Sinn & Religion



Jom Kippur gehört zu den jüdischen Feiertagen, die in der nicht-jüdischen Welt am bekanntesten sind. Und das hat einen traurigen Grund: den Jom-Kippur-Krieg.

 Allerdings ist es so, dass viele Menschen nicht wissen, was Jom Kippur ist, sondern den Begriff nur mit diesem Krieg assoziieren, bei dem 1973 Israel
von Ägypten und Syrien an eben diesem Feiertag überraschend angegriffen wurde. Die Gegner Israels hatten gehofft, den jüdischen Staat am höchsten Feiertag
am leichtesten vernichten zu können. Der verlustreiche Krieg dauerte zwar nur knapp drei Wochen bis zum Waffenstillstand, hinterließ aber ein Trauma in Israel.
Für alle Juden weltweit ist Jom Kippur,der Versöhnungstag, ein bedeutender Feiertag. In diesem Jahr fällt er auf den kommenden Mittwoch (19. September).
Selbst Juden, die sich als säkular bezeichnen und unterm Jahr nicht die Synagoge besuchen, finden sich an Jom Kippur doch dort ein. Auch in Deutschland
nehmen sich die meisten Juden an diesem Tag frei, um den Feiertag angemessen begehen zu können. Und jüdische Kinder können an Jom Kippur von
der Schule abgemeldet werden. Der Feiertag wird also von fast allen Juden begangen, obwohl es wahrlich kein einfacher Tag ist. Im Gegenteil,
Jom Kippur verlangt uns einiges ab. Da ist zum einen das Fast-Gebot. Vom Vorabend des Feiertags bis zum darauffolgenden
Abend darf nichts gegessen und getrunken werden. Ausnahmen gelten -wie in vielen Religionen an Fasttagen -für Kinder, Schwangere, Kranke und alte
Menschen.Was manchen Menschen ebenso schwer fällt wie das Fasten ist der Verzicht
auf extensive Körperpflege, ebenfalls ein Gebot an Jom Kippur. Auch das Liebesspiel, sprich: Sex, soll an Jom Kippur nicht stattfinden.
All diese Feiertagsgebräuche leiten sich aus Ritualen im Tempel ab, also aus Zeiten vor rund 3000 Jahren. Heute
muten sie vielleicht merkwürdig an - sie bilden aber den Rahmen für das, was Jom Kippur ausmacht: Buße und Hinwendung zu Gott.
Die äußeren Gegebenheiten des Feiertags sind schon nicht leicht, die inneren Herausforderungen sind in Wahrheit viel größer. Die Gottesdienste an
Jom Kippur ziehen sich über den ganzen Tag. Im Mittelpunkt stehen dabei das Bekenntnis der Sünden sowie die Bereitschaftzur Umkehr. Jom Kippur bildet
den Abschluss der zehn Bußtage ab Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahrsfest. Stand dort die Aussöhnung mit den Mitmenschen im Zentrum, so
geht es an Jom Kippur um das direkte Verhältnis zu Gott. An diesem Tag kann der Mensch die göttliche Verzeihung erlangen.
Das Schöne an Jom Kippur ist: Buße und Fasten dürfen belohnt werden. Der Feiertag wird traditionell mit einem festlichen Essen abgeschlossen. Und das
schmeckt nach seelischer Entlastung und 24 Stunden Fasten immer doppelt so gut!

Main-Post, Würzburg vom 14.09.2018, S.34

 

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