Gedenktafel an der Synagoge in Halle



Gedenkworte des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, anlässlich der Enthüllung der Gedenktafel an der Synagoge in Halle zur Erinnerung an die Opfer des Anschlags

heute gehen wir in Gedanken ein Jahr zurück. Ein jeder von uns wird sich erinnern, wo er war, als er erfuhr: Ein Attentäter hat versucht, in der Synagoge von Halle ein Blutbad anzurichten. Wir alle haben die Bilder dieses schrecklichen Tages im Kopf. Sie haben sich unauslöschlich eingebrannt. Es sind auch die Bilder von einer Frau, von Jana Lange, die vor der Synagoge von dem Täter regelrecht hingerichtet wurde. Es sind die Bilder von einer Schießerei am nicht weit entfernten Imbiss, wo Kevin Schwarze starb durch die Kugeln des Täters.Ich erinnere mich an das Wechselbad der Gefühle, als nach und nach die Nachrichten aus Halle zu mir drangen. Zunächst war da – das gebe ich offen zu – ein Gefühl der Hilflosigkeit. Dann folgte tiefes Erschrecken, ein Schock. Dann folgte Wut. Und schließlich Fassungslosigkeit.

Ich war fassungslos über die Skrupellosigkeit des Täters. Über seinen Fanatismus.

Es ist ein Mann, der dem Wahn verfallen ist, bestimmten Menschen das Recht auf Leben abzusprechen. Er teilt die Menschheit in Gruppen, die ein Lebensrecht haben und jenen, denen er dieses Recht nicht zugesteht. Juden und Menschen mit Migrationshintergrund sind in seinen Augen minderwertig. Die Nationalsozialisten haben dazu „lebensunwert“ gesagt.An Jom Kippur vor einem Jahr war sein krudes Weltbild noch nicht in allen Facetten sofort sichtbar. Doch im jetzt laufenden Prozess gegen den Attentäter tritt es in seiner vollen Dimension zutage. Es passt in diesen Fanatismus, dass der Täter keine Reue zeigt, keinerlei Gefühle. Kalt und unbeteiligt folgt er den Schilderungen der Zeugen, die körperlich und seelisch an den Folgen dieses Verbrechen leiden.

Zwei Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren, Jana Lange und Kevin Schwarze, haben für diesen Fanatismus mit ihrem Leben bezahlen müssen.

Mehrere weitere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt, zahllose Menschen traumatisiert.

Doch schon am Tag des Anschlags und in den Tagen danach und erst recht im laufenden Gerichtsverfahren haben wir auch etwas Anderes erfahren, etwas sehr Positives, was unser Menschsein wirklich ausmacht: Es ist der Zusammenhalt, das Füreinander-Dasein, die Solidarität. Es ist die Menschenwürde, die jedem Menschen zukommt.

Im Prozess in Magdeburg erleben wir unter den Zeugen eine menschliche Größe, die mich beeindruckt. Wir erleben Menschen, die Zeugen eines schweren Verbrechens wurden, die um ihr Leben fürchten mussten, die geliebte Menschen verloren haben. Doch sie stehen aufrecht vor dem Täter, mutig und klug. Sie sind bereit, diesem Verbrechen tiefe Mitmenschlichkeit entgegenzusetzen. Sie setzen sich füreinander ein, unabhängig von ihrer Religion oder ihrer familiären Herkunft.

Der Täter wollte die Welt damit beeindrucken, Menschen umzubringen, die nach seiner Vorstellung kein Recht haben zu leben. Doch er hat uns nicht von seinen unmenschlichen Ideen überzeugt. Er hat niemanden beeindruckt. Im Gegenteil.

In Erinnerung an diesen Tag, in Erinnerung an Jana Lange und Kevin Schwarze werden wir uns noch viel stärker als bisher einsetzen für den Respekt vor den verschiedenen Religionen, einsetzen für den Respekt vor unterschiedlicher Herkunft, einsetzen für die Menschenwürde.

Das schulden wir den Opfern des Anschlags!

Wir werden sie nie vergessen!

 

9.10.2020, Halle

Weitere Artikel

Festival of Resilience

Ansprache anlässlich der Ceremony of Resilience von Base Hillel Berlin von Geschäftsführer Daniel Botmann

Thüringen feiert 900 Jahre Jüdisches Leben

Hier finden Sie die Rede von Dr. Josef Schuster beim Festakt zur Eröffnung des jüdischen Themenjahres

Rabbinerordination 2020

Rede von Dr. Josef Schuster zur Ordinations- und Investiturfeier,

Festakt Jüdische Gemeinde in Chemnitz

Festakt zum 135. Jahrestag der Gründung der Jüdischen Gemeinde in Chemnitz und dem 75. Jahrestag ihrer Wiedergründung