Redebeitrag Dr. Josef Schuster anlässlich der Eröffnung der Jüdischen Kulturtage Sachsen-Anhalt in Magdeburg
08. März 2026
Rede

Redebeitrag Dr. Josef Schuster anlässlich der Eröffnung der Jüdischen Kulturtage Sachsen-Anhalt in Magdeburg

Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland Berlin, 16.6.2021 Foto: Marco Limberg / Zentralrat der Juden in Deutschland Jede Urheberrechstverletzung oder sinnentstellende Nutzung des Bildes wird verfolgt.

Kwod Harabbanim

sehr geehrter Herr Landesrabbiner Fabian

sehr geehrter Herr Ministerpräsident Schulze,

sehr geehrte Frau Myslitska und weitere Vertreter Landesverbands Jüdischer Gemeinden Sachsen‑Anhalt,

lieber Michael Grünberg,

lieber Max Privorozki,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

in Deutschland blickt jüdisches Leben auf eine mehr als 1.700 Jahre alte Geschichte zurück.

Diese Tradition spürt man heute bei dieser Veranstaltung deutlich.

Deshalb will ich direkt zu Beginn all jenen herzlich danken, die daran mitgewirkt und sowohl diese Eröffnung als auch die Kulturtage ermöglichen – zuvorderst Ihnen, liebe Frau Fil!

 

Die Tradition, die wir heute spüren: sie musste immer wieder neu erkämpft und auch neu begründet werden, zuletzt in und seit den 1990er-Jahren durch die Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Es ist eine Tradition, die eigentlich nicht eine ist, sondern viele.

 

Im Zentrum jeder Beschäftigung mit jüdischem Leben in Deutschland steht dabei die Erkenntnis:

Jüdisches Leben ist so viel mehr als jüdisches Leiden.

Die jüdische Geschichte ist eine Geschichte voller Entbehrungen, doch sie ist keine Geschichte, die Juden den Platz des Opfers zuweist.

Und: Jüdisches Leben ist nicht Geschichte, sondern Gegenwart.

Vor wenigen Wochen wurde im Städtischen Museum Braunschweig eine Ausstellung über 75 Jahre Wirken des Zentralrats der Juden in Deutschland eröffnet, deren Besuch ich Ihnen sehr empfehlen kann.

Doch jüdisches Leben gehört nicht ins Museum.

Jüdisches Leben ist vielfältig, vital und selbstbewusst.

Als selbstbewusster Teil dieser Gesellschaft vertreten wir den Anspruch: Als Gleiche unter Gleichen frei leben zu können.

Diesen Anspruch füllen wir jeden Tag mit Leben.

Mit jüdischem Leben in Deutschland, das in dieser Vielfalt bei Gründung des Zentralrats undenkbar erschien.

Es ist einer verhältnismäßig kleinen Gruppe von Menschen zu verdanken, dass es so gekommen ist.

Menschen wie die Politikerin Jeanette Wolf, die selbst einige Jahre stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats war und die ich noch persönlich kennen lernen durfte.

Diese Menschen fassten einen Entschluss, dessen Tragkraft auch heute, über 80 Jahre nach dem Menschheitsverbrechen der Schoa, unmöglich überschätzt werden kann.

Sie entschlossen sich, an eine Zukunft in Deutschland zu glauben.

An eine Zukunft, nach den unfassbaren Gräueltaten der Nationalsozialisten.

Nach der Ausgrenzung, Entrechtung, Entmenschlichung und dem Schrecken der Konzentrations- und Vernichtungslager.

An diese Zukunft nicht nur zu glauben, sondern sie gestalten zu wollen.

Nicht in einem Schattendasein am Rande der Gesellschaft, sondern sichtbar in ihrer Mitte.

Mitten im Land der Täter.

Aus den unmenschlichen Verbrechen, die sie erlebt haben, die ihnen selbst angetan wurden, haben Menschen wie Jeanette Wolf den Schluss gezogen: selbst Verantwortung dafür zu übernehmen, dass so etwas nie wieder geschieht.

Das ist ein ganz und gar außergewöhnliches Geschenk für unsere Gesellschaft gewesen.

Ein Geschenk, mit dem wir heute sehr sorgsam umgehen müssen.

Heute besuchen unsere Kinder jüdische Kindergärten, sie gehen in jüdische Schulen.

Über 100 Gemeinden in Deutschland gestalten aktive Teilhabe für ihre Mitglieder.

Auch hier in Magdeburg, in Halle, in Dessau.

Kulturwochen wie diese in Sachsen-Anhalt transportieren jüdische Kultur und machen jüdisches Leben im wahrsten Sinne erlebbar: Veranstaltungen, Konzerte, Lesungen, Bildungsabende.

All das illustriert die Vielfältigkeit und Aktualität jüdischen Lebens besser, als jede wortreiche Umschreibung es könnte.

Anerkennung gebührt deshalb denen, die jüdische Kultur und Kunst täglich vermitteln – und umso mehr denen, die es unter schwierigen Bedingungen tun, wie wir sie heute erleben müssen.

Und Bedingungen sind äußerst schwierig. Gerade nach dem 7. Oktober 2023.

Gerade hier in Sachsen-Anhalt.

Meine Damen und Herren:

So ehrenhaft die Motive auch sein mögen – die Behauptung, Antisemitismus habe „keinen Platz in unserer Gesellschaft“, ist in der Sache falsch.

Wer sie aufstellt, verleugnet die Realität.

Denn der Antisemitismus hat sich diesen Platz genommen:

Auf unseren Straßen, an unseren Bildungseinrichtungen, in unseren Medien, und in der Kulturszene.

Der Antisemitismus hat die unselige Eigenschaft, Brückenideologie zu sein.

Er führt Rechtsextremisten, Linksextremisten und Islamisten zusammen.

Alle diese Gruppierungen vereint, dass sie Feinde unserer offenen Gesellschaft sind.

Deshalb lässt sich vom Zustand der jüdischen Gemeinschaft auf den Zustand unserer offenen Gesellschaft, auf den Zustand unserer liberalen Demokratie schließen.

Es steht nicht gut.

Wenn wir dem Antisemitismus gemeinsam die Stirn bieten wollen, wenn wir unsere offene Gesellschaft bewahren wollen, dann braucht es entschlossenes Handeln der Politik.

Doch damit ist es nicht getan.

Anstand und demokratische Kultur lassen sich nicht politisch verordnen.

Eingangs sagte ich: in Deutschland blickt jüdisches Leben auf eine mehr als 1.700 Jahre alte Geschichte zurück.

Viele haben versucht, diese Wurzeln auszureißen.

Sie versuchen es weiterhin.

Damit sie scheitern, kommt es auf den Einzelnen an.

Der Kampf gegen den Antisemitismus ist ein Kampf, den alle aufrechten Demokraten zusammen aufnehmen müssen, um unsere offene Gesellschaft zu verteidigen.

Deshalb will ich Ihnen, meine Damen und Herren, als politisch Interessierte und als politisch Verantwortliche – auch Ihnen, Herr Ministerpräsident, ganz persönlich – zum Abschluss etwas ins Stammbuch schreiben.

Am 6. September wählt Sachsen-Anhalt seinen Landtag.

Sie alle wissen um die Stimmung hier im Land, sie kennen die Umfragen.

Mit großem Abstand liegt eine Partei vorne, die sich, in Zeiten wachsender Politikverdrossenheit, eine Alternative nennt.

Ihr Spitzenkandidat wollte sich auch auf Nachfrage nicht festlegen, ob die Schoadas schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte gewesen ist.

Das maße er sich nicht an, denn er kenne ja nicht die gesamte Geschichte der Menschheit.

Dieser Mann ist kein Hinterbänkler.

Er ist nicht durch Zufall Spitzenkandidat der AfD geworden.

Er ist Fraktionsvorsitzender im Landtag, er will Ministerpräsident dieses Bundeslandes werden.

Bis vor elf Jahren war er Mitglied der CDU.

Ich weiß, dass Ihre Partei, Herr Schulze, eine ganz besondere Verantwortung gegenüber der sogenannten Alternative hat.

Die Brandmauer läuft nicht durch den Schrebergarten in Berlin-Kreuzberg oder das Studentenwohnheim in Heidelberg.

Diese Brandmauer gegenüber den Funktionären der AfD und ihren Netzwerken, läuft auch mitten durch Magdeburg.

Sie wird von Konservativen getragen.

Von Bürgerlichen.

Von Christdemokraten.

Ich weiß das.

Und deshalb bitte ich Sie.

Nein, ich fordere Sie auf:

Machen Sie eine Politik, die Wähler von der AfD zurückholt, ja. Nehmen Sie die Sorgen der Menschen ernst.

Aber lassen Sie diese Brandmauer nicht einreißen.

Erliegen Sie keiner Versuchung.

Geben Sie der AfD keine Verantwortung für Deutschland.

Niemals, nirgends und in keiner Form.

Denn diese Partei ist keine Alternative für Deutschland, sie ist eine Gefahr für jüdisches Leben und für unsere Demokratie selbst. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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