Impulst von Dr. Josef Schuster anlässlich der Ausstellung „An eine Zukunft glauben – Jüdische Biografien in der Gründergeneration des Deutschen Bundestages. Eine dokumentarische Annäherung“
Impulst von Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden anlässlich der Ausstellung „An eine Zukunft glauben – Jüdische Biografien in der Gründergeneration des Deutschen Bundestages. Eine dokumentarische Annäherung“
Sehr geehrte Damen und Herren,
„An eine Zukunft glauben“.
Auch mehr als 80 Jahre nach dem Ende des NS-Terrors ist es unmöglich, die Tragweite dieser Worte zu überschätzen.
An eine Zukunft zu glauben, nach den unfassbaren Gräueltaten der Nationalsozialisten. Nach der Ausgrenzung, Entrechtung, Entmenschlichung und dem Schrecken der Konzentrations- und Vernichtungslager.
Eine Zukunft nach dem Menschheitsverbrechen der Schoa. An diese Zukunft nicht nur zu glauben, sondern sie gestalten zu wollen. Nicht in einem Schattendasein am Rande der Gesellschaft, sondern sichtbar in ihrer Mitte. Mitten im Land der Täter.
Die Menschen, die wir heute mit dieser Ausstellung würdigen, haben nicht nur den Mut besessen, zu sagen: Wir lassen uns unsere Heimat nicht nehmen von den Nationalsozialisten, von ihren willfährigen Helfern und all den Mitläufern.
Sie haben nicht nur gesagt: Wir glauben an eine jüdische Perspektive in Deutschland.
Nein, sie sind noch weitergegangen.
Aus den unmenschlichen Verbrechen, die sie erlebt haben, die ihnen selbst angetan wurden, haben sie einen Schluss gezogen: selbst politische Verantwortung dafür zu übernehmen, dass so etwas nie wieder geschieht. Das ist ein ganz und gar außergewöhnliches Geschenk für unsere Gesellschaft gewesen.
Im Zentrum dieser Gruppe bewundernswerter Biographien, von denen jede einzelne einen gründlichen Blick lohnt, stehen Jeanette Wolf, die ich als Kind noch persönlich kennenlernen durfte, und Erik Blumenfeld. Eine gläubige Jüdin, der beinahe ihre gesamte Familie in der Schoa entrissen wurde. Ein gläubiger Protestant, der als „Halbjude“ zum Opfer der NS-Rassengesetze wurde.
Beide ließen sich von den Nationalsozialisten nicht zum bloßen Objekt des Hasses degradieren. Sie überlebten die Schoa, und gegen teils erhebliche Widerstände prägten sie die deutsche Politik der Nachkriegszeit.
Einer schmerzhaften Wahrheit müssen wir uns dabei stellen: In den 1950er, 60er, auch den 70er Jahren noch, gingen die Überlebenden durch den Deutschen Bundestag in dem Wissen, dass man sich dieses Hohe Haus mit Mitläufern, Kollaborateuren und ehemaligen NS-Funktionären teilt – dass man ihnen gegenüber sogar in der Unterzahl ist.
Wolf, Blumenfeld und all die anderen haben sich selbst viel abverlangt durch ihre Bereitschaft, den einstigen Nationalsozialisten täglich gegenüberzutreten. Ich bin von tiefer Dankbarkeit erfüllt, dass sie es getan haben.
Denn sie waren erfolgreich. Mehr als 80 Jahre nach dem Ende des NS-Terrors kann man festhalten: Es ist heute bundesrepublikanischer Konsens, dass es keine Verjährung und keinen Schlussstrich gibt.
Die jüdischen und jüdischstämmigen Abgeordneten rund um Jeanette Wolf und Erik Blumenfeld haben entscheidend dazu beigetragen. Die Zukunft, an die sie geglaubt haben, haben sie durch ihr Handeln Wirklichkeit werden lassen.
Die Bedeutung dieser Ausstellung erschöpft sich allerdings nicht in dieser historischen Würdigung. Bei weitem nicht. Der Zeitpunkt ihrer Eröffnung ist bewusst gewählt, er lenkt den Blick auf unsere Gegenwart.
Der 27. Januar markiert die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Auschwitz, das wie keine zweite Stätte zum Symbol der Schoa geworden ist. Ein Verbrechen, mit dem – das zeigen aktuelle Studien – jeder achte junge Mensch in unserem Land nichts anfangen kann.
Auschwitz – jeder Dritte junge Mensch kennt diesen Begriff nicht, kann kein einziges Konzentrationslager namentlich benennen.
Auch in diesem Jahr ist der Zentralrat der Juden wieder Teil der Kampagne „We Remember“ des World Jewish Congress. Eine Kampagne, die weltweit dazu aufruft, der Opfer der Schoa zu gedenken. Diese Kampagne ist wichtig, und doch frage ich heute: Was bedeutet das noch, „wir erinnern uns“?
Wenn jeder achte junge Mensch sich an nichts erinnert, weil er nie etwas darüber gelernt hat?
Wenn niemand mehr seine Erinnerung weitergeben kann, weil die Zeitzeugen schwinden und ihre Stimme für immer zu verstummen droht?
Wenn sogar Menschen in diesen Tagen pflichtschuldig „Wir erinnern uns“ sagen können, die es nicht so meinen und den Rest des Jahres dem Judenhass Vorschub leisten?
Was bedeutet es noch, sich zu erinnern, wenn jedes Jahr die Zahl derer wächst, die in Wahrheit einen Schlussstrich ziehen wollen?
Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist der historische Gegenentwurf zum Terror des Nationalsozialismus. Dass dieses Grundgesetz Wirkung entfalten konnte, dass es unsere freiheitliche Ordnung prägen konnte, war keine Selbstverständlichkeit. Denn demokratische Grundhaltung und Anstand lassen sich nicht politisch verordnen.
Dass die demokratische Erneuerung unseres Landes nach dem Menschheitsverbrechen der Schoa gelingen konnte, ist vor allem das Verdienst der Überlebenden. Sie waren es, die Zeugnis abgelegt haben. Die jüdisches Leben wieder aufgebaut haben. Die jedem Versuch der Relativierung oder Verzerrung der Geschichte laut widersprochen haben. Lassen sie uns dieses Erbe ehren, indem wir keinen Schlussstrich ziehen.
Heute stehen wir an einem Wendepunkt. Die Zeit ist unerbittlich, die Generation der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen verabschiedet sich von uns.
Damit wächst unsere Verantwortung. Es muss uns als Gesellschaft gelingen, neue Formen der Erinnerung zu entwickeln. Es muss gelingen, die persönliche Begegnung mit den Zeugen des NS-Terrors zu ersetzen.
Wenn Antisemitismus wieder unverhohlen und enthemmt auftritt, wenn er gar salonfähig wird, ist eine lebendige Erinnerungskultur unverzichtbar. Sie darf niemals zum leeren Ritual verkommen. Die Erinnerungskultur muss ein moralischer Kompass unseres Landes sein, so wie sie es über Jahrzehnte war.
Die Überlebenden haben uns gezeigt, dass Erinnerung stärker sein kann als Hass. Es liegt an uns, diesem Erbe gerecht zu werden und die Erinnerung lebendig zu halten.
Diese Ausstellung wird einen Beitrag dazu leisten.
Ich danke Ihnen.
