Redebeitrag Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland zur Mahnwache in Würzburg am Freitag, 24.07.2026
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich muss heute zugeben, dass ich mich geirrt habe.
Ich habe diese Stadt, unsere Stadt, für einen Ort gehalten, an dem die sichtbare Solidarität mit Israel, an dem sichtbares, jüdisches Leben problemlos und ungefährdet möglich ist.
Am Sonntag wurde ich leider eines Besseren belehrt.
Dieser Angriff ist nicht irgendwo geschehen.
Ich bin persönlich tief erschüttert, weil ich es nicht für möglich gehalten habe, solche Gewalt im Raum Würzburg zu erleben.
Dieser Angriff führt uns vor Augen, dass das Tragen eines einfachen Pins, der Solidarität mit Israel signalisiert, als Auslöser eines derart brutalen Angriffs ausreicht, auch hier im Raum Würzburg.
Es braucht offenbar nicht mehr als ein Bekenntnis zum jüdischen Staat, um einen solchen Gewaltexzess zu provozieren.
Es reicht schon ein passives Bekenntnis: das öffentliche Tragen der israelischen Flagge.
Und das in Deutschland, im Jahr 2026.
Seit Jahren erleben wir eine fortschreitende Normalisierung des Judenhasses.
Der Antisemitismus verfestigt sich in unserer Gesellschaft auf einem Rekordniveau.
Seine häufigste Erscheinungsform ist der Hass auf Israel.
Spätestens jetzt hat er auch Würzburg erreicht.
Ich wünsche dem Opfer eine baldige, vollständige Genesung.
Heute gibt es in Deutschland anscheinend keinen Ort mehr, an dem diese israelfeindliche, diese antisemitische Gewalt ausgeschlossen ist.
Keinen Ort, an dem Juden als Juden sichtbar und ungefährdet leben können.
Keinen Ort, an dem jüdisches Leben eine Selbstverständlichkeit ist.
Diese Erkenntnis erschüttert mich.
Doch sie ist bitter notwendig, weil sie uns als Gesellschaft den Weg weist.
Diese Bestandsaufnahme muss zum Wendepunkt werden.
Wenn es solche Orte heute nicht mehr gibt, dann müssen wir dafür kämpfen, sie zurückzugewinnen!
Denn der antisemitische Hass, der sich hier in Würzburg entladen und einen Menschen auf die Intensivstation gebracht hat, bleibt nicht bei Einzelnen stehen.
In letzter Konsequenz zielt dieser Hass auf das Fundament unseres Zusammenlebens.
Er richtet sich gegen unsere offene Gesellschaft und gegen die liberale Demokratie.
Vor diesem Hintergrund kommen wir heute zusammen.
Um unsere Solidarität mit dem Opfer dieses brutalen Angriffs auszudrücken.
Um diesen Akt hasserfüllter Gewalt ohne Ansehung der politischen Haltung oder des Glaubens zu verurteilen.
Und um gemeinsam deutlich zu machen: hier wurde mehr als nur eine rote Linie überschritten.
Ich möchte deshalb ausdrücklich auch der Polizei danken:
Für ihr schnelles und beherztes Eingreifen durch das Schlimmeres verhindert werden konnte.
Und für ihren Einsatz zur Sicherung dieser Veranstaltung heute.
Ich danke der Generalstaatsanwaltschaft München und ihrem Antisemitismusbeauftragten für ihre klare Sprache und für die unmissverständliche Einordnung des Verbrechens als versuchten Mord.
Der Angreifer muss die volle Härte des Rechtsstaats zu spüren bekommen. Sie ist in diesem Fall geboten.
Und sie ist notwendig, um dem antisemitischen Hass, der sich in unserer Gesellschaft ausbreitet, die Stirn zu bieten.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
