Gastbeitrag von Dr. Josef Schuster: Deutschland braucht einen „neuen Aufstand der Anständigen“
12. November 2025
Presseerklärung

Gastbeitrag von Dr. Josef Schuster: Deutschland braucht einen „neuen Aufstand der Anständigen“

Beschriftung:

Gastbeitrag von Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland anlässlich des 9. Novembers 2025

Der 9. November ist für die Deutschen mit bedeutenden historischen Ereignissen verbunden. Mauerfall, gescheiterter Hitlerputsch – mehr als alles andere die Pogromnacht 1938. Beherrscht werden die Debatten rund um diesen Tag aber nicht von einem Ereignis, sondern von einer Phrase. „Nie wieder.“ Dieses “Nie wieder” ist für viele zu einer Floskel verkommen, hinter der man sich heute verschanzt, um den Rest des Jahres unverdächtig zu sein.

Wenn ich „Nie wieder“ höre, denke ich an Jüdinnen und Juden, die ausgegrenzt werden. Nicht 1938, sondern jetzt. Der Dirigent Lahav Shani wird mit den Münchner Philharmonikern von einem Festival ausgeladen. Der Student Lahav Shapira wird brutal zusammengeschlagen. Ein Geschäft in Flensburg verhängt Hausverbot gegen Juden. „Nichts Persönliches.“

Wenn ich „Nie wieder“ höre, denke ich an Jüdinnen und Juden, denen nach dem Leben getrachtet wird. Nicht 1938, sondern jetzt. Brandanschlag auf die Synagoge in der Brunnenstraße in Berlin. Mordanschlag auf die Synagoge in Halle. Der durch Hamas-Terroristen geplante Anschlag auf jüdische Einrichtungen in Berlin.

Wenn ich „Nie wieder“ höre, denke ich an all die Menschen, die mit Hass im Herzen und auf den Lippen durch Berlins Straßen ziehen. Nicht 1938, sondern jetzt.

Diese Menschen erdreisten sich, „Nie wieder“ zu rufen. Sie prangern damit nicht die Übergriffe auf Juden an. Ihr Ziel ist es, das Handeln Israels zu dämonisieren. „Nie wieder“, gerichtet gegen den einzigen jüdischen Staat. Eine Perversion der Geschichte.

Wer zu dieser Entwicklung beiträgt, indem er „Nie wieder“ sagt und jegliches Handeln schuldig bleibt, wer zu den Entwicklungen seit dem 7. Oktober, dem explosionsartigen Anstieg des Antisemitismus schweigt, der mischt in Wahrheit seine Stimme in den Kanon derer, die jüdisches Leben aus Deutschland verbannen wollen.

Dieser Kanon ist zu einer schrillen Kakophonie angeschwollen. Seinen Hass trägt er im Gewand sogenannter Israelkritik vielstimmig vor, seine vielen Gesichter zeigt er unverhohlen. Wieder beweist der Antisemitismus seine unselige Funktion als Brückenideologie. Was sonst auf der Welt könnte Ferat Cocak, Jürgen Elsässer und Greta Thunberg zusammenführen?

Das einsickernde Gift des Antisemitismus lässt die Abwehrkräfte unserer offenen Gesellschaft zusehends erodieren. Es gelingt uns nicht mehr, die Bedrohungen für unsere Art des Zusammenlebens angemessen zu bewerten: Während 50 Frauen in spontaner Empörung einen Brandbrief an den Kanzler verfassen, spricht eine Wissenschaftlerin an der Universität Halle über die „bis heute nicht bewiesenen“ Vergewaltigungen an israelischen Frauen. Der Aufschrei lässt auf sich warten.

Den Kanzler kritisieren zu können, gehört zum Wesen unserer Demokratie. Machen Sie damit weiter, wenn Sie es für nötig halten – aber nennen Sie ihr Handeln nicht feministisch, wenn Sie nicht in der Lage sind, anti-aufklärerischen Verschwörungserzählungen über die bestens dokumentierten Grausamkeiten der Hamas zu widersprechen, einzig aus dem Grund, dass diese Verbrechen an Jüdinnen begangen wurden.

Sie können den Kanzler fürs „Stadtbild“ kritisieren, wenn Sie das unbedingt wollen. Aber widmen Sie ihr Handeln dabei nicht dem „Kampf für Toleranz“, wenn Sie zu den beinahe alltäglichen Übergriffen auf jüdisches Leben in denselben Städten nichts zu sagen haben.

Wiederholt habe ich das Handeln der israelischen Regierung kritisiert. Ich werde nicht müde, das zu tun – doch ich bin es leid, als Replik auf Beiträge wie diesen regelmäßig zu hören, man könne „keine Kritik an Israel üben, ohne als Antisemit zu gelten.“ Wer das glaubt, wird überrascht sein, dass in Israel über Jahre hinweg wöchentlich hunderttausende auf der Straße waren, die sich seit dem 7. Oktober für die Rückkehr der Geiseln einsetzen – mit expliziter Kritik an der Regierung. Israel, Staat der Antisemiten?

Genau hier liegt der Kern des Problems, das uns an jedem 9. November – und jedes Mal dringlicher – einholt. Dem deutschen Ausruf „Nie wieder“ wohnt ein falsches Verständnis inne. Dem Deutschen geht es darum, nie wieder Schuld auf sich zu laden. Für uns Juden bedeutet „Nie wieder“ hingegen: Nie wieder Opfer sein. Nie wieder wehrlos ausgeliefert sein, wenn fremde Mächte über das eigene Schicksal bestimmen wollen.

Wer es mit der Geschichte ernst meint, muss diese Bedeutung von „Nie wieder“ verstehen. Und wer diese Bedeutung versteht und sie respektiert, den fordere ich auf, „Nie wieder“ nicht nur zu sagen, sondern entschieden zu widersprechen, wenn der Kanon des Judenhasses in unserem Land anschwillt.

Paul Spiegel, der zu früh verstorbene ehemalige Präsident des Zentralrats der Juden, hat 2000 unter dem Motto „Nie wieder Judenhass!“ den „Aufstand der Anständigen“ beschworen. Sehe ich mich heute um in unserem Land, so muss ich feststellen: Entweder sind die Anständigen weniger geworden, oder sie sitzen untätig auf den Zuschauerrängen.

Deshalb rufe ich Ihnen zum 9. November zu: Stehen Sie auf! Erheben Sie Ihre Stimme, in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz. Lassen Sie es nicht bei der Floskel „Nie wieder“ bewenden. Zeigen Sie Zivilcourage und werden Sie Teil eines neuen Aufstands der Anständigen. Ein Aufstand gegen jede Form des Antisemitismus und an jedem Tag des Jahres.

Wenn Judenhass den Ton angibt, dürfen wir uns nie wieder setzen.

 

Erschienen am 8. November in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) in der Rubrik „Fremde Federn“.
Zum Artikel von Dr. Josef Schuster: Deutschland braucht einen „neuen Aufstand der Anständigen“

 

Weitere Presseartikel

03.03.2026
Presseerklärung
Zentralrat der Juden in Deutschland: „Das Ende des Mullah-Regimes liegt in unserem nationalen Interesse“
Der Zentralrat der Juden in Deutschland äußert sich zur aktuellen Lage rund um den Krieg zwischen den USA und Israel und dem Mullah-Regime in Teheran. Zur Bedeutung für Deutschland und die Jüdische Gemeinschaft äußert sich Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats.
19.02.2026
Presseerklärung
J7 Task Force Statement on Francesca Albanese's Latest Antisemitic Remarks and Call for UN Human Rights Council Reforms
Following the latest antisemitic remarks by UN Special Envoy Francesca Albanese, the J7 Large Jewish Communities Task Force on Antisemitism—representing the Jewish communities of Argentina, Australia, Canada, France, Germany, the United Kingdom, and the United States— express its support to the c...
18.02.2026
Presseerklärung
„Sehr bedeutsamer Schritt“: Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und Nathan Peter Levinson Stiftung beabsichtigen Kooperation
Am Mittwoch, 18. Februar kam es im Senatssaal der Universität Potsdam zu einem denkwürdigen Ereignis.
02.02.2026
Presseerklärung
„Ihr Erbe lebt weiter“ – zum Tod von Rita Süssmuth
Rita Süssmuth hat das politische Klima unserer Bundesrepublik über Jahrzehnte geprägt: Als Bundesministerin, als Bundestagspräsidentin und von jeglichen Ämtern gelöst war sie bis zuletzt eine engagierte Mahnerin für Demokratie und den Erhalt der offenen Gesellschaft.
27.01.2026
Presseerklärung
Gastbeitrag von Dr. Josef Schuster: Was bedeutet es noch, wenn wir als Gesellschaft sagen, „wir erinnern uns“? 
Am 27. Januar gedenken wir als Gesellschaft den Opfern des Nationalsozialismus. Wir gedenken sechs Millionen ermordeten Juden, einer halben Million Sinti und Roma, den Menschen mit Behinderung, Kranken, Homosexuellen, den Menschen am Rande der Gesellschaft, Zeugen Jehovas, Zwangsarbeitern und den...
21.12.2025
Presseerklärung
Interview mit Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland anlässlich des Attentats von Sydney
Der Antisemitismus ist in Deutschland seit dem 7. Oktober 2023 explosionsartig angestiegen. Alle Zahlen deuten darauf hin, dass wir in diesem Jahr eine Verstetigung auf einem hohen – einem viel zu hohen – Niveau erleben.
19.12.2025
Presseerklärung
Zentralrat der Juden präsentiert neues digitales Lerntool gegen Antisemitismus
Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat in Kooperation mit der US-amerikanischen Anti-Defamation League (ADL) das neue digitale Lerntool „sich be-kennen* (*Jiddisch: sich kennenlernen)“ veröffentlicht.
14.12.2025
Presseerklärung
Terrorangriff auf ein Chanukka-Event am Bondi Beach in Sydney
Während das volle Ausmaß dieses grausamen Angriffs sich erst nach und nach abzeichnet, sind unsere Gedanken in diesen Stunden bei den Opfern, den Angehörigen und allen Hinterbliebenen.
03.12.2025
Presseerklärung
Global Jewish Leaders: Australia’s Antisemitism Spike is a Warning for Democracies Worldwide
With antisemitic incidents in Australia almost five times the preOctober 7 levels, the J7 Task Force meeting in Sydney warns of a global pattern.
01.12.2025
Presseerklärung
Ratsversammlung 2025: Zentralrat der Juden kommt in Frankfurt am Main zusammen
90 Delegierte aus den 23 Landesverbänden und Groß-Gemeinden sind am 30. November zur Ratsversammlung des Zentralrats der Juden in Deutschland in Frankfurt am Main zusammengekommen.
24.11.2025
Presseerklärung
Mitzvah Day 2025: Zentralrat der Juden in Deutschland unterstützt zum Tag der guten Taten die Berliner Tafel
An diesem Sonntag haben sich beim Mitzvah Day, dem jüdischen Aktionstag für gute Taten, in ganz Deutschland jüdische Gruppen mit mehr als 150 sozialen Aktionen für eine Stärkung unseres gesellschaftlichen Miteinanders eingesetzt. In diesem Jahr stehen alle Aktionen unter dem Motto „Ein Licht für ...
12.11.2025
Presseerklärung
Zentralrat der Juden in Deutschland begrüßt das neue Gedenkstättenkonzept des Bundes
Dr. Josef Schuster, erklärt: „Wir begrüßen die Fortschreibung des Gedenkstättenkonzepts des Bundes. Sie ist ein wichtiges und ein notwendiges Zeichen.
06.11.2025
Presseerklärung
Gedenkstätte Ravensbrück enthüllt Gedenkzeichen für die jüdischen Häftlinge des Frauen-Konzentrationslagers
In Anwesenheit der Überlebenden Dr. Richard Fagot (Israel), Ib Katznelson (Dänemark), Lili Keller-Rosenberg (Frankreich), Prof. Dr. Ivan Lefkovits (Schweiz) und Mala Tribich (Großbritannien) wurde heute Vormittag in der Gedenkstätte Ravensbrück ein Gedenkzeichen für die rund 20.000 jüdischen Frau...
29.10.2025
Presseerklärung
Enthüllung eines Gedenkzeichens für die jüdischen Häftlinge des KZ Ravensbrück
In Anwesenheit von fünf Überlebenden wird am Donnerstag, 6. November 2025, um 11.30 Uhr in der Gedenkstätte Ravensbrück ein Gedenkzeichen für die rund 20.000 jüdischen Frauen, Männer und Kinder eingeweiht, die zwischen 1939 und 1945 im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück inhaftiert waren. Das ...
22.10.2025
Presseerklärung
Kooperationsverbund gegen Antisemitismus mit neuem Internetauftritt
Sechs jüdische und nicht-jüdische Organisationen arbeiten als Kooperations- verbund gegen Antisemitismus zusammen/ Stärkung der gesellschaftlichen Strukturen im Kampf gegen Antisemitismus durch Bildung, Unterstützung, Forschung und die Erfassung von antisemitischen Vorfällen / Verbunds- Websi...
13.10.2025
Presseerklärung
Rückkehr der von der Hamas verschleppten Geiseln
Nach mehr als zwei Jahren in der Gewalt der Terroristen sind die 20 Geiseln, die den Schrecken in den Tunneln der Hamas überlebt haben, nun endlich freigekommen. Der bestialische Überfall der Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 markiert einen Wendepunkt im kollektiven jüdischen...
05.10.2025
Presseerklärung
Politische Erklärung zum zweiten Jahrestag des Massakers am 7. Oktober 2023
Zwei Jahre nach dem Massaker der Terrororganisation Hamas in Israel am 7. Oktober 2023, bei dem 1200 Menschen bestialisch ermordet wurden, erinnern wir an die Opfer: Babys, Kinder, Frauen, Männer und Senioren – mehrheitlich Zivilisten, unter ihnen viele Friedensaktivisten.
19.09.2025
Presseerklärung
Gemeinsame Presseerklärung Schiedsgerichtsbarkeit NS-Raubgut
Auf dem Weg zur Einrichtung der neuen Schiedsgerichtsbarkeit NS-Raubgut hat der Auswahlausschuss gestern ein Verzeichnis von 36 Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern aufgestellt sowie das Präsidium benannt.
Nach oben scrollen