Rede von Herrn Ministerpräsident Jürgen Rüttgers
08. Mai 2006
Rede

Rede von Herrn Ministerpräsident Jürgen Rüttgers

I.
Paul Spiegel ist von uns gegangen. Es ist schwer, Worte zu finden im Angesicht des Todes. Noch schwerer fällt es, Trost zu finden oder gar zu geben. Und doch dürfen wir uns gerade dem nicht versagen, dem Trost als der schweigsamsten Gestalt der Freude und der Dankbarkeit. Denn eines drang neben der Trauer und der Bestürzung über Paul Spiegels Tod durch in allen unseren Gesprächen der letzten Tage und Wochen. Es war spürbar bei jedem, den man traf · hier in Nordrhein-Westfalen, · in Deutschland · und auch in Israel, wo ich in den Tagen nach seinem Tod gewesen bin: · Das Glück, Paul Spiegel gekannt zu haben; · die Dankbarkeit und die Freude, durch ihn ermutigt worden zu sein im Einsatz für eine bessere Welt und ein friedliches Deutschland. Dankbarkeit und Freude sind Gefährten des Trostes. Deshalb wissen wir uns heute bei allem Schmerz und in aller Trauer getröstet im Gedenken an Paul Spiegel, diesen aufrechten und aufrichtigen Menschen, der gerade aus war in herzlicher Verbindlichkeit und zugewandter Menschenfreundlichkeit.

II.
Was Paul Spiegel versprach, hat er gehalten. Und was ihn verhalten machte, das sprach er aus. Verhalten mache ihn, dass er meistens dann in die Öffentlichkeit gerufen werde, wenn es um nationalsozialistische Verbrechen oder um rechtsextremes Verhalten gehe, sagte er mir einmal. Nicht dass Paul Spiegel sich beklagt hätte. Dafür wusste er nur zu gut um die Besonderheit seines Amtes · in diesem Land, · mit dieser unseligen Geschichte. Er wusste, wie sehr seine Glaubensgeschwister litten und leiden unter den Folgen des historischen und den Erscheinungen des aktuellen Antisemitismus und Rassismus. Deswegen sagte er den richtigen und wichtigen Satz: „Die Juden in Deutschland sind keine Fachleute zur Bekämpfung des Antisemitismus. Die Juden in Deutschland sind Deutsche.” Bei diesem Satz wird viel deutlich von dem schmalen Grat, · auf dem er schritt, · auf dem er die Hand zur Versöhnung reichte · und der für ihn ohne jede Alternative war: Weg von einer alleinigen Reduktion des jüdischen Lebens in Deutschland auf die Shoa, aber eben nicht zurück zu einer Normalität eines „als wäre nichts geschehen”. Er wollte nicht vergessen und nichts vergessen machen.

III.
Und dann kam der 20. Juli 2001. An diesem Tag setzte Paul Spiegel ein Zeichen, nein, es war mehr als ein Zeichen, es war ein Meilenstein auf dem Weg einer deutsch-jüdischen Zukunft. Paul Spiegel sprach am Jahrestag des fehlgeschlagenen Attentats auf Hitler. Er tat das vor jungen Bundeswehrsoldaten anlässlich einer Gelöbnisfeier. Paul Spiegel hielt seine Rede trotz mannigfacher Kritik. Er sprach als Patriot. Paul Spiegel sprach als deutscher Jude. Was für eine Brücke hat er damit geschlagen: Angesichts der „grauen Uniformen” unserer Soldaten, die ihren Dienst im Auftrag der Freiheit versehen, erinnerte er an die „Uniformen des Grauens”! Das hätte keiner so sagen können wie er, auf dessen Familie die schreckliche Verfolgung durch die Nationalsozialisten lastet: · die Verschleppung des Vaters, · die Ermordung der Schwester, · die Sorge der Mutter, · das eigene Schicksal als Kind auf der Flucht durch Belgien und im Versteck. Paul Spiegels Leben als Kind war alles andere als ein wirkliches Kinderleben. Mit dieser Rede reichte er uns die Hand. Wir sind ihm dankbar dafür.

IV.
Dankbar auch besonders, weil er sich nicht beirren ließ von der Hoffnungslosigkeit, die auch er kannte, von jener zehrenden Resignation, die schon Ignaz Bubis zu schaffen machte. Wie jeder, der sich für eine bessere Welt einsetzt, wusste auch Paul Spiegel nur zu gut von jener Grenze, · an die man irgendwann kommt · wo man spürt, dass der eigene Arm zu kurz ist, · wo man andere trifft, die auch fragen: Macht das alles noch Sinn? Überwiegt am Ende nicht doch das Böse? Antwerpen vor zwei Wochen? Potsdam vor zwei Monaten? Amsterdam (Theo van Gogh) vor beinahe zwei Jahren? Die Liste ist lang, zu lang. Da wird das Amt schwer. Da setzen die Rückschläge einem zu. Gewiss: Die Hintergründe der Taten sind verschieden, – man denke an den Brandanschlag auf die Synagoge hier in Düsseldorf vor fünf Jahren – ; aber jedes Opfer ist ein Opfer zu viel. In unserem Land gibt es insgesamt keine Neigung zum Rassismus und Antisemitismus, aber jede Gewalttat einzelner ist eine Gewalttat zuviel. Wir sind Menschen. Wir sind verletzlich. Und Paul Spiegel war es auch. Paul Spiegel war es, weil er einer war, der stets ein bisschen mehr tat als ihm eigentlich zumutbar gewesen wäre. Wie sollte das anders sein. Aber, nicht wahr, davon lebt doch diese Welt, dass es Menschen gibt, die ein bisschen mehr tun, als ihnen eigentlich zumutbar wäre. Und zwar nicht, um mehr zu haben als andere, sondern um mehr zu geben, um da zu sein für andere.

V.
Sein großes und selbstloses Engagement ist ihm buchstäblich zu Herzen gegangen, weil es seine Herzensangelegenheit war. Landauf, landab ist er in die Schulen gefahren, und hat erzählt vom Schicksal seiner Familie, hat erzählt vom Schweigen und Mitmachen der meisten, aber auch von der Hilfe einzelner für seine Familie. Er hat den jungen Menschen vorgelesen aus seinem Buch, das er mit der Frage überschrieb „Wieder zu Hause?” Dieses Buch ist in vielen unserer Schulen zum Schulbuch geworden. Er glaubte: Die Jugend ist die Hoffnung unseres Landes. Die Hoffnung für ein Leben in Verantwortung und Freiheit, in Solidarität und Gerechtigkeit liegt bei der Jugend. Deshalb empfinde ich Freude darüber, dass heute auch Schülerinnen und Schüler hierher gekommen sind, um ihm die Ehre zu erweisen. Ihm, der sich für sie so interessiert hat.

VI.
Paul Spiegel hat uns um dieser jungen Leute willen, aber auch um unserer selbst willen ein politisches Vermächtnis hinterlassen. Dieses Vermächtnis hat für mich zwei Seiten. Die außenpolitische Seite ist mir in Israel deutlich geworden. Es war eine Reise, die wir zusammen machen wollten. Die Botschaft, die ich dort gehört und erfahren habe und die ich von ihm kannte, ist: Der Nahost-Konflikt darf nicht weiter eskalieren. Es muss eine friedliche Lösung für Israel und Palästina geben. Wir Deutsche haben dabei eine besondere Verantwortung. Das ist Teil unserer Staatsräson. Das Existenzrecht des Staates Israels darf niemand leugnen. Wer das tut, scheidet als Gesprächs- und Verhandlungspartner aus. Gegen diese Feindschaft muss Europa seine Kräfte bündeln. Der Weg kann eine privilegierte Partnerschaft mit Israel sein. Und ich denke, Paul Spiegel hätte dieses Projekt unterstützt. Aber Paul Spiegel hat uns auch ein innenpolitisches Vermächtnis hinterlassen. Es besteht darin, das jüdische Leben in Deutschland zu stärken, wo immer es geht. Es ist ein Geschenk und eine Freude, dass es nach der Shoa wieder jüdisches Leben in Nordrhein-Westfalen gibt. In Köln und Düsseldorf gibt es wieder eigene jüdische Schulen und Kindergärten. Neue Synagogen sind wieder errichtet worden wie beispielsweise in Wuppertal oder Duisburg oder sie sind im Bau wie z.B. in Gelsenkirchen oder Bochum. Jüdisches Leben in Nordrhein-Westfalen ist wieder möglich. Ich habe Paul Spiegel kennen gelernt, als es galt, den jüdischen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion eine neue Heimat zu geben. Unser letztes – wenn man so will – offizielles Gespräch galt der Sicherung dieser Bemühungen im Rahmen des Staatsvertrags. Auch, weil diese Sicherheit immer noch so viel kostet.

VII.
Paul Spiegel wirkte in unserer Mitte. Er war ein Mittler im wahrsten Sinne des Wortes. Er hat wesentlich dazu beigetragen, · dass jüdische Menschen heute wieder in unserer Mitte sind, · dass sie sich nicht abwenden, · dass sie hier bleiben, hier, wo sie hingehören.

Daran wollen wir weiterarbeiten.

Jiä zächor baruch!
„Segen seinem Andenken” – und Trost seiner Familie!

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