Über Juden sprechen



Bei Israelkritikern spielen antisemitische Vorurteile eine größere Rolle, als sie glauben. Vom Grat zwischen Kritik und Ressentiment

Ich biete Ihnen eine Wette an: Werfen Sie auf einer Party mal den Satz in die Runde: „Was die Spanier mit den Katalanen machen, ist ja unmöglich.“  Ich bin mir ziemlich sicher, dass einige Partygäste betreten schweigen, weil sie gar nicht wissen, was gerade der Stand des Konflikts zwischen Madrid und Barcelona ist.  Andere werden Ihnen entgegnen, dass diese Aussage zu pauschal ist. Man müsse im Konflikt beide Seiten sehen. Einseitige Schuldzuweisungen würden der Sache nicht gerecht. Das Gesprächsthema wird vermutlich auch schnell wechseln, weil sich die wenigsten für spanische Politik interessieren. Da ist  spanischer Rotwein ein viel besseres Partythema.

 

Bei der nächsten Party werfen Sie den Satz ein: „Was die Israelis mit den Palästinensern machen, ist ja unmöglich.“ Ich wette mit Ihnen, Sie werden zustimmendes Kopfnicken ernten, bestätigende Entrüstung. Der Partytalk kommt jetzt richtig in Fahrt. Niemand Ihrer Gesprächspartner wird sich selbstkritisch fragen, wieviel Ahnung er oder sie eigentlich vom israelisch-palästinensischen Konflikt hat. Niemand wird Ihnen vorwerfen, die Aussage sei zu pauschal. Viele werden auf Fernsehberichte verweisen können, die erst jüngst wieder die Unterdrückung der Palästinenser durch Israel bestätigt haben.
Ich bin mir sehr sicher, diese Wette zu gewinnen. Und ich wäre mir auch sicher, wenn ich mit Ihnen wetten wollte, dass dieser Party-Smalltalk ganz schnell antisemitisch würde. Über Antisemitismus möchte ich aber nicht wetten. Ich werde jedoch begründen, warum ich das denke.

Es gibt den ganz alten, früher vor allem von den Kirchen verbreiteten und später von den Nazis bis ins Extrem betriebene Antisemitismus, der nach wie vor so stark in den Köpfen verankert ist, dass die meisten Menschen ohne Zögern Beispiele aufzählen können. Dazu gehört, dass Juden reich seien, mächtig, das internationale Finanzjudentum, Juden als Brunnenvergifter oder Kindermörder.

 

Es gibt den ganz alten, früher vor allem von den Kirchen verbreiteten und später von den Nazis bis ins Extrem betriebene Antisemitismus, der nach wie vor so stark in den Köpfen verankert ist, dass die meisten Menschen ohne Zögern Beispiele aufzählen können. Dazu gehört, dass Juden reich seien, mächtig, das internationale Finanzjudentum, Juden als Brunnenvergifter oder Kindermörder.

Bilder von palästinensischen Kindern, die tatsächlich oder angeblich bei einem israelischen Militärangriff getötet wurden, gehen in rasender Geschwindigkeit um den Globus. Bilder von jubelnden Palästinensern, die einen Selbstmordattentäter als Helden feiern, der zuvor ein Dutzend Israelis umgebracht hat, interessieren nicht. Die jüdischen Kindermörder passen ins Bild, die palästinensischen Anhänger von Terroristen nicht.

Damit will ich nicht rechtfertigen, dass Kinder in diesem Konflikt Opfer werden. Es ist besonders schrecklich, wenn Kinder dabei getötet werden – auf beiden Seiten.
Aufzeigen möchte ich nur: Bei den Israel-Kritikern spielen diese alten antisemitischen Vorurteile eine viel größere Rolle, als es den meisten Menschen bewusst ist.

Daneben gibt es den sogenannten sekundären Antisemitismus. Damit sind Haltungen gemeint wie: Die Juden sind doch selber schuld, dass sie niemand leiden kann. Die Juden versuchen, Vorteile aus dem Holocaust zu ziehen. Die Juden wollen uns ein schlechtes Gewissen machen, um möglichst viel Geld aus uns herauszupressen.

Nach meinem Eindruck schwingt auch diese Form des Antisemitismus häufig in der Israel-Kritik mit. Wenn an Israelis besonders hohe moralische Maßstäbe angelegt werden oder wenn ihr Verhalten mit der Wehrmacht oder SS gleichgesetzt wird, dann ist dies der Versuch mancher Deutscher, endlich selbst von der unangenehmen Täter-Seite wegzukommen. Seht, die Juden sind auch nicht besser als wir – damit werden die Verbrechen der eigenen Vorfahren relativiert, einhergehend mit einer entlastenden Schuldzuweisung an jene, die Nachfahren der Opfer sind. Diese Täter-Opfer-Umkehr ist sehr häufig Teil der Israel-Kritik.

 

Nach meinem Eindruck schwingt auch diese Form des Antisemitismus häufig in der Israel-Kritik mit. Wenn an Israelis besonders hohe moralische Maßstäbe angelegt werden oder wenn ihr Verhalten mit der Wehrmacht oder SS gleichgesetzt wird, dann ist dies der Versuch mancher Deutscher, endlich selbst von der unangenehmen Täter-Seite wegzukommen. Seht, die Juden sind auch nicht besser als wir – damit werden die Verbrechen der eigenen Vorfahren relativiert, einhergehend mit einer entlastenden Schuldzuweisung an jene, die Nachfahren der Opfer sind. Diese Täter-Opfer-Umkehr ist sehr häufig Teil der Israel-Kritik.

Der übliche Einwand, dann sei überhaupt keine Kritik mehr an Israel möglich, ohne Antisemit genannt zu werden, entbehrt jeder Grundlage. Denn – wie ich aufgezeigt habe – lässt sich sehr genau definieren, was Antisemitismus ist. Warum sollte es nicht möglich sein, sachlich begründet die israelische Gesetzgebung oder ein Urteil eines israelischen Gerichts oder Entwicklungen in der israelischen Gesellschaft zu kritisieren? Das geschieht ständig, am häufigsten in Israel selbst.

Einen Aspekt, der mir bisher in der Debatte zu kurz kam, möchte ich zum Schluss ansprechen: die grundsätzliche Einstellung zu Israel.

Wir Juden stehen Israel nicht neutral gegenüber. Ich hoffe aber, dass Deutsche generell Israel nicht neutral gegenüberstehen. Bei aller vielleicht berechtigten Kritik an einzelnen Entscheidungen der israelischen Regierung vermisse ich ausgerechnet in Deutschland eine Grundhaltung der Zuwendung und Solidarität, ja Empathie. Für welches Land sollte sich Deutschland eigentlich verantwortlich fühlen, wenn nicht für Israel. Oft heißt es: Gerade unter Freunden müsse Kritik möglich sein. Das stimmt. Aber unter Freunden sollte es auch üblich sein, dem anderen nicht zuerst etwas Schlechtes zu unterstellen. Wenn wir dahin wieder kommen könnten, wäre schon viel gewonnen.

 

Tagespiegel

Berlin, 21. Januar 2018 / 5. Schwat 5778 

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