Grußwort des Zentralrats-Präsidenten Dieter Graumann zu Rosch Haschana 5774



Foto: wikimedia/Gilabrand

Liebe Freunde, verehrte Gemeindemitglieder,

so schnell ist dieses Jahr herumgegangen, schon stehen wir wieder an der Schwelle zu einem neuen Jahr: Für 5774 wünsche ich Ihnen, Ihren Familien und Freunden Glück, Gesundheit und Gottes Segen!

Im vergangenen Jahr steckte uns allen an Rosch Haschana noch die schreckliche und zum Teil ausgesprochen hässliche Beschneidungsdebatte in den Knochen. Glücklicherweise ging sie zu Ende mit einem Gesetzentwurf, der für uns akzeptabel ist, ja, mit dem wir ganz gut leben können. Ein Gefühl der Verunsicherung ist jedoch bei vielen Juden in Deutschland geblieben. Daher war es umso wertvoller, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel unsere Ratsversammlung im November mit ihrem Besuch beehrte. Sie stellte sich eindeutig an unsere Seite und ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Brit Mila in Deutschland erlaubt bleiben müsse. Diese Solidarität hat uns gut getan.

Immer wieder gibt ergeben sich für uns Anlässe, uns entschlossen zu engagieren. So haben wir uns weiterhin für ein faires Bild Israels in Deutschland stark gemacht. Ob es galt, der nicht selten auch unverantwortlichen und vor allem einseitigen Israel-Kritik des Journalisten Jakob Augstein entgegenzutreten oder sich gegen Aufrufe zum Boykott vom Kauf oder zur Kennzeichnung von israelischen Waren zu wehren – der Zentralrat der Juden hat sich immer mit Engagement und Leidenschaft für den jüdischen Staat eingesetzt. Dies wird sich auch im neuen Jahr gewiss nicht ändern.

Denn wir machen das nicht nur aus Überzeugung, sondern weil es uns ein Herzensanliegen ist. Israel ist unser sicherer Hafen, unser Rückhalt! Das vergessen wir nie! Wir zeigen, dass wir jederzeit an Israels Seite stehen, entschlossen und geschlossen – trotz und gerade wegen der immer wiederkehrenden Diffamierungsversuche und der vielen tagtäglichen Bedrohungen, denen Israel ausgesetzt ist.

Im zurückliegenden Jahr hat Israel seinen 65. Geburtstag gefeiert. Vor 65 Jahren wurde der Traum der jüdischen Selbstbestimmung in einem eigenen Land wahr, die Realisierung der jahrtausendalten religiösen Verheißung und die Erfüllung der innigen Sehnsüchte so vieler jüdischer Generationen vor uns. Und was in Deutschland so oft übersehen wird, möchte ich an dieser Stelle noch einmal betonen: Mit Israel verbinden uns die Grundsätze von Freiheit und Demokratie. Das lässt sich ganz gewiss über kein anderes Land im Nahen Osten sagen!

Doch auch in Europa heißt es, wachsam zu bleiben. Vor allem die politische Entwicklung in Ungarn ist besorgniserregend. Mit seiner Tagung in Budapest hat der World Jewish Congress im Mai das Augenmerk der Öffentlichkeit erfolgreich auf den zunehmenden Antisemitismus in Ungarn gelenkt. Die dortige Regierung muss die europäische Wertegemeinschaft achten, wenn sie sich nicht vollends isolieren will – wir werden hier besonders achtsam sein! Und dass gerade die Schechita in Polen verboten wurde, zum Teil mit mehr als hässlichen Untertönen, wird uns auch ganz gewiss nicht ruhen lassen.

Glücklicherweise gab es im vergangenen Jahr aber auch viele Ereignisse, die uns froh und zuversichtlich stimmen. Für den Zentralrat der Juden in Deutschland geht ein sehr erfülltes und erfolgreiches Jahr zu Ende.

Im Januar haben wir zwei sehr bemerkenswerte Vereine mit dem Paul-Spiegel-Preis ausgezeichnet: die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, die vor allem gegen Judenfeindschaft innerhalb der Migrationsgesellschaft vorgeht, und die Bürger von „Wir für Lübtheen“, die sich in Mecklenburg-Vorpommern mit Mut und Engagement der rechtsextremen NPD entgegenstemmen.

Wenige Wochen später haben wir die neue Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden eröffnet und damit einen lang gehegten Wunsch erfüllt, jüdisches Wissen in Deutschland auf ganz neuer Ebene zu vermitteln. Die ersten Seminare sind bereits gelaufen und sehr gut angenommen worden. Auf diesem Weg zu einer Jüdischen Akademie wollen wir weitergehen!

Lebensfreude pur war im März bei der Jewrovision in München zu spüren. 800 Teilnehmer und 1.200 Gäste versammelten sich in der Kleinen Olympiahalle zum größten jüdischen Tanz- und Gesangswettbewerb Europas. Was unsere Jugend dort auf die Beine gestellt hat, war tief beeindruckend und hat uns alle total begeistert.

Und zum Ausklang dieses Jahres 5773 blicken wir voller Vorfreude auf den großen und neuen Jüdischen Gemeindetag im November und auf die Verleihung des Leo-Baeck-Preises an den Ratsvorsitzenden der EKD, Herrn Nikolaus Schneider.

Das Jahr 2013 wurde in Berlin zum Gedenkjahr der „Zerstörten Vielfalt“ erklärt: 1933 begann mit der NS-Machtübernahme das Zerstörungswerk der Nazis. Heute, 80 Jahre später, werden in Deutschland wieder Rabbiner ordiniert und neue Synagogen eröffnet, bundesweit werden jüdische Kulturwochen veranstaltet und interreligiöse Begegnungsplattformen geschaffen. Das neue jüdische Leben in Deutschland ist ein Wunder, das uns allen Anfeindungen und allen Schwierigkeiten zum Trotz hoffnungsvoll und froh und zuversichtlich stimmt. Möge uns diese Zuversicht durch das neue Jahr begleiten und bestärken.

In diesem Sinne wünsche ich nochmals ein gutes und süßes neues Jahr! Le-Schana towa tikatewu we-tichatemu!

Herzlichst Ihr

Dr. Dieter Graumann
Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland

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