Unterbrochene Tradition lebt wieder auf



Grußwort des Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Mark Dainow, zur Konferenz „Militärrabbiner in der Bundeswehr. Zwischen Tradition und Herausforderung“, 

Es gilt das gesprochene Wort

 

Anrede

es ist nun bereits der zweite Tag dieser wichtigen Konferenz. Und daher: Vieles ist schon gesagt worden über Relevanz, Symbolkraft und Tragweite einer jüdischer Militärseelsorge – historisch, wie auch aktuell. Vieles wird auch sicherlich noch gesagt werden in der Erarbeitung der Thematik in den noch folgenden Vorträgen und Gesprächen, die Sie alle führen werden. Daher werde ich mich jetzt kurz halten - auch weil ich nach einem derart intensiven Programmtag ungern zwischen Ihnen, den weiteren Rednern und dem guten Essen stehen möchte.

Es gehört zu unserer Geschichte, zur deutschen und zur jüdischen, dass Juden früher aktiv im Militär dienten und sogar ihr Leben dafür ließen. Wir hörten es bereits, wie viele jüdische Soldaten im 1. Weltkrieg umkamen im Kampf für ihre deutsche Heimat. Das Wissen darüber ist allgemein aber nur sehr gering. Dies ist sehr bedauerlich, veranschaulicht es doch auf sehr prägnante Art das deutsch-jüdische Verhältnis vor dem Zweiten Weltkrieg. Und: Ist man sich erst einmal dieses Verhältnisses bewusst, versteht man den Zivilisationsbruch der Shoa nochmals viel intensiver. Denn das Ausmaß des brutalen Einschnitts, der so unsagbaren Kehrtwende im deutsch-jüdischen Miteinander wird umso deutlicher. Sicher, auch im Vorfeld, in der langen Geschichte des jüdischen Soldatentums gab es bereits Diskriminierung und Ausgrenzung, sowie Vorurteile und Judenhass – auch das gilt es zu wissen.

Aber nun wagen wir einen Sprung ins Hier und Jetzt: Heutzutage gibt es wieder jüdische Bundeswehrsoldaten. Auch darüber fehlt oft das Wissen.  Aber auch hier gilt: Wüsste man um diese doch bemerkenswerte Tatsache, wird die Entwicklung des jüdischen Lebens in Deutschland und das Ausmaß des Wandels in den Jahrzehnten nach der Schoah umso eindringlicher. Eine beeindruckende Entwicklung, die sich wohl niemand nach 1945 hätte vorstellen können.

Für mich selbst eine Entwicklung, die mich sehr bewegt und mir zugleich Hoffnung gibt. Hoffnung auf eine Verstetigung eines selbstbewussten Judentums, das sich als integraler Bestandteil der Gesellschaft in allen Bereichen engagiert. So eben auch in der Bundewehr.

Und dennoch: Die Notwendigkeit einer jüdischen Militärseelsorge mag für einige auf den ersten Blick nicht dringlich erscheinen. Doch müsste eine solche Seelsorge nicht gewährleistet sein, um  der aktuellen Beschaffenheit der Bundeswehr adäquat Rechnung zu tragen? Denn unsere Bundeswehr ist eben schon lange nicht mehr nur etwa weiß, christlich und männlich. Nein, unsere Deutsche Bundeswehr ist ein Spiegel unserer heutigen Gesellschaft mit all‘ ihren Facetten. So beheimatet sie mittlerweile auch eine religiöse Vielfalt. Durch die jüdische Militärseelsorge würde diese nicht nur gewürdigt, sondern auch als Bereicherung verstanden werden. Und darüber hinaus, würden Rabbiner in der Bundeswehr einen erheblichen Beitrag zur ethischen und lebenskundlichen Bildung aller Soldatinnen und Soldaten leisten können.

Jüdische Präsenz in der Bundeswehr bezeugt auch ein neues Selbstverständnis der hiesigen jüdischen Gemeinschaft. „Bundeswehrsoldat“ und zugleich „Jüdisch“ - Sein, stellt keinen Widerspruch mehr dar. Dies ist Ausdruck des wiedergewonnen Vertrauens im deutsch-jüdischen Verhältnis. Es ist Ausdruck dessen, dass jüdisches Leben hier beheimatet ist. Darüber sollte man glücklich sein.

Ob Christ, Jude, Moslem oder konfessionslos, Mann oder Frau, jeder sollte sich in der Bundeswehr willkommen fühlen und dort ihren oder seinen Platz finden können. Akzeptanz religiöser und weltanschaulicher Vielfalt ist dabei ein wichtiger Teil der Moral und Ethik, die die Bundeswehr leiten sollte.

Ich freue mich daher sehr, dass durch die gestrige Ankündigung der Verteidigungsministerin, eine jüdische Militärseelsorge zu etablieren, unser Anliegen Gehör gefunden hat und ein Staatsvertrag zwischen dem Zentralrat und der Bundesregierung zur Einführung von Rabbinern in der Bundeswehr in naher Zukunft geschlossen wird.

Ich hoffe und wünsche mir auch, dass durch diese Konferenz das Thema mehr Aufmerksamkeit erhalten und die Kenntnis darüber wachsen möge, so dass es irgendwann zur Normalität gehört.

Ich wünsche Ihnen noch eine spannende Restkonferenz und anregende Gespräche,

Vielen Dank.