Rabbinerordination 2020



Rede von Dr. Josef Schuster zur Ordinations- und Investiturfeier,

Foto: Barniske

Heute ist ein guter Tag für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland. Ich freue mich sehr darüber, zusammen mit Ihnen hier in der Synagoge Rykestraße die Ordination von fünf Rabbinerinnen und Rabbinern und die Investitur eines Kantors zu feiern.

 

In diesen Tagen hat der Zentralrat der Juden noch einen weiteren Grund zum Feiern: Vor 70 Jahren wurde der politische Dachverband der jüdischen Gemeinden in Deutschland gegründet. Und das setze ich als bekannt voraus: Unabhängig davon, welcher religiösen Richtung ein Jude angehört, ob er orthodox oder liberal ist oder auch säkular – der Zentralrat der Juden vertritt seine Interessen.

Wohl niemand hätte sich vor 70 Jahren vorstellen können, dass es zwischen Konstanz und Kiel wieder über 100 jüdische Gemeinden gibt – zu denen heute erfreulicherweise auch Gemeinden der Union Progressiver Juden zählen. Und niemand hätte 1950 gedacht, dass unter dem Dach des Zentralrats der Juden einmal Kantorinnen und Kantoren, Rabbinerinnen und Rabbiner für alle Strömungen des Judentums ausgebildet werden.

Aber für uns als gut etablierte, aber zahlenmäßig doch überschaubare Religionsgemeinschaft gibt es keine Alternative zum Prinzip der „Einheit in der Vielfalt“. Nur so kann jüdisches Leben gedeihen und auch für die Zukunft gesichert werden.

Dennoch komme ich heute nicht umhin, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Vor fast zwei Jahren, am 9. November 2018, hat der Zentralrat der Juden in dieser Synagoge einen Gedenkakt zum 80. Jahrestag der so genannten Reichspogromnacht veranstaltet. Gemeinsam mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel haben wir an die Zerstörung jüdischen Lebens in der NS-Zeit erinnert und der Opfer der Schoa gedacht.

Ich habe aus diesem Anlass eine wachsende Respektlosigkeit gegenüber religiösen Minderheiten angesprochen, die sich in unserem Land ausbreitet. Sehr geehrte Damen und Herren, der Zentralrat der Juden in Deutschland wusste ganz genau, warum wir keine Rechtspopulisten zu diesem Gedenkakt in die Synagoge Rykestraße eingeladen hatten. Weil Vertreter dieser Partei unsere Art des Gedenkens nicht achten, weil sie das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ bezeichnen, weil sie den Boden bereiten für Verschwörungsmythen, die sich letzten Endes immer auch gegen uns Juden richten.

Genau elf Monate nach unserer Gedenkveranstaltung am 9. November 2018 in der Synagoge Rykestraße hat uns eine schreckliche Tat schockiert: Der antisemitische Anschlag am 9. Oktober 2019 auf die Synagoge der Jüdischen Gemeinde in Halle - ausgerechnet an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag. Nur durch die stabile Holztür am Eingang des Gotteshauses sind die Beterinnen und Beter vor dem Schlimmsten bewahrt worden. Der Täter steht in diesen Tagen vor Gericht, sein rechtsextremistisches und antisemitisches Weltbild hat er bei den Verhandlungen klar zum Ausdruck gebracht.

Ich möchte in diesem Zusammenhang in aller Deutlichkeit sagen: Niemand wird uns auch in Zukunft davon abhalten, unsere Religion so zu praktizieren, wie wir es für richtig befinden. Und erst recht wird uns niemand daran hindern, unsere Tradition an die nächste Generation weiterzugeben.

Sehr geehrte Damen und Herren,

die heutige Ordination ist bereits die zehnte des Abraham Geiger Kollegs. Vor 14 Jahren wurden in Dresden zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg wieder liberale Rabbiner in Deutschland ordiniert. Drei Jahre später konnten wir 2009 in München die erste Ordination orthodoxer Rabbiner nach der Schoa feiern.

Die Zeiten, als wir Rabbiner aus dem Ausland „importieren“ mussten, weil Deutschland nach dem Krieg für Juden nicht attraktiv war, sind längst vorbei. Jüdische Gemeinden in Deutschland können heute Rabbiner und Kantoren „made in Germany“ einstellen – ob liberal oder orthodox. Das Abraham Geiger Kolleg leistet dazu seinen Beitrag, und dafür möchte ich mich bei allen Beteiligten und beim Land Brandenburg, lieber Herr Ministerpräsident, sehr herzlich bedanken!

Sehr geehrte Herren Aasvestad, Feldhake, Hed und Maxa, sehr geehrte Frau Andriani, sehr geehrte Frau Kantor!

Für Sie als neue Rabbinerinnen und Rabbiner, als neue Kantorinnen und Kantoren ist heute ein besonderer Tag, und ich gratuliere Ihnen sehr herzlich zum erfolgreichen Abschluss Ihrer Ausbildung.

Sie kommen aus Israel, Norwegen, Ungarn, Tschechien, den USA und Deutschland. Sie alle haben am Abraham Geiger Kolleg eine gute und gründliche Ausbildung genossen, die Sie auf Ihre zukünftige Arbeit in jüdischen Gemeinden vorbereitet hat.

Ob Gottesdienst, Barmizwa, Batmizwa oder Hochzeit, Seelsorge oder Beerdigung – Sie sind in bei Ihrer Arbeit zuständig für alle Bereiche des jüdischen Lebens. Sie sind Vorbild für die Jüngeren und Stütze für die Älteren. Das ist ein wichtiger Auftrag und eine große Verantwortung – gerade jetzt in den Zeiten der Corona-Pandemie. In der kommenden Woche werden Sie in Ihren Gemeinden das jüdische Neujahrsfest feiern – und hoffentlich auch Zeit haben für Einkehr, Reflexion und Zuwendung für diejenigen Mitglieder, die es gerade jetzt besonders nötig brauchen. Ich wünsche Ihnen Mazal Tov, viel Glück und Erfolg für Ihre Arbeit – und uns allen Schana Tova, ein gutes neues Jahr 5781!

 

10.9 2020

Berlin

Synagoge Rykestraße

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