„Jüdisches Leben in Deutschland – Was tut die Politik?“
20. Januar 2025
Rede

„Jüdisches Leben in Deutschland – Was tut die Politik?“

„Jüdisches Leben in Deutschland – Was tut die Politik?“

Anrede,

wir können uns in unserer Zeit auf immer weniger Gewissheiten einigen. Einer Sache sind wir uns jedoch noch sicher: Es gibt eine Zeit vor und eine Zeit nach Auschwitz. Unser gesamtes Denken, unser Blick auf Gesellschaft und Staat, auf Religion und auf unser Zusammenleben an sich hat sich verändert. Es musste sich verändern.

Heute, 80 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, das in seiner Grausamkeit der Vernichtung für den Zivilisationsbruch der Schoa steht, befinden wir uns erneut an einer Wegmarke. Was bedeutet Auschwitz heute noch für Deutschland? Was bedeutet es in einer Zeit, in der wir immer weniger Zeitzeugen der Schoa erleben? Was bedeutet es in einer Zeit, in der immer mehr Menschen in Deutschland keinen familiären Bezug zur NS-Zeit haben?

Für mich persönlich, als Mitglied der zweiten Generation von Schoa-Überlebenden und Opfern, sind das auch schmerzliche Fragen. Wir sind aufgewachsen in dem Glauben an eine Gesellschaft nach Auschwitz, die sich dem Schrecken und der unmenschlichen Grausamkeit dieses Ortes und wofür er steht immer bewusst sein wird; und daraus Konsequenzen zieht. Auch das lief nie geradlinig. Hier in Frankfurt denke ich besonders an Fritz Bauer und die Auschwitzprozesse und welchen Anfeindungen dieser mutige Mann doch auch zwanzig Jahre nach der Schoa noch entgegengetreten ist.

Unser Blick auf Auschwitz darf sich in seinem Kern nicht verändern. Er kann es nicht, wenn dieses Land seiner Gründungsidee und seiner Verantwortung vor der Geschichte gerecht werden will. Diese Gewissheit, meine Damen und Herren, ist essentiell für jüdisches Leben in Deutschland. Es braucht eine wehrhafte Haltung gegen die Propaganda des „Schuldkults“, deren parlamentarischer Arm mit der AfD bereits in Landtagen und im Bundestag sitzt. Gleichzeitig werden deutsche Straßen mit der postkolonialen Verirrung der „German guilt“ geflutet.

Wir sind uns im Wesentlichen der Unterstützung der großen Mehrheit der politischen Akteure sicher, müssen aber auch immer wieder Irritationen erleben – sei es im Stil, aber auch in der Substanz. Gerade die Erinnerung an die Schoa, ihre Singularität sowie die Gestaltung und Absicherung der KZ-Gedenkstätten müssen über jeden Zweifel erhaben sein.

Die Politik muss eine klare Sprache gegen eine subtile Verwässerung der Erinnerung an die Schoa von extrem links und extrem rechts finden.

Wir erleben, dass jüdische Perspektiven in Debatten wie diesen zu wenig, manchmal erst zu spät, wahrgenommen werden. Es braucht dafür Räume. Diese müssen ermöglicht werden – die Politik kann dafür einen Beitrag leisten. Hier in Frankfurt ist es mit der Jüdischen Akademie des Zentralrats gelungen.

Hoffentlich noch in diesem Jahr – und wenn nicht dann Anfang 2026 – wird die Akademie zu einem wichtigen Impulsgeber werden, der diesen Debattenraum füllen kann. Jüdisches Leben, jüdisches Denken und jüdischer Geist gehören zu Deutschland. Jüdinnen und Juden gehören zu Deutschland.

Genau vor 75 Jahren wurde ebenfalls in Frankfurt der Zentralrat der Juden in Deutschland gegründet. Er ist zu einem Teil der Demokratiegeschichte dieses Landes geworden. Für die Bundesrepublik war und ist das auch ein Anspruch, der sie immer wieder leiten muss.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

Weitere Reden

24.07.2026
Rede
Rede von Dr. Josef Schuster zur Mahnwache in Würzburg
Dieser Angriff führt uns vor Augen, dass das Tragen eines einfachen Pins, der Solidarität mit Israel signalisiert, als Auslöser eines derart brutalen Angriffs ausreicht, auch hier im Raum Würzburg.  Es braucht offenbar nicht mehr als ein Bekenntnis zum jüdischen Staat, um einen solchen Gewalte...
17.05.2026
Rede
104. Deutscher Katholikentag Würzburg - Impuls zum Abschlussgottesdienst
Dr. Josef Schuster: Der Hass gegen Juden hat sich wieder in der Mitte unserer Gesellschaft ausgebreitet. Jüdisches Leben ist in Deutschland bedroht und nur noch hinter einem Schutzschild möglich.
25.03.2026
Rede
Dr. Josef Schuster für den Impuls „Jüdisches Leben in Deutschland Heute“ anlässlich der 34- Jüdisch-Israelischen Kulturtage Thüringen
Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden, Dr. Josef Schuster beim Bildungsforum der Konrad-Adenauer-Stiftung Rheinland-Pfalz in Frankenthal zum Thema „jüdisches Leben in Deutschland“ am 01.12.2025
08.03.2026
Rede
Redebeitrag Dr. Josef Schuster anlässlich der Eröffnung der Jüdischen Kulturtage Sachsen-Anhalt in Magdeburg
Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden, Dr. Josef Schuster beim Bildungsforum der Konrad-Adenauer-Stiftung Rheinland-Pfalz in Frankenthal zum Thema „jüdisches Leben in Deutschland“ am 01.12.2025
22.02.2026
Rede
Dr. Josef Schuster anlässlich der Ausstellung „Mit eigener Stimme – 75 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland“ in Braunschweig
Redebeitrag des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster anlässlich der Verleihung des Paul-Spiegel-Preises am 05.11.2025
27.01.2026
Rede
Impulst von Dr. Josef Schuster anlässlich der Ausstellung „An eine Zukunft glauben – Jüdische Biografien in der Gründergeneration des Deutschen Bundestages. ...
Dr. Josef Schuster: Der Hass gegen Juden hat sich wieder in der Mitte unserer Gesellschaft ausgebreitet. Jüdisches Leben ist in Deutschland bedroht und nur noch hinter einem Schutzschild möglich.
04.12.2025
Rede
Dr. Josef Schusters Redebeitrag im Bildungsforum der Konrad-Adenauer-Stiftung Rheinland-Pfalz
Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden, Dr. Josef Schuster beim Bildungsforum der Konrad-Adenauer-Stiftung Rheinland-Pfalz in Frankenthal zum Thema „jüdisches Leben in Deutschland“ am 01.12.2025
04.12.2025
Rede
Dr. Josef Schusters Redebeitrag anlässlich der Verleihung des Hanns-Martin-Schleyer-Preises an Ahmad Mansour
Rede Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland anlässlich der Verleihung des Hanns-Martin-Schleyer-Preises an Ahmad Mansour am 27.11.2025
04.12.2025
Rede
Dr. Josef Schusters Redebeitrag anlässlich der Verleihung des Paul-Spiegel-Preises 2025
Redebeitrag des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster anlässlich der Verleihung des Paul-Spiegel-Preises am 05.11.2025
17.09.2025
Rede
Zentralrat der Juden in Deutschland feiert 75-jähriges Jubiläum mit Rosch Haschana-Empfang
Der Zentralrat der Juden in Deutschland feiert in diesem Jahr sein 75-jähriges Jubiläum. Aus diesem Anlass hat der Zentralrat am heutigen Mittwoch, den 17. September 2025, einen festlichen Rosch Haschana-Empfang
15.07.2025
Rede
80 Jahre IKG München / 40 Jahre Dienstjubiläum Charlotte Knobloch
Ansprache des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, 27. April 2025.
28.04.2025
Rede
Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen
Ansprache des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, 27. April 2025.
20.03.2025
Rede
Feierliche Enthüllung der Gedenktafel am Standort des ehemaligen Logenhauses von B’nai B’rith in Berlin
Rede von Dr. Josef Schuster
13.11.2024
Rede
Begrüßung Verleihung Leo-Baeck-Preis 2024
Dr. Josef Schuster, 13.11.2024 in Berlin
09.10.2024
Rede
Gedenkveranstaltung der Stadt Halle 9. Oktober
Rede Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland
06.10.2024
Rede
Ansprache Dr. Josef Schuster „Run for their lives“ am 06.10.2024, München
Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster
27.09.2024
Rede
Grußwort Dr. Josef Schuster, Neue Dimensionen des Judenhasses
Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster
04.07.2024
Rede
EINWEIHUNG MILITÄRRABBINAT UND ÜBERGABE DER TORA
Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster
Nach oben scrollen