"Gemeinde ist fester Bestandteil der Münchner Gesellschaft"



Grußwort von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster beim Festakt anlässlich des 200-jährigen Bestehens der IKG München und Oberbayern, 15.7.2015, München

Anrede,

im Jahr 1937 gab es für die Israelitische Kultusgemeinde München eigentlich auch ein Jubiläum zu feiern: Seit 50 Jahren bestand die Hauptsynagoge an der Herzog-Max-Straße. Die Gemeinde formulierte jedoch mit gutem Grund damals in der Festschrift: „Die 50. Wiederkehr dieses Tages festlich zu begehen, ist heute nicht die Zeit.“

Wie furchtbar Recht sie behielten. Nur ein Jahr später wurde die Hauptsynagoge auf Befehl Adolf Hitlers zerstört. In seiner „Hauptstadt der Bewegung“ setzte er schon vor der ein Jahr später folgenden Pogromnacht ein deutliches Zeichen: Juden sind unerwünscht! Ende 1938 waren sämtliche Einrichtungen der Israelitischen Kultusgemeinde aus dem Münchner Adressbuch getilgt.

Ich bin sehr froh und dankbar, dass heute, im Jahr 2015, die Zeit ist, um Jubiläen der Israelitischen Kultusgemeinde zu begehen. Es gab bereits ein fröhliches Fest rund um das Gemeindezentrum auf dem Jakobs-Platz, das wieder einmal gezeigt hat: Die IKG ist fester und wichtiger Bestandteil der Münchner Gesellschaft. Sie ist von der Bevölkerung angenommen und bereichert das Leben der bayerischen Hauptstadt!

Die Mitglieder der IKG München und Oberbayern, und allen voran ihre Vorsitzende Charlotte Knobloch können daher mit Fug und Recht nicht nur dankbar, sondern auch stolz auf die Geschichte ihrer Gemeinde zurückblicken!

Für die Emanzipation der Juden in München hatte es eine ganz besondere Bedeutung, als 1815 die Gemeinde gegründet wurde. Erst zwei Jahre zuvor hatte das so genannte Judenedikt dafür die Grundlage geschaffen. Es brachte natürlich für alle jüdischen Gemeinden in Bayern eine entscheidende Wende. Darin hieß es: „Den jüdischen Glaubensgenossen im Königreiche wird vollkommene Gewissensfreiheit gesichert. (…) Wo die Juden in einem gewissen, mit der Territorialeintheilung des Reiches übereinstimmenden Bezirke in einer Zahl von wenigstens 50 Familien vorhanden sind, ist ihnen gestattet, eine eigene kirchliche Gemeinde zu bilden, und an einem Orte, wo eine Polizeibehörde besteht, eine Synagoge, einen Rabbiner und eine eigene Begräbnisstätte zu haben.“

In den nächsten gut 100 Jahren entwickelte sich in München ein reiches jüdisches Leben. Es wurde von den Nationalsozialisten jäh abgebrochen. Rund 4.500 Münchner Bürger jüdischen Glaubens wurden in der Shoa umgebracht.

Umso bewundernswerter sind der Mut und die Entschlossenheit der zurückgekehrten Juden, direkt nach diesem größten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte, in der Stadt, in der die Karriere des größten Menschheitsverbrechers begonnen hatte, wieder eine neue jüdische Gemeinde zu begründen. Dabei sind vor allem die Namen zu nennen von Julius Spanier und Fritz Neuland sel. A., dem Vater von Ihnen, liebe Frau Dr. Knobloch.

Auch in anderen deutschen Städten gab es nach dem Krieg jüdische Menschen, die Gemeinden wiederbegründeten. In Bayern entstanden insgesamt 13 jüdische Gemeinden. Ich habe bis heute hohen Respekt vor dieser Leistung!

Und wenn wir heute zusammenkommen, um diese Jubiläen zu begehen, dann tun wir dies auch, um an diese Menschen zu erinnern. Wir erinnern uns zugleich an all jene, die vor den Nazis fliehen und ihre Heimat und ihre Heimatgemeinde verlassen mussten sowie an all jene, die die Shoa nicht überlebten.

Diese Jubiläen sind für uns aber auch ein Ansporn. Ansporn, um das fortzusetzen, was die Gründer einst vor Augen hatten: der jüdischen Gemeinschaft eine Heimat zu bieten, ihnen ein Leben nach der jüdischen Tradition zu ermöglichen und ein modernes Judentum nach den Anforderungen der heutigen Zeit weiterzuentwickeln.

Dafür brauchen wir die Unterstützung der Politik und der ganzen Gesellschaft. Denn es darf nie wieder passieren, dass die Einrichtungen einer jüdischen Gemeinde aus dem Telefonbuch getilgt werden – oder mit Blick auf die heutige Zeit – wegen einer akuten Bedrohung aus Sicherheitsgründen dort nicht auftauchen dürfen.

Wir alle tragen gemeinsam dafür Verantwortung, dass sich jüdisches Leben in Deutschland frei und ungefährdet entfalten kann!

Zum Schluss möchte ich Ihnen, lieber Herr Ministerpräsident Seehofer, herzlich zur Verleihung der Ohel-Jakob-Medaille gratulieren. Sie ist Ausdruck Ihres Engagements für das jüdische Leben in München und in ganz Bayern.

Vor allem aber spreche ich der IKG München und Oberbayern und ihrer Vorsitzenden Charlotte Knobloch meine Glückwünsche aus! Frau Knobloch, Sie stehen seit 30 Jahren mit unermüdlichem Einsatz und bewundernswerter Energie an der Spitze der Gemeinde. Und dass es heute wieder im Herzen von München ein großes jüdisches Gemeindezentrum und eine Synagoge gibt, das haben wir ganz wesentlich Ihnen zu verdanken. Deshalb: Nicht nur zu den Jubiläen, sondern auch Ihnen ganz persönlich: Mazal tov!

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