Interview mit Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland anlässlich des Attentats von Sydney
„Die Zustände sind unhaltbar.“
Verena Schmitt-Roschmann: Der Gaza-Konflikt ruht seit einigen Wochen. Stellt sich auch für die jüdischen Gemeinden in Deutschland eine Beruhigung ein?
Dr. Josef Schuster: Davon kann leider keine Rede sein. Der Antisemitismus ist in Deutschland seit dem 7. Oktober 2023 explosionsartig angestiegen. Alle Zahlen deuten darauf hin, dass wir in diesem Jahr eine Verstetigung auf einem hohen – einem viel zu hohen – Niveau erleben. Viel schlimmer: Mein Gefühl ist, dass wir in unserer Gesellschaft einen Gewöhnungs- und Normalisierungseffekt für den Antisemitismus erleben. Das darf nicht sein!
VSR: Zeitweise schien ein Dialog mit den palästinensischen Communities fast unmöglich. Sehen Sie die Chance auf einen neuen Gesprächsfaden und was wäre dafür zu tun? Wäre es eine staatliche Aufgabe, entsprechende Foren zu organisieren?
JS: Verständigung und ein gutes Zusammenleben in Deutschland sind ohne Dialog undenkbar, das ist völlig klar. Die Frage ist aber: Worüber sprechen wir? Das Existenzrecht Israels etwa ist für mich überhaupt nicht verhandelbar. Ich kann nicht mit Menschen in einen Dialog treten, die eine Dämonisierung des israelischen Staats zur Bedingung für Juden machen wollen, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.
VSR: Der starke Anstieg bei registrierten antisemitischen Vorfällen und Straftaten hat dazu geführt, dass der Kampf gegen Antisemitismus politisch häufig thematisiert wird. Hilft das eigentlich? Kann Antisemitismus überhaupt politisch eingedämmt werden? Oder welchen Hebel sehen Sie für einen Wandel in den Köpfen?
JS: Im Jahr 2000 hat mein Amtsvorgänger Paul Spiegel den „Aufstand der Anständigen“ ins Leben gerufen, um gegen Judenhass aufzustehen. Wenn ich mich heute umblicke, muss ich feststellen: Entweder, die Anständigen sind deutlich weniger geworden, oder sie bleiben untätig auf den Zuschauerrängen sitzen. Was passiert, wenn die politische Rückendeckung fehlt, haben wir in Sydney gesehen, wo die australische jüdische Gemeinschaft sich schon lange im Stich gelassen fühlte. Aber Zivilcourage lässt sich nicht politisch verordnen. Es braucht einen neuen „Aufstand der Anständigen“.
VSR: Der Terroranschlag von Bondi Beach verdeutlicht die große physische Gefahr für Juden in aller Welt. Müssen die Sicherheitsmaßnahmen in Deutschland verstärkt werden?
Sie haben 2023 gesagt, es sei ein Wunschtraum, dass jüdische Einrichtungen keine Sicherheitsvorkehrungen mehr bräuchten, aber der werde wohl lange nicht in Erfüllung gehen. Halten Sie eine Zukunft ohne Poller und Betonblöcke vor deutschen Synagogen für denkbar – und wenn ja, was muss dafür passieren?
JS: Nach dem Attentat in Sydney sehen wir, dass die Sicherheitslage für Juden in Deutschland vergleichsweise gut ist. Das Problem ist im Kern ein anderes: Wir haben beim Antisemitismus einen Grad der Gewöhnung erreicht, der so hoch ist, dass politische Maßnahmen sich häufig im Schutz jüdischen Lebens erschöpfen. Es wird vielfach hingenommen, dass jüdisches Leben eben nur unter immensen Schutzanstrengungen möglich ist. Was wir erleben, ist Symptombekämpfung, nichts weiter. Trotz der Schutzmaßnahmen, für die ich dankbar bin, muss ich deshalb sagen: Diese Zustände sind unhaltbar. Politik und Zivilgesellschaft müssen zusammenwirken, um endlich die Ursachen des Judenhasses anzugehen. Dann, und nur dann, ist die Vision jüdischen Lebens ohne Schutzschild denkbar. Und diese Vision vertrete ich weiterhin mit aller Kraft.
19.12.2025, Medium: dpa
