GRUSSBOTSCHAFT DES BUNDESPRÄSIDENTEN JOACHIM GAUCK ZUM JÜDISCHEN NEUJAHRSFEST 5774
09. September 2013
Rede

GRUSSBOTSCHAFT DES BUNDESPRÄSIDENTEN JOACHIM GAUCK ZUM JÜDISCHEN NEUJAHRSFEST 5774

“Ein Jahr endet, ein neues beginnt: Zeit für uns Menschen, in uns zu gehen, bevor wir auf das vor uns Liegende schauen. So auch an Rosch ha-Schana, dem Fest, an dem die Gläubigen vor sich selbst Rechenschaft ablegen über ihr Handeln. Solche Festtage führen uns zu uns selbst und helfen uns zugleich, unseren Platz in der Gesellschaft zu finden.

Ein schöner Brauch zum jüdischen Neujahrsfest ist es, Granatäpfel zu essen. Der lateinische Ursprung ihres Namens „granum“ verweist auf die zahlreichen Kerne dieser Frucht. Und dem Granatapfel gleich ist heute auch jüdisches Leben in Deutschland wieder vielkernig und facettenreich.

So wie der Granatapfel sich durch seine Kerne vermehrt, so erwächst durch die tägliche engagierte Arbeit so vieler jüdischer Menschen viel Neues und Buntes in den jüdischen Gemeinden in unserem Land. Es entstehen neue Synagogen und Gemeindezentren an Orten, wo sie einst grausam zerstört wurden. Was für ein Geschenk das ist, habe ich bei der Synagogeneinweihung in Ulm selbst erleben dürfen. Und schon heute freue ich mich auf meinen Besuch beim Jüdischen Gemeindetag im November in Berlin.

Aus zahlreichen Ländern sind in den vergangenen Jahren Menschen jüdischen Glaubens nach Deutschland gekommen. So wächst nicht nur die Zahl der jüdischen Gemeinden, es wächst auch die Vielfalt innerhalb des Judentums. Das ist gewiss mit Herausforderungen verbunden, aber es zeigt, wie das Miteinander in unserer Gesellschaft gelingen kann. Auch jüdische Gelehrsamkeit, Theologie und Bildung blühen heute wieder auf in Deutschland. Dafür bin ich zutiefst dankbar.

Und ich freue mich darüber, dass die jüdischen Gemeinden eine immer lebendigere Rolle in unserer Bürgergesellschaft spielen. Sie übernehmen Verantwortung und stärken unseren Zusammenhalt. Ich ermutige Sie alle, diesen Weg weiterzugehen. Religiöses Leben mit seinen Traditionen gehört zu unserer Gegenwart. Für viele Menschen ist und bleibt der Glaube Kern ihrer persönlichen Identität – und das wirkt auch in einem säkularen Umfeld zurück auf die Gesellschaft insgesamt.

Ein Segensspruch zum Neujahrsfest Rosch ha-Schana lautet: „Möge es Dein Wille sein, unser ewiger Gott, und der Gott unserer Väter, dass unsere guten Taten sich vermehren wie die Kerne des Granatapfels.“ Das wünsche ich Ihnen und allen, denen diese guten Taten nutzen werden!

Ein gesegnetes neues Jahr, Schalom und Schana tova!”

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