Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller
19. Juni 2018
Presseerklärung

Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller

Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller, bei der Ordination von Absolventen des Rabbinerseminars zu Berlin am 9. Oktober 2018 im Skoblo Synagogue and Education Center

 

Sperrfrist: 9.10.2018, 11.00 Uhr

 

Es gilt das gesprochene Wort!

 

 

Sehr geehrter Herr Minister, lieber Heiko Maas,

sehr geehrter Herr Dr. Schuster,

sehr geehrter Herr Lauder,

sehr geehrter Herr Dr. Rubin,

und besonders herzlich begrüße ich Rabbiner Kahanovsky, Rabbiner Ponomarov und Rabbiner Sajatz,

 

die Brunnenstraße bildet einen beliebten Kiez im Herzen Berlins. Was kaum jemand weiß: Hier liegt ein bedeutender und traditionsreicher Ort jüdischen Glaubens und jüdischer Gelehrsamkeit.

 

Diese Verborgenheit hat historische Gründe: Das 1873 gegründete Hildesheimer’sche Rabbiner-Seminar wurde nach den Novemberpogromen vor 80 Jahren von den Nationalsozialisten geschlossen. Die hier ebenfalls beheimatete, 1910 gegründete Synagoge Beth Zion wurde ebenfalls Opfer der Novemberpogrome.

 

Nach dem Krieg drohte dieses Institut, das herausragende Gelehrte hervorgebracht und Studierende aus ganz Europa angezogen hat, der Vergessenheit anheimzufallen. Die 21.000 Bände der damals berühmten Bibliothek blieben seit den Plünderungen durch die Nazis weitestgehend verschollen. Lange stand dieses Gebäude leer.

 

Dass die Brunnenstraße 33 heute wieder ein lebendiger Ort des jüdischen Geistes und Glaubens ist, erscheint wie ein Wunder. Doch wir haben hier, wie auch an anderen Orten Berlins, immer wieder erleben können, dass Orte des Berliner Judentums wiederentdeckt und mit neuem Leben erfüllt wurden. Das ist ein später Triumph über das nationalsozialistische Vernichtungswerk, das alle Spuren jüdischen Lebens und jüdischer Kultur tilgen wollte. Und es bedeutet auch: Jüdisches Leben und jüdische Kultur haben ihren festen Platz in Berlin zurückerobert.

 

Ich danke an dieser Stelle dem Zentralrat der Juden in Deutschland und der Ronald S. Lauder Foundation. Gemeinsam haben sie vor neun Jahren das Rabbinerseminar zu Berlin am alten Standort neu eröffnet und sorgen bis heute für die Finanzierung.

 

Für Berlin bedeutet die Rabbinerschule eine große Bereicherung seiner jüdischen Bildungslandschaft. Dafür steht besonders auch dieses Haus, das Skoblo Synagogue and Education Center. Es beherbergt neben der Beth Zion Synagoge, einer Bibliothek und Seminarräumen auch die traditionell ausgerichtete Gemeinde Kahal Adass Jisroel, die dort einen Kindergarten betreibt.

 

Und vergessen wir nicht die große Tradition moderner Orthodoxie, die hier von Esriel Hildesheimer einst mitbegründet wurde. Sein programmatischer Leitsatz lautet übersetzt etwa: „Tora-Studium in Verbindung mit der Lebensweise des Landes“. Ein Leben, bei dem es kein Widerspruch ist, mit beiden Beinen im gesellschaftlichen Leben zu stehen und dabei seinen Glauben aktiv auszuüben. Das ist bis heute von großer Aktualität.

 

Meine Damen und Herren! Wir haben gerade in diesem Jahr erlebt, dass Berlin von mehreren antisemitischen Übergriffen erschüttert wurde. Jeder einzelne Übergriff, ob in der Schule, in den sozialen Medien oder gegen Menschen mit Kippa auf der Straße, ist für uns alle unerträglich. Politik und Zivilgesellschaft haben sich klar positioniert: In Berlin gibt es keinen Platz für Antisemitismus!

 

So gut es ist, dass Tausende genau dafür auch auf die Straße gehen: Wir haben auch lernen müssen, dass es nicht reicht, wenn man auf derartige Vorfälle nur mit Empörung reagiert. Der Kampf gegen Antisemitismus ist nur zu gewinnen, wenn er nachhaltig und auf vielen Ebenen geführt wird.

 

Das tun wir als Berliner Senat. Wir stärken Initiativen, die sich gegen Antisemitismus engagieren, aufklären und sensibilisieren. Berlin ist da bereits auf vielen Ebenen sehr aktiv. Wir haben seit einigen Jahren eine zentrale Landes-Antidiskriminierungsstelle und wir haben viele einzelne Akteure in den Verwaltungen, die in der einen oder anderen Form gegen Antisemitismus vorgehen.

 

Im Rahmen des Landesprogramms „Demokratie, Vielfalt, Respekt. Gegen Rechts-extremismus, Rassismus und Antisemitismus“ werden eine Vielzahl von Initiativen gefördert, die sich gegen Antisemitismus engagieren.

 

Aber klar ist, wir müssen mehr tun. Deshalb haben wir einen kompetent besetzten Arbeitskreis gegen Antisemitismus ins Leben gerufen, um Handlungsstrategien zu entwickeln, mit dem Ziel, noch wirksamer, noch effektiver und mit vereinten Kräften dagegen vorzugehen.

 

Gerade bei Kindern und Jugendlichen kommt es darauf an, früh deutlich zu machen, wie wichtig es ist, dass wir alle friedlich zusammenleben. Dass jeder in Berlin das Recht hat, seine Religion auszuüben, egal, ob Jude, Muslim oder Christ. Und dass jeder einen Anspruch auf Respekt hat, ganz gleich, woher jemand kommt, welches Geschlecht oder welche Religion man hat.

 

Ich will ein Berlin, in dem Jüdinnen und Juden ihren Glauben selbstbewusst zeigen. Ich möchte, dass Jüdinnen und Juden in Berlin sichtbar sind. Wir alle stehen für ein friedliches, weltoffenes und freies Berlin. Dafür kämpfen wir.

 

Wir brauchen ein dauerhaftes und nachhaltiges Engagement gegen Antisemitismus. Und wir dürfen den Mut nicht verlieren und müssen an unserem Ziel festhalten, auch wenn es Rückschläge gibt.

 

Heute ist ein Tag der Ermutigung und der Freude. Drei junge Rabbiner werden erstmals in Berlin ordiniert.

Liebe Rabbiner, ich freue mich für Sie, dass Sie heute Ihren großen Tag begehen können. Sie werden gebraucht, um junge Menschen an den Glauben heranzuführen und ältere in ihrem Glauben zu versichern. Sie werden – da bin ich sicher – ihre Gemeinden stärken und ihnen jene Zuversicht vermitteln, die wir alle heute brauchen.

 

Ich freue mich natürlich besonders, dass einer der Absolventen der Ordinierten, Rabbiner Kahanovsky als Leiter der Bildungsprogramme der Kahal Adass Jisroel Gemeinde in Berlin wirkt.

Ihnen allen wünsche ich viel Erfolg auf Ihren Lebenswegen. Und dass Sie Berlin im Herzen tragen.

 

 

Weitere Presseartikel

25.06.2026
Presseerklärung
Umfrage zu Israelis in Deutschland
Der Zentralrat der Juden in Deutschland führt gemeinsam mit der Israeli Community Europe (ICE) und dem American Jewish Joint Distribution Committee (JDC) eine Studie zur Lebenssituation von Israelis in Deutschland durch.
10.06.2026
Presseerklärung
Leo-Baeck-Preis 2026 geht an den Kabarettisten Dieter Nuhr
Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat in diesem Jahr seine höchste Auszeichnung, den Leo-Baeck-Preis, an den Kabarettisten, Autoren und Moderator Dieter Nuhr verliehen.
10.06.2026
Presseerklärung
Aktuelles Update zur Erreichbarkeit des Zentralrats der Juden in Deutschland
Technische Störung im Zentralrat der Juden in Deutschland
21.05.2026
Presseerklärung
Anstoß gegen Antisemitismus im Fußball: Zentralrat der Juden startet neues Projekt im Sport
Anlässlich des DFB-Pokalfinales, einem der größten Ereignisse im deutschen Fußball, startet der Zentralrat der Juden in Deutschland am Wochenende sein neues Projekt Anstoß gegen Antisemitismus im Fußball.
20.05.2026
Presseerklärung
„Ein wichtiges Zeichen der Verbundenheit“: Zentralrat der Juden in Deutschland und die Evangelische Kirche in Deutschland intensivieren den Austausch
Am Mittwoch, 20. Mai 2026 kamen das Präsidium des Zentralrats der Juden in Deutschland um den Präsident Dr. Josef Schuster und eine Delegation des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), darunter die EKD-Ratsvorsitzende, Bischöfin Kirsten Fehrs, in Berlin zu einem Austausch der Relig...
15.05.2026
Presseerklärung
Jugendzentrum jujuba jubelt bei der Jewrovision 2026 in Stuttgart
Das Jugendzentrum JuJuBa des Landesverbands Baden hat die Jewrovision 2026 gewonnen. In einem packenden Finale setzte sich die Gruppe am Freitagnachmittag in der Messe Stuttgart gegen zwölf weitere jüdische Jugendzentren aus ganz Deutschland durch.
11.05.2026
Presseerklärung
Leo-Baeck-Preis 2026
Der Zentralrat der Juden verleiht seine höchste Auszeichnung, den Leo-Baeck-Preis, an den Kabarettisten, Autoren und Moderator Dieter Nuhr.
01.05.2026
Presseerklärung
Lagebild der Jüdischen Gemeinden 2026: Dauerhafte Bedrohung drängt jüdisches Leben aus der Öffentlichkeit
Nach 2023 und 2024 hat der Zentralrat der Juden in Deutschland am 1. Mai 2026 zum dritten Mal ein Lagebild der Jüdischen Gemeinden in Deutschland herausgegeben. Das Lagebild basiert auf der Befragung der Führungspersönlichkeiten von 102 Jüdischen Gemeinden und Landesverbänden und hat damit einen ...
01.04.2026
Presseerklärung
Pessach-Artikel Jüdische Allgemeine Dr. Schuster
Pessach ist das Fest der Freiheit. Seit Jahrtausenden geht es für die jüdische Gemeinschaft beim Pessach-Fest darum, die Erinnerung an die Freiheit an die nächste Generation weiterzugeben und die ununterbrochene Kette der jüdischen Tradition zu erhalten.
24.03.2026
Presseerklärung
Bundestagsvizepräsident Omid Nouripour und Dr. Josef Schuster im Gespräch: „Es gibt eine sehr lange Geschichte der Freundschaft zwischen Israel und dem Iran“
Bundestagsvizepräsident Omid Nouripour und Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster im Gespräch über die Folgen des Iran-Kriegs, Maßnahmen gegen Antisemitismus und persisch-jüdische Freundschaft.
17.03.2026
Presseerklärung
Zentralratspräsident Dr. Schuster zum Antrag der Linkspartei in Niedersachsen
Die Linkspartei hat den ‚real existierenden Zionismus‘ zu ihrem Feindbild erklärt.
03.03.2026
Presseerklärung
Zentralrat der Juden in Deutschland: „Das Ende des Mullah-Regimes liegt in unserem nationalen Interesse“
Der Zentralrat der Juden in Deutschland äußert sich zur aktuellen Lage rund um den Krieg zwischen den USA und Israel und dem Mullah-Regime in Teheran. Zur Bedeutung für Deutschland und die Jüdische Gemeinschaft äußert sich Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats.
24.02.2026
Presseerklärung
„Mit eigener Stimme“: Ausstellung zu 75 Jahren Zentralrat der Juden in Deutschland wurde in Braunschweig eröffnet
Am Sonntag, 22. Februar wurde in Braunschweig die Ausstellung „Mit eigener Stimme. 75 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland“ eröffnet. Die Ausstellung des städtischen Museums Braunschweig ist deutschlandweit die einzige ihrer Art. Sie beleuchtet das Wirken des Zentralrats der Juden seit seine...
19.02.2026
Presseerklärung
J7 Task Force Statement on Francesca Albanese's Latest Antisemitic Remarks and Call for UN Human Rights Council Reforms
Following the latest antisemitic remarks by UN Special Envoy Francesca Albanese, the J7 Large Jewish Communities Task Force on Antisemitism—representing the Jewish communities of Argentina, Australia, Canada, France, Germany, the United Kingdom, and the United States— express its support to the c...
18.02.2026
Presseerklärung
„Sehr bedeutsamer Schritt“: Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und Nathan Peter Levinson Stiftung beabsichtigen Kooperation
Am Mittwoch, 18. Februar kam es im Senatssaal der Universität Potsdam zu einem denkwürdigen Ereignis.
02.02.2026
Presseerklärung
„Ihr Erbe lebt weiter“ – zum Tod von Rita Süssmuth
Rita Süssmuth hat das politische Klima unserer Bundesrepublik über Jahrzehnte geprägt: Als Bundesministerin, als Bundestagspräsidentin und von jeglichen Ämtern gelöst war sie bis zuletzt eine engagierte Mahnerin für Demokratie und den Erhalt der offenen Gesellschaft.
27.01.2026
Presseerklärung
Gastbeitrag von Dr. Josef Schuster: Was bedeutet es noch, wenn wir als Gesellschaft sagen, „wir erinnern uns“? 
Am 27. Januar gedenken wir als Gesellschaft den Opfern des Nationalsozialismus. Wir gedenken sechs Millionen ermordeten Juden, einer halben Million Sinti und Roma, den Menschen mit Behinderung, Kranken, Homosexuellen, den Menschen am Rande der Gesellschaft, Zeugen Jehovas, Zwangsarbeitern und den...
21.12.2025
Presseerklärung
Interview mit Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland anlässlich des Attentats von Sydney
Der Antisemitismus ist in Deutschland seit dem 7. Oktober 2023 explosionsartig angestiegen. Alle Zahlen deuten darauf hin, dass wir in diesem Jahr eine Verstetigung auf einem hohen – einem viel zu hohen – Niveau erleben.
Nach oben scrollen