Gedenkfeier Gleis 17



Grußwort von Dr. Josef Schuster bei der Digitalen Gedenkstunde des Freundeskreises Yad Vashem an Gleis 17

Foto: IMAGO / Jürgen Ritter

Sachor - gedenke! Das ist Ausdruck jüdischen Selbstverständnisses, das aus biblischen Zeiten bis in unsere Gegenwart reicht. Sachor ist aber auch eine Aufforderung, die nicht nur für Juden gilt. 

Sich zu erinnern, derer zu gedenken, die nicht mehr sind, ist nach dem nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen eine Aufgabe für die gesamte Menschheit geworden.

Indem wir uns erinnern, entreißen wir nicht nur die Entrechteten, Gejagten, Deportierten und schließlich Ermordeten dem Vergessen. Nein, wir geben ihnen auch ein Gesicht, ihre Würde und ihre Geschichte zurück. 

Ohne Erinnerung gibt es keine Zukunft. 

Aber Erinnern heißt nicht, in der Vergangenheit zu verharren oder sich ihrem Schrecken auszuliefern. 

Erinnern bedeutet moralische und religiöse Orientierung. Erinnern heißt in der Gegenwart, ausgerichtet auf eine menschenwürdige Zukunft für alle, zu handeln. 

Diese Brücke vom Gestern zum Heute schlagen wir heute gemeinsam im Rahmen der Gedenkstunde für die mehr als 50.000 Juden aus Berlin, die zwischen Oktober 1941 und Februar 1945 vorwiegend vom Güterbahnhof Grunewald mit der Deutschen Reichsbahn in die Vernichtungslager deportiert und ermordet wurden.

Wir erinnern an die Toten und gedenken ihrer und ihrer Angehörigen. 

Gleichzeitig setzen fünf deutsche Konzerne einen Tag vor dem Internationalen Holocaust-Gedenktag ein Zeichen für Freiheit, Demokratie und Vielfalt. Sie tun dies, indem sie hier und heute eine gemeinsame Erklärung gegen Antisemitismus veröffentlichen, die auf der Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance basiert. 

Antisemitismus, meine Damen und Herren, kann man nur bekämpfen, wenn man ihn definiert, benennt und erkennt. Immer wieder müssen wir in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erschreckende Defizite feststellen, wenn es darum geht Antisemitismus zu erkennen und zu benennen. Deshalb sind die IHRA-Definition ebenso wie das vor wenigen Tagen von der Europäischen Kommission und der IHRA veröffentlichte Handbuch zur praktischen Anwendung der Antisemitismusdefinition so wichtig. 

Wir wünschen uns, dass die IHRA-Definition konsequente Verwendung auf allen staatlichen und zivilgesellschaftlichen Ebenen findet. Denn nur, wenn Polizei, Justiz, Öffentlicher Dienst, wenn Lehrerinnen und Lehrer, wenn Zivilgesellschaft in Deutschland, Europa und der Welt Antisemitismus erkennen, können sie ihn auch wirksam bekämpfen. 

Diesen Kampf aufzunehmen, ist heute dringlicher denn je. 

In Zeiten, in denen antisemitische Verschwörungsideologen gemeinsam mit Neonazis dazu aufrufen, unsere Demokratien weltweit ins Wanken zu bringen, in Zeiten, in denen sich Hass und Hetze durch die Sozialen Medien in bisher nie dagewesener Weise und Geschwindigkeit verbreiten, sind Demokratie und der Rechtsstaat gefordert, wie lange nicht mehr. 

Jüngst hat die Welt mit Entsetzen wahrnehmen müssen, was ein aufgehetzter Mob, darunter Verschwörungsideologen und Neonazis, auszulösen vermag, als Menschen in Washington ins Kapitol eindrangen und dort eine Spur der Verwüstung hinterließen. 

Demokratie stärken, Antisemitismus und Rassismus aktiv bekämpfen, diese Maxime gilt es im Bereich der Prävention, der Bildung wie auch der Repression umzusetzen. Es gilt im Alltag, in der Schule, im Beruf. 

Antisemitismus ist keine Meinung. Er ist ein Verbrechen. 

Er führte dazu, dass am Ende unschuldige Menschen millionenfach ermordet wurden. Daran erinnern wir heute am Gleis 17. 

Wir erinnern heute an die ausgelöschten Leben, die zerstörten Träume von Menschen. Wir erinnern an Männer, Frauen und Kinder, deren Leben auf grausame Weise zerstört und vernichtet wurde. Wir erinnern an die verlorenen Generationen, denen wir es schuldig sind, entschieden zu handeln, wenn Antisemiten wieder ihre Stimme erheben.

Ich danke daher den Vertretern von Borussia Dortmund, Daimler, der Deutschen Bahn, der Deutschen Bank und Volkswagen sowie den Vertretern des Freundeskreises von Yad Vashem für ihr wichtiges Engagement, für ihre Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen und das Zeichen, das sie heute mit ihrer Erklärung setzen.

 

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