Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. h.c. Paul Spiegel zur Preisverleihung
10. Mai 2005
Presseerklärung

Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. h.c. Paul Spiegel zur Preisverleihung

Beschriftung:

Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland Dr. h.c. Paul Spiegel anlässlich der Verleihung des Leo-Baeck-Preises 2004 an Herrn Bundesaußenminister Joschka Fischer

Die tagespolitischen Ereignisse in Deutschland in den vergangenen Wochen legen folgende Einschätzung nahe: Von den Terminen, die Joschka Fischer in jüngster Zeit wahrnehmen musste, dürfte die heutige Verleihung des Leo-Baeck-Preises zu den angenehmeren Anlässen zählen! Nicht zuletzt aus diesem Grund empfinde ich es als geradezu glückliche Fügung, dass im vergangenen Jahr kein Termin für die Preisverleihung gefunden werden konnte. Ebenso erscheint mir das zeitliche Zusammenfallen dieser immer wieder verschobenen Feierstunde mit der Einweihung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas, dem Gedenken an das Kriegsende und die Befreiung der Konzentrationslager vor 60 Jahren, aber auch des 40. Jahrestages der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel, von fast schon symbolischer Bedeutung. Schließlich spiegelt sich im Wirken und der Biografie von Joschka Fischer vieles von dem wider, was den Kern dieser Gedenktage ausmacht. Oder anders ausgedrückt: Joschka Fischer ist ein ehrenvoller und würdiger Träger des Leo-Baeck-Preises 2004. Ich gratuliere Ihnen, sehr geehrter Herr Minister, lieber Joschka Fischer, herzlich zu dieser Auszeichnung!

Seien Sie uns alle, meine Damen und Herren, herzlichst willkommen. Somit komme ich zum schwierigsten Part meiner kurzen Rede, nämlich das glatte Parkett des Begrüßungsprotokolls zu betreten.

Zunächst möchte ich daher jene Gruppe begrüßen, die ich als besonders wichtig betrachte, nämlich diejenigen unter Ihnen, die ich gleich vergessen werde zu erwähnen. Ich rechne fest mit Ihrem aller Einverständnis, dass ich darauf verzichte, eine namentliche Begrüßung vorzunehmen. Deswegen erkläre ich zunächst, dass Sie alle durch Ihr Erscheinen uns nicht nur erfreuen sondern auch beehren.

Gestatten Sie mir, aber ein paar Ausnahmen zu machen, indem ich einige wenige von Ihnen – sozusagen stellvertretend für Sie alle – doch namentlich begrüße. An erster Stelle begrüße ich natürlich Herrn Bundesaußenminister Joschka Fischer als Empfänger des Leo-Baeck-Preises 2004 und in dem Zusammenhang begrüße ich den israelischen Schriftsteller Herrn Amos Oz und danke ihm, dass er gleich die Laudatio auf den Preisträger halten wird.

Eine ganz besondere Freude ist für mich die Anwesenheit von Bundespräsident a.D. Johannes Rau. Ich begrüße ihn nicht nur als ehemaligen Bundespräsidenten, sondern als Freund Israels und der jüdischen Gemeinschaft und wenn Sie – lieber Johannes Rau es mir gestatten – als ganz persönlichen Freund.

Mein besonderer Gruß gilt den anwesenden Rabbinern, dem Gesandten der Botschaft Israel sowie den Vertretern des konsularischen Korps. Ich begrüße die Damen und Herren Abgeordneten des Bundes, der Länder und des Berliner Senats, die Repräsentanten der in Bundestag und Ländern vertretenen Parteien, die Damen und Herren Staatssekretäre, den Vorsitzenden des Zentralrats der Sinti und Roma, Romani Rose, den Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhahn, sowie die Repräsentanten der Konfessionen, der Wohlfahrtsverbände, der Justiz, der Wirtschaft, der Kunst, Kultur und Wissenschaft, der Stiftungen, Vereine und Verbände und der elektronischen sowie Printmedien.

Mein herzlicher Willkommensgruß gibt den anwesenden früheren Leo-Baeck-Preisträgern, meinen Kollegen in Präsidium und Direktorium des Zentralrats, sowie den Vorständen und Repräsentanten der jüdischen Gemeinden und Landesverbänden sowie der jüdischen und israelischen Organisationen.

Ganz besonders freue ich mich über die Anwesenheit von Ruth Galinski und Ida Bubis, den Witwen meiner unvergessenen Vorgänger und Freunde Heinz Galinski und Ignaz Bubis s.A..

Der Zentralrat ehrt mit dem Leo-Baeck-Preis 2004 auch den Bundesaußenminister Joschka Fischer. Die Mitglieder des Direktoriums des Zentralrats der Juden in Deutschland als Jury waren sich jedoch einig, dass bei dieser Ehrung nicht nur der offizielle Vertreter der Bundesregierung im Blickpunkt steht sondern vor allem der engagierte, seit früher Jugend politisch aktive Bürger Joschka Fischer, den sein Einsatz für die Zivilgesellschaft, sein Bestreben, durch nachhaltiges Engagement gesellschaftspolitisch etwas zum Besseren bewegen zu wollen, und sein fast schon übermächtiger politischer Instinkt zu einem leidenschaftlichen Berufspolitiker, ja sogar zum Außenminister und Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland werden ließ.

Aus jüdischer Sicht zählt er zu denjenigen Verantwortungsträgern in Deutschland, die – um es salopp auszudrücken – etwas begriffen haben. Die aus sich heraus, ihrem Gewissen, ihrer Menschlichkeit heraus ein sicheres Empfinden für das belastete, komplizierte deutsch-jüdisch-israelische Beziehungsgeflecht entwickelt haben. Nicht erst durch sein Ministeramt ist Joschka Fischer zu einem wichtigen Teil des Prozesses der Verständigung zwischen den in Deutschland lebenden Juden und Nichtjuden wie auch zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel geworden. Einem Prozess, den er seit vielen Jahren aktiv mit gestaltet und vorantreibt. Sein Einsatz für ein Ende des Terrors und einen gerechten Frieden im Nahen Osten, ergänzt durch kritische, aber uneingeschränkte Solidarität mit dem Staat Israel und seiner Bevölkerung, sind in diesen Zeiten verschärfter, antisemitisch gefärbter Israelkritik ein wichtiges Signal und eine ermutigende Geste gegenüber der jüdischen Gemeinschaft.

Mich persönlich hat seit jeher die Souveränität und Selbstverständlichkeit beeindruckt, mit der sich Joschka Fischer auf dem glatten diplomatischen Parkett des deutsch-jüdischen Miteinanders bewegt hat. Seine Sensibilität für jüdische Empfindungen und Belange ist weder Ausdruck des Bemühens um politisch korrektes Verhalten noch leere Attitüde oder gar ein Buhlen um Anerkennung von jüdischer Seite. Bestimmend und spürbar ist vielmehr das Anliegen, das Gespräch zwischen Juden und Nichtjuden zu entkrampfen und bei allem Wissen um die belastete gemeinsame Vergangenheit einen selbstverständlichen, ungekünstelten Umgang miteinander zu pflegen. Eine Haltung, die zwischen Juden und Nichtjuden in den vergangenen Jahrzehnten zwar eine immer stärkere Verbreitung gefunden, sich jedoch noch längst nicht durchgesetzt hat. Tatsache ist vielmehr, dass auch nach über 2000jährigem Zusammenleben von Juden und Nichtjuden auf deutschem Boden eine Fülle von judenfeindlichen Stereotypen und ein erschreckendes Maß an Unwissenheit existieren. Falsch verstandene Rücksichtnahme, Unsicherheit, Vorbehalte bis hin zu aggressiver Ablehnung kennzeichnen nach wie vor häufig das Verhalten gegenüber Juden. Ausdruck dessen ist unter anderem das bis heute weit verbreitete Vorurteil, die in Deutschland lebenden Juden seien eigentlich gar keine richtigen Deutschen. Häufig werden wir für Israelis gehalten oder gänzlich auf unsere Religion reduziert und als belastende, lebende Anklage, als Vertreter eines Volks von KZ-Opfern wahrgenommen. Nein, von einem selbstverständlichen, entspannten Miteinander sind Juden und Nichtjuden in Deutschland noch weit entfernt.

In zumindest einem Punkt wende ich mich heute allerdings bewusst an den Bundesaußenminister Joschka Fischer: Der Zentralrat der Juden in Deutschland unterstützt ausdrücklich Ihre Entscheidung, ehemaligen NSDAP-Mitgliedern unter den verstorbenen Diplomaten ein ehrendes Andenken zu verwehren und die ehrenden Nachrufe insgesamt durch neutrale Todesnachrichten in der Hauszeitung des Auswärtigen Amtes ersetzen zu lassen. Ebenso bestärken wir Sie in der Absicht, die Geschichte des Auswärtigen Amtes während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft durch eine Historiker-Kommission aufarbeiten zu lassen. Dass inzwischen auch im Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft seitens der zuständigen Ministerin die Initiative ergriffen wird, die Vergangenheit des Ministeriums während der NS-Zeit aufzuarbeiten, ist ebenfalls zu begrüßen und findet unsere nachhaltige Unterstützung.

Die öffentliche Debatte zu dieser gesamten Thematik aber auch einzelne interne Reaktionen im Auswärtigen Amt selbst zeugen von einem teilweise beängstigenden Geschichtsverständnis und unterstreichen damit die Notwendigkeit, sich mit der Verstrickung von Diplomaten während der NS-Diktatur intensiv und unter Berücksichtigung aller verfügbaren Quellen auseinanderzusetzen. So verdienstvoll eine diplomatische Karriere nach dem Krieg auch verlaufen sein mag, so legitim und notwendig ist die Frage, welche politische Position der betreffende Beamte in den Jahren des Nationalsozialismus eingenommen hat und wie nah oder fern er dem verbrecherischen System stand. Auffallend ist die nicht nur unter treuen Weggefährten und Bewunderern der Verstorbenen verbreitete Neigung, einstige NSDAP-Mitglieder zu bloßen Karteileichen zu stilisieren. „Ich war es nicht, Adolf Hitler ist es gewesen“ – jene inzwischen 60 Jahre alte, unerträgliche Entlastungs- und Rechtfertigungsstrategie kommt in dieser Argumentation einmal mehr zum Tragen. Damals wie heute zeugt sie von dem Versuch, jede Mitverantwortung zu leugnen und die Rolle des unschuldigen, von den Nazis missbrauchten Opfers einzunehmen. Die Ausgrenzung der Juden und anderer Minderheiten bis hin zu ihrer Vernichtung war jedoch ein extrem arbeitsteiliges Geschehen, zu dem viele Handlungen zählten, die für sich genommen korrekt oder zumindest nicht verbrecherisch erscheinen konnten. Dass jedoch auch vermeintlich unverdächtige Handlungen das mörderische Räderwerk in Gang setzten und in Betrieb hielten, wird von den noch lebenden Angehörigen der Tätergeneration und vielen ihrer Nachfahren noch immer verdrängt. So auch das Faktum, dass schon in den frühen Hitler-Jahren Berufsdiplomaten daran beteiligt waren, die in Deutschland lebenden Juden ihrer bürgerlichen Rechte, ihres Eigentums und ihrer Würde zu berauben.

Die Emotionalität, mit der zur Zeit nicht nur über die Nachrufe im Auswärtigen Amt, sondern auch über das Leid der deutschen Bombenopfer während des Zweiten Weltkriegs oder der Opfer der sowjetischen Besatzungszeit diskutiert wird, belegt die ungebrochene Aktualität der deutschen Vergangenheit. Die gegenüber Überlebenden des Holocaust und anderen zur Erinnerung bereiten Menschen gern erhobene Forderung, sie sollten das Vergangene doch endlich ruhen lassen, zielt angesichts dessen ins Leere. Das Geschehene lässt sich nicht spurlos aus dem Gedächtnis der Menschen schon gar nicht von uns Juden beseitigen. Das belegen auch die Demonstrationen der letzten Tage anlässlich des Gedenkens an das Kriegsende vor 60 Jahren mit ihrem eindeutigen Bekenntnis gegen Rassismus, Antisemitismus und Intoleranz. Die sichtbare Entschlossenheit vieler Menschen in unserem Land, sich dem Vormarsch der Rechtsextremisten entgegenzustellen, war für die in Deutschland lebenden Minderheiten kein Anlass zur Entwarnung aber ein wichtiges, hoffnungsvolles Zeichen der Solidarität.

Das war nicht immer so. Vergleichbare Gesten der Solidarität gegenüber den Juden und Angehörigen anderer, von den Nationalsozialisten verfolgter Minderheiten, blieben nicht erst nach 1933 aus. Doch immerhin gab es auch in den Jahren der Dunkelheit einzelne Menschen in Deutschland, die sich dem menschenverachtenden Terror entgegenstellten. An diese aufrechten, mutigen Freunde erinnerte der Rabbiner, Holocaust-Überlebende und bedeutende Lehrer des Judentums Leo Baeck nach Kriegsende. Trotz des unendlichen Schmerzes über den erlittenen Verlust setzte er den selbstlosen Helfern von einst nach Kriegsende mit einem Artikel in einer deutschen Zeitschrift ein Denkmal. „Juden“, so schreibt der 1945 von sowjetischen Truppen aus dem Ghetto Theresienstadt befreite Baeck, „hatten immer wieder die Treulosigkeit erfahren, ganz unmittelbar, die Unmenschlichkeit ganz an sich selbst erduldet, und in ihrem Herzen war immer neue Bitterkeit aufgestiegen. Aber sie hatten doch auch an so manchem Tage das andere erfahren: Eine tapfere Treue, eine tapfere Liebe von dem einen und vielleicht auch dem anderen, eine menschliche Anständigkeit von einem Gekannten und einem Ungekannten. Und als sie dann hinausgerissen wurden, haben sie wieder unter anderer Rohheit und Bosheit gelitten, deren Spur sie vielleicht noch an ihrem Körper tragen. Sie haben die einzelnen ausgesonnenen Untaten bestehen müssen. Doch immer haben sie an jene Treue einzelner und jenen Anstand einzelner gedacht. Und als sie zum Leben zurückkehrten, ist diese Erinnerung mit ihnen gegangen und zu einer Sehnsucht geworden, dankbar zu sein und zu bleiben.“

Der Zentralrat der Juden in Deutschland ehrt mit Joschka Fischer einen Freund der Judenheit und Israels, vor allem aber einen kämpferischen Demokraten, der sich mit seiner geballten rhetorischen Argumentationskraft gegen die Feinde einer weltoffenen, toleranten Zivilgesellschaft zur Wehr setzt. Sehr geehrter Herr Minister, lieber Joschka Fischer, es ist gut, Sie an unserer Seite zu wissen.

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