassten, dessen Tragweite bis heute unmöglich überschätzt werden kann. Inmitten der Trümmer ihrer vormaligen Existenz stehend, beschlossen sie, an eine jüdische Perspektive in Deutschland zu glauben. Es waren Überlebende, die trotz der erlittenen Ausgrenzung, Entrechtung und Entmenschlichung zurückkehrten. Die sich ihre Heimat nicht nehmen lassen wollten.
Es waren diese Überlebenden, die mutig ihren Platz in Deutschland beanspruchten. Die nicht am Rande dieser Gesellschaft ein Schattendasein fristen, sondern sichtbar in ihrer Mitte stehen wollten.
Gegen teils erhebliche Widerstände prägten diese Überlebenden unsere Erinnerungskultur und waren Träger der demokratischen Erneuerung Deutschlands. Dass diese Erneuerung, die demokratische Kultur unseres Landes zu keinem Zeitpunkt eine Selbstverständlichkeit war, spüren wir heute.
Denn wir stehen heute an einem Wendepunkt. Die Zeit ist unerbittlich und die Überlebenden des NS-Terrors gehen von uns, während der Judenhass auf deutschen Straßen wieder zuhause ist. Seit mehr als zwei Jahren greift er sich öffentlichen Raum, zeigt unverhohlen sein hässliches Haupt. Antisemitismus tritt immer enthemmter auf und wird in seiner Radikalisierung salonfähig – auch in der Mitte unserer Gesellschaft.
Der Antisemitismus hat eine unselige Eigenschaft: Er ist Brückenideologie für Rechtsextremisten, Linksextremisten und Islamisten gleichermaßen. Weil alle diese Feinde unserer offenen Gesellschaft den Judenhass fest in ihre Weltanschauung eingebettet haben, ist Antisemitismus ein Seismograph für gesellschaftliche Entwicklungen. Die Lage der Juden in Deutschland spiegelt die Lage unserer Demokratie.
Die Werte der liberalen Demokratie sind in der Defensive. Die Zahl der Menschen, die bereit sind, sich von den Versuchungen der Autokratie verführen zu lassen, steigt mit jedem Jahr. Das Fundament der liberalen Demokratien bröckelt – weltweit, auch in Deutschland. In unserem Land erstarken die Feinde der offenen Gesellschaft, während – und weil – die Erinnerung verblasst.
Auch in diesem Jahr ruft der World Jewish Congress die Kampagne „We Remember“ ins Leben. Eine Kampagne, die weltweit der Opfer der Schoa gedenkt. Diese Kampagne ist ungemein wichtig, und doch müssen wir uns die Frage stellen: was bedeutet es noch, wenn wir als Gesellschaft sagen, „wir erinnern uns“?
Wenn wir an diesem 27. Januar der Opfer des Nationalsozialismus gedenken, geht dieses Ritual an mindestens jedem achten jungen Menschen in Deutschland spurlos vorbei. Denn aktuelle Studien zeigen, dass jeder achte 18-29-jährige noch nie von der Schoa gehört hat. Wenn wir anlässlich der Befreiung von Auschwitz zusammenkommen, dann kann fast jeder dritte junge Mensch in Deutschland mit dem Begriff „Auschwitz“ nichts anfangen, weil er kein einziges Lager der Nationalsozialisten benennen kann. Jedes Jahr wächst die Zahl derer, die einen Schlussstrich fordern unter unsere Erinnerung, die vergessen wollen.
Das ist weit mehr als nur ein Versagen unseres Bildungssystems. Es ist ein Symptom der fortschreitenden Entwicklung, die wir in unserem Land beobachten müssen: Die Entkleidung unseres Erinnerns von jeglicher tatsächlichen Bedeutung und die zunehmende Unterhöhlung unseres demokratischen Fundaments gehen Hand in Hand.
Schon jetzt sind die Kräfte beträchtlich, die uns als jüdische Gemeinschaft aus dem öffentlichen Leben verdrängen und der Sichtbarkeit, welche die Überlebenden des NS-Terrors erstritten hatten, berauben wollen. Diese Kräfte werden weiter erstarken, wenn wir es als Gesellschaft nicht schaffen, die bedrohlichen Entwicklungen zu stoppen.
Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist der historische Gegenentwurf zum Terror des Nationalsozialismus. Das Grundgesetz prägt unsere demokratische Identität. Es ist jenseits der politischen Couleur identitätsstiftend für die aufrechten Demokraten unseres Landes. Dass unser Grundgesetz Geltung gewinnen konnte, war niemals selbstverständlich. Es war das Verdienst einer Generation von Überlebenden, die nun endgültig von uns geht und große Fußstapfen hinterlässt.
Wenn wir unsere demokratische Kultur verteidigen wollen gegen autokratische Umtriebe und die Versuchungen der Unfreiheit, müssen wir als Gesellschaft erkennen: Der Schlüssel dazu liegt auch heute in einer lebendigen Erinnerungskultur. Und weder das eine noch das andere lassen sich politisch verordnen.
Einer meiner Amtsvorgänger, Paul Spiegel, hat das erkannt. Er sprach deshalb vom „Aufstand der Anständigen“. Das war im Jahr 2000. Es ist höchste Zeit, dass aufrechte Demokraten heute erneut aufstehen und Zivilcourage beweisen. Gegen die inhaltliche Entkernung unserer Erinnerungskultur und für den Schutz unserer Demokratie vor autokratischen Versuchungen ist diese Zivilcourage, ist dieser persönliche Einsatz jedes Einzelnen entscheidend.
Diesen Einsatz schulden wir den Überlebenden des NS-Terrors. Wir schulden ihn ihrem Glauben an die Zukunft, den sie nie verloren haben.
Den original Artikel finden Sie unter:
https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_101099936/josef-schuster-lage-der-juden-spiegelt-lage-unserer-demokratie-.html
