Was machen Juden eigentlich an Weihnachten?



Gastbeitrag in der Main Post: Ich nehme es niemandem übel, der mir frohe Weihnachten wünscht. Da zählt die freundliche Geste!

Diese Tage genieße ich gerade in dreifacher Hinsicht. Erstens wird im Judentum in diesem Jahr zwischen dem 12. und 20. Dezember Chanukka gefeiert. Jüdische Feste richten sich stets nach dem jüdischen Kalender, so dass ihre Daten im allgemeingültigen, gregorianischen Kalender von Jahr zu Jahr ein wenig variieren.

An Chanukka zünden wir jeden Tag eine Kerze mehr am Chanukka-Leuchter an. Kinder bekommen jeden Tag ein kleines Geschenk. Sie können sich vorstellen, dass eine Bescherung, die acht Tage lang währt, ihren ganz eigenen Reiz für Kinder hat. Wir nehmen uns an Chanukka aber auch Zeit, mit unseren Kindern oder Enkeln mit Kreiseln zu spielen. Es sind einfach schöne Tage in der Familie. Zweitens genieße ich stets die Adventszeit. Das wird Sie vielleicht überraschen. Schließlich hat Jesus in der jüdischen Religion keine Bedeutung.

Doch die schön geschmückten Schaufenster, die festlich erleuchteten Straßen und glitzernden Weihnachtsmärkte verbreiten eine schöne Stimmung, die ich ebenso genießen kann wie auch Muslime oder Menschen, die gar nicht religiös sind, sie genießen können. Und drittens genieße ich diese Zeit, weil ich mir weder den Kopf zerbrechen muss, wann wo in welchem Kreis die Familie an den Weihnachtstagen zusammenkommt, ob es dieses Jahr wieder Gans oder Fondue gibt, und Berge von Geschenken muss ich auch nicht besorgen. Kurz: Der Stress, den viele Menschen in der Vorweihnachtszeit haben, bleibt uns Juden erspart. Das gilt erst recht für die Weihnachtstage selbst. Es sind für uns die entspanntesten Tage im ganzen Jahr.

Recht häufig passiert es übrigens, dass mir jemand gesegnete Weihnachten wünscht, um dann etwas verlegen hinzuzufügen: Ach, Sie feiern ja gar nicht Weihnachten. Danach werde ich gerne gefragt, was Juden eigentlich an Weihnachten machen. Da gibt es natürlich verschiedene Gewohnheiten. Ich habe in meiner Klinikzeit regelmäßig den Nachtdienst am 24. Dezember übernommen und auch später den kassenärztlichen Notfalldienst, um die Kollegen zu entlasten, die den Weihnachtsabend verständlicherweise gerne zu Hause verbringen wollten.

Sehr gerne denke ich an das Weihnachten meiner Kindheit. Damals wurden meine Eltern und ich immer von evangelischen Nachbarn zur Bescherung eingeladen. Ich hatte meistens schon zu Chanukka Geschenke bekommen, freute mich aber natürlich über eine kleine Aufmerksamkeit für mich von unseren Nachbarn.

Die Gelassenheit, die das Weihnachtsfest für Juden mit sich bringt, wünsche ich von Herzen all jenen, die jetzt mitten in den Vorbereitungen aufs Fest stecken. Und keine Sorge: Ich nehme es niemandem übel, der mir frohe Weihnachten wünscht. Da zählt die freundliche Geste!

Autor: Dr. Josef Schuster ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.