Gastbeitrag von Dr. Josef Schuster: Deutschland braucht einen „neuen Aufstand der Anständigen“
Gastbeitrag von Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland anlässlich des 9. Novembers 2025
Der 9. November ist für die Deutschen mit bedeutenden historischen Ereignissen verbunden. Mauerfall, gescheiterter Hitlerputsch – mehr als alles andere die Pogromnacht 1938. Beherrscht werden die Debatten rund um diesen Tag aber nicht von einem Ereignis, sondern von einer Phrase. „Nie wieder.“ Dieses “Nie wieder” ist für viele zu einer Floskel verkommen, hinter der man sich heute verschanzt, um den Rest des Jahres unverdächtig zu sein.
Wenn ich „Nie wieder“ höre, denke ich an Jüdinnen und Juden, die ausgegrenzt werden. Nicht 1938, sondern jetzt. Der Dirigent Lahav Shani wird mit den Münchner Philharmonikern von einem Festival ausgeladen. Der Student Lahav Shapira wird brutal zusammengeschlagen. Ein Geschäft in Flensburg verhängt Hausverbot gegen Juden. „Nichts Persönliches.“
Wenn ich „Nie wieder“ höre, denke ich an Jüdinnen und Juden, denen nach dem Leben getrachtet wird. Nicht 1938, sondern jetzt. Brandanschlag auf die Synagoge in der Brunnenstraße in Berlin. Mordanschlag auf die Synagoge in Halle. Der durch Hamas-Terroristen geplante Anschlag auf jüdische Einrichtungen in Berlin.
Wenn ich „Nie wieder“ höre, denke ich an all die Menschen, die mit Hass im Herzen und auf den Lippen durch Berlins Straßen ziehen. Nicht 1938, sondern jetzt.
Diese Menschen erdreisten sich, „Nie wieder“ zu rufen. Sie prangern damit nicht die Übergriffe auf Juden an. Ihr Ziel ist es, das Handeln Israels zu dämonisieren. „Nie wieder“, gerichtet gegen den einzigen jüdischen Staat. Eine Perversion der Geschichte.
Wer zu dieser Entwicklung beiträgt, indem er „Nie wieder“ sagt und jegliches Handeln schuldig bleibt, wer zu den Entwicklungen seit dem 7. Oktober, dem explosionsartigen Anstieg des Antisemitismus schweigt, der mischt in Wahrheit seine Stimme in den Kanon derer, die jüdisches Leben aus Deutschland verbannen wollen.
Dieser Kanon ist zu einer schrillen Kakophonie angeschwollen. Seinen Hass trägt er im Gewand sogenannter Israelkritik vielstimmig vor, seine vielen Gesichter zeigt er unverhohlen. Wieder beweist der Antisemitismus seine unselige Funktion als Brückenideologie. Was sonst auf der Welt könnte Ferat Cocak, Jürgen Elsässer und Greta Thunberg zusammenführen?
Das einsickernde Gift des Antisemitismus lässt die Abwehrkräfte unserer offenen Gesellschaft zusehends erodieren. Es gelingt uns nicht mehr, die Bedrohungen für unsere Art des Zusammenlebens angemessen zu bewerten: Während 50 Frauen in spontaner Empörung einen Brandbrief an den Kanzler verfassen, spricht eine Wissenschaftlerin an der Universität Halle über die „bis heute nicht bewiesenen“ Vergewaltigungen an israelischen Frauen. Der Aufschrei lässt auf sich warten.
Den Kanzler kritisieren zu können, gehört zum Wesen unserer Demokratie. Machen Sie damit weiter, wenn Sie es für nötig halten – aber nennen Sie ihr Handeln nicht feministisch, wenn Sie nicht in der Lage sind, anti-aufklärerischen Verschwörungserzählungen über die bestens dokumentierten Grausamkeiten der Hamas zu widersprechen, einzig aus dem Grund, dass diese Verbrechen an Jüdinnen begangen wurden.
Sie können den Kanzler fürs „Stadtbild“ kritisieren, wenn Sie das unbedingt wollen. Aber widmen Sie ihr Handeln dabei nicht dem „Kampf für Toleranz“, wenn Sie zu den beinahe alltäglichen Übergriffen auf jüdisches Leben in denselben Städten nichts zu sagen haben.
Wiederholt habe ich das Handeln der israelischen Regierung kritisiert. Ich werde nicht müde, das zu tun – doch ich bin es leid, als Replik auf Beiträge wie diesen regelmäßig zu hören, man könne „keine Kritik an Israel üben, ohne als Antisemit zu gelten.“ Wer das glaubt, wird überrascht sein, dass in Israel über Jahre hinweg wöchentlich hunderttausende auf der Straße waren, die sich seit dem 7. Oktober für die Rückkehr der Geiseln einsetzen – mit expliziter Kritik an der Regierung. Israel, Staat der Antisemiten?
Genau hier liegt der Kern des Problems, das uns an jedem 9. November – und jedes Mal dringlicher – einholt. Dem deutschen Ausruf „Nie wieder“ wohnt ein falsches Verständnis inne. Dem Deutschen geht es darum, nie wieder Schuld auf sich zu laden. Für uns Juden bedeutet „Nie wieder“ hingegen: Nie wieder Opfer sein. Nie wieder wehrlos ausgeliefert sein, wenn fremde Mächte über das eigene Schicksal bestimmen wollen.
Wer es mit der Geschichte ernst meint, muss diese Bedeutung von „Nie wieder“ verstehen. Und wer diese Bedeutung versteht und sie respektiert, den fordere ich auf, „Nie wieder“ nicht nur zu sagen, sondern entschieden zu widersprechen, wenn der Kanon des Judenhasses in unserem Land anschwillt.
Paul Spiegel, der zu früh verstorbene ehemalige Präsident des Zentralrats der Juden, hat 2000 unter dem Motto „Nie wieder Judenhass!“ den „Aufstand der Anständigen“ beschworen. Sehe ich mich heute um in unserem Land, so muss ich feststellen: Entweder sind die Anständigen weniger geworden, oder sie sitzen untätig auf den Zuschauerrängen.
Deshalb rufe ich Ihnen zum 9. November zu: Stehen Sie auf! Erheben Sie Ihre Stimme, in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz. Lassen Sie es nicht bei der Floskel „Nie wieder“ bewenden. Zeigen Sie Zivilcourage und werden Sie Teil eines neuen Aufstands der Anständigen. Ein Aufstand gegen jede Form des Antisemitismus und an jedem Tag des Jahres.
Wenn Judenhass den Ton angibt, dürfen wir uns nie wieder setzen.
Erschienen am 8. November in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) in der Rubrik „Fremde Federn“.
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