Rede Dr. Josef Schuster
16. Mai 2019
Presseerklärung

Rede Dr. Josef Schuster

Beschriftung:

Sende-Sperrfrist: Donnerstag, 16.05.2019, 19.00 Uhr

Es gilt das gesprochene Wort!

 

Anrede,

Facebook stellt heutzutage ein ziemlich gutes Abbild der jeweils aktuellen gesellschaftlichen Stimmungslage dar. Denn auf Facebook trauen sich sehr viele Menschen, völlig unverblümt zu schreiben, was sie denken.

Dabei können wir als Zentralrat der Juden in Deutschland folgendes beobachten:

Wenn wir etwas posten zum Gedenken an die Opfer der Schoah, dann erhalten wir durchweg Zustimmung. Diese Beiträge bekommen viele Likes und mitfühlende Kommentare.  Gerne heißt es „Nie wieder“ mit vielen Ausrufezeichen.

Wenn wir aber nach Raketenangriffen auf Israel mit Toten und Verletzten unsere Trauer um die Opfer in einem Posting ausdrücken und den Verletzten Genesung wünschen, dann läuft die Kommentarfunktion schier über – mit Hass-Kommentaren gegen Israel!

Die Verantwortung für Hamas-Raketen wird bei Israel gesehen. Israel wird als Aggressor-Staat eingestuft. Die Palästinenser werden als wehrlose Opfer betrachtet, etc. etc.

Nehmen wir Facebook als Maßstab, dann ist die Solidarität mit toten Juden sehr groß. Bei lebenden Juden hört sie auf.

Meine Damen und Herren,

das ist jetzt sehr drastisch formuliert und passt eigentlich gar nicht zu einer feierlichen und festlichen Preisverleihung.

Dass ich mich dennoch entschieden habe, einmal deutlich auszusprechen, welchem Echo wir Juden ausgesetzt sind, hat mit unserem Preisträger zu tun:

Sie, sehr geehrter Herr Dr. Döpfner, gehören zu den Meinungsführern in unserem Land, die über diesen Missstand nicht hinwegsehen.

Sie schweigen dazu nicht. Sie versuchen nicht, diesen Hass auf Israel und uns Juden zu relativieren. Oder zu rechtfertigen. Sie benennen ihn noch viel klarer und in besser formulierten Sätzen als ich.

Ich darf einen Text von Herrn Döpfner aus der „Welt“ vom vergangenen Jahr zitieren.

Darin heißt es:

„(…) Ein neuer Antisemitismus erfasst das Land, ohne weite Teile der Bevölkerung zu beunruhigen. Das Hauptproblem ist dabei weniger, was alles passiert, sondern dass das, was passiert, keine Konsequenzen hat. (…)  Das 70. Jubiläum Israels wird so in Deutschland zum Menetekel für eine Gesellschaft, die ihren inneren Kompass zu verlieren droht.“

Dieser innere Kompass droht nach meinem Dafürhalten auch in einigen Medien verloren zu gehen oder ist bereits verloren gegangen.

Immer wieder erleben wir Berichterstattung, die einseitig in Israel den Schuldigen sucht. Eine Berichterstattung, die an Israel strengere moralische Maßstäbe anlegt als an andere Akteure.

Zu den wenigen Medien, die das anders handhaben, gehören jene des Springer-Verlags, der sich der Verantwortung für Israel und dem Gedenken an die Schoah verpflichtet hat. Und ebenso gibt es natürlich noch weitere Medien in Deutschland, die sich durch eine faire Berichterstattung über Israel auszeichnen.

Doch der Mainstream ist das nicht. Übersehen wird dabei zweierlei: Erstens führt die stete Abwertung Israels zu Antisemitismus.

Quasi durch die Hintertür hat sich mittlerweile in unsere Gesellschaft eine Haltung eingeschlichen, mit der alte antisemitische Vorurteile gepflegt werden können, ohne sie so benennen zu müssen. Sie werden einfach mit dem Deckmäntelchen namens Israel-Kritik kaschiert.

Doch mit jedem Bericht, in dem wieder Israel als alleiniger Verursacher von Gewalt und Aggression dargestellt wird, fühlen sich diese Menschen in ihren Urteilen über das kleine Land am Mittelmeer und letztlich generell über Juden bestätigt.

Erst recht verfangen solche Berichte bei Migranten, die schon in ihren Herkunftsländern mit Hass auf Israel groß geworden sind. Wenn ihnen nicht nur in arabischen Fernsehsendern, sondern auch in hiesigen Medien vermittelt wird, die Wurzel allen Übels liege bei „den“ Juden, die einst das Land raubten und jetzt als Besatzer die Muslime unterdrückten, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn in Berlin auf Demonstrationen von Palästinensern israelische Fahnen brennen.

Ich bin mir nicht sicher, ob sich Journalisten immer dessen bewusst sind, was sie mit einseitiger Berichterstattung über Israel auslösen können.

Es ist ein Spiel mit dem Feuer. Und wir müssen aufpassen, dass daraus kein Flächenbrand wird, der unsere Demokratie insgesamt in Brand setzt.

Zweitens ist diese Abwertung Israels für uns Juden zutiefst verletzend. Israel ist für uns nicht irgendein Land. Schon Leo Baeck, an den wir mit unserem Preis erinnern, hat zum Ausdruck gebracht, was Israel für Juden weltweit bedeutet.

Der große Rabbiner gehörte gewiss nicht zu den führenden Zionisten, aber setzte sich für sie ein und reiste auch selbst nach Palästina. Er schrieb 1935:

„Wenn irgend etwas in der Geschichte der Juden zeigt, daß eine Vorsehung über uns waltet, (…) so ist es die geschichtliche Tatsache, daß ein jüdisches Palästina heute wieder Wirklichkeit ist: ein Land, das Juden Monat für Monat und Jahr für Jahr (…) aufnehmen kann und aufnehmen will. (…) Die Bedeutung des Palästina-Werkes für uns deutsche Juden, wie für die Juden in aller Welt, findet darin ihren klarsten und hoffnungsreichen Ausdruck.“

Diese Haltung Leo Baecks ist heute vermutlich nur wenigen bekannt. Man muss aber gar nicht so weit in die Geschichte zurückgehen, um die Bedeutung Israels für Juden zu verstehen.

In diesem Januar hat Saul Friedländer das sehr eindrücklich geschildert. Der Historiker und Schoah-Überlebende sagte in der Holocaust-Gedenkstunde im Bundestag:

„Für Juden wie mich – und für Juden überall, die einen eigenen Staat brauchten und ersehnten – war dessen Erschaffung lebensnotwendig. Für mich, und für meine Generation europäischer Juden (…) bedeutete Israel damals eine Heimat, ein Gefühl von Zugehörigkeit (…).“

Ich glaube, dieser Stellenwert, den Israel für alle Juden hat, wird in weiten Teilen der nicht-jüdischen Gesellschaft und auch in vielen Medien nicht wahrgenommen.

Umso stärker haben wir am vergangenen Wochenende die Äußerung von Außenminister Heiko Maas registriert, der beklagte, dass Israel in den UN-Gremien ausgegrenzt und nicht angemessen behandelt werde. Endlich hat dies ein deutsches Regierungsmitglied ausgesprochen! Es bleibt zu hoffen, dass sich das in künftigen Statements und im Abstimmungsverhalten Deutschlands in der UNO widerspiegeln wird.

Denn wer ein Interesse daran hat, dass das Judentum ein fester Bestandteil Deutschlands bleibt, dass das Judentum wie schon in Jahrhunderten zuvor das hiesige Geistesleben bereichert, wer ein Interesse daran hat, dass sich Juden in Deutschland zu Hause fühlen, der sollte mit einem höheren Verantwortungsbewusstsein seine Worte wählen und handeln, als es momentan häufig der Fall ist.

Denn im Umgang eines Landes mit seinen ethnischen oder religiösen oder anderen Minderheiten zeigt sich seine demokratische Reife.

Es zeigt sich darin auch, wie gefestigt eine Demokratie ist. Hält sie Angriffen von Rechtspopulisten Stand? Stellt sich die Mehrheit schützend vor die Minderheiten oder gibt sie leichtfertig Errungenschaften preis, wie sie vor 70 Jahren im Grundgesetz festgehalten wurden?

Ich glaube, zum Jubiläum des Grundgesetzes würde uns etwas mehr Verfassungspatriotismus wieder gut tun!

Es liegt übrigens zu einem erheblichen Teil an diesem Grundgesetz und seiner Umsetzung im demokratischen Rechtsstaat, dass Juden nach der Schoah das Vertrauen gefasst haben, in Deutschland zu leben.

Heute finden Sie in unseren jüdischen Gemeinden junge Menschen, die Deutschland als ihre Heimat überhaupt nicht mehr in Frage stellen. Es ist für sie selbstverständlich geworden, sich hier in Vereinen, Parteien oder Bürgerinitiativen zu engagieren, natürlich auch jenseits der jüdischen Community. Sie bringen sich in diese Gesellschaft ein und gestalten sie mit.

Das ist der Boden, auf dem zum Beispiel unser Angebot gewachsen ist, Militärrabbiner für die Bundeswehr zu stellen. Genau dieser Schritt bringt die Verwurzelung von Juden in Deutschland zum Ausdruck.

Und gerade weil nach der Einwanderung vieler Juden aus der ehemaligen Sowjetunion eine jüdische Generation herangewachsen ist, die Deutschland selbstverständlich als ihr Zuhause betrachtet, werden wir dem wachsenden Antisemitismus nicht tatenlos zusehen.

Beispielhaft möchte ich Ihnen zwei Projekte nennen, die der Zentralrat der Juden initiiert hat:

Mit dem Projekt „Likrat“ haben wir vor zwei Jahren eine Plattform geschaffen für bundesweite Begegnungen von jüdischen und nicht-jüdischen Schülern. Und vor wenigen Tagen ist unser Projekt „Prävention durch Dialog“ gestartet, mit dem wir im jüdisch-muslimischen Dialog neue Impulse setzen wollen.

Die Bekämpfung des Antisemitismus ist letztlich allerdings Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Ebenso wie wir unsere Stimme erheben gegen Anfeindungen von Sinti oder von Muslimen oder von Homosexuellen, so erwarten wir auch Solidarität der Gesellschaft gegen Antisemitismus.

Die Verantwortung Deutschlands, die aus der Geschichte resultiert, kann ausgefüllt werden, indem solche Missstände heutzutage klar benannt und angegangen werden.

Genau diese Haltung zeichnet unseren diesjährigen Preisträger Mathias Döpfner aus. Wir können Sie leider nicht klonen, lieber Herr Dr. Döpfner, aber ich hoffe, dass die heutige Preisverleihung Ansporn für viele Journalisten, gerade Nachwuchsjournalisten ist, in ihre Fußstapfen zu treten.

Die jüdische Gemeinschaft ist Ihnen zu tiefem Dank verpflichtet. Daher ehren wir Sie heute mit der höchsten Auszeichnung, die der Zentralrat der Juden zu vergeben hat: dem Leo-Baeck-Preis. Wir alle, und auch ich persönlich, wünsche Ihnen weiterhin alles erdenklich Gute!

Die Laudatio möchte ich nicht vorwegnehmen, sondern freue mich gleich auf die Ansprache von Ronald Lauder. Zuvor hören wir ein kurzes musikalisches Intermezzo einer jungen Sängerin aus der Nachwuchsförderung jüdischer Künstler.

 

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