Dr. Josef Schusters Redebeitrag im Bildungsforum der Konrad-Adenauer-Stiftung Rheinland-Pfalz
Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden, Dr. Josef Schuster beim Bildungsforum der Konrad-Adenauer-Stiftung Rheinland-Pfalz in Frankenthal zum Thema „jüdisches Leben in Deutschland“ am 01.12.2025
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich danke Ihnen für die Gelegenheit, heute Abend zu Ihnen – und später auch mit Ihnen – zu sprechen. Ich will die Gelegenheit, über jüdisches Leben zu sprechen, sehr gerne nutzen.
In diesem Jahr hat der Zentralrat der Juden in Deutschland sein 75-jähriges Bestehen gefeiert. Damit ist er übrigens fünf Jahre älter als die Konrad-Adenauer-Stiftung, das bemerke ich ohne jede Genugtuung und nur am Rande.
75 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland. Die Geschichte unserer Organisation spiegelt das jüdische Leben nach dem Menschheitsverbrechen der Schoa wieder – im Land der Täter. Wenn jemand 1950 verkündet hätte, dass der Zentralrat 2025 sein Jubiläum feiert, und dort der Bundeskanzler vor über 1.000 Gästen sprechen würde, dass der Zentralrat die Stimme einer Gemeinschaft ist, der in Deutschland über 200.000 Jüdinnen und Juden angehören – ernstgenommen hätte man diese Person nicht.
Ich bin aber nicht hier, um über die Geschichte des Zentralrats zu sprechen. Ich werde gleich ein paar Sätze zur Erinnerungskultur sagen, denn sie ist unsere gemeinsame Verpflichtung. Gemeinsam, damit meine ich nicht gemeinsam als Juden, sondern gemeinsam als Deutsche.
Ich will aber heute zu keinem Zeitpunkt den Eindruck erwecken, jüdisches Leben in Deutschland beschränke sich auf das Vergangene, beschränke sich auf Erinnern und Gedenken. Jüdisches Leben in Deutschland ist vielfältig, vital, selbstbewusst – und es ist bedroht. Jüdisches Leben ist keine Erinnerung an das Gestern. Es ist eine Tatsache des Heute. Damit jüdisches Leben auch morgen noch selbstverständlich zu Deutschland gehört, muss sich allerdings einiges ändern.
Darüber müssen wir, und darüber werde ich, sprechen.
75 Jahre Zentralrat der Juden, das ist garantiert kein Schlusspunkt. Es soll für mich heute Abend der Startpunkt sein.
Am 17. September haben wir unser Jubiläum gefeiert – es war zugleich ein Neujahrsempfang. Denn nur kurze Zeit später – am 23. September – begann nach dem jüdischen Kalender das neue Jahr 5786. Dieses Jahr ist keine drei Monate alt, und doch konzentriert sich in dieser kurzen Zeitspanne alles, was uns als jüdische Gemeinschaft in der heutigen Zeit umtreibt und beschäftigt.
Ich nehme Sie deshalb mit auf eine kurze, und ich denke, kurzweilige, Reise durch das Jahr 5786. Und keine Sorge, meine Damen und Herren: Ich will bei den deutschen Daten bleiben.
Ich will direkt beginnen, indem ich den Elefanten im Raum adressiere. Der Antisemitismus war nie weg, und doch hält er unser Land seit dem 7. Oktober 2023 in einer Weise in Atem, von der wir geglaubt hatten, sie für immer hinter uns gelassen zu haben. Ich will das verdeutlichen mit einem Beispiel, das – leider – für zahlreiche weitere steht. Im Jahr 2024 haben wir einen Anstieg antisemitischer Übergriffe von 77% im Vergleich zum Vorjahr erlebt, für 2025 erwarte ich ein ähnliches hohes Niveau, das zeigen alle Zwischenerhebungen.
Dieses Beispiel stammt aus der Nacht vom 17. auf den 18. September – der Nacht unseres Neujahrsempfangs, als wir in Berlin die Geltung und das Selbstbewusstsein jüdischen Lebens und jüdischen Wirkens in Deutschland demonstrieren wollten und das Jubiläum des Zentralrats feierten.
In einem Geschäft in Flensburg hing zu ebenjener Zeit in einem Geschäft in der Innenstadt ein Aushang, den ich Ihnen nun vorlese. Dort stand:
„Juden haben hier Hausverbot!
Nichts Persönliches, kein Antisemitismus, kann euch nur nicht ausstehen.“
Das ist der Antisemitismus im Jahr 2025. Er schämt sich seiner nicht, sein Haupt ist hoch erhoben. Mal kommt er auf diese Weise daher, mal ist er subtiler, intellektueller. Doch immer ist er selbstbewusst. Er greift Raum, ist präsent auf unseren Straßen, in unseren Geschäften, in der Wissenschafts- und Kulturlandschaft.
Der Antisemitismus verbindet Menschen wie Ferat Cocak, Jürgen Elsässer und Greta Thunberg. Er ist Brückenideologie für Rechtsextreme, Linksextreme und Islamisten gleichermaßen. Weil sich das Erstarken all dieser Bedrohungen unserer offenen Gesellschaft am Erstarken des Antisemitismus ablesen lässt, ist er ein Seismograph für den Zustand unserer Gesellschaft. Seit zwei Jahren bebt die Erde.
Am 7. Oktober mussten wir uns dem Jahrestag des Überfalls der Hamas auf Israel stellen. An diesem Tag hat die Hamas in Israel über 1.200 Menschen getötet – Männer, Frauen, Kinder. Sie hat Säuglinge vor den Augen ihrer Eltern getötet, Frauen verstümmelt und vergewaltigt, Überlebende der Schoa ermordet. Über 250 Menschen nahm sie als Geisel.
Häufig haben Hamas-Offizielle kundgetan, was sie bezwecken: Die israelische Gegenreaktion sollte heftig ausfallen. Sie wussten genau, welche Bilder entstehen würden, welches Leid sie über ihre eigene Bevölkerung in Gaza bringen sollten. Dieser Plan ging auf, tausende Palästinenser starben in diesem Krieg, den die Hamas angefacht hat.
An dieser Stelle will ich es einmal klar sagen: Ich leugne oder relativiere das Leid der Palästinenser nicht. Ich bin allerdings sehr klar in der Frage, wer für dieses Leid verantwortlich ist: Die Hamas.
Diese Hamas mag den Krieg auf dem Schlachtfeld verloren haben. Doch den Propagandakrieg haben die Terroristen gewonnen. Das hat auch dieser 7. Oktober wieder schmerzhaft gezeigt. Antisemiten haben Israels Vorgehen zwei Jahre lang genutzt, um ihrem Judenhass freien Lauf zu lassen.
Für die jüdische Gemeinschaft, nicht nur in Deutschland, war dieser Tag deshalb eine Zerreißprobe. Er markiert eine Wendemarke und teilt die Zeit in ein danach und ein davor, in das es aber kein Zurück mehr gibt.
Während für die Welt um uns herum auf den Siebten der Achte folgte, auf den Oktober der November und auf ein Jahr das nächste, blieb die Zeit für uns stehen. Die Wunden, die am 7. Oktober geschlagen wurden, konnten nicht verheilen – nicht, bis nicht alle Geiseln, die noch in den Terrortunneln der Hamas ausharrten, nach Hause zurückgekehrt wären.
Dieses Ziel schien lange nicht mehr als eine naive Hoffnung zu sein. Umso erfreuter waren wir daher, als der US-amerikanische Plan für einen Frieden in Israel und Gaza tatsächlich Gestalt an- und der in ihm dargelegte Prozess Fahrt aufnahm.
Am 13. Oktober, keine Woche nach dem Jahrestag des Überfalls der Hamas, kamen die 20 überlebenden Geiseln tatsächlich frei. Was für ein großes, unfassbares Glück!
Das Freikommen der Geiseln war für ihre Angehörigen, ihre Familie und Freunde, für ein ganzes Volk die Chance, um den 7. Oktober endlich hinter uns lassen zu können. Diese Chance wurde teuer erkauft: über 1.000 Gefangene mussten dafür aus israelischen Gefängnissen entlassen werden, viele von ihnen Terroristen der Hamas und verurteilte Mörder.
Und diese Chance auf Heilung darf, bei aller Freude, nicht überhöht werden. In Gaza herrscht seitdem ein brüchiger Waffenstillstand. Doch die Hamas ist nicht entwaffnet, sie konsolidiert ihre Herrschaft über den Gazastreifen. Während ich heute Abend spreche, werden in Gaza Gegner des Hamas-Regimes gefoltert und getötet. Der Friedensplan der USA, er ist bisher nur eine Idee. Ob er den Frieden bringen wird, bleibt abzuwarten.
Diese Chance auf Heilung, sie hat uns keine Normalität gebracht. Der Antisemitismus, der seit dem 7. Oktober 2023 explosionsartig gestiegen ist, hat sich mit dem Ende des Krieges nicht in Wohlgefallen aufgelöst. Der Krieg ist vorbei. Er endete mit und nach Erfüllung der Kriegsziele: Befreiung der Geiseln, eine Perspektive auf die Entwaffnung der Hamas.
Diejenigen, die „Völkermord“ rufen, hindert das nicht. Sie interessiert die Realität nicht. Sie blicken nicht nach Gaza, weil sie einen Völkermord stoppen wollen – dann würde ihr Blick auf dem Sudan ruhen, auf Nigeria oder dem Jemen.
Nein, sie blicken nach Gaza, weil sie Israel hassen, den jüdischen Staat. Viele von denen, die heute auf den Straßen sind und von „Völkermord“ sprechen, tun das, weil sie selbst Opfer sind.
Opfer, einer Erzählung, die in links-intellektuellen Milieus entstanden ist und sich den Anschein von Wissenschaftlichkeit gibt. Sie sind einer Erzählung aufgesessen, die dem Umfeld der postkolonialen Studien entstammt.
Nun bin ich als Mediziner ein bekennender Anhänger und Verteidiger von Bildung und Wissenschaft. Ich will hier nicht missverstanden werden und ich will kein Feld der Forschung rundheraus ablehnen. Auch koloniale Studien können Erkenntnisgewinne bieten. Sie haben etwa die Restitution geraubter Artefakte an ihre Herkunftsländer ermöglicht.
Doch ich will eines ganz deutlich sagen: Die sich aus der postkolonialen Denkschule speisende These, Israel sei, und ich zitiere, „ein Kolonialstaat weißer Siedler“ ist eine groteske Verzerrung der Realität. Ich würde diese These als Schmarrn zurückweisen, wenn sie nicht so brandgefährlich wäre.
So sind wir gezwungen, uns mit ihr und ihren Vertretern zu beschäftigen. Die Idee, Juden als ein weißes, als ein Tätervolk zu betrachten, ist eng verbunden mit der postkolonialen Lesart der Schoa.
Die Schoa, die Ermordung von sechs Millionen Menschen, wird hier in den Zusammenhang kolonialer europäischer Bestrebungen gestellt. So seien es die Briten gewesen, die – als Kolonialmacht – zuerst Konzentrationslager entwickelt hätten, um die indigene Bevölkerung festzusetzen. Es seien die Franzosen – als Kolonialmacht – gewesen, die Indigene zuerst in großem Stil entrechtet und schikaniert hätten. Es seien die Deutschen – als Kolonialmacht – gewesen, die als erste den Völkermord als Instrument der Machtausübung praktiziert hätten.
Wer heute das Leid der Palästinenser für sich reklamieren will, muss eben einen Weg finden, die Schoa zu relativieren oder in seine Erzählung einzubinden.
Und so wird die Schoa zur Fortsetzung kolonialer Praktiken. Diese perfide Argumentation entkleidet den industriellen Massenmord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden ihrer Singularität. Und sie konstruiert zugleich eine Kontinuität mit dem – vermeintlichen – Handeln Israels. Weil den Juden die Schoa angetan wurde, hätten sie sich in Palästina nun selbst zum Kolonialherren aufgeschwungen, um die indigene Bevölkerung, die arabischen Palästinenser, zu unterdrücken.
Diese Logik ist nicht nur perfide. Einen Staat als kolonialistisch zu bezeichnen, der in direkter Folge des singulären Menschheitsverbrechens der Schoa gegründet wurde, in großen Teilen von den Überlebenden der Schoa, zeugt von gröbster Unkenntnis der Geschichte.
Diese Einordnung blendet nicht nur die biblische Tradition Israels aus. König Salomon, König David. Archäologische Fakten, überprüfbare Geschichtsschreibung, die das Nordreich Israel und das Südreich Juda im 9. Jahrhundert vor Christus genauso belegen wie das babylonische Exil.
Sie blendet tausende Jahre jüdischer Kontinuität im heutigen Israel auch nach Beginn der Diaspora aus. Sie blendet die Gründe der deutlich erhöhten Einwanderung von Juden nach Palästina ab dem 19. Und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus.
Dieses Ausblenden ist keiner Unwissenheit geschuldet, sondern einem antizionistischem – man muss sagen: einem antisemitischem – Kalkül.
Es ist deshalb so wichtig, überall, wo sie auftaucht, gegen diese postkoloniale Erzählung vorzugehen.
Dieser Konflikt führt mich zu der, Ihnen bereits versprochenen, deutschen Erinnerungskultur.
Anfang 2025 veröffentlichte die Jewish Claims Conference eine Studie. Sie zeigt: 12 Prozent der 18- bis 29-Jährigen in Deutschland haben noch nie von der Schoa gehört. In anderen europäischen Ländern sieht es nicht wesentlich besser aus. Das ist nur ein schwacher Trost. Denn der größte Völkermord in der Geschichte der Menschheit wurde in Deutschland geplant und von Deutschen mit ihren Helfern durchgeführt. Die Bundesrepublik als Nachfolgestaat des Deutschen Reiches trägt eine besondere Verantwortung für diese Verbrechen.
Wie kann dieses beispiellose Verbrechen in Vergessenheit geraten?
Die Schoa wird heute nicht mehr geleugnet, wie wir es aus dem Historikerstreit der 1980er Jahre kennen. Im Gegenteil: Man erinnert an die Schoa, um sie zu vergessen. Hannah Arendt warnte davor, sie „in der Sauce des Allgemeinen“ untergehen zu lassen. Dadurch droht Auschwitz zu einem beliebigen Verbrechen in einer Reihe anderer zu werden. Dies ist die gleiche Gefahr, die uns aus der kolonialen Lesart der Schoa droht, und sie wird aus denselben Motiven gespeist.
Ich sage es deutlich: Eine solche Relativierung und Gleichsetzung kommt einer Leugnung der Schoa gleich. Sie versucht, jüdisches Leid unsichtbar zu machen.
Die Besonderheit der Vernichtung von sechs Millionen Juden wird, trotz unbestreitbarer Parallelen zu anderen Verbrechen, verwischt. Die Schoa soll so aus der Erinnerung allmählich verschwinden. Der Begriff „Schlussstrich“ mag aus der Mode gekommen sein. Er beschreibt, wie ich finde, jedoch genau diese Entwicklung.
Im Kampf gegen diese Entwicklung stehen der Zentralrat und die jüdische Gemeinschaft nicht alleine, bei weitem nicht. Mit Wolfram Weimer ist nun, seit seiner Ernennung, auch der Beauftragte des Bundes für Kultur und Medien an unserer Seite.
Am 6. November wurde im ehemaligen KZ Ravensbrück, in Fürstenberg an der Havel, das hier vermutlich in etwa so bekannt ist wie Frankenthal dort, ein Gedenkzeichen errichtet. Es erinnert an die dort inhaftierten und ermordeten jüdischen Häftlinge, die meisten von ihnen Frauen.
Bei der Eröffnung dieses Gedenkzeichens durfte ich mit fünf Überlebenden des Lagers sprechen, die die beschwerliche Reise zur Eröffnung auf sich genommen hatten. In ihren Augen sah ich die Hoffnung, dass es für Juden in Deutschland eine bessere und sichere Zukunft geben wird. Es ist diese Hoffnung, bis ungebrochen, die unser Handeln als Zentralrat, die mein Handeln ganz persönlich motiviert.
Der 12. November brachte einen weiteren Meilenstein mit sich: Die Bundesregierung verabschiedete das neue Gedenkstättenkonzept, 17 Jahre nach der letzten Aktualisierung.
Es beinhaltet wichtige Neuerungen: Einen Fokus auf digitale Inhalte, der nach Wegen sucht, den Verlust der unersetzlichen Zeitzeugen doch aufzufangen. Einen Fokus auf Forschung und Vermittlung, um den gefährlichen Irrlehren und der „Sauce des Vergessens“ etwas entgegenzuhalten. Und einen Fokus auf die Vermittlung unserer Erinnerungskultur insbesondere in der modernen Einwanderungsgesellschaft, die Deutschland ist.
Bei allen Neuerungen schreibt das Konzept auch eine Gewissheit fest, an der viele rütteln wollten: Die Singularität des Menschheitsverbrechens Schoa und den Schwerpunkt der Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus. Ich bin Staatsminister Weimer und allen, die daran mitgewirkt haben, sehr dankbar.
Der Staat kommt mit dem neuen Gedenkstättenkonzept seiner Verantwortung nach, Erinnerungsarbeit zu ermöglichen. Doch kann man eine lebendige Erinnerungskultur nicht staatlich verordnen. Sie muss mit Leben gefüllt werden: Durch die Zivilgesellschaft. Durch Menschen wie Sie, meine Damen und Herren.
Auf diese Zivilgesellschaft kommt es in Zeiten des wachsenden Antisemitismus besonders an. Mein Vorgänger als Präsident des Zentralrats, Paul Spiegel sel. A., hat im Jahr 2000 den „Aufstand der Anständigen“ ausgerufen. Wenn ich mich heute in Deutschland umsehe, dann muss ich feststellen: Entweder die Anständigen sind weniger geworden, oder sie haben ihre Zivilcourage verloren.
Viele, zu viele in unserer Gesellschaft, haben es sich bequem gemacht. Sie schlafen den Schlaf der Gerechten, während der Antisemitismus sein hässliches Haupt erhebt.
Am 9. November jährte sich die Pogromnacht von 1938 zum 87. Mal. Vor 87 Jahren ließen die Nazis alle Hüllen fallen. Juden, zuvor schon entrechtet und an den Rand gedrängt, wurden Opfer von Übergriffen und Mordanschlägen. Hunderte starben, im ganzen Land brannten die Synagogen. Das dies denkbar war, ist den Vernichtungsfantasien der Nationalsozialisten zuzuschreiben. Dass es möglich war, umgesetzt werden konnte, lag an der Untätigkeit der Deutschen. Nicht vergleichsweise wenige Täter allein verantworten die Verbrechen des NS-Staates, sondern auch die Vielen, die es geschehen ließen.
Am 9. November klingen die Stimmen derjenigen laut, die „Nie wieder!“ rufen. Vielen glaube ich dieses „Nie wieder!“. Doch für viele, zu viele andere ist „Nie wieder!“ eine Floskel, die sie an diesem Tag äußern, um den Rest des Jahres unverdächtig zu sein.
Nur wenige Tage nach dem Gedenken an die Pogromnacht, nur kurze Zeit nach dem Schicksalstag der Deutschen, war die Parole „Nie wieder!“ erneut zu hören. Am 13. November wurde sie skandiert, von sogenannten pro-palästinensischen Aktivisten, die mit einer Hebebühne auf das Brandenburger Tor gelangt waren und ein Banner hissten. Darauf stand:
„Nie wieder Völkermord! Freiheit für Palästina!“
Die Parole „Nie wieder“, gewendet gegen den Staat Israel, der in direkter Konsequenz der Schoa gegründet wurde, um eine sichere Heimstätte für das jüdische Volk zu sein.
„Nie wieder“, gerichtet gegen den einzigen jüdischen Staat, missbraucht gegen Juden. Das ist eine Perversion der Geschichte.
Deshalb sage ich Ihnen: Wer „Nie wieder“ ruft, und jedes Handeln schuldig bleibt, der reiht seine Stimme in Wahrheit in den Kanon derer, die jüdisches Leben aus Deutschland verbannen wollen.
Deshalb appelliere ich an Sie: Seien sie anständig, schweigen Sie nicht, sondern erheben Sie sich gegen Judenhass. In Ihrer Familie, in Ihrem Freundeskreis, an Ihrem Arbeitsplatz.
Auch der 13. November war ein ereignisreicher Tag. Neben der Entehrung des Brandenburger Tores einigte sich am selben Tag das Kabinett auf eine wegweisende Reform: Der Beschluss des sperrigen Wehrdienst-Modernisierungsgesetzes sieht eine Musterungspflicht vor. Ab dem Jahrgang 2008 sollen alle jungen Männer eines Geburtenjahrgangs verpflichtend gemustert werden.
Für uns als jüdische Gemeinschaft ein Prüfstein: Wo stehen wir, 80 Jahre nach der Schoa? Wo stehen wir, 70 Jahre nach Gründung der Bundeswehr, die in ihrer Anfangszeit voll war von NS-Kadern, von jenen Männern, die sich an den Verbrechen der Schoa beteiligt hatten?
Bis 2011 konnten sich wehrpflichtige Juden auf Antrag von der Musterung befreien lassen. Doch seitdem ist viel geschehen:
2019 wurde mit dem Militärrabbinat eine jüdische Militärseelsorge gegründet, die seitdem gleichberechtigt und selbstbewusst neben der katholischen und evangelischen Militärseelsorge steht. Sie kümmert sich um deutsche Soldatinnen und Soldaten – nicht nur um Juden.
Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat uns 2022 deutlich gemacht, was seit 1990 undenkbar schien: Dass der Krieg auf europäischem Boden zurück ist, dass die Bedrohung auch für Deutschland real ist und dass sie akut ist.
Ich sage Ihnen heute demütig, aber nicht ohne Stolz, dass wir uns als Zentralrat, als Stimme und Vertretung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, entschieden haben. Wir Juden sind ein selbstbewusster Teil dieser Gesellschaft. Und deshalb bekennen wir uns zu unserer gemeinsamen Verantwortung. Deshalb unterstützen wir die Musterungspflicht, wie sie die Bundesregierung vorschlägt.
Und hier stehen wir nun. Das ist jüdisches Leben in Deutschland. Wir sind ein selbstbewusster Teil dieser Gesellschaft. Diesen Anspruch vertreten wir: Als Gleiche unter Gleichen frei leben zu können.
Diesen Anspruch füllen wir jeden Tag mit Leben. Mit jüdischem Leben in Deutschland, das in dieser Vielfalt bei Gründung des Zentralrats undenkbar erschien.
Unsere Kinder besuchen jüdische Kindergärten, sie gehen in jüdische Schulen. Über 100 Gemeinden in Deutschland gestalten aktive Teilhabe für ihre Mitglieder. Der Zentralrat bietet hierzu ein Kulturprogramm, das hunderte Angebote umfasst: Lesungen jüdischer Autoren oder aus den klassischen Werken jüdischer Literatur. Ausstellungen jüdischer Künstler, moderne und klassische Konzerte.
Jedes Jahr findet die Jewrovision statt: Ein Wettbewerb für jüdische Kinder und Jugendliche, der Eurovision nachempfunden. Bei ihrem Start vor rund 20 Jahren war die Jewro, wie wir sagen, ein Teil einer Ferienfreizeit. Sie fand damals in Turnhallen statt.
Im letzten Jahr war unsere Jewro im Westfalenstadion in Dortmund zu Gast, weit über 1.000 Kinder und Jugendliche haben an dem viertägigen Spektakel teilgenommen.
Stolz bin ich auch auf das Projekt „Meet a Jew“, das der Zentralrat entwickelt hat, um die Vielfalt jüdischen Lebens zu vermitteln und
Vorurteile abzubauen. Über 750 Freiwillige sind es inzwischen, die dafür deutsche Schulen besuchen. Jedes Jahr werden es mehr.
Sie merken, wie vielfältig jüdisches Leben heute in Deutschland ist. Wir sind nicht bereit, uns auf Gedenken und Judenhass reduzieren zu lassen. Wir wollen jüdisches Leben in seiner ganzen Vielfalt und Vitalität gestalten, ohne über diese Dinge nachdenken zu müssen. Doch das ist uns aktuell nicht möglich.
Ich bin dankbar für den Schutz, den wir erhalten. Doch ich will mich nicht an Barrikaden und Sicherheitsdienste vor unseren Synagogen gewöhnen.
Damit jüdisches Leben ohne Schutzschild irgendwann Realität werden kann, muss sich vieles ändern. Es braucht eine engagierte Zivilgesellschaft, die Antisemitismus jeder Färbung entgegentritt. Und es braucht eine Politik, die den Erhalt der offenen Gesellschaft zu ihrer Priorität macht.
Deshalb will ich Ihnen, die sie hier als politisch Interessierte, einer gewissen Partei Zuneigende, sitzen, mit einem abschließenden Ausblick noch etwas ins Stammbuch schreiben.
Zum Ende dieses jüdischen Jahres 5786 finden im Osten Landtagswahlen statt. Am 6. September wählt Sachsen-Anhalt. Dort liegt mit großem Abstand eine Partei vorne, die sich, in Zeiten wachsender Politikverdrossenheit, eine Alternative nennt.
Ihr Spitzenkandidat heißt Ulrich Siegmund. Er hat in der vorletzten Woche in einem Interview berichtet, dass auf seinen Veranstaltungen laut „Sieg“ gerufen werde.
„Sieg“.
Darauf antworte die Menge dann mit einem lauten „Mund“.
Er sehe daran nichts Verwerfliches, das sei schließlich sein Name. Im selben Interview wollte er sich auf Nachfrage nicht festlegen, ob die Schoa das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte gewesen sei. Das maße er sich nicht an, denn er kenne ja nicht die gesamte Geschichte der Menschheit.
Dieser Mann ist kein Hinterbänkler. Er ist nicht durch Zufall Spitzenkandidat der AfD geworden. Er ist Fraktionsvorsitzender seiner Partei im Landtag, er will Ministerpräsident eines deutschen Bundeslandes werden.
Bis vor elf Jahren war er Mitglied der CDU.
Ich weiß, dass ihre Partei eine ganz besondere Verantwortung gegenüber der sogenannten Alternative hat. Die Brandmauer läuft nicht durch den Schrebergarten in Berlin-Kreuzberg oder das Studentenwohnheim in Heidelberg. Diese Brandmauer gegenüber Männern wie Ulrich Siegmund oder Björn Höcke, gegenüber den Funktionären der AfD und ihren Netzwerken, wird von Konservativen getragen. Von Bürgerlichen. Von Christdemokraten. Ich weiß das.
Und deshalb bitte ich Sie. Nein, ich fordere Sie auf:
Machen Sie eine Politik, die Wähler von der AfD zurückholt, ja.
Aber lassen Sie diese Brandmauer nicht einreißen. Erliegen Sie keiner Versuchung. Geben Sie der AfD keine Verantwortung für Deutschland. Niemals und nirgends. Denn diese Partei ist keine Alternative für Deutschland, sie ist eine Gefahr für jüdisches Leben und für unsere Demokratie selbst.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich nun auf das gemeinsame Gespräch.
