Dr. Josef Schusters Redebeitrag anlässlich der Verleihung des Paul-Spiegel-Preises 2025
Redebeitrag des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster anlässlich der Verleihung des Paul-Spiegel-Preises am 05.11.2025
Kwod haRabbanim,
sehr geehrte Frau Bundestagspräsidentin Klöckner, ich darf begrüßen: Alle Mitglieder des Deutschen Bundestages, des Berliner Abgeordnetenhauses und des Europäischen Parlaments, zahlreich beehren uns heute die bisherigen Preisträger des Paul Spiegel Preises, die ich herzlich willkommen heiße, ich begrüße die Vertreter des diplomatischen Korps, stellvertretend den Gesandten des Staates Israel, Guy Gilady, ich begrüße: den Militärbundesrabbiner, sehr geehrter Herr Balla, den Präsidenten des Deutschen Kulturrates, sehr geehrter Herr Höppner, den Präsidenten der Stiftung Deutsches Historisches Museum, sehr geehrter Herr Gross, lieber Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, lieber Kai Dieckmann, Vorsitzender des Freundeskreises Yad Vashem, lieber Ron Dekel, Präsident der Jüdischen Studierendenunion, liebe Vertreter und Vorstände Jüdischer Gemeinden und Landesverbände, liebe Mitglieder und Kollegen im Präsidium und Direktorium des Zentralrats der Juden, vor allem aber liebe Gisèle Spiegel und liebe Dina Spiegel, über eure Anwesenheit freue ich mich ganz besonders, und zu guter Letzt begrüße ich selbstverständlich unsere heutige Preisträgerin, Karoline Preisler!
Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich freue mich, Sie alle hier begrüßen zu dürfen.
Der Wert der Zivilcourage liegt im Mut, über den eigenen Tellerrand zu schauen und sich gegen Widerstände für die Bedingungen des Zusammenlebens in unserer Gesellschaft einzusetzen. Gerade dann, wenn diese Bedingungen bedroht sind.
Seit Jahren befinden sich die Menschen angesichts dieser Bedrohungen auf dem Rückzug ins Private. Der Mut, den es benötigt, um Zivilcourage aufzubringen, wird immer größer. Der Einsatz für unsere offene Gesellschaft wird zur Ausnahme.
Ich bin überzeugt: Je seltener sie wird, desto mehr Bedeutung erlangt jeder einzelne Akt der Zivilcourage!
Und deshalb ist es so gut, dass wir heute hier sind. Es ist gut, dass wir heute den Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage verleihen, und dass so viele dafür den Weg zu uns gefunden haben. Eine tolle Anerkennung in einer schwierigen Zeit!
Diese Anerkennung wird in diesem Jahr einer einzelnen Person zuteil. Ihr Einsatz für Zivilcourage, ihre gelebte Zivilcourage, ist in den letzten Jahren besonders sichtbar geworden, doch er währt schon lange und galt nie einer einzelnen Gruppe, sondern immer dem Erhalt der Errungenschaften der Gesellschaft, in der wir leben wollen.
Ich freue mich sehr, dass der Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage 2025 an Karoline Preisler verliehen wird!
Und ebenso freut es mich, dass wir eine so prominente Laudatorin gewinnen konnten. Heute beehrt uns die Präsidentin der wichtigsten Institution unserer Demokratie, des Deutschen Bundestages, jener Institution, für deren Bewahrung Frau Preisler stets gekämpft hat. Liebe Frau Klöckner, vielen Dank, dass Sie sich und uns heute die Ehre geben!
Besonders begrüßen möchte ich auch die früheren Träger des Paul-Spiegel-Preises:
Liebes Ehepaar Lohmeyer, liebe Frau Oppermann, Frau Weiss und Herr Ruhenstroth-Bauer vom Verein „Gesicht zeigen!“,
lieber Herr Pastor Manneke, liebe Frau Ohnweiler von den „Omas gegen Rechts“,
schön, dass Sie hier sind und zusammen die Bedeutung dieses Preises in seinem Facettenreichtum betonen.
Sie alle zeichnet aus, dass Sie sich nach der Verleihung nicht bequem zurückgelehnt haben, sondern seit Jahren unermüdlich weitermachen in Ihrem Engagement gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus und für Zivilcourage.
Das ist ganz im Sinne unseres ehemaligen Präsidenten Paul Spiegel seligen Angedenkens.
Liebe Gisèle, dass du heute als seine Ehefrau und Witwe gemeinsam mit deiner Tochter Leonie angereist bist, ist für uns eine große Ehre! Ganz besonders freuen wir uns, von dir zum Abschluss ein paar Worte zu hören.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
als wir das letzte Mal zusammengekommen sind, um den Paul-Spiegel-Preis zu verleihen, tobte in der Ukraine bereits der russische Angriffskrieg. Er wütet bis heute mit unverminderter Brutalität.
Es herrscht Krieg, mitten in Europa. Und er ist aus unserem Fokus geraten.
Der Grund ist ein Ereignis, von dem wir bei Ausbruch dieses Krieges nicht wussten, dass es uns als jüdische Gemeinschaft bevorsteht.
Der 7. Oktober 2023 teilt die Zeit in ein Danach und ein Davor, in das es aber kein Zurück mehr gibt. Die Eindrücke dieses Tages, des bestialischen Angriffs der Hamas auf Israel, die Gräueltaten, die die Terroristen an den Besucherinnen und Besuchern des Nova-Festivals begangen haben, sind mir sehr präsent.
Vor wenigen Stunden erst haben wir die Ausstellung zu diesem Überfall auf das Nova-Festival mit dem Präsidium und dem Direktorium des Zentralrats besuchen können. Eine bedeutsame und berührende Ausstellung. Sie ist noch bis zum 16. November hier in Berlin. Ich empfehle Ihnen allen, meine Damen und Herren, nachdrücklich den Besuch.
Wir bewegen uns auf den 9. November zu. In diesen Tagen wird häufig das geflügelte Wort verwendet. Sie wissen, was ich meine, bevor ich es ausgesprochen habe. „Nie wieder“. Es gibt viele, denen ich dieses Wort glaube. Doch für viele andere, für zu viele, ist es nicht mehr als eine Floskel, hinter der man sich verschanzen kann, um für den Rest des Jahres unverdächtig zu sein.
„Nie wieder“, was bedeutet das für diese Menschen? Nie wieder Ausgrenzung von Juden? Es passiert wieder. Die Beispiele sind zahllos.
Der Dirigent Lahav Shani und die Münchner Philharmoniker, die von einem Kulturfestival ausgeladen wurden, weil Lahav Shani Jude ist.
Fans des Fußballclubs Maccabi Tel Aviv, die das Spiel ihrer Mannschaft in Amsterdam verfolgen wurden und zu Opfern einer Menschenjagd wurden.
Besucher eines Cafés in Neukölln, die beschimpft und herausgeworfen werden, weil ein T-Shirt neben arabischer auch hebräische Schrift trägt.
Ein Ladenbesitzer in Flensburg, der sich allen Ernstes ermächtigt fühlt, ein Hausverbot für Juden verhängen zu können!
So unverhohlen zeigt der Antisemitismus seine hässliche Fratze im Jahr 2025. Ohne jede Scham.
„Nie wieder“, was bedeutet es dann? Nie wieder Pogrome, nie wieder Mord an Juden? Doch es passiert wieder.
Juden werden ermordet. Und dies nur aus einem Grund: Weil sie Juden sind.
In den USA, wo in diesem Jahr das Paar Yaron Lischinsky und Sarah Milgrim, beide Mitarbeiter der israelischen Botschaft, auf offener Straße erschossen wurde.
In England, wo an Yom Kippur eine Synagoge attackiert wurde.
In Deutschland, wo uns der Anschlag von Halle noch immer nur allzu präsent ist. Erst kürzlich wurden Hamas-Terroristen bei der Planung eines Anschlags gestoppt, hier in Berlin.
Über alldem türmt sich der 7. Oktober auf.
Das größte Massaker an Juden seit der Schoa. Vor zwei Jahren haben wir am 7. Oktober aus vielen Teilen der Gesellschaft Solidarität gespürt. Und doch: Für viele war das mehr ein notwendiger Akt, den man vollzieht und dann zur Tagesordnung zurückkehrt. Für zu viele in unserer Gesellschaft ging es einfach weiter.
Auf den Siebten folgte der Achte. Auf Oktober folgte November. Auf ein Jahr das nächste.
Nicht so für die jüdische Gemeinschaft. Für uns währte der 7. Oktober fort.
Über zwei Jahre haben wir gebangt, um die Geiseln in den Terrortunneln der Hamas. Haben wir mit wachsendem Unverständnis erleben müssen, wie schnell hierzulande die Solidaritätsbekundungen dem Schweigen wichen, während doch in Israel weiter nahezu täglich demonstriert wurde, die Städte mit Bildern der Geiseln gepflastert waren.
Wie andere Stimmen lauter wurden, während der Antisemitismus in der Folge des 7. Oktobers explodiert ist.
Dort draußen stehen gerade Menschen, die glauben, sie könnten den Ausruf „Nie wieder!“ missbrauchen, um das Handeln der israelischen Regierung zu brandmarken. Das ist eine Perversion der Geschichte.
Wer den Ausruf „Nie wieder!“ gegen den einzigen jüdischen Staat wendet, der entkleidet ihn jeglicher Bedeutung.
Und deshalb: Wer „Nie wieder“ sagt, und keine Taten folgen lässt, der fügt seine Stimme in Wahrheit dem Kanon hinzu, der jüdisches Leben in Deutschland übertönen und an den Rand drängen will.
Es wird in diesem Zusammenhang oft das Wort von der „offenen Gesellschaft“ bemüht, die gegen ihre Feinde verteidigt werden muss. Ich stimme dem ausdrücklich zu. Wir sind dankbar, für den Schutz, den wir erhalten, auch heute, bei dieser Veranstaltung.
Es ist aber nicht mein Anspruch, dass gesellschaftliches Leben für uns Juden nur mit einem Schutzschild möglich ist! Es ist mein Anspruch, dass wir Juden gleichberechtigt und frei in der offenen Gesellschaft leben!
Auch die „offene Gesellschaft“ darf nicht zur Floskel werden. Sie ist ein Anspruch, den wir alle an uns selbst haben. Haben müssen. Wir müssen ehrlich sein und uns eingestehen: Wir werden diesem Anspruch nicht gerecht. Die Mehrheit dieser Gesellschaft wird diesem Anspruch nicht gerecht. Denn zu viele schauen weg. Zu viele schlafen den Schlaf der Gerechten.
Ich will ganz offen sein: Es schmerzt, dass Äußerungen des Kanzlers zum Stadtbild deutscher Großstädte Demonstrationen hervorrufen, während die antisemitischen Übergriffe, die sich in denselben Großstädten ereignen – so scheint es – achselzuckend zur Kenntnis genommen werden.
Es schmerzt, dass sich selbstberufene Feministinnen für einen Brandbrief an den Kanzler zusammentun, während die massenhaften und gezielten Vergewaltigungen der Hamas für die allermeisten von ihnen nicht mehr sind als eine Fußnote.
Wo ist die Solidarität mit den Frauen, die diesen unmenschlichen Verbrechen ausgesetzt waren?
Diese Gräueltaten sind gerade einmal zwei Jahre her. Und doch muss man heute mit einem gewalttätigen Angriff rechnen, wenn man darauf hinweist.
Ich zitiere:
„Believe Israeli Women“
„Rape is not Resistance“
In welcher Gesellschaft leben wir, dass diese Botschaften kontrovers sind? Dass sie Hass provozieren? Dass die Person, die sie verbreitet, dies unter Polizeischutz tun muss?
Meine sehr verehrten Damen und Herren: Diese Zustände dulden kein Schweigen, sie dulden kein Wegschauen und sie dulden keine weiteren geschichtsvergessenen Floskeln.
Und deshalb bin ich zutiefst dankbar, dass die Preisträgerin des heutigen Abends unserer Gesellschaft zeigt: Jeder Einzelne kann einen Unterschied machen.
Liebe Frau Preisler, Sie haben gesagt, dass Sie sich wünschen, dass jeder Mensch in unserer Gesellschaft die Maßstäbe, die er an andere anlegt, auch auf sich selbst anwendet.
Hier liegt der Kern des Hasses, den wir auch heute spüren müssen, draußen auf der Straße. Der Kern des Hasses, der ihnen entgegenschlägt.
Sie entblößen all die Menschen, die im Namen des vermeintlich Guten die offene Gesellschaft so hartnäckig bekämpfen. Sie decken deren Motive auf. Sie halten diesen Menschen den Spiegel vor.
Und was diese Menschen dort sehen, ist für sie schier unerträglich.
Deshalb versuchen diese Getriebenen, die Empathie auf den Lippen, aber Hass im Herzen tragen, Ihnen das Leben unerträglich zu machen.
Das ist ein Teil Ihrer Lebensgeschichte. Es gehört zu dieser Geschichte, liebe Frau Preisler, dass Sie niemals, NIEMALS nachgegeben haben. Dass sie NIEMALS eingeknickt sind.
Sie haben in den letzten zwei Jahren bewiesen, dass es möglich ist: echte Anteilnahme und Empathie für die Geiseln der Hamas. Sie sind nie von der Seite der Geiseln gerückt. Im wahrsten Sinne haben Sie das Schild und die Fahne hochgehalten, als andere vergessen wollten.
Dafür gebührt Ihnen, liebe Frau Preisler, die tiefe Dankbarkeit der jüdischen Gemeinschaft. Dafür sind Sie nicht nur in Deutschland, sondern auch in Israel anerkannt.
Nun sind die lebenden Geiseln tatsächlich wieder frei. Was für ein großes, unfassbares Glück! Und doch geht ihr Einsatz weiter, Frau Preisler.
Seit Jahrzehnten kämpfen Sie für die offene Gesellschaft, und Sie werden es weiter tun.
Sie sind damit eine Inspiration für Viele, Frau Preisler. Und deshalb habe ich im Namen des Zentralrats noch ein weiteres Geschenk für Sie.
Ich habe den Fall gerade erwähnt: Eine Jüdin wurde aus einem Neuköllner Café geworfen, weil Sie ein T-Shirt trug. Auf diesem T-Shirt steht in Hebräisch, Arabisch und im lateinischen Alphabet ein Wort.
[Das T-Shirt wird gezeigt]
Falafel, mehr braucht es heute nicht, um den Hass zu wecken.
Dieses T-Shirt ist ein Symbol für die verbindenden Elemente, die den Hass überdauern sollen. Für Verständigung und den Glauben an den Frieden.
Es ist wenig überraschend, aber bezeichnend, dass für diese Getriebenen dort draußen auch diese Botschaft unerträglich ist.
Und so möchte ich Ihnen im Namen des Zentralrats dieses T-Shirt schenken, auf dass Sie dem Hass auch weiterhin den Spiegel vorhalten können.
Liebe Frau Preisler, ich habe mich gefragt, was Sie dabei antreibt. Warum Sie sich diesen Gefahren aussetzen. Warum Sie ihre Stimme erheben. Sie haben einmal gesagt, und ich zitiere: „Zu schweigen wäre unanständig“.
Wohl jeden hier im Raum erinnern diese Worte an unseren ehemaligen Präsidenten, Paul Spiegel seligen Angedenkens. Er war es, der den „Aufstand der Anständigen“ ins Leben gerufen hat. In seinem Geiste vergeben wir als Zentralrat diesen Preis. Ein Preis für Zivilcourage. Für den Kampf um die offene Gesellschaft, den wir niemals aufgeben dürfen.
Ein Kampf, den wir niemals aufgeben werden, solange es so leuchtende Vorbilder gibt wie Sie.
Eine geeignetere Preisträgerin kann ich mir dafür nicht vorstellen!
[Applaus abwarten]
Nur um ein wenig Geduld bitte ich noch: Wir werden nun einen Film über Ihr Wirken sehen und die Laudatio der Bundestagspräsidentin hören, bevor wir dann zur Preisverleihung schreiten!
