Festakt Jüdische Gemeinde in Chemnitz



Festakt zum 135. Jahrestag der Gründung der Jüdischen Gemeinde in Chemnitz und dem 75. Jahrestag ihrer Wiedergründung

Grußwort anlässlich des Besuchs von Dr. Schuster in Chemnitz, 7. September 2020

Im November wäre Siegmund Rotstein 95 Jahre alt geworden. Vor vier Wochen haben wir ihn leider zu Grabe tragen müssen. Siegmund Rotstein war ein gebürtiger Chemnitzer. Er war Ehrenbürger dieser Stadt. Seine Lebensgeschichte ist auch ein großes Stück weit die des Judentums in Chemnitz der vergangenen 100 Jahre. Mit seiner engagierten Arbeit hat er als einer ihrer Wiederbegründer nach dem Krieg die jüdische Gemeinde in seiner Heimatstadt, in Sachsen und in ganz Ostdeutschland über Jahrzehnte hinweg nachhaltig geprägt. Ja, man kann wahrscheinlich mit Fug und Recht sagen: Wir wären heute am Tag der Wiedergründung vor 75 Jahren nicht hier, um das Jubiläum der jüdischen Gemeinde zu feiern, hätte es ihn nicht gegeben.

Siegmund Rotstein wurde am 30. November 1925 in Chemnitz geboren, am 6. August starb er hier. Über welche deutsche Jüdin und über welchen deutschen Juden, die vor der Schoa zur Welt kamen, kann man das schon sagen? Es sind nur ganz wenige.

Viele, die in Deutschland zur Welt kamen und die Nazi-Zeit überlebten, kamen nach dem Krieg nicht mehr zurück. Und wer konnte es ihnen verdenken? 1948 forderte der Jüdische Weltkongress, dass kein Jude sich jemals wieder „auf der blutgetränkten Erde Deutschlands ansiedeln“ solle. Dafür gab es damals gute Gründe, sechs Millionen Gründe, um genau zu sein.

Und doch sind dann viele zurückgekehrt. Ich selbst bin 1954 in Israel geboren, aber meine Familie ging kurz darauf nach Würzburg zurück, in die alte Heimat. Ich habe die Entscheidung meiner Eltern nicht bereut.

Auch Siegmund Rotstein kam nach Chemnitz zurück. Er hatte das KZ Theresienstadt überlebt. Er war einer der wenigen Chemnitzer Juden, die überhaupt zurückkehren konnten, denn die meisten anderen waren entweder ins Ausland geflohen und blieben dort, oder sie waren tot. Gerade mal 56 Mitglieder hatte die wiedergegründete jüdische Gemeinde hier nach dem Krieg noch. Vor der Machübernahme Hitlers waren es mehr als 3.000.

Später übernahm Siegmund Rotstein die Leitung der kleinen Gemeinde. Vier Jahrzehnte lang, von 1966 bis 2006, war er ihr Vorsitzender, und auch einige Jahre lang Vorsitzender des Verbandes der jüdischen Gemeinden in der DDR. Das war sicher keine leichte Aufgabe. Denn die Wahrheit ist auch: Zur Renaissance jüdischen Lebens kam es hier erst, als die Berliner Mauer und das kommunistische Regime weg waren. Genauer gesagt: Weil sie weg waren.

Nach der Wende war es Siegmund Rotstein, der hier in Chemnitz die Integration jüdischer Zuwanderer aus Osteuropa organisierte und für den Bau einer neuen Synagoge eintrat, welche dann bereits 2002 eröffnet wurde. Lassen Sie mich an dieser Stelle noch etwas sehr deutlich sagen: Ohne die Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion säßen wir heute vielleicht gar nicht hier. Dann gäbe es hier vielleicht keinen Minjan und keine jungen Leute mehr.

Dass wir hier in Chemnitz eine so aktive jüdische Gemeinde haben, liegt allerdings auch an ihrer Vorsitzenden: Ihnen, liebe Frau Röcher, möchte ich heute nicht nur von Herzen zum Gemeindejubiläum gratulieren, sondern Ihnen auch ausdrücklich danken!

Auch dank der Zuwanderung von Juden nach Deutschland sind wir wieder zu einer selbstbewussten jüdischen Gemeinschaft geworden, die ihren angestammten Platz in Deutschland eingenommen hat. Ich sage ausdrücklich „angestammter Platz“, denn das Judentum gehört seit 1.700 Jahren zu Deutschland. Nächstes Jahr feiern wir genau dieses Jubiläum ausgiebig. Und für diese Erfolgsstory, für dieses Wiederaufblühen jüdischen Lebens, möchte ich heute allen, die dazu beigetragen haben, herzlich danke sagen!

Oft wird jüdische Leben in Deutschland ja nur über den Zentralrat wahrgenommen und nicht immer über die Aktivitäten der Gemeinden vor Ort. Das liegt natürlich auch daran, dass es trotz Zuwanderung, trotz neuer Synagogen und Gemeindezentren, die in den vergangenen 20, 30 Jahren entstanden sind, immer noch vergleichsweise wenige Juden gibt in Deutschland. Im Zentralrat sind rund 95.000 jüdische Menschen deutschlandweit zusammengeschlossen – bei 83 Millionen Einwohnern ist das ziemlich wenig.

Aber so, wie die Chemnitzer und andere Gemeinden überall im Land – und ich sage ausdrücklich: auch und gerade in Ostdeutschland – gewachsen sind, so, wie junge Jüdinnen und Juden in die Gemeinden zurückgefunden haben, so kann ich mir durchaus auch vorstellen, dass das jüdische Leben in Deutschland in den nächsten Jahren noch weiter aufblüht. Juden haben dieses Land schon immer mitgeprägt, wir waren und sind ein Teil davon, und wir lassen uns aus unserer Heimat nicht verjagen.

Sie fragen sich jetzt vielleicht: Woher nehme ich diesen Optimismus? Wie kann er bloß so daherreden, wo wir doch just einen Anstieg des Antisemitismus in Deutschland erleben, wo in Halle ein brutaler Anschlag auf die dortige Synagoge verübt wurde, wo hier in Chemnitz regelmäßig ein koscheres Restaurant angegriffen wird.

Wo wieder Dinge über und gegen Juden gesagt werden, die so unsäglich sind, dass man sie vor zehn oder 20 Jahren niemals öffentlich ungestraft hätte sagen dürfen.Wo der Flügel einer Partei, die auch hier in Sachsen stark im Landtag vertreten ist, vom Verfassungsschutz attestiert bekommt, antisemitische Verschwörungstheorien zu verbreiten.In einem Deutschland, in dem 2019 mehr als 2.000 antisemitische Straftaten registriert wurden und die Zahl der Gewalttaten gegen Juden sich fast verdoppelt hat im Vergleich zum Vorjahr.  Ja, ich verstehe schon, wenn Sie so denken, meine Damen und Herren. Glauben Sie mir, ich teile diese Sorgen. Ich bin nicht blind vor den Fakten und ich will nichts schönreden. Ich sehe die dunklen Wolken, die sich da am Horizont auftun. Ich spreche das auch gegenüber der Politik und anderen an und versuche gemeinsam mit vielen anderen einen bescheidenen Beitrag zu leisten, dass der Antisemitismus hier sich nicht wieder ausbreiten kann.Aber ich bin auch Optimist. Ich sehe das Glas lieber als halb voll an und nicht als halb leer. Ich finde, wir dürfen uns nicht nur auf die negativen Aspekte konzentrieren, so bedrückend die auch sind. Wie Sie hier – zumindest die Älteren unter uns – habe ich miterlebt, wie schnell, ja wie urplötzlich sich Dinge auch zum Besseren wandeln können, wenn man nur gemeinsam und mit Nachdruck darauf drängt. Wer hätte Anfang 1989 gedacht, dass zwei Monate später die Mauer und das ganze SED-Regime fallen würde? Wer hätte gedacht, dass gerade mal anderthalb Jahre später Deutschland wiedervereinigt sein würde? Und wer hätte gedacht, dass in den Folgejahren Hunderttausende von Juden aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland einwandern würden und hier selbstbestimmt ihren jüdischen Glauben leben könnten?

Ab und an sollten wir etwas träumen, uns ein paar Visionen gönnen. Ja, der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hat mal gesagt, wer Visionen hat, möge doch bitte zum Arzt gehen. Nun bin ich zwar kein Neurologe, aber doch gelernter Arzt, und würde antworten: Wenn man etwas Großes erreichen will, muss man es erst mal im Kopf zulassen und es dann anpacken - auch wenn die Hürden unüberwindlich erscheinen.

Die Jahre 1989, 1990 und Folgende sollten für uns immer wieder Ansporn sein, es noch besser zu machen. Bleiben wir optimistisch!

Auch in Zeiten der Corona-Krise braucht es gerade diesen Optimismus. Ja, diese Krise verlangt uns allen viel ab: Einschränkungen bei Gottesdiensten und wichtigen Feiern, Maskentragen und vor allem der Verzicht auf Besuche bei gefährdeten Menschen.

Aber wir können diese Seuche bezwingen, wenn wir die Spielregeln einhalten. In diesem Jahr feiern wir ja den 30. Jahrestag der Wiedervereinigung, der Wiedererlangung von Demokratie und Freiheit hier in Sachsen und den anderen neuen Ländern. Und ausgerechnet jetzt müssen wir Grundfreiheiten einschränken, wie es im Westen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in den meisten Staaten nicht mehr der Fall war. Auch Israel, wohin so viele Juden aus der Diaspora ja gerne hinfahren, fällt derzeit als Reiseziel aus.

Die Freiheitsbeschränkungen aufgrund der Covid-19-Pandemie fallen genau in das Jahr, in dem wir allerorten der Befreiung vor 75 Jahren gedenken wollten - der Befreiung vom Joch des Nationalsozialismus, der Befreiung der Konzentrationslager. Es ist dies ein besonders bitterer Randaspekt der Corona-Krise: Denn auch die Gedenkfeiern mussten alle abgesagt werden. Gerade die hochbetagten Überlebenden will natürlich niemand gesundheitlich gefährden. Für viele dieser Menschen wäre es vermutlich zum letzten Mal die Möglichkeit gewesen, zu einem runden Jahrestag mit größerer öffentlicher Aufmerksamkeit der Befreiung zu gedenken.

Für unsere Demokratie und für uns alle als Demokraten ist dies eine Bewährungsprobe. Vielen Bürgerinnen und Bürger hier in Ostdeutschland müssen die Beschränkungen von Freiheitsrechten ganz besonders weh tun. Und doch sollten wir uns alle hüten, diese als eine Art „Staatsstreich von oben“ anzusehen und wilde Verschwörungstheorien in Umlauf zu setzen. Erstens gibt es von der Sorte schon genug, und zweitens wird etwas Falsches nicht dadurch richtig, dass man es hunderttausendfach wiederholt. Gerade die deutsche Geschichte sollte uns da eine Lehre sein.

Die Regierenden in Deutschland, die demokratisch gewählte Bundesregierung und die ebenfalls demokratisch gewählten Landesregierungen bemühen sich nämlich, auch in Coronazeiten so viel Freiheit wie möglich zu erhalten. Über allem steht aber, und das ist auch ein jüdisches Prinzip, die Pflicht von uns allen, Leben zu retten. Es gibt keine Freiheit, andere anzustecken und damit in Lebensgefahr zu bringen! Genauso wenig, wie es in Deutschland eine Freiheit gibt, den Holocaust zu leugnen oder Hass und Hetze gegen Juden im Internet oder auf der Straße zu verbreiten. Antisemitismus ist keine Meinung, Antisemitismus ist ein Verbrechen!

Ich bin froh, dass in letzter Zeit die Betreiber der sozialen Netzwerke aufgewacht zu sein scheinen, was den Hass im Internet angeht. Dort braucht es aber immer noch mehr Engagement gegen den Antisemitismus, und auch ein klares, unerbittliches Auftreten von Polizei und Staatsanwaltschaften bei der Anwendung bestehender Gesetze. Denn es reicht nicht nur, Gesetze zu beschließen, man muss sie auch anwenden und das nötige Personal bei Polizei und Justiz einstellen.

Meine Damen und Herren,

viele Juden in Deutschland haben wieder ein ungutes Gefühl, ja sogar Angst. Berechtigte Angst, wie wir in Halle gesehen haben. Sie lesen die gehässigen Kommentare auf Facebook, Twitter und anderswo.

Viele trauen sich nicht mit einer Kippa auf die Straße, oder einem Davidstern an der Halskette. Viele verstecken ihr Judentum – zum eigenen Schutz.

Sie werden misstrauisch, igeln sich ein. Auch das ist Realität im Deutschland des Jahres 2020.

Die Politik, aber auch alle Bürgerinnen und Bürger, sollten diese Sorgen ernst nehmen. Es ist auch nicht Aufgabe von uns Juden allein, Vorurteile gegenüber uns zu entkräften, wo kämen wir da hin. Das ist vor allem Aufgabe der Politik, der Zivilgesellschaft, der Medien.

135 Jahre Chemnitzer jüdische Gemeinde und der heutige 75. Jahrestag der Wiederbegründung sind wahrlich Grund zum Feiern. Ich würde Ihnen heute gerne ‚Bis 120‘ zurufen – aber diesen im Judentum besonders wichtigen Meilenstein haben Sie ja schon überschritten. Jedenfalls freue ich mich, dass ich heute hier sein kann. Im Vergleich zu Jüdischen Gemeinde Chemnitz ist der Zentralrat mit 70 ja noch ein Youngster...

Ich wünsche Ihnen, der Chemnitzer Gemeinde und der jüdischen Gemeinschaft in Sachsen und in Deutschland, dass sie weiterhin zusammenhält und dass sie auch ein integraler Teil der Gesellschaft dieses Landes bleibt.

Chemnitz, 7. September 2020

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