Dr. Josef Schuster anlässlich der Ausstellung „Mit eigener Stimme – 75 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland“ in Braunschweig
Grußwort von Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden anlässlich der Ausstellung „Mit eigener Stimme – 75 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland“ in Braunschweig am 22. Februar 2026
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich erinnere mich noch gut an den Tag, als Daniel Botmann, unser Geschäftsführer, mich ansprach. Er war selbst überzeugt worden von einer Idee, und so überzeugte er auch mich schnell: Von einer Ausstellung, die Frau Stella Leder vom Institut für Neue Soziale Plastik und Herr Dr. Peter Joch vom Städtischen Museum Braunschweig sich überlegt hatten. Deshalb gebührt Ihnen beiden mein erster und herzlicher Dank!
Nun ist es nicht so, dass ich – und ich glaube, hier für jeden im Zentralrat zu sprechen – meine Arbeit mache, um in einem Museum zu landen.
Ganz im Gegenteil!
Wir setzen uns jeden Tag ein, weil wir wissen, wie hochaktuell und – gestatten Sie mir dieses kleine Lob an die eigene Adresse – wie wichtig unsere Arbeit ist.
Es ist eine Leistung dieser Ausstellung, dass sie genau dieses Wirken des Zentralrats der Juden seit inzwischen 75 Jahren herausstellt.
Diese Ausstellung reduziert jüdisches Leben weder auf das Menschheitsverbrechen der Schoa und den heute leider erstarkenden Antisemitismus, noch stellt sie es als etwas Exotisches dar. Sondern sie beleuchtet jüdisches Leben in all seiner Vitalität und Vielfalt.
Diese Vielfalt setzt sich zusammen aus zahlreichen individuellen Perspektiven und Geschichten. Erinnerungen und Schilderungen sind dabei häufig eng mit bestimmten Gegenständen verbunden und werden dadurch greifbar.
Auch ich selbst habe zu dieser Ausstellung etwas beisteuern dürfen: Die Besamimbüchse aus dem Besitz meines Vaters, David Schuster. Diese Büchse war bei uns zuhause häufig im Einsatz. Sie spielt eine Rolle beim Ausklang des wöchentlichen Schabbat, in ihr werden Gewürze aufbewahrt. Sie ist in Form eines Fisches gestaltet, doch ich kann Ihnen versichern: Dieser Fisch stinkt nicht vom Kopf, er riecht sehr gut.
Ich verbinde mit dieser Büchse viele schöne, persönliche Erinnerungen – und ich bin mir sicher, über jedes Stück dieser Ausstellung kann jemand dasselbe sagen. Der emotionale und ideelle Wert macht diese Ausstellung so besonders. Er hebt sie weit über ein bloßes, historisches Nacherzählen hinaus.
An dieser Stelle will ich deshalb nach den Schöpfern der Ausstellung auch Fedor Besseler und Hannah Dannel meinen Dank aussprechen, die entscheidend in die Konzeption und Erarbeitung eingebunden waren.
Egal, wie vielfältig, ja teilweise spannungsreich die hier dargebotenen Perspektiven jüdischen Lebens sein mögen: Zu keinem Zeitpunkt wird jüdisches Leben in Deutschland in ein Spannungsverhältnis zur deutschen Gesellschaft gerückt – dieses Spannungsverhältnis existiert ausschließlich in den Köpfen der Antisemiten.
Nein, im Gegenteil transportiert diese Ausstellung in ihrer Betrachtung der Geschichte des Zentralrats eine Erkenntnis, die für unser – für mein Wirken seit jeher essentiell ist:
Der Antisemitismus hat die unselige Eigenschaft, Brückenideologie zu sein. Er führt Rechtsextremisten, Linksextremisten und Islamisten zusammen. Alle diese Gruppierungen vereint, dass sie Feinde unserer offenen Gesellschaft sind. Deshalb lässt sich vom Zustand der jüdischen Gemeinschaft auf den Zustand unserer offenen Gesellschaft, auf den Zustand unserer liberalen Demokratie schließen.
Weil der Zustand der jüdischen Gemeinschaft ein Seismograph ist für unsere Demokratie – deshalb ist der Zentralrat der Juden seit seiner Gründung ein so entschlossener Verfechter dieser Demokratie!
In großer Tiefe werden verschiedene Etappen dieses Einsatzes für unsere Demokratie herausgearbeitet. Bundesentschädigungsgesetz und der Kampf gegen die Altnazis im Nachkriegsdeutschland. Die Integration von zehntausenden Jüdinnen und Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Der Streit von Ignatz Bubis und Martin Walser, das Ringen um unsere Erinnerungskultur. Paul Spiegels „Aufstand der Anständigen“ und der Staatsvertrag von 2003. Die unselige documenta fifteen. Die Etablierung des Militärrabbinats.
Dieses Wirken währt nun seit 75 Jahren. Als der Zentralrat der Juden gegründet wurde, war nicht abzusehen, welche Rolle er in der deutschen Gesellschaft spielen sollte. Das änderte sich schnell. Es ist einer verhältnismäßig kleinen Gruppe von Menschen zu verdanken, dass es so gekommen ist. Menschen wie Heinz Galinski, Norbert Wollheim, Philipp Auerbach, Kurt Neuwald oder Henrik van Dam. Menschen wie die Politikerin Jeanette Wolf, die selbst einige Jahre stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats war und die ich noch persönlich kennen lernen durfte.
Diese Menschen fassten einen Entschluss, dessen Tragkraft auch heute, über 80 Jahre nach dem Menschheitsverbrechen der Schoa, unmöglich überschätzt werden kann. Sie entschlossen sich, an eine Zukunft in Deutschland zu glauben.
An eine Zukunft zu glauben, nach den unfassbaren Gräueltaten der Nationalsozialisten. Nach der Ausgrenzung, Entrechtung, Entmenschlichung und dem Schrecken der Konzentrations- und Vernichtungslager.
An diese Zukunft nicht nur zu glauben, sondern sie gestalten zu wollen. Nicht in einem Schattendasein am Rande der Gesellschaft, sondern sichtbar in ihrer Mitte. Mitten im Land der Täter.
Aus den unmenschlichen Verbrechen, die sie erlebt haben, die ihnen selbst angetan wurden, haben Menschen wie Jeanette Wolf den Schluss gezogen: selbst Verantwortung dafür zu übernehmen, dass so etwas nie wieder geschieht. Das ist ein ganz und gar außergewöhnliches Geschenk für unsere Gesellschaft gewesen.
Dieses Geschenk war der Grundstein, und ist bis heute der Grund, für das Wirken des Zentralrats der Juden.
Diese Ausstellung wirft nun, zum Jubiläum des Zentralrats, ihr Licht auf dieses Wirken, auf das Wirken seiner Vorsitzenden und Präsidenten, das stets weit über eine bloße Interessenvertretung für Jüdinnen und Juden hinausging.
Hier betont die Ausstellung eine schmerzliche Aktualität. Seit dem 7. Oktober spüren wir einen explosionsartigen Anstieg des Antisemitismus. Judenhass war nie aus Deutschland verschwunden, doch seit dem 7. Oktober hat er eine neue Dimension gewonnen. Er trägt sein hässliches Haupt hoch erhoben, ohne Scham.
Die Behauptung, Antisemitismus habe „keinen Platz in unserer Gesellschaft“, ist in der Sache falsch. Wer sie aufstellt, verleugnet die Realität. Denn der Antisemitismus hat sich diesen Platz genommen: Auf unseren Straßen, an unseren Bildungseinrichtungen, in unseren Medien, und in der Kulturszene.
Wenn wir dem Antisemitismus die Stirn bieten wollen, dann braucht es entschlossenes Handeln der Politik. Doch damit ist es nicht getan. Anstand und demokratische Kultur lassen sich nicht politisch verordnen. Es kommt auf den Einzelnen an. Der Kampf gegen den Antisemitismus ist ein Kampf, den alle aufrechten Demokraten zusammen aufnehmen müssen.
Diese Ausstellung versteht die Rolle des Zentralrats dabei – und diese Anerkennung erfüllt uns mit Stolz – als ein, ich zitiere: „ethisches Zentrum“ der Bundesrepublik. Als einen Wächter des Grundgesetzes und seiner Errungenschaften. Als einen Vorkämpfer für die offene Gesellschaft.
Wenn wir den Bogen spannen, von der Gründung des Zentralrats im Jahr 1950 bis heute, dann sehen wir:
Vom Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland, über die Hochschule für Jüdische Studien und das Militärrabbinat bis hin zur Nathan Peter Levinson Stiftung ist der Zentralrat heute als Träger und Stifter Teil und Zentrums eines großen Netzwerks. In diesem Jahr wird mit der jüdischen Akademie die erste jüdische, nicht-universitäre Bildungseinrichtung seit der Schoa hinzukommen. Ein Meilenstein für unsere Gemeinschaft und ein Leuchtturm unseres Netzwerks.
Ein Netzwerk, das verdeutlicht: Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist sichtbar, trotz aller Anfeindungen. Sie ist selbstbewusst, und sie ist tief verwurzelt.
Im vollen Bewusstsein des erstarkenden Antisemitismus, rate ich Ihnen deshalb heute zum Abschluss: Notieren Sie sich das Konzept dieser Ausstellung. Geben Sie es weiter. Unsere Nachkommen werden dankbar dafür sein, wenn sie im Jahr 2100 das 150-jährige Jubiläum des Zentralrats der Juden in Deutschland feiern.
Ich danke neben den bereits genannten allen Verantwortlichen, die diese Ausstellung ermöglicht haben. Ihre Anerkennung für das Wirken des Zentralrats der Juden erfüllt uns mit Stolz und Demut.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
