Gemeinsame Erklärung des Zentralrats der Juden in Deutschland und der Kultusministerkonferenz zur Vermittlung jüdischer Geschichte, Religion und Kultur in der Schule
06. Dezember 2016
Presseerklärung

Gemeinsame Erklärung des Zentralrats der Juden in Deutschland und der Kultusministerkonferenz zur Vermittlung jüdischer Geschichte, Religion und Kultur in der Schule

Foto: Uwe Steinert

1. Präambel
Das Judentum ist seit vielen Jahrhunderten integraler Bestandteil der deutschen und europäischen Kultur, Geschichte und Gesellschaft. Jüdisches Leben ist indes in vielen gesellschaftlichen Bereichen kaum sichtbar und wird, beispielsweise in Schulbüchern und anderen Bildungsmedien, vielfach nur auf einzelne Elemente oder auf einige wenige Epochen der Geschichte verkürzt, zum Teil verzerrt und undifferenziert dargestellt.

Darüber hinaus geben judenfeindliche Einstellungen, die sich in unterschiedlichen Erscheinungsformen, auch im schulischen Raum, immer wieder manifestieren, Anlass zu Besorgnis. So ist nicht hinnehmbar, wenn sich Jüdinnen und Juden aus Angst vor antisemitischen Attacken als solche nicht zu erkennen geben können, und wenn Menschen auf der Straße israelische Politik zum Vorwand nehmen, antisemitische Parolen zu skandieren. Der Zentralrat der Juden in Deutschland und die Kultusministerkonferenz vereinbaren mit dieser Erklärung Schritte zu einer zukunftsorientierten und authentischen Thematisierung des Judentums in der Schule.

2. Ziele und Grundsätze
Die gemeinsame Erklärung zielt darauf ab, das Judentum in seiner Vielfalt und Authentizität in der Schule zu thematisieren sowie den Schülerinnen und Schülern ein lebendiges und differenziertes Bild des Judentums zu vermitteln. Dazu gehört unabdingbar die Schoah, ohne aber jüdisches Leben in Deutschland und Europa auf sie zu reduzieren. Auch das jüdische Leben nach der Schoah im Zeichen der deutschen Teilung und seit der Wiedervereinigung ist für das historisch-politische Verständnis von enormem Wert. Ferner geht es in der Schule darum, die besondere Bedeutung des Staates Israel für Jüdinnen und Juden zu erklären.

Kenntnis und Erkennen der Vielfalt und Komplexität des Judentums sind wichtige Schritte zu seinem Verständnis sowie zum Abbau von Vorurteilen. Es gibt nicht die Jüdin oder den Juden, sondern verschiedene religiöse und kulturelle Identitäten. Die Schule sollte das Selbstverständnis von Jüdinnen und Juden sowie den Blick von außen auf das Judentum in Bezug zueinander setzen. Zwar kann der Unterricht in der Schule kein vollständiges Bild des Judentums vermitteln, ermöglicht aber anhand ausgewählter Themen exemplarisch vergangene, gegenwärtige und zukünftige Perspektiven miteinander zu verbinden. Dabei gilt es, neue und sensible Wege in der Didaktik und Methodik zu erschließen, die die unterschiedlichen Zugänge einer heterogenen Schülerschaft berücksichtigen.

3. Das Judentum im Unterricht
Die curricularen Vorgaben der Länder bieten zahlreiche Anknüpfungspunkte für eine Vermittlung des Judentums im Unterricht. Zugänge gibt es in vielen Fächern: in Geschichte und anderen gesellschaftswissenschaftlichen Fächern, in Religion und Ethik, in sprachlichen, literarischen oder künstlerischen Fächern sowie in den Naturwissenschaften. Dieses Potenzial wird – dies zeigen Analysen von Lehrplänen und Schulbüchern – bisher nicht hinreichend ausgeschöpft. Hier gilt es, die Lehr- und Fachkräfte in unseren Schulen bei der Umsetzung im Unterricht zu unterstützen.

Die vielfältigen Perspektiven von Geschichte und Gegenwart des Judentums sollen in möglichst vielen Jahrgangsstufen und Fächern thematisiert werden. Dabei ist entscheidend, dass Schülerinnen und Schüler die Offenheit entwickeln, immer wieder neue Fragen zu stellen und die verschiedenen Innensichten im Judentum sowie die vielen Außensichten auf das Judentum zu reflektieren. Wer lernt, sich in die Perspektive eines anderen Menschen und seine kulturelle und religiöse Orientierung zu versetzen, lernt auch Respekt und Wertschätzung. Hier begegnen sich der Auftrag der Schulen zu einer umfassenden und zukunftsfähigen Bildung und ihr Auftrag zu einer Erziehung im Geiste von Freiheit, Demokratie, Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit und Frieden. Eine besondere Verantwortung tragen Fächer und Projekte der historisch-politischen Bildung. Dabei gehören die Analysen aktueller politischer Entwicklungen und vergangener Ereignisse und Prozesse untrennbar zusammen. Die Geschichte des Judentums ist mehr als eine Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Opfergeschichte. Zur Entwicklung von Prosperität und Demokratie in Europa gehören die Leistungen von Jüdinnen und Juden in Unternehmertum, Wissenschaft, Politik und Kultur. Das kann beispielsweise in regional- und lokalgeschichtlicher Perspektive verdeutlicht werden; dazu bieten sich forschendes Lernen, Spurensuche am Wohnort und andere Projekte an. Der Beitrag von Jüdinnen und Juden zu ökonomischer, kultureller und politischer Modernisierung darf indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie dennoch mehr oder weniger subtile Exklusion erfahren mussten. In diesem Rahmen sollte indes nicht nur der historische Antisemitismus, sondern auch der immer noch virulente Antisemitismus in Deutschland und in anderen Ländern mit seinen verschiedenen Komponenten (Antijudaismus, Antiisraelismus, Antizionismus) reflektiert werden. Bei der Thematisierung des heutigen jüdischen Lebens müssen Analogisierung und Identifizierung mit Entwicklungen in und um den Staat Israel vermieden werden. Da- bei gilt zugleich, dass das Existenzrecht Israels nicht zur Diskussion gestellt wird.

Ziel der Beschäftigung mit dem Staat Israel im Unterricht ist, diesen nicht nur im Kontext einer Konfliktgeschichte wahrzunehmen, sondern seine politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen als jüdischer Staat in aller Vielfalt herauszustellen. In diesem Rahmen gilt es, die Entstehungsgeschichte des Staates Israel zu thematisieren und seine besondere Lage und die Gefährdung seiner Existenz nachzuvollziehen. Eine ebenso wichtige Rolle wie die historisch-politische Bildung spielen der Religionsunterricht aller Bekenntnisse und Fächer im Themenkreis von Philosophie und Ethik. In Deutschland lebt heute eine Vielzahl von Menschen unterschiedlicher Religionen und Konfessionen; gleichzeitig fühlen sich viele keiner Religion zugehörig.

Daher muss die Schule fundierte Kenntnisse und ein möglichst authentisches Bild der Religionen vermitteln, um wechselseitiges Verständnis, Respekt und Dialogfähigkeit als Grundlagen einer pluralen Gesellschaft zu fördern. Ein auf Dialog hin orientierter Unterricht schließt Kritik und Selbstkritik ein, dazu gehören auch Anschauungen und Debatten in Christentum und Islam über Judenmission und Antijudaismus in Gegenwart und Vergangenheit. Die jüdische Religion muss an exemplarischen Themen in ihrer Vielfalt vermittelt werden. Bei der Darstellung jüdischer Religiosität sollen Stereotype vermieden und jüdisches Leben in seiner Realität abgebildet werden. So eignen sich z. B. ausgewählte jüdische Feste, um den spezifisch jüdischen Alltagsbezug zu vermitteln. Die Thematisierung jüdischer Schriftauslegung eröffnet darüber hinaus Zugänge zur Diskursivität und inneren Pluralität des Judentums. In diesem Zusammenhang bietet es sich an, auch gemeinsame Aspekte verschiedener Religionen und Weltanschauungen herauszuarbeiten. Viele andere Fächer bieten weitere Anknüpfungspunkte, von denen ausgehend sich jüdisches Leben, jüdische Kultur, Religion und Geschichte aufgreifen lassen, seien es der Deutschunterricht (z. B. Lessings „Nathan der Weise“), die Fremdsprachen (z. B. das Thema „Jews in the USA“), künstlerische Fächer (z. B. Marc Chagall) oder auch die Naturwissenschaften (z. B. Bioethik aus jüdischer Sicht). Ein weiterer Aspekt ist die Geschichte der Fächer und Disziplinen als Gegenstand des Unterrichts (z. B. die Geschichte von Sport und Turnen).

4. Begegnungen mit dem Judentum
Schülerinnen und Schüler benötigen gerade in der Komplexität und Vielfalt der Erscheinungsformen jüdischen Lebens, jüdischer Geschichte, jüdischer Religion und jüdischer Kultur Deutungs- und Reflexionskompetenz. Dabei helfen insbesondere persönliche Begegnungen mit Jüdinnen und Juden und der Kontakt mit jüdischen Organisationen und Institutionen. Dies gilt umso mehr, als jüdische Kinder und Jugendliche in den Klassen und Schulen nur selten vertreten sind. Geschichte, Religionen und Kulturen werden verstehbar, indem das Leben einzelner Menschen sichtbar und nacherlebbar wird. Begegnungen mit dem Judentum können von den Schulen organisiert werden: Beispielsweise können Jüdinnen und Juden in den Unterricht eingeladen werden, um von ihrer Religion und Kultur, ggf. von ihrer Familiengeschichte zu berichten. Der Besuch einer Synagoge oder einer jüdischen Gemeinde ermöglicht es, jüdische Religion als lebendig und gegenwärtig zu erleben. Schülerinnen und Schüler können jüdischer Geschichte beim Besuch von Archiven, Museen oder eines jüdischen Friedhofs sowie durch Teilnahme an einem Wettbewerb begegnen.

Besonders eindrücklich ist die Begegnung mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen und deren Nachkommen. Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der Schoah können noch unmittelbar über ihr Leben unter Ausgrenzung, Folter und Todesangst sowie über den Verlust ihrer Angehörigen als auch über ihr Leben und ihre Gefühlswelt nach der Schoah berichten. Der Besuch von Gedenkstätten und Dokumentationszentren ist von elementarer Bedeutung. Sie zeigen an authentischen Orten die nationalsozialistischen Verbrechen und bieten damit die Möglichkeit, sich intensiv mit dem Geschehen – auch anhand von Einzelschicksalen – auseinanderzusetzen. Hilfreich ist auch, Zeugnisse, wie sie z. B. in den Datenbanken von Yad Vashem und in vielen Gedenkstätten verfügbar gemacht werden, in den Unterricht einzubeziehen. Dazu gehören auch Zeugnisse des Widerstands und der Zivilcourage von helfenden Menschen sowie Beispiele von Jüdinnen und Juden, die in einer Zeit existenzieller Bedrohung und unter unmenschlichen Bedingungen ihre Identität bewahrten oder Widerstand organisierten und leisteten.

Begegnungen können lebhaftes Interesse und Empathie hervorrufen. Lehrkräfte sollten dennoch schon im Vorfeld von Begegnungen auch mögliche kritische Reaktionen berücksichtigen und – orientiert an der unterschiedlichen Vorbildung – evtl. vorhandene Vorurteile der Schülerinnen und Schüler und ihrer Familien methodisch-didaktisch auffangen. Besuche in KZ-Gedenkstätten und an anderen Orten der nationalsozialistischen Verbrechen müssen adäquat und ggf. mit Hilfe von Fachkräften vor Ort vor- und nachbereitet werden. Schülerinnen und Schüler sollen ermutigt werden, in ihrem Umfeld selbstständig jüdisches Leben, jüdische Kultur und jüdische Geschichte zu entdecken, sich auf einen konstruktiven Dialog zwischen Religionen, Kulturen und gesellschaftlichen Kräften einzulassen und ihn zu pflegen. Persönliche Begegnungen, der Besuch außerschulischer Lernorte sowie die Nutzung von Begegnungs- und Austauschprogrammen für Schülerinnen und Schüler sollten nicht nur das Schulleben unserer Schulen, sondern auch die Aus-, Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte prägen und werden ausdrücklich empfohlen.

5. Schlussfolgerungen
Der Zentralrat der Juden in Deutschland und die Kultusministerkonferenz

  • setzen sich gemeinsam dafür ein, dass das Judentum in seiner Vielfalt im schulischen Alltag sichtbar gemacht wird,
  • fordern dazu auf, persönliche Begegnungen mit Jüdinnen und Juden im schulischen Rahmen zu suchen und zu ermöglichen,
  • empfehlen den Besuch von außerschulischen Lernorten, an denen jüdisches Leben in Vergangenheit und Gegenwart erfahrbar wird,
  • fordern eine intensivere Vermittlung von Kenntnissen des Judentums und der jüdischen Geschichte in der Lehreraus-, -fort- und -weiterbildung und bieten entsprechende Hilfestellung bei der Entwicklung eines strukturierten Fortbildungsprogramms,
  • erstellen gemeinsam mit Landesinstituten und Institutionen jüdischer Kultur eine strukturierte Sammlung von ausgewählten Materialien, die in der Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie im Unterricht und in Projekten genutzt werden,
  • erstellen zu ausgewählten Themen und Aspekten Lehrerhandreichungen,
  • richten eine gemeinsame Fachtagung zur Umsetzung der Empfehlung in den Schulen aus.

6. Verweise
In Auswahl wird auf folgende Empfehlungen, Veröffentlichungen und Datenbanken verwiesen:

  • Jüdische Geschichte im Unterricht
    • Leo-Baeck-Institut – Kommission für die Verbreitung deutsch-jüdischer Geschichte (Hg.), Deutsch-jüdische Geschichte im Unterricht – Eine Orientierungshilfe für Schule und Erwachsenenbildung, Dritte Auflage 2015
    • Martin Liepach/Dirk Sadowski (Hg.): Jüdische Geschichte im Schulbuch, Göttingen 2014
    • Martin Liepach/Wolfgang Geiger: Fragen an die jüdische Geschichte. Darstellungen und didaktische Herausforderungen, Bonn, 2014 (Schriftenreihe Band 1534)
  • Staat Israel
    • Deutsch-israelische Schulbuchkommission: Deutsch-israelische Schulbuch- empfehlungen, Göttingen 2015.
    • Kultusministerkonferenz und Botschaft des Staates Israel, Kommuniqué zur deutsch-israelischen Bildungszusammenarbeit anlässlich des 50-jährigen Bestehens der diplomatischen Beziehungen im Jahr 2015.
    • Kultusministerkonferenz und Botschaft des Staates Israel (Hg.), Deutschland und Israel – Stationen eines einzigartigen Verhältnisses – Eine kommentierte Quellensammlung für den Geschichts- und Politikunterricht, Frankfurt am Main 2015.
  • Erinnerungskultur
    • Erinnern für die Zukunft – Empfehlungen zur Erinnerungskultur als Gegenstand historisch-politischer Bildung in der Schule – Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 11.12.2014.
    • Sekretariat der Kultusministerkonferenz (Hg.), Erinnern für die Zukunft – Deutsch-israelische Bildungszusammenarbeit, Berlin 2015.
  • Religion/Ethik
    • Zentralrat der Juden in Deutschland und Schweizerischer Israelitischer Ge- meindebund (Hg.), „Lehre mich, Ewiger, Deinen Weg“ – Ethik im Judentum, Berlin 2015

Ergänzend werden in einer separaten Materialsammlung weitere Veröffentlichungen und Datenbanken zusammengestellt werden.

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