Rosch Haschana 5781



In unseren Gemeinden ist seit Wochen alles vorbereitet worden: Wie organisieren wir die G’ttesdienste an Rosch Haschana und Jom Kippur unter Corona-Bedingungen? Was können wir online anbieten? Wie können wir auch die Mitglieder einbeziehen, die weder digital vernetzt sind noch gesundheitlich das Risiko eingehen können, sich in einer Menschenansammlung vielleicht anzustecken?

Weltweit hatten Juden an Pessach gehofft, es möge das einzige wichtige Fest bleiben, dass durch die Pandemie so beeinträchtigt sein würde. Und der ein oder andere hatte sich vielleicht schon im April Gedanken gemacht, dass es wohl auch im Herbst zu den Feiertagen schwierig werden könnte.

Nun heißt es, sich mit der Situation zu arrangieren. Die Corona-Medaille hat wie fast alles im Leben zwei Seiten: eine dunkle und eine helle. Gerade in Deutschland neigen wir häufig dazu, vor allem ausgiebig über die dunkle Seite zu jammern. Oder uns darüber zu beschweren.

Doch gerade an Rosch Haschana sollten wir auf die helle Seite blicken. Wir können uns zum Beispiel bewusstmachen, wie viel wir inzwischen gelernt haben. Wir haben eine neue Sensibilität für Hygiene entwickelt. Wir haben verstanden, dass wir auch dann im Laden an die Reihe kommen, wenn wir nicht drängeln, sondern mit Abstand in der Schlange warten. Wir sind zu kleinen Experten für Mund-Nasen-Schutz geworden. Wir denken jetzt über Aerosole nach, ein Begriff, den viele vor der Corona-Pandemie nicht kannten.

Dieser Lerneffekt führt auch dazu, nicht alle Annehmlichkeiten des Lebens selbstverständlich zu nehmen, sondern sie wieder wertzuschätzen: das Zusammensein mit Familie und Freunden, die Urlaubsreise, unsere Gesundheit, der Besuch eines Restaurants oder eines kleinen Konzerts. Und natürlich auch der Besuch unseres Gemeindezentrums oder eines G’ttesdienstes. Diese Annehmlichkeiten bewusst zu genießen, weil sie eben nicht mehr selbstverständlich sind, kann trotz aller Beschränkungen zu einer höheren Lebensqualität führen.

Zum Jahreswechsel sollten wir uns auch selbstkritisch fragen, ob wir jenen Menschen weiter Wertschätzung entgegenbringen, die in der Corona-Krise besonders gefordert bzw. besonderen Gefahren ausgesetzt sind. Bin ich zur Kassiererin im Supermarkt höflich und freundlich oder beachte ich sie gar nicht? Habe ich Respekt vor dem Polizisten, der vielleicht am Vortag beim Einsatz bei der Corona-Demo ein großes gesundheitliches Risiko eingehen musste? Nehme ich die Bauarbeiter wahr, die mit geringem Schutz auf der Baustelle schuften? Habe ich Verständnis für meine Friseurin, die nach neun Stunden mit Maske keinen Termin um 19 Uhr mehr anbietet?

Auf die helle Seite der Medaille zu blicken, bedeutet auch, sich bewusst zu machen, wie privilegiert wir in Deutschland sind. In anderen Weltgegenden wütet die Pandemie in Slums, trifft sie auf Gesundheitssysteme, die die Infizierten nicht adäquat versorgen können, kommen wegen geschlossener Grenzen Hilfslieferungen nicht mehr an. Durch Corona stellt sich in neuer Dringlichkeit die Frage, wo wir helfen können, wo wir spenden sollten.

Wenn wir über das zu Ende gehende Jahr 5780 nachdenken, kommt uns jedoch nicht nur Corona in den Sinn. Gerade an Jom Kippur wandern unsere Gedanken nach Halle.

Wohl jeder von uns weiß noch, wo er gerade war, als er vom Anschlag erfuhr. Viele von uns kennen Menschen, die zu dem Zeitpunkt in Halle in der Synagoge waren. Der Schrecken vom 9. Oktober 2019 ist noch sehr präsent.

Bezogen auf diesen Vorfall die helle Seite der Medaille wahrzunehmen, ist sehr viel schwerer als bei der Corona-Krise. Und doch ist sie vorhanden. Ich erinnere mich nicht, je so viel solidarische Schreiben erhalten zu haben wie nach dem Anschlag. Die Gemeinde in Halle berichtet ähnliches. Auch der Zusammenhalt ist in der Gemeinde offenbar noch gewachsen. Als eine Art Zusammenrücken habe auch ich insgesamt die Stimmung in unserer Gemeinschaft nach Halle empfunden.

Es war und ist auch ein starkes Selbstbewusstsein zu spüren. Das Selbstbewusstsein, dass wir uns von einem Attentäter nicht vertreiben lassen. Dass wir uns nicht einschüchtern lassen. Ganz bewusst hat sich der Zentralrat der Juden entschieden, das Leitmotiv seines Gemeindetags im vergangenen Dezember, „In Deutschland zuhause“, nicht zu ändern.

So war das Jahr 5780 ein Jahr der Verunsicherung, um es zurückhaltend zu formulieren, und zugleich ein Jahr des Zusammenhalts.

Ich wünsche uns, dass dieser Zusammenhalt bleibt, auch wenn die Corona-Auflagen nicht mehr notwendig sind. Vor allem aber hoffe ich für das neue Jahr, dass unser Zusammenhalt weiter wächst, weil wir viele positive gemeinsame Erlebnisse in den Gemeinden haben, jedoch nicht, weil unser jüdisches Leben bedroht ist.

Was wir tun können, um die Pandemie einzudämmen und uns gegenseitig zu stärken, kurz: um die Welt ein Stück besser zu machen – das wollen wir tun!

Ich wünsche allen Jüdinnen und Juden in Deutschland und weltweit ein gesundes, gutes und süßes neues Jahr!

Schana Towa umetuka!

 

 

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