Ansprache von Bundespräsident Horst Köhler
08. Mai 2006
Presseerklärung

Ansprache von Bundespräsident Horst Köhler

Von Paul Spiegel Abschied zu nehmen, fällt schwer. Er hat seinem, unserem Land etwas geschenkt, das alles andere als selbstverständlich und zugleich unendlich wertvoll war: Vertrauen. Dieses Vertrauen in unser Land hat sein Handeln geprägt. Als Paul Spiegel zum Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland gewählt wurde, sagte er: „Unser Ziel ist eine allmähliche Normalisierung und eine größere Unbefangenheit“. Darauf hat er selber hingelebt. Er verkörperte eine Hoffnung. Seine freundliche und liebenswürdige Art hat Paul Spiegel geholfen, Brücken zu bauen. Er hat dadurch viele Freunde gewonnen. Sie können sich nur schweren Herzens damit abfinden, dass er nicht mehr da ist. Ralph Giordano schrieb in der Jüdischen Allgemeinen: „Seinen Tod will ich, den kann ich noch nicht glauben“. So geht es sicher allen, die ihn liebten, und vielen, die ihn achteten und schätzten. Auch mir geht es so.

Paul Spiegel selbst ist der Tod von geliebten und geachteten Wegbegleitern immer sehr nahe gegangen. Das wird in seiner Autobiographie „Wieder zu Hause?“ sehr deutlich. Er hat sie mir geschenkt – kurz nachdem wir gemeinsam in Israel waren, Anfang vergangenen Jahres. Jetzt, nachdem er gestorben ist, habe ich die Abschnitte über den Verlust von Freunden und Verwandten noch einmal mit anderen Augen gelesen.

Vor allem ein Name prägt sich unauslöschlich ein: Rosa. Rosa, die ältere Schwester von Paul Spiegel, überlebte das grausame Vernichtungsprogramm der Nationalsozialisten gegen die Juden nicht. 1942 wurde sie von der Straße weg verhaftet, nach Auschwitz transportiert und dort vergast. Elf Jahre war sie alt. Der Vater überlebte die Internierung in den Konzentrationslagern Buchenwald, Auschwitz und Dachau. Die Mutter und Paul Spiegel selbst schafften es, den Krieg und die Verfolgung in Belgien zu überstehen. Sie fanden Menschen, die ihnen halfen. Trotz all der Schrecken und Enttäuschungen wandte sich die Familie nicht von ihrer Heimat ab – was nur zu verständlich gewesen wäre. Nein: Vater, Mutter und Sohn trafen sich nach dem Krieg in Deutschland wieder – und sie blieben hier! Für mich ist dieses Vertrauen kaum fassbar. Und doch war es zugleich so unermesslich wichtig für den Neuanfang in Deutschland. Ohne dieses Vertrauen, ohne die jüdischen Gemeinden wäre unser Land nicht, was es ist. Und dieses Vertrauen bleibt ein immerwährender Auftrag, jüdisches Leben in Deutschland zu schützen und zu stärken.

Paul Spiegel hat aus diesem Vertrauen heraus gehandelt: Als engagiertes Mitglied der jüdischen Gemeinde Düsseldorf, deren Gemeinderatsvorsitz er später übernehmen sollte; als Journalist bei der Jüdischen Allgemeinen; und als Mitarbeiter, später Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und seit dem Jahr 2000, nach dem Tod von Ignatz Bubis, als Präsident des Zentralrats. Dass in Deutschland Juden leben – das war für Paul Spiegel selbstverständlich. Er freute sich darüber, dass die jüdischen Gemeinden wachsen. Die Integration der Juden aus den Staaten der früheren Sowjetunion war ihm als Zentralratspräsident eines der wichtigsten Anliegen. Und wenn er im Ausland mit seiner Haltung auf Unverständnis stieß, wenn er gefragt wurde, wie denn überhaupt jüdisches Leben nach dem Holocaust in Deutschland möglich sei, dann stritt er für seine deutsche Heimat. Er hat das Ansehen unseres Landes gemehrt.

Ich werde auch immer in Erinnerung behalten, wie sehr Paul Spiegel mir bei meiner Reise nach Israel geholfen hat. Ihm lag das Verhältnis beider Staaten sehr am Herzen. Nach meiner Rede vor der Knesset umarmte er mich. Wir waren beide tief bewegt. Wir spürten die Verantwortung aus der Shoah gemeinsam als Deutsche.

Nichts sollte aber darüber hinwegtäuschen, dass Paul Spiegel in der Tat auch immer wieder Zweifel kamen. Das Fragezeichen hinter dem Titel seiner Biographie „Wieder zu Hause?“ zeigt das deutlich. Seine Sorge war immer wieder: Sind die Anständigen in unserem Land wachsam genug? Persönliche Verleumdungen, Hakenkreuzschmierereien auf jüdischen Friedhöfen, die Bewachung der Synagogen aus Angst vor Anschlägen, alte und neue antisemitische Denkmuster – all das gibt es in unserem Land, und darüber können wir nicht hinwegsehen. Auch ich kenne Briefe, in denen auf übelste Art und Weise antisemitische Hetze betrieben wird. Unvorstellbar nach all dem, was geschehen ist, und leider doch Realität. Die Blindheit für historische Fakten und die Absurdität der Vorwürfe sind unbegreiflich. Und die Autoren solcher Briefe meinen auch noch, sie seien gute Deutsche – sie sind es nicht.

Hinschauen, sich einmischen, handeln – das hat Paul Spiegel immer von allen gefordert, von der Politik, den Medien, von den Kirchen, von jedem einzelnen. Und es waren nicht nur die jüdischen Mitbürger, für die er stritt. Er verurteilte Fremdenhass und Rassismus gleich welcher Art. Er hatte kein Verständnis dafür, wenn – wie er sagte – auch nur verbal gezündelt wurde. Das hat ihm manchmal den Vorwurf eingetragen, er reagiere zu empfindlich. Darauf antwortete er mit dem Bild vom Seismographen. Wenn der nicht bereits die leisesten Erschütterungen meldete, sondern erst die heftigen – dann wäre er sinnlos. Paul Spiegel befürchtete, dass Gefahren zu spät erkannt und dadurch zu spät bekämpft werden. Das darf nicht geschehen. Nehmen wir nicht hin, wenn Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder ihres Lebensstils beleidigt und angegriffen werden. Wir dürfen nicht dulden, dass hierzulande Orte entstehen, an denen Menschen, weil sie als Fremde wahrgenommen werden, fürchten müssen, dass ihre Würde verletzt wird, ja dass sie um ihre Gesundheit und sogar um ihr Leben bangen müssen. Die Courage aller Bürger ist gefragt. Ich weiß, dass sich bereits viele in Initiativen engagieren: Sie helfen mit, Vorurteile aufzubrechen, Jugendliche auf das Thema aufmerksam zu machen, sie über seine Dimension aufzuklären. Immer wieder können Gewalttaten durch das mutige Eingreifen von Passanten oder Anwohnern verhindert werden. Aber seien wir ehrlich: Es ist weitaus mehr Engagement nötig. Und wer sich einsetzt, der muss auch Rückendeckung bekommen, von Nachbarn, von Kollegen, von Medien und Politik. Wir müssen Extremisten und rassistischen Gewalttätern mit allen Mitteln des Rechtsstaats entgegentreten. Und zwar noch konsequenter als bisher und mit anhaltender Wachsamkeit.

Lassen Sie uns das Vermächtnis von Paul Spiegel annehmen. Ich wünsche mir, dass immer mehr jüdische Bürger in unserem Land ihre Koffer gänzlich auspacken. Das Klima dafür zu schaffen, ist nicht die Aufgabe der jüdischen Gemeinden. Es ist nicht die Aufgabe des Zentralrats der Juden in Deutschland. Wir alle gemeinsam müssen dafür sorgen. Und jeder sollte das seinige dafür tun. Und jeder kann etwas dafür tun.

Wir nehmen heute Abschied von Paul Spiegel, einem verdienten Bürger unseres Landes. Er wird seiner Familie, die er so innig liebte, fehlen. Bei vielen Gelegenheiten betonte er immer wieder, wie wichtig seine Frau und seine beiden Töchter für ihn sind. Wer ihn kannte, weiß, dass seine Kraft, seine Freundlichkeit und sein Tatendrang ihre Wurzeln in der Familie hatten. Liebe Frau Spiegel, liebe Leonie Spiegel, liebe Dina Spiegel: Sie vermissen Ihren Ehemann, Ihren Vater schmerzlich. Vielleicht ist es Ihnen ein kleiner Trost, dass so viele Menschen mit Ihnen trauern.

Paul Spiegel wird nicht nur Ihnen fehlen. Er wird unserem Land fehlen. Er hinterlässt nicht nur eine Lücke an der Spitze des Zentralrats, mit ihm ist eine wichtige Stimme, die für ein weltoffenes, demokratisches Deutschland eintrat, verstummt. Paul Spiegel hat sich um unser Vaterland verdient gemacht. Wir verneigen uns vor ihm in großer Dankbarkeit.

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